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Hexe || Woodwalkers

GeschichteFamilie, Historisch / P12 / Gen
OC (Own Character)
26.03.2021
26.03.2021
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26.03.2021 806
 
Die Reste der hellblauen Farbe rannen über meine Hände, als ich den Stoff auswand. Sie wurden vom Strom der Eger mitgenommen. Formten sich zu kleinen Wirbeln, tanzten auf den Wellen und wurden schließlich vom Fluss für immer fortgespült. Dazu mischten sich Tränen. Meine eigenen Tränen, die zu der Farbe ins Wasser tropften und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Fort für immer. Wieder und wieder wrang ich den Stoff aus, bis kein Wasser mehr aus ihm drang. Nur noch aus meinen Augen. Augen, die zu viel gesehen hatten. Viel zu viel
Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass sie sie verbrannt hatten. Wie ein Stück Holz. Ein Bündel Stroh. Als wäre sie kein Mensch gewesen. