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Let me be your shelter again

von Marina92
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Takeru "T.K." Takaishi und Patamon
26.03.2021
10.06.2021
11
30.741
4
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34 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
30.04.2021 3.280
 
So, zum Start ins Wochenende bin auch ich mit dem neuen Kapitel fertig geworden! Ich bin schon so gespannt, was ihr zum Kapitel sagen werdet, weil ich zum einen Takeru und Aiko aufeinandertreffen lasse (und ich muss zugeben, dass ich noch nie zuvor so oft Passagen umgeschrieben und jede einzelne Formulierung immer und immer wieder durchdacht habe...) und auf der anderen Seite zum Ende des Kapitels hin etwas passieren wird, dass in den nächsten Kapiteln etwas Bewegung in die ganze Fanfiktion bringen wird!
Nun wünsche ich aber zunächst wieder: Viel Spaß mit diesem Kapitel!

*********

„Das meinst du jetzt nicht wirklich ernst, oder Mama? Und ich würde dir jetzt empfehlen, mir entweder die volle Wahrheit zu sagen oder mir eine gute Ausrede aufzutischen. Aber diese Ausrede muss wirklich gut sein“, wiederholte Aiko, während ihre Augen in einer hektischen Manier zwischen ihrer Mutter und Takeru hin- und hersprangen. Die ganze Situation, in der sie sich in diesem Augenblick wiederfand, schien ihr beinahe wie eine Szene, die sich irgendein Autor einer drittklassigen Komödie ausgedacht hatte. Die Zuschauer, die als unbeteiligte vor dem Bildschirm sitzen würden, hätten sich dabei wahrscheinlich kaum der grotesken Ironie widersetzen können, die allerdings in Aiko ein mehr als unbehagliches Gefühl auslöste.

Das konnte doch alles einfach nicht wahr sein. War sie nicht gerade eben erst noch aus dem wöchentlichen Training in ihrem Sportverein nachhause gekommen, kurz bevor sie sich in Windeseile frisch gemacht hatte, um noch ein paar Stunden des Abends bei ihrer besten Freundin Michiko zu verbringen…
Hatte sie sich nicht gerade erst auf den Weg zu Michiko gemacht, bevor sie ihrer Mutter auf beinahe schon altmodische Art und Weise einen kleinen Zettel auf den Tisch gelegt hatte, auf denen in ihrer für sie typischen geschwungenen Handschrift die Worte ‚Bin bei Michiko‘ zu lesen waren…
Und hatte sie ihr Weg dabei nicht direkt durch den riesigen Stadtpark geführt, in dem sie zufällig eine männliche und eine weibliche Stimme sich miteinander unterhalten gehört hatte, wobei die weibliche Stimme eben der ihrer eigenen Mutter auf das erste Hören unglaublich ähnlich klang…

Ja, sie musste es zugeben: Die Neugier hatte sie in dieser Sekunde zu etwas getrieben, was sie unter normalen Umständen wahrscheinlich niemals getan hätte und was auch eigentlich gar nicht zu ihrem Charakter passte. Niemals hätte sie irgendjemanden belauscht, sondern hätte sich wahrscheinlich eher auf irgendeine Art und Weise bemerkbar gemacht. Aber sie hatte sich eingebildet, die Worte ‚Aiko‘, ‚nun schon so viele Jahre her‘ und ‚riesiger Fehler‘ gehört zu haben, als sie sich mit ihrem Rücken gegen einen dicken, alten Baumstamm gelehnt hatte, der trotz seines Umfanges gerade einmal breit genug war, um sie vor eventuellen neugierigen Blicken abzuschirmen. Aber als sie schließlich den Mut gefunden hatte, sich ein kleines bisschen nach links zu strecken und aus den Augenwinkeln heraus über den Rand des Baumstammes zu schielen, konnte sie den braunen Haarschopf ihrer Mutter nur allzu deutlich erkennen, die gerade mit dem Rücken zu ihr auf einem der breiten Wege des Stadtparks stand. Sie waren in ein offenbar sehr emotionales Zwiegespräch vertieft, dass beide selbst in ihrem simplen Vorhaben, ihren Weg durch den Stadtpark fortzusetzen, aufgehalten hatte. Neben ihrer Mutter stand ein Mann ähnlichen Alters, der Aiko schon auf dem Treffen der Digiritter bereits in Izzys Büro aufgefallen war - Takeru…

