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Hold me, so I'm not gonna fall into pieces

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
27.03.2021
14.04.2021
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05.04.2021 1.380
 
Draußen vor der Tür schlägt den beiden kalte Luft entgegen und Serenity zieht ihre Jacke etwas enger an sich. Ohne eine Miene zu verziehen, streift sich Hyunwoo seine ab und legt sie der Blonden über die Schultern. Sie versteift sich kurz und möchte die Jacke wieder zurückgeben. „Das geht nicht. Ich kann dich nicht ohne Jacke rumlaufen lassen. Es ist viel zu kalt.“ Um Serenity daran zu hindern, sich die Jacke abzustreifen und um ihren Redefluss zu unterbrechen, stellt er sich vor sie und greift nach ihren Händen. Beide durchfährt ein warmes Gefühl. Für beide ist es so, als würde ein Kribbeln durch ihre Körper gehen.
Nach einem kurzen Moment findet Hyunwoo seine Worte wieder. „Hör auf dich immer hinten anzustellen. Erst recht, wenn dich schon jemand nach vorne schubst. Ich hab einen Pullover an und ich friere generell nicht schnell. Also bitte lass die Jacke an.“
Serenity sieht bei den Worten aus wie ein Reh, das vor ein Auto gelaufen ist. Ihre Augen geweitet und Schreck ist darin zu lesen. 'Bin ich so einfach zu deuten? Woher weiß er, dass ich immer erst alle anderen sehe und mich erst zuletzt oder gar nicht?'
Der Blonden ist der Schock anzusehen, denn er setzt zu einer Erklärung an. „Es ist nicht die erste Situation, in der ich das an dir beobachte. Und wenn du dich selber nicht vorn anstellst, dann nimm es wenigstens an, wenn jemand anderes sich um dich sorgt.“ In seinem Blick ist zu lesen, dass er keine Widerrede duldet. Dass er es vollkommen ernst meint. Einen Moment hält Serenity den Blick noch stand, bevor sie zur Seite schaut. „Danke. Durch den Schlafmangel fange ich schneller an zu frieren und der Tag liegt mir wohl auch schwerer in den Knochen als erhofft.“ „Kein Problem. Lass uns weitergehen, umso schneller kommst du ins Warme.“ Er dreht sich wieder zur Seite und wartet darauf, dass Serenity den Weg leitet.
Für einige Minuten herrscht Ruhe. Beide hängen ihren Gedanken hinterher, bevor Serenity die Stille mit Worten füllt. „Weißt du... ich liebe es, spazieren zu gehen. Weg von allem, einfach dorthin, wo die Beine dich hintragen. Raus an die Luft und am liebsten in der Natur. Am schönsten ist es, wenn man dann noch das Glück hat, Tieren zu begegnen. Mein Tag erhellt sich immer, wenn ich eines beim Spazieren treffe. Ob ein Reh, ein Hase oder auch ein Vogel, der verdächtig nahe um einen fliegt. Ich finde, es hat etwas Magisches.“
Bei ihrer Erzählung hat die Blonde ein Lächeln auf dem Gesicht, welches wirklich zeigt, wie schön diese Erinnerungen für sie sind. „Du liebst Tiere, nicht wahr? Die Art und Weise, wie du von ihnen erzählst... man merkt, wie glücklich sie dich machen.“, stellt Hyunwoo fest und kann sich ein Grinsen seinerseits nicht verkneifen.
„Du hast recht. Für mich sind Tiere so etwas wie meine Freunde. Meine Eltern haben einen Hof mit Rindern. Schon von klein auf haben sie mich fasziniert. Mir wurde gesagt, dass ich schon immer eine gute Verbindung zu Tieren hatte. Doch erst in den letzten paar Jahren habe ich realisiert, wie stark diese Verbindung ist und das nicht jeder sie hat. Es gab sogar eine Zeit, in der ich alles hinterfragt habe. Es gab Menschen, die mich beleidigt haben, weil ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Sie haben die fiesesten Sachen gesagt. Für mich ist es bis heute unverständlich, dass Menschen anderen so etwas antun. Dass sie sie beleidigen und ihnen damit Sachen in den Kopf setzen, die sie an sich selber zweifeln lassen. Ich habe es überwunden, Beleidigung anderer an mich rankommen zu lassen. Ich stehe zu aller erst hinter meiner Meinung und mir selbst, doch andere haben den inneren Kampf nicht gewonnen.“
Hyunwoo ist die ganze Zeit still neben Serenity hergelaufen. Vieles von dem, was sie gesagt hat, ist nicht neu. Menschen nehmen die schlimmsten Dinge in den Mund, um sich vor anderen größer zu machen. Um sich nicht mit den eigenen Schatten auseinandersetzen zu müssen. Etwas an den Worten von der Blonden bringt ihn ins Nachdenken.
„Ich finde es erstaunlich, dass du so offen damit umgehst. Viele haben nicht den Mut, darüber zu sprechen. Oder viel schlimmer, sie lassen diese schlimme Dinge an sich rankommen und gehen daran kaputt. Ich... Ich denke, das war auch einer der Punkte, der für Lyra am schwersten zu tragen war...“ Hyunwoo verstummt. Der Schmerz von früher kriecht in ihm hoch. Die Erinnerungen holen ihn ein und mit einem mal fühlt es sich so an, als würden sie ihn erdrücken.
„Hyunwoo... Es tut mir leid. Auch wenn ich sie nicht kannte...“, Serenity macht eine kurze Pause und dieses Mal ist sie es, die sich vor den anderen stellt. Sie zögert kurz, doch dann nimmt sie seine Hände in ihre und schaut ihm in die Augen. „Lass mich dir eine Sache sagen: Du trägst keine Schuld. Was immer sie durchmachen musste. Ich denke, du hast dein Bestes getan und das wird sie wissen. Bitte gebe dir keine Schuld. Halte lieber den Menschen in Ehren, der sie war. Lass die Gedanken des „Was wäre wenn“ nicht die geliebten Erinnerungen überschatten.“ Die beiden schauen sich einige Zeit nur in die Augen, während sie sich weiterhin an den Händen halten. Langsam löst Serenity ihre linke Hand und legt sie an Hyunwoos Wange. Seicht streicht sie eine einsame Träne fort.
„Danke.“ Es entkommt nur mit einem Hauchen, aber die Blonde weiß sofort, wofür. Beide haben Dinge, die ihnen auflasten und die schwer sind auszusprechen. Doch aus unbekannten Gründen haben sie untereinander ein Gespür füreinander, welches sich nicht beschreiben noch begreifen lässt. Es ist einfach da. Und wie Hyunwoo sagte: Es scheint, als hätte es einen Grund gegeben, dass sie sich kennenlernen sollten.
Plötzlich geht ein Zittern durch Serenity und ob es durch die Kälte oder wegen der Nähe ist, kann sie gar nicht sagen. Doch der Braunhaarige hat es wahrgenommen und durchbricht ihren vertrauten Moment. „Komm, lass uns weiter. Du frierst und bist erschöpft. Es wird Zeit, dass du dich ausruhen kannst.“ Serenity nickt. Sie dreht sich, sodass sie wieder an der Seite von Hyunwoo steht. Beide gehen weiter, genießen die Nähe zueinander und die Ruhe der Nacht. Hyunwoo ist so sehr in seinen Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt, dass seine linke Hand immer noch mit Serenitys rechter Hand verflochten ist. Und auch die Blonde ist so sehr mit ihren Gefühlen beschäftigt, dass sie es erst wahrnimmt, als sie vor ihrer Haustür stehen und sie nach ihrem Schlüssel greifen möchte.
Beide peinlich berührt, lassen sofort voneinander los.
„Es tut mir leid. Ich wollte nicht...“, beginnt der Braunhaarige, doch wird er von Serenity unterbrochen. „Du hast doch überhaupt nichts gemacht. Ich habe deine Hände genommen.“ Ihr lockerer Ton wird zu einem ernsten. „Danke dir, Hyunwoo. Ich... Einfach danke!“
Wieder sehen die beiden sich in die Augen. „Du brauchst dich nicht bedanken. Ich... Es... Es war ein sehr schöner Abend. Ich fände es schön, wenn wir das wiederholen könnten.“ Ein ehrliches und warmes Lächeln macht sich auf den Lippen von Serenity breit. „Sehr gerne. Ich würde mich sehr freuen. Ich... Mein Handy ist oben. Ich kann es schnell holen.“ „Nein, mach dir keine Umstände. In meiner Jacke habe ich Visitenkarten. Da steht meine Handynummer drauf.“
Serenity übergibt die Jacke an ihren Besitzer, sofort überkommt sie die Kälte. Es ist nicht nur die Kälte des Windes, sondern mit dem Abstreifen der Jacke fühlt es sich so an, als sei eine Art Sicherheit von ihr gegangen. Durch die Jacke fühlte sie sich geschützt. Sie spürte die Wärme Hyunwoos und es fühlte sich so an, als würde er sie vor allem beschützen. Für sie da sein.
Der Braunhaarige hält ihr eine Karte vor die Nase. 'Son Hyunwoo' steht drauf. Darunter zwei Nummern und ganz oben steht der Name der Bar. „Melde dich. Ich meine es ernst: Ich würde den heutigen Abend gerne wiederholen. Und jetzt hopp, rein mit dir. Nicht das du dir noch eine Erkältung holst!“ Serenity dreht sich zur Tür und schließt diese auf. Doch bevor sie ganz eintritt, dreht sie sich ein Mal um. „Gute Nacht. Danke fürs nach Hause bringen.“ „Sehr gerne. Dir auch eine gute Nacht.“ Der Braunhaarige bleibt noch stehen, bis die Tür wirklich hinter Serenity geschlossen ist und macht dann auf den Weg zurück zur Bar.
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