Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Let me be your shelter again

von Marina92
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Takeru "T.K." Takaishi und Patamon
26.03.2021
02.08.2021
16
40.305
4
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
22.04.2021 3.044
 
Hallo zusammen!

Heute werde ich im neuen Kapitel endlich noch mehr aufdecken und ich werde euch in diesem Zusammenhang auch noch mehr über Takerus und Karis Vergangenheit erzählen! Obwohl ich ja immer noch ganz unsicher und aufgeregt bin, was ihr von meiner Idee halten werdet...
Es gilt dieselbe Warnung wie schon beim letzten Kapitel: Wenn ihr kein Kapitel lesen möchtet, in dem psychische Erkrankungen thematisiert werden, solltet ihr dieses Kapitel besser überspringen!
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es heute schaffe, eure Reviews zu beantworten, aber das mache ich spätestens am Wochenende!

Nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen!

*********

„Weißt du, Kari… Ich… Auch wenn es vielleicht so ausgesehen hat, aber ich hätte niemals das Studium, meinen Job in der Redaktion oder irgendetwas anderes über dich gestellt. Niemals - das musst du mir bitte glauben“, begann Takeru zögerlich, während er mit seinem Fuß nach einem kleinen Steinchen fischte, das gerade einmal groß genug war, um es unter den Sohlen seiner Schuhe hin und her rollen zu können. „Aber ich wusste damals ab einem bestimmten Zeitpunkt schon nicht mehr, wohin mit mir selbst. Schon da wurde ich immer und immer wieder von so vielen Selbstzweifeln geplagt, hab mich immer gefragt, wie lange das alles noch so weitergehen kann, ehe irgendein tiefer Einschnitt passieren musste.“ Kari unterdrückte kurz den unaufhaltsam in ihr aufsteigenden Drang, genauer auf diese Aussage Takerus hin nachhaken zu wollen. Die Worte des jungen Mannes waren offenbar bewusst vage gehalten worden, doch Kari wusste nur zu genau, dass sie jetzt nicht den Fehler machen durfte, genauere Fragen zu stellen. Er würde von sich aus auf sie zukommen und sich ihr gegenüber öffnen, sobald er bereit dazu war - da war sich die Braunhaarige vollkommen sicher.

„Aber… Also, ich möchte ja nicht zu neugierig sein, aber… Darf… Darf ich dich fragen, wie es dir heute inzwischen geht…“ Kari hätte sich am liebsten einmal heftig auf ihre eigene Zunge gebissen, als diese Worte, ohne deren Tragweite im Vornherein bedacht zu haben, aus ihrem Mund herauspurzelten. Wie konnte sie nur so dumm sein… Wie hatte sie nur so unsensibel sein können, jemanden, der die vollen Schattenseiten einer psychischen Erkrankung durchleben musste, ihn so direkt und ohne irgendeine Art der Vorbereitung darauf anzusprechen - zumindest fühlte es sich tief in ihr gerade so an. Und wie hatte sie nur so dumm sein können, ernsthaft zu glauben, dass sich Takeru zu diesem Thema überhaupt ihr gegenüber öffnen würde. Immerhin waren sie kein Paar mehr - wenn man ihren aktuellen Status überhaupt und irgendwie noch als Freundschaft bezeichnen konnte.
Doch plötzlich hörte sie ein leises, wenn auch etwas gedämpft klingendes Lachen, das eindeutig von Takeru kam, der immer noch neben ihr auf der anderen Seite der langen Parkbank saß. In Karis Ohren wurde dieses leise Lachen allerdings von dem leisen, scharrenden Geräusch übertönt, dass immer noch von dem kleinen Steinchen unter Takerus Schuhsohle übertönt wurde und dabei unangenehm in ihr nachhallte. „Du hast dich also doch nicht verändert, Kari. Du bist immer noch so sensibel und so rücksichtsvoll wie zu unserer Kindheit“, fasste der junge Mann seine Gefühle, die ihn gerade durchströmten, in Worte, während er seinem Gegenüber ein ehrliches Lächeln schenkte, welches dieses Mal sogar seine Augen erreichen konnte.