„Aiko, lass mich es dir bitte erklären - ich wollte nicht, dass du…“, hörte Kari die leise geflüsterten Worte ihrer Mutter, die gerade noch durch das in ihren Ohren unangenehme Pfeifen des Windes bis an ihr Ohr drangen. Eigentlich wehte nur ein lauer Wind eines milden Sommerabends, aber die eigentlich feinen Luftströme fühlten sich gerade für ihr Empfinden wie stürmische Windböen an.
„Warte mal kurz“, entgegnete sie ihrer Mutter in einem bewusst schroff gewählten Tonfall und wich beinahe schon reflexartig ein kleines Stückchen zurück, als ihre Mutter einen Schritt auf sie zuging und Anstalten dazu machte, ihre Hand auf Aikos Schulter zu legen. Sie sah in Karis Augen, dass sie ihre Mutter mit dieser Geste gerade unglaublich weh getan hatte. Auch das mutlos wirkende Herabsinkenlassen ihres Armes sowie die plötzlich herabfallenden Schultern war Aikos aufmerksamen Augen nicht entgangen. Aber sie konnte gerade ihren Stolz einfach nicht herunterschlucken - nicht jetzt und nicht nach den Neuigkeiten, die gerade erst ganz langsam in ihrem Kopf anzukommen schienen.

„Du hast mir jahrelang verschwiegen, wer mein Vater ist. Ich habe dich auch irgendwann einmal nicht mehr danach gefragt, weil ich jedes Mal gesehen habe, wie sehr dir dieses Thema zu schaffen macht. Und was dann? Dann bekomme ich so ganz zufällig mit, wie du genau das offenbarst, was du mir, deiner eigenen Tochter, in all den langen Jahren verschwiegen hast.“ Aikos Stimme wurde von Wort zu Wort, wenn nicht sogar von Silbe zu Silbe lauter, als sie ihre Mutter mit all dem konfrontierte, was sie schon lange und immer wieder in ihrer Vergangenheit vehement unterdrückt hatte - und das in erster Linie ihrer Mutter zuliebe. Doch nun… Sie konnte die Emotionen kaum noch zügeln, die sich gerade in dieser Sekunde wie ein wild wütender Sturm in ihr aufbauten, der förmlich nur darauf zu warten schien, endlich ausbrechen zu dürfen.

Kari hingegen befiel in diesem Augenblick ein fürchterliches Gefühl der Hilflosigkeit, das sie in dieser Intensität noch nie in ihrem Leben zuvor gespürt hatte. Nicht, als Takeru und sie sich damals darauf geeinigt hatten, dass es besser für sie beide wäre, von nun an getrennte Wege zu gehen. Nicht, als sie ihre einstige große Liebe damals zum Flughafen begleitet und mit einem kleinen Tränchen in den Augen der Maschine hinterhergewunken hatte, die Takeru nach Frankreich bringen sollte. Und auch nicht, als sie damals den positiven Schwangerschaftstest in ihren zitternden Händen gehalten hatte, während ihre damals für sie viel zu große Wohnung ganz still und einsam geworden war. Doch all diese sich fürchterlich anfühlenden Emotionen, die sie in der Vergangenheit bereits in der ein oder anderen Nacht um den Schlaf gebracht hatten, konnte man nicht mit dem fürchterlichen Gefühl vergleichen, das die junge Frau spürte, während sie den vorwurfsvollen und ablehnenden Blick ihrer Tochter auf sich spürte.

„Es…“, begann Kari zu einer Erwiderung anzusetzen, während sie erneut Anstalten dazu machte, in mehrfacher Hinsicht einen Schritt auf ihre Tochter zuzugehen. Doch das junge Mädchen wich abermals ein Stückchen zurück, wobei sie in einer abwehrenden Geste ihre Hände hob. „Jetzt sag bitte nicht, dass es dir leid tut“, schnitt sie ihrer Mutter das Wort ab, noch bevor sie ihr die Gelegenheit gab, die Hintergründe zu den Tatsachen, die sie gerade offenbart hatte, weiter ausführen zu können. Sie gab ihrer Mutter nicht einmal die Gelegenheit, zu einer ehrlich gemeinten Entschuldigung anzusetzen. Doch in diesen Augenblick konnte Aiko die starken Emotionen und leider auch die starken Vorwürfe, die sie tief in sich spürte, nicht herunterschlucken oder beiseite schieben.
„Sag mir bitte nicht, dass es dir leid tut…“, wiederholte Aiko noch einmal, ehe sie sich mit einer schwungvollen, ruckartigen Bewegung umdrehte und mit langen Schritten den Weg zum Ausgang des Stadtparks zurücklegte…

~*~


„Lass sie, Kari…“, meinte Takeru, während er der jungen Frau eine Hand auf eine ihrer Schultern legte, um damit ihren ersten Impuls zu unterdrücken, ihrer Tochter hinterherlaufen zu wollen. „Aber… Ich muss sie doch irgendwie…“, stammelte Kari unbeholfen vor sich hin, während ihre Augen immer noch den Punkt fixierten, an dem ihre Tochter gerade hinter den großen Parkbäumen und zwischen Spaziergängern, die ihnen immer wieder entgegenkamen, verschwunden war.
„Kari…“, versuchte der junge Mann weiterhin sachte zu ihr vorzudringen und unterstützte diese Aussage zusätzlich, indem er sie mit kleinen, vorsichtig ausgeführten Handbewegungen dazu brachte, sich so zu ihm umzudrehen, dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. „Schau mich mal bitte an, Kari“, bat er sie in einem weichen Tonfall, der alle Vorsicht transportierte und zum Ausdruck brachte, die er in diesem Augenblick aufzubringen vermochte.

Als Kari ihren Kopf anhob, um Takerus Bitte nachzukommen, konnte der junge Mann die glanzlosen Augen erkennen, die sonst so viel Zuversicht und Freude ausstrahlen konnten. Ihre Augen wurden durch eine unschöne Art und Weise von kleinen Fältchen gesäumt, die all die Anstrengung und all die Sorgen zum Ausdruck brachten, mit denen die Braunhaarige in den letzten Tagen, wenn nicht sogar in all den letzten Jahren ganz alleine hatte zurechtkommen müssen. Und auch die tiefen Sorgenfalten auf Karis Stirn schienen in dieser Sekunde für sich selbst zu sprechen.
Sie sah müde aus… Und Takeru zuckte kurz zusammen, als ihm plötzlich bewusst wurde, wie müde Kari im Vergleich zu dem Zeitpunkt aussah, als er damals nach Frankreich gezogen war.

„Kari, hör mir zu…“, bat Takeru sie in einem erneut sachten Tonfall, während er seine Hände auf ihren Schultern platzierte. „Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst - große Sorgen sogar. Und ich verstehe auch vollkommen, dass du Aiko nun am liebsten hinterherlaufen und mit ihr über alles reden möchtest. Sie weiß ja noch gar nicht, was in der Vergangenheit alles passiert ist…“ Takeru biss sich kurz auf seine Unterlippe, als er glaubte, eine kleine Träne in Karis Augenwinkel gesehen zu haben, die beim nächsten Wimpernschlag sich wahrscheinlich ihren Weg über ihre Wange bahnen würde. Der Blick der Braunhaarigen war erneut auf den Boden gerichtet, sodass sich Takeru aber nicht ganz sicher war - doch das leise, schniefende Geräusch, das in diesem Augenblick eindeutig von Kari ausging, bestätigte ihn in seiner Vermutung.

„Aber das bringt doch nichts. Zumindest jetzt noch nicht. Aiko ist gerade so emotional aufgewühlt, dass sie dir im Augenblick wahrscheinlich ohnehin nicht einmal zuhören würde. Und schon gar nicht möchte sie irgendwelche Erklärungen hören, die in ihren Ohren wahrscheinlich gerade nur wie ganz schlechte Rechtfertigungsversuche klingen. Aber…“, meinte Takeru und drückte in einer aufmunternden Manier einmal kurz Karis Schultern. „Aber ich glaube, ich habe eine Idee, wo sie gerade sein könnte. Lass mich mal den Versuch wagen…“

~*~


„Darf ich mich kurz zu dir setzten?“, fragte Takeru, wobei er die Lautstärke seiner Stimme um ein paar Nuancen anhob, um das schrill widerhallende Protestgeschrei einer kleinen Möwe zu übertönen. Das kleine Tierchen, dass sich auf den flachen Wellen der See treiben ließ, schien es nicht gewohnt zu sein, dass um diese fortgeschrittene Uhrzeit noch Spaziergänger oder andere Leute, die sich an der Bucht herumtrieben, in diesem abgelegenen Teil des Strandes aufkreuzten. Doch Takeru und ein junges Mädchen, das sich an einen Felsen gelehnt in den von der Sonne erwärmten Sand gesetzt hatte, schien der kleinen Möwe eindeutig eine Person zu viel zu sein, weswegen sie mit einem erneuten schrill klingenden Kreischen ihre Flügel ausbreitete und sich in die Lüfte erhob.
„Wegen mir“, zuckte Aiko kurz mit den Schultern und streckte ihre Füße ein kleines Stückchen weiter aus, sodass sie von den seichten Wellen mit dem salzigen Meerwasser der See umspült werden konnte. Dennoch gab sie dabei ihre abwehrende Haltung nicht auf, indem sie weiterhin ihre Knie nahe zu sich herangezogen und ihre Arme gleichzeitig um ihre Beine geschlungen hatte. Nur ihren Kopf, den sie bis vor wenigen Augenblicken noch auf ihre Knie gebettet hatte, lehnte sie nun unter einer resignierenden Bewegung und auch unter einem resignierenden Seufzen gegen den Felsen, an dem sie immer noch lehnte.

Doch Aiko sah nach einiger Zeit, in denen sie nun kein Wort gewechselt, sondern nur dem Rauschen des Meeres und dem gelegentlichen Gekreische der Möwen gelauscht hatten, aus den Augenwinkeln mit einem verwundert wirkenden Gesichtsausdruck zu dem jungen Mann herüber. Sie hätte in dieser Sekunde alles erwartet. Sie hätte erwartet, dass er sie sofort in ein Gespräch verwickeln, wobei sie doch eigentlich in diesem Augenblick niemanden sehen wollte. Sie hätte erwartet, dass er gekommen war, um das Verhalten ihrer Mutter vor ihr rechtfertigen zu wollen Und außerdem hätte sie erwartet, dass er sie sofort davon überzeugen wollte, dass sie wieder nach Hause kommen sollte.
Doch nichts, nichts von all dem geschah - und das nun schon eine ganze Weile lang. Stattdessen saß der junge Mann einfach nur stumm neben ihr, während er mit einem undurchschaubar wirkenden Blick auf das weite Meer hinausschaute. Nur ab und an sog er mit einem hörbaren Atemzug die klare, salzige Meeresluft um ihn herum ein.

~*~

„Ist schon irgendwie blöd, oder?“, meinte Takeru plötzlich in die Stille hinein, womit er Aiko aus ihren eigenen Gedanken riss, die immer noch unaufhörlich um die ganzen Geschehnisse kreisten, die ihr Leben innerhalb weniger Sekunden vollkommen auf den Kopf gestellt und noch dazu einmal auf links gedreht hatten. Er hatte genau den passenden Augenblick gefunden, das bisher, wenn auch auf bizarre Art und Weise doch irgendwie sich angenehm anfühlende Schweigen, zu durchbrechen, um ihr die Hand zu einer ersten Annäherung zu reichen. Natürlich war ihm Aikos verzogenes Gesicht nicht entgangen. Die zu schmalen Schlitzen zusammengezogenen Augen, die kleine Falte auf der Stirn, die den Bereich zwischen ihren Augen unschön zierte… All das ließ Takeru zumindest einen kleinen Einblick in die wirren Gedanken und die gefühlte Achterbahnfahrt bekommen, die ihre eigenen Emotionen gerade zu fahren schienen. Doch er bemerkte gleichzeitig auch, dass Aiko offenbar mit seiner Aussage noch nicht allzu viel anfangen konnte.

