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Hold me, so I'm not gonna fall into pieces

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
27.03.2021
14.04.2021
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Als der braunhaarige Hyunwoo die Bar betritt, kann er gleich auf den ersten Blick erkennen, dass nicht viel los ist. So wie es für einen Dienstagabend nun mal auch üblich ist. Seine Beine tragen ihn hinter die Theke. Nachdem er den Barchef Hoseok begrüßt, wirft er einen kurzen Blick in die Papiere. Wie zu erwarten stimmt alles und seine Augen schweifen erneut durch die Menge, nur dieses Mal etwas genauer. Es ist schwer zu erklären, aber der Braunhaarige verschafft sich gerne einen Überblick über seine Kundschaft. Und wenn es sein muss, schreitet er auch ein, sollte jemand sich etwas zu viel gönnen. Schon häufig wurde ihm vorgeworfen, er wäre ein schlechter Geschäftsmann und vielleicht haben sie auf der einen Seite auch recht. Kundschaft vom Trinken abzuhalten, mag in vielerlei Hinsicht schlecht fürs Geschäft sein und doch haben dadurch viele das Vertrauen zu ihm. Viele der Stammkunden oder auch neue Leute kommen in diese Bar, weil sie wissen, dass hier auf sie aufgepasst wird.
Drei der Tische sind mit Stammkunden belegt. An einem weiteren sitzt eine Gruppe junger Männer, die wohl das erste Mal hier sind. Hinter ihnen ist noch ein Tisch, der fast komplett von der Gruppe verdeckt wird. Wäre der Blick des Geschäftsmannes nicht wie magisch dorthin angezogen worden, hätte er die junge Frau dort wohl nicht gesehen. Ihre dunkelblonden Haare sind in einem Dutt verschwunden, doch an allen Seiten haben sich ein paar Strähnen daraus befreit. Stehen hier und da wirr ab. Die Schultern sind eingesunken und die Stirn zu einem Runzeln zusammengezogen. Ihre Erscheinung wirkt niedergeschlagen und ihr Blick starrt ins Leere. Nur wenn jemand an dem Tisch der Dunkelblonden vorbeigeht, huschen ihre Augen unruhig hin und her und sie scheint nervös zu werden.
„Hoseok. Die junge Frau dort drüben, was weißt du über sie?“, fragt Hyunwoo den Schwarzhaarigen, ohne die Augen von ihr zu wenden. „Oh. Nicht viel. Sie ist vor ungefähr einer Stunde hier aufgetaucht. Als sie vor mir stand, hat sie mich kaum angeguckt. Ständig ging ihr Blick hin und her. Hat sich an den Fingern gepullt oder an den Armen gekratzt. Viel gesagt hat sie auch nicht. Hat sich ein Radler bestellt und ist dann damit an den Tisch. Seitdem sitzt sie dort.“
Hoseok schaut zu seinem Freund und Chef. Es dauert nicht lange, bis ihm klar wird, was diesem durch den Kopf geht. „Hyunwoo... Ich kann sehen, dass deine Gedanken gerade Achterbahn fahren. Bitte tue nichts Unüberlegtes. Ich weiß, du möchtest immer allen helfen. Aber du kannst sie damit nicht zurückholen, okay? Du kannst es nicht rückgängig machen. Es macht dich nur kaputt, wenn du dir die Probleme aller auflastest.“ Zum Ende seiner Ansprache legt Hoseok, dem Braunhaarigen eine Hand auf die Schulter. Möchte mit dieser Geste zeigen, dass er für ihn da ist. Dass er ihn damit nur vor Schlimmeren bewahren möchte. Hyunwoo reißt sich mit seinem Blick los und schaut zu seinem besten Freund. Ein trauriger Ausdruck ist in seinen Augen zu erkennen und für einen Moment tut es dem Schwarzhaarigen leid, dieses Thema angeschnitten zu haben.
„Danke, Hoseok. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Du machst dir Sorgen, aber das brauchst du nicht. Ich weiß, dass ich sie nicht wiederkommt. Aber vielleicht kann ich damit wieder gutmachen, was mir damals nicht gelungen ist. Wenn es hilft, was habe ich dann zu verlieren?“ Ein Lächeln liegt auf den Lippen Hyunwoos, doch es ist voller Trauer. Es zeigt die Narben, die die Vergangenheit auf ihm hinterlassen hat. Und doch zeugt seine ganze Ausstrahlung an Willensstärke.