„An sich geht es mir gut - inzwischen eigentlich wieder sehr gut sogar“, ging Takeru näher auf ihre Frage ein, während er beinahe schon mit einer unbekümmerten Geste mit seinen Schultern zuckte. Doch Kari entging dabei nicht, dass er bei diesen Worten seine Finger in den Stoff seiner Jeans krallte. Die Vergangenheit schienen auch auf dem jungen Mann Spuren hinterlassen zu haben, das bemerkte sie in diesem Augenblick nur zu deutlich. „Ich meine, ich muss immer noch Medikamente nehmen - allerdings ist die Dosis so gering, dass ich sie eigentlich nur noch zur Sicherheit nehme, um doch keinen allzu heftigen Rückfall irgendwann vielleicht erleiden zu müssen. Aber im Großen und Ganzen habe ich die Krankheit in den letzten Jahren doch recht gut in den Griff bekommen. Auch wenn es mir am Anfang wirklich schwer gefallen ist, aber mir Hilfe zu holen war damals die beste Entscheidung, die ich treffen hätte können.“ Für einen kurzen Augenblick zuckte Kari zusammen, als ihr Gegenüber das kleine Steinchen im hohen Bogen wegkickte und selbiges nur wenige Meter vor ihnen erneut zum Liegen kam. Vermutlich rührte dies aber eher von der ganzen Menge an Informationen her, welche sie gerade allesamt zum allerersten Mal hörte.

„Wie konnte ich damals nur so blind sein? Jetzt, wo ich darüber nachdenke, da… Meine Güte, mir hätte der ganze schleichende Prozess auffallen müssen. Wie du dich zurückgezogen hast - wie mich immer wieder das Gefühl beschlichen hat, dass du meine Nähe nicht mehr möchtest oder sogar nicht mehr ertragen kannst. Wie konnte es mir in der ganzen Zeit nicht auffallen, wie schlecht es dir damals gegangen ist“, fasste Kari ihre Gedanken, aber gleichzeitig auch ihre Emotionen, die sie in diesem Augenblick fühlte, in aufgewühlt klingenden Worten zusammen, während sie sich gleichzeitig mit einer müde wirkenden Geste mit einer Hand über ihre Stirn rieb. Sie war damals so blind gewesen, hatte keinen Blick für die Gefühle und eben auch nicht für die Sorgen, die ihren damaligen Freund zu diesem Zeitpunkt schon geplagt hatten. Sie war damals lediglich in der Wut darin zergangen, dass sie nun mit ihrem mehrfach gebrochenen Bein deutlich eingeschränkt war und sich dadurch unendlich hilflos gefühlt hatte. Wenn sie doch nur…

„Mach dir keine Gedanken, Kari“, hörte sie erneut Takerus Stimme, die plötzlich einen selbstsicheren und beinahe schon analytischen Klang angenommen hatte. „Glaub mir, wenn du in dieser Krankheit gefangen bist, dann möchtest du auch gar nicht, dass überhaupt nur irgendjemand etwas davon mitbekommt, wie schlecht es dir eigentlich geht“, erläuterte Takeru in einem abgeklärten Tonfall, der Karis ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Der junge Mann wirkte in diesem Augenblick so gefestigt, so sehr mit sich im Reinen… Er schien offenbar akzeptiert zu haben, dass ihm diese Krankheit getroffen hatte und schien auch selbige inzwischen tatsächlich gut im Griff zu haben…

„Weißt du, Kari“, versuchte sich Takeru erneut seine Gefühlslage genauer auszudrücken. „Diese Krankheit ist so facettenreich und drückt sich bei jedem auch anders aus. Manche - ja, manche sehen keinen Sinn mehr in dem, was sie tun… Um es einmal vorsichtig auszudrücken.“ Auch ohne dass Takeru es direkt in Worte fasste, konnte sich Kari in etwa vorstellen, was er mit dieser vagen Formulierung meinte. Doch sie vermied es in dieser Sekunde, genauer nachzuhaken, obwohl eine kurz einsetzende Stille zwischen ihnen entstanden war, die sie nur zu gerne dafür genutzt hätte. An kleinen Gesten, wie etwa das nervöse Anspannen seiner Hände oder auch das häufige aufgeregte Augenzwinkern verrieten ihr, dass ihr Gegenüber im Grunde dazu bereit war, sich ihr noch weiter zu öffnen.

„Bei mir war es ganz anders, aber… aber ich hab mich in der Zeit selbst nicht wiedererkannt“, fasste der junge Mann seine Gedanken in Worte. „Es ist so ein eigenartiges Gefühl. Auf der einen Seite schreist du innerlich förmlich nach Aufmerksamkeit. Du möchtest, dass sich jemand neben dich setzt, dir die Hand reicht und dir einfach nur zuhört. Man wartet förmlich darauf, dass da draußen endlich irgendjemand ist, der zu dir kommt, um dir zu helfen. Aber…“ Takeru schob bei diesen Worten seine Hände in die Ärmel seiner Überziehjacke - wohl auch, um das feine Zittern, das erneut seine Hände befiel, wenigstens ein kleines bisschen verbergen zu können.