„Ich meine…“, führte er deswegen seine Gedanken noch etwas genauer aus. „Ich meine nur, dass wir beide uns ja noch gar nicht richtig kennen - und dann plötzlich erfahren, dass wir eigentlich Vater und Tochter sind  - und… ach herrje, warum muss das alles nur so schrecklich kompliziert sein…“, seufzte Takeru, während er seinen Kopf in einer müde wirkenden Geste an den Felsen hinter sich lehnte. Dieses hilflose Zusammenstöpseln, das er gerade so über seine Lippen brachte, würde Aiko seine Gefühlswelt auch nicht genauer erläutern können. Dass er sie gerne kennenlernen würde. Und dass er sie aber niemals…
„Ich komm mir doch gerade selbst vor wie in einer schlechten Kitsch-Romanze - wie in einer ganz schlechten sogar“, meinte Aiko, die bei diesen Worten erneut ihr Kinn auf ihren Knien platzierte, welche sie dicht an sich herangezogen hatte. Es schien beinahe so, als hätte sie durch diese abwehrende Haltung einen zusätzlichen Schutzwall aufgebaut, den sie bisher noch niemanden gestattet hatte zu durchbrechen. Doch Takeru entging auch nicht, dass sich mit jeder Sekunde die sich krampfhaft aneinanderkrallenden Arme des jungen Mädchens langsam und Millimeter für Millimeter lösten und dass sie auch die kleinen Falten auf der Stirn immer seltener zeigte. Vielleicht, ja, vielleicht würde es ihm, natürlich nur mit den richtigen und vor allem mit Bedacht gewählten Worten gelingen, Aikos Vertrauen gewinnen zu können.

„Ich versteh dich zu gut. Wahrscheinlich muss ich mich auch erst einmal an den Gedanken gewöhnen, dass ich so ganz plötzlich eine Tochter habe - und eine so große Tochter noch dazu. Auch wenn ich ehrlich zugeben muss, dass ich dich von der ersten Sekunde an, in der wir uns zum ersten Mal begegnet sind, sympathisch fand“, versuchte der junge Mann seine Emotionen adäquat in Worte zu fassen. Es war ein seltsames Gefühl, dass er in diesem einen Augenblick gespürt hatte, als seine azurblauen Augen auf das ebenso azurblaue Gegenpaar der Schwarzhaarigen trafen. In dieser einen Sekunde glaubte er, etwas gefunden zu haben, nach dem er schon lange gesucht hatte und ohne dem er niemals vollständig sein würde. Ähnlich einem großen Puzzle, dem ein einziges Teilchen fehlte, um ein großes Gesamtbild zu ergeben und ohne dem das Puzzle niemals vollständig sein würde.
Doch als er Aikos Blick mit seinem eigenen suchte, fielen ihm sofort die zu engen Schlitzen zusammengezogenen Augenlider auf, die ihm ein Gefühl der Skepsis und Unsicherheit vermittelte, welches von dem jungen Mädchen in dieser Sekunde unerbittlich ausging. Er biss sich kurz auf die Lippen, um noch ein kleines bisschen Zeit zu gewinnen, die er unbedingt brauchte, um sich eine passende Formulierung in seinen Gedanken zurechtzulegen. Vielleicht würden seine nächsten Worte schon entscheiden, ob sie sich jemals gegenseitig aneinander annähern würden - oder ob ihre sich wahrscheinlich ohnehin nur sehr zaghaft knüpfende Beziehung bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilt war.