Der Braunhaarige macht sich auf den Weg vor die Theke und zum Tisch der jungen Frau. Als er nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt ist, kann er ihre Kleidung und ihre Erscheinung besser ausmachen. Sie trägt eine blaue Jeans und schwarze Chucks. Ebenso ein schwarzes Shirt, auf dem das Logo einer Band zu erkennen ist. Durch die entstandene Nähe kann Hyunwoo nun einige der Merkmale erkennen, die auch schon Hoseok angesprochen hat. Ihre Arme sind mit Kratzwunden geziert. Ihre Fingernägel sind komplett runtergeschnitten und ihre Nagelbetten sehen an einigen Stellen ziemlich tief eingerissen aus. Ein Fuß wippt unruhig auf und ab.
Mit einem Mal richtet sie sich auf und ihr Blick fällt auf den braunhaarigen Mann vor ihr. Ein kurzen Moment scheint sie verwirrt, doch dann macht sich die Nervosität wieder in ihr breit. Nur dass jetzt ihr ganzes Bein in Bewegung ist.
„Hey, ich... es tut mir leid, wenn ich unverschämt wirke, aber dürfte ich dir für einen Moment Gesellschaft leisten?“ Jetzt, wo er vor ihr steht, fühlt es sich an, als würde die Nervosität mit auf ihn übertragen werden. Der Blick der Blonden macht es nicht besser. Fast schon eiskalt schaut sie ihm in die Augen, dabei hält sie sogar kurzzeitig mit der Bewegung inne. „Warum?“ Es ist eine ganz einfache Frage und doch ist die Antwort so schwer. „Ich...“, kommt es stammelnd von Hyunwoo. Er atmet einmal tief durch und setzt erneut zu einer Antwort an. „Ganz ehrlich: Ich kann es nicht wirklich erklären. Es macht auf mich den Eindruck, dass du jemanden zum Reden brauchen könntest. Ich weiß, es klingt komisch und das soll wirklich keine dumme Anmache sein, aber ich bin gut im Zuhören. Manchmal habe ich sogar den ein oder anderen guten Tipp parat.“ Dem Braunhaarigen entkommt ein Lachen. Die Hoffnung, die Stimmung etwas aufzulockern, scheint aufzugehen. Die junge Frau entspannt die Schultern und ihre Ausstrahlung wird wieder weicher.
„Ich glaube dir. Frag mich nicht warum. Aber ich glaube dir.“ Das Gefühl von Erleichterung durchfährt Hyunwoos Körper. Er tritt noch näher an den Tisch und setzt sich mit einem Stuhl Abstand zur Blonden.
Für einen Moment passiert nichts. Sie lässt ihren Blick genauer über ihn gleiten. Macht sich ein Bild von ihrem Gegenüber. Ihr Bein beginnt wieder zu wippen und auch ihre Hand kratzt einige Male an ihrem Arm auf und ab.
Unsicher setzt sie zum Sprechen an, es wirkt, als würde sie sich nicht sicher sein, ob sie die Antwort wirklich hören möchte. „Auch mit der Befürchtung, dass du mir meine Frage nicht beantworten wirst, aber... Warum bist du hier? Warum richtest du deine Aufmerksamkeit auf mich?“ Ihr Gesicht zieht sich zu einem traurigen Lächeln. Es wirkt gebrochen und schwer. „Warum ignorierst du mich nicht wie alle anderen? Oder ziehst mit deinen Freunden über mich her? Über den Junkie, denn alle in mir sehen... Fuck... Warum bin ich eigentlich hierher gekommen?“ Die junge Frau kramt nach ihrer Tasche, macht sich bereit, aus der Bar zu stürmen.
„Warte.“ Panik macht sich in Hyunwoo breit. Er legt eine Hand auf ihren Arm, möchte sie vom Gehen abhalten. „Ich kann dir nicht sagen, warum du hierher gekommen bist. Aber ich denke, es hatte einen Grund. Du bist kein Junkie. Ich... Ja, ich kenne dich nicht, aber... Glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich mir vorstellen kann, was du durchmachst.“ Ihre Stirn verzieht sich zu einem Runzeln und Hyunwoo setzt zu einer Erklärung an. „Deine Augen. Sie sagen mehr aus als alles andere an dir. Ich habe diesen Ausdruck schon mal gesehen... Mein Angebot steht: Ich bin gut im Zuhören. Oh... Und ähm... Ich bin Hyunwoo.“ Er nimmt seine Hand von ihrem Arm und hält sie ihr entgegen. Nach kurzem Zögern legt sie ihre Hand in seine. „Serenity.“
 
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