„Auf der anderen Seite… Auf der anderen Seite möchtest du nicht, dass dich  auch nur irgendjemand in dem desolaten Zustand sieht, in dem du dich befindest. Du ziehst dich zurück, möchtest am liebsten den ganzen Tag einfach nur alleine sein, während du nichts anderes zu tun hast, als deine Gedanken um alles kreisen zu lassen, was dich gerade beschäftigt. Es ist beinahe so, als wäre man in einer Endlosschleife gefangen, wobei man nicht einmal mehr merkt, wie Stunde um Stunde des Tages an einem vorüberzieht. Und vor allem - so paradox das auch klingt, aber du möchtest nicht, dass auch nur irgendjemand merkt, was eigentlich mit dir los ist. Du verlierst dich dich Ausreden, warum du wieder einmal keine Zeit hast, um mit einem anderen genau die Zeit zu verbringen, die du selbst nur mit dem endlosen Grübeln und Nachdenken füllst. Man verliert wirklich die volle Kontrolle über sich selbst und in erster Linie über seine eigenen Gedanken.“ Takeru musste kurz den Drang unterdrücken, sich einmal kurz schütteln zu wollen, als wäre ein kalter Sommerregen zu lange auf ihn niedergeprasselt. Damit würde er die ganzen Eindrücke auch nicht abschütteln können, die sich in den letzten Jahren in ihm gesammelt hatten und die in vielen einsamen Stunden, die er in Frankreich mutterseelenallein verbracht hatte, immer und immer wieder in ihm hochgekommen waren.

„Aber ich… Es tut mir leid, dass ich nochmal direkt nachfragen möchte, aber…“, begann Kari zögerlich, doch als sie in Takerus warme azurblaue Augen blickte, dann konnte sie darin die stumme Bestätigung ablesen, die ihr Gegenüber ihr in dieser Sekunde ohne große Worte zu vermitteln versuchte. „Ich verstehe nicht so ganz… Ich meine, du hast doch bestimmt weiterhin den Kontakt zumindest zu deiner Familie aufrecht erhalten. Irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen, dass deine Eltern und allen voran Matt aufgegeben haben, dich anzurufen oder dich sonst auch nur sehen oder hören zu wollen, während du so viele Jahre in Frankreich warst“, meinte Kari, während ihre Stirn bei jedem Wort in immer tiefere Falten warf.

„Ja, am Anfang war das auch wirklich noch so, wie du es gerade ganz richtig gesagt hast“, entgegnete Takeru  unvermittelt und ließ dabei ein leises, aber dafür umso traurigeres Lachen hören. „In den ersten Wochen und vielleicht sogar in den ersten Monaten - irgendwie habe ich zu diesem Zeitpunkt anscheinend schon mein komplettes Zeitgefühl verloren - haben meine Eltern und Matt versucht, mich zu erreichen und auch mit mir sprechen zu wollen. Wenn ich einen guten Tag hatte und ich gemerkt habe, dass sie sich schon riesige Sorgen um mich gemacht haben, dann habe ich es sogar geschafft, mich bei ihnen zu melden oder ihren Anruf entgegenzunehmen.“ Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber Takeru glaubte, in diesem Augenblick das unerbittliche Schrillen seines Handys in seinen Ohren auf unangenehme Art und Weise nachhallen zu hören. Er hatte irgendwann einmal aufgehört zu zählen, wie viele verpasste Anrufe pro Tag auf seinem Handy eingegangen waren, die er entweder ignoriert oder aber eine Nachricht mit dem Wortlaut ‚Ich habe gerade keine Zeit. Ruf dich später zurück’ zurückgesendet hatte. Doch dieses ‚irgendwann‘ schien in den letzten Jahren ein wahrlich dehnbarer Begriff gewesen zu sein.

„Aber irgendwann… Irgendwann gibst man das dann auch auf - und ich kann das weder meinen Eltern, noch Matt übel nehmen. Es muss ein grässliches Gefühl sein, wenn dein eigener Sohn dich ständig am Telefon wegdrückt, mit dir kaum sprechen möchte, wenn du ihn endlich ans andere Ende der Leitung bekommen hast oder aber…“ Takeru stoppte plötzlich in seinen Erzählungen, als er spürte, wie Kari ganz vorsichtig nach seiner eigenen Hand griff. In der gleichen Sekunde durchströmte ihn plötzlich ein eigenartiges Gefühl, das er schon so viele Jahre nicht mehr gespürt hatte oder sich wahrscheinlich eher selbst verboten hatte zu spüren - ein eigenartiges, aber gleichzeitig so überwältigendes Gefühl. Vertrauen, Verständnis und eine offenbar doch noch irgendwie existierende Verbindung, die ihn mit dieser stummen Geste das Versprechen anbot, in Zukunft nie wieder alleine sein zu müssen.