„Keine Sorge“, führte er deswegen seine Gedanken zu Ende, während er Aikos azurblaue Augen mit seinem eigenen Gegenpaar musterte. „Ich erwarte nichts von dir - wirklich nicht. Wahrscheinlich - nein, ganz sicher sogar - würde ich es auch verstehen, wenn du dir erst einmal alles nochmal durch den Kopf gehen lassen und in der nächsten Zeit gar nichts von mir wissen möchtest. Immerhin bist du von der Neuigkeit ja genauso überrascht worden wie ich. Aber…“ Mit einer nervösen, fahrigen Geste fuhr sich Takeru in diesem Augenblick durch seine kurzen, blonden Haare. Bevor er zu lange zögern und damit auch die sich gerade bietende Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen würde, wollte er Aiko unbedingt noch etwas sagen, das ihm seit der Aussprache mit Kari auf seinen Schultern lastete. Doch er war sich nicht sicher, ob Aiko seinen Vorschlag überhaupt annehmen wollte. Aber andererseits… Er musste diese Gelegenheit einfach beim sprichwörtlichen Schopfe packen, ehe…
„Aber wenn du irgendwann doch dazu bereit sein solltest und mir diese eine Chance gibst, dann… dann würde ich dich gerne kennenlernen“, sprach er deswegen seine Gedanken aus, sodass er nicht doch erneut den Mut verlieren würde, um diesen einen kleinen, aber dafür umso wichtigeren Schritt auf seine eigene Tochter zuzugehen. Takeru traute sich in diesem Augenblick kaum, Aikos Blick aktiv mit seinem eigenen in dieser Sekunde zu suchen. Stattdessen war selbiger auf das weite, offene Meer gerichtet, das ihm nun wie auch schon in seiner Vergangenheit immer ein gewisses Gefühl der Sicherheit und des Rückzuges hatte bieten können. Wahrscheinlich wollte er aber eher noch einige Augenblicke vorbeiziehen lassen, bevor er in Aikos Mimik nach einer stummen Bestätigung - oder eben auch nach einer stummen Ablehnung - auf seinen Vorschlag hin suchen würde.

Doch stattdessen hörte er nur ein leises Schnauben von Seiten der Schwarzhaarigen, das allerdings so leise war, dass es selbst vom leisen Rauschen des Meeres beinahe vollkommen verschluckt wurde. „Ich dachte ja eigentlich, dass du wieder nach Frankreich zurückkehren würdest. Immerhin… Immerhin ist eure Aufgabe in der Digiwelt ja im Prinzip abgeschlossen.“ Takeru horchte kurz auf, als der Tonfall, in dem Aiko ihre Aussage aussprach, in all seinen Facetten bei ihm ankam. Und er wunderte sich kurz darüber - wunderte sich, dass in selbigem kein versteckter Vorwurf und auch keine ablehnende Haltung mehr herauszuhören war. Viel mehr hatte das junge Mädchen einen sachlich-nüchternen, beinahe schon aufgeschlossenen Tonfall angekommen. Es schien Takeru fast schon so, als ob sie selbst über die Bitte überrascht war, mit welcher der junge Mann sich gerade an sie gewandt hatte. Doch im ersten Augenblick konnte Takeru nur stumm mit seinem Kopf schütteln, ehe er passende Worte fand, die Aiko seinen aktuellen Gefühlszustand vermitteln konnten.

„Ich werde in den nächsten Wochen auf alle Fälle in Japan bleiben - vielleicht auch noch für eine längere Zeit. Weißt du, Aiko, ich hab in der Vergangenheit schon einmal den Fehler gemacht, dass ich vor vielen Problemen davongelaufen bin und mich ebenso zahllosen Situationen nicht gestellt habe. Den Fehler mache ich ganz sicher nicht noch einmal.“ - „Weißt du, ich glaube, mein Onkel hat über all die Jahre immer recht gehabt. Jetzt weiß ich auch, wen er gemeint hat, als er manchmal über einen ‚Takeru‘ gesprochen hat… - und dabei immer gemeint hat, dass dieser ‚Takeru‘ gar nicht mal so verkehrt ist, um es mit den Worten meines Onkels auszudrücken - Übermorgen beginnen die Ferien, in denen ich mit einer Freundin für ein paar Tage in die Berge fahre. Aber… Aber wenn du möchtest, dann… dann würde ich mich freuen, wenn wir danach vielleicht zusammen mal ein Eis essen gehen oder irgendetwas anderes miteinander unternehmen…“

~*~


Tokyo News

Am vergangenen Freitag, dem ersten Ferientag, ereignete sich nahe der Stadt Osaka in den Abendstunden ein tragischer Unfall. Eine 15-Jährige Schülerin war mit einer Freundin in die nahegelegnen Berge aufgebrochen, ehe sie sich auf dem abschüssigen Gelände schwere Verletzungen zugezogen hat. Genauere Informationen zum Unfallhergang lagen der Redaktion bis Redaktionsschluss nicht vor. Auch zur Schwere der Verletzungen konnte die Polizei bis zu diesem Zeitpunkt keine näheren Angaben machen. Die 15-jährige wurde mit dem Rettungshubschrauber in das Tokyoter Uniklinikum geflogen…
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