Er zögerte kurz, denn immerhin hatten Kari und er es gerade erst geschafft, miteinander zu sprechen ohne dass dabei wie kurz vor ihrer Trennung ein heftiger Streit zwischen ihnen entbrannte oder Worte und Vorwürfe fielen, die sie schon in der darauffolgenden Sekunde wieder bitter bereuten. Doch als er auf seine Hände herabblicke, während Kari langsam damit begann, ihre eigenen Finger mit seinen zu verweben… Es waren nur kleine, federleichte Berührungen. Aber diese kleinen Berührungen transportierten so viel Hoffnung und stummes Verständnis…

„Ich kann mir schon vorstellen, was passiert ist. Ihr habt euch zuerst gestritten und noch im Streit hast du sowohl deinen Eltern als auch Matt gesagt, dass du alleine sein und mit ihnen auch in Zukunft keinen Kontakt mehr möchtest, oder…“ Das feine Nicken, welches kaum sichtbar war, war der Braunhaarigen Bestätigung genug. Es war ein eigenartiges Gefühl, das, was ihm in der Vergangenheit widerfahren war, ausgesprochen und in klare und fürchterliche, aber dafür umso ehrlichere Worte formuliert zu hören. Doch er musste sich seiner Vergangenheit endlich stellen, die er schon so lange verdrängt oder wie einen riesigen Felsbrocken mühsam vor sich hergeschoben hatte.

Doch endlich, endlich konnte er wieder Hoffnung tief in sich fühlen, als er spürte, wie sich zwei Arme um ihn legten und Kari ihn in eine freundschaftlich-liebevolle Umarmung schloss.

~*~


Sie hat es mir versprochen. Mama hat mir versprochen, dass sie mir endlich die Wahrheit sagen wird, sobald sie vorher mit diesem Takeru gesprochen hat.

Wer er wohl war? Woher sie ihn wohl kannte? Tai hatte mir zugeraunt, dass er und Mama sich offenbar noch aus ihrer Kindheit und Jugend kannten, bevor er für eine längere Zeit weit, weit weg von Japan im fremden und fernen Europa gelebt hat. Doch diese vagen Informationen brachten mich nun eben auch nicht wirklich weiter - und vor allem beschlich mich immer und immer wieder das seltsame Gefühl, dass zwischen den beiden vielleicht doch irgendwann einmal mehr bestanden hat als nur reine Freundschaft.

Doch ich hatte nie gefragt, hatte immer gemerkt, wie sehr meiner Mutter jede einzelne Frage über bestimmte Abschnitte ihrer Vergangenheit offenbar zusetzten. Daher hatte ich auch nur selten danach gefragt, wer denn eigentlich mein Vater sei. Wobei ich ja immer finde… Natürlich wäre es schön, immer bei meinen beiden Elternteilen aufzuwachsen, aber auf der anderen Seite… Meine Mutter war immer für mich da, hat immer alles dafür getan, dass es mir gut geht. Vielleicht war ich es ja auch irgendwie nie anders gewohnt, aber irgendwie - ja, irgendwie habe ich trotzdem das Gefühl, dass es mir bis heute an nicht viel gefehlt hat. Nur manchmal, manchmal, wenn in den ersten Schuljahren die Klassenkameraden von ihren Vätern abgeholt wurden, da hätte ich es mir doch gewünscht, dass auch mein Papa nach meiner Hand greifen würde. Und manchmal, manchmal wünsche ich mir heute noch, dass mein Papa in ein paar Jahren bei meiner Entlassfeier der Schule nach dem Schulabschluss mich voller Stolz anlächeln würde. Aber ich weiß ganz genau, dass stattdessen meine Mutter mir aus tiefstem Herzen gratulieren würde - und das entschädigte mich für sehr vieles… So dachte ich zumindest, als ich noch nicht wusste, was noch auf mich zukommen würde, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, noch bei meiner besten Freundin Michiko vorbeizuschauen. Und der weg zu ihrer Wohnung führte genau und ohne Umwege durch den Stadtpark…


~*~


„Ich glaube, ich hab so einiges wiedergutzumachen“, murmelte Takeru vor sich hin, während er sein Kinn bis zum Ansatz seines Mundes in seiner Überziehjacke vergrub. Die beiden schlenderten inzwischen durch den weitläufigen Stadtpark und zogen an dem ein oder anderen Spaziergänger vorbei, der sich bitterlich über den kalten Wind beschwerte, der ihm gerade um die Ohren wehte, oder begegneten auch ab und an einen Jogger, der schnaufend seine Runden zog.
„Weißt du, Kari. Ich weiß jetzt, dass es der größte Fehler war, nicht mehr auf meine Familie zugehen zu wollen, als ich wieder einigermaßen fit war. Wahrscheinlich - nein, ganz sicher sogar - hätten sie mir vieles verziehen. Hätten wahrscheinlich sogar Verständnis gehabt, wenn ich ihnen alles erzählt hätte. Aber… Aber irgendwann einmal hab ich den Absprung verpasst, wieder auf sie zuzugehen. Ich war so feige, hatte Angst, eine solche verflixte Angst, dass sie mich von sich stoßen könnten, genauso wie ich sie damals von mir weggestoßen hatte.“ Takeru senkte plötzlich die Lautstärke seiner Stimme, als ihnen unvermittelt eine ältere Dame entgegenkam, die laut fluchend an ihrem Hut zerrte, den die stürmischen Böen jede Sekunde von ihrem Kopf wehen könnte. Er wollte nicht, dass irgendjemand Fremdes gerade etwas davon mitbekam, wozu er sich bisher nur Kari gegenüber öffnen konnte. Seine Worte waren nur für die Person bestimmt, die ihm gerade auf eine freundschaftliche Art und Weise die Hand gereicht hatte.

„Meine Güte, ich war so dumm damals“, griff Kari erneut den Gesprächsfaden auf, als die ältere Dame an ihnen vorübergezogen war. Sie wollte die Gelegenheit beim sprichwörtlichen Schopfe packen, denn immerhin hatte auch sie vieles in ihren Augen wiedergutzumachen. „Ich wollte es einfach nicht sehen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt selbst so in meinem Selbstmitleid versunken, dass ich einfach nicht bemerkt habe, wie schlecht es dir damals ging. Und dann… Es hat sich alles so logisch zusammengefügt, als eine Kollegin von dir damit begonnen hatte, herumzuerzählen, dass ihr beide euch schon lange heimlich als Paar trefft und es nicht mehr lange dauert, bis du deine neue Beziehung auch öffentlich machen würdest. Natürlich hat sie mir auch erzählt, dass es auch nicht mehr lange dauern würde, bis du dich endgültig von mir trennen wirst. Und deine anderen Kolleginnen haben mitgespielt, weil sie uns unbedingt auseinanderbringen wollten, damit sie endlich eine Chance bei dir hat…“ Kari schüttelte sich kurz bei dem Gedanken, dass dieser Plan auch tatsächlich in der Realität funktioniert hatte.

„Jetzt weiß ich auch, warum du dich nie richtig gewehrt hast, als ich dich mit diesen Vorwürfen konfrontiert habe. Warum du mir nie die Wahrheit erzählt und dich stattdessen immer mehr zurückgezogen hast, wodurch ich natürlich nur umso misstrauischer und eifersüchtiger geworden bin. Aber… Ich hab es mir zu einfach gemacht und wollte einfach alles glauben, was sich so vermeintlich einfach schließlich zu einem großen Ganzen zusammengefügt hat…“ Kari biss sich bei diesem Gedanken kurz auf die Lippen.

Eigentlich… Ja, eigentlich wäre nun der richtige und vor allem schon so lange überfällige Zeitpunkt gekommen, Takeru auch ihr Geheimnis zu offenbaren. Das Geheimnis, das sie nun schon so viele Jahre mit sich trug. Natürlich, sie hatte Angst, große Angst sogar. Aber es wäre unfair. Unfair Takeru gegenüber, der sich ihr gerade so sehr geöffnet hatte und ihr so vieles erzählt hatte, was ihm nicht leicht über die Lippen gekommen war. Sie musste ihm die Wahrheit sagen. Sie hatte begriffen, dass er ein Anrecht darauf hatte. Ein Anrecht, dass sie alleine ihm in all den letzten Jahren aus einem dummen Stolz und einer überheblichen Selbsteinschätzung heraus verwehrt hatte.

„Keru, ich… ich glaube, ich muss dir etwas erzählen…“

~*~


Ich glaube es ja nicht. Mama, meinst du das ernst? Takeru ist wirklich mein Vater…“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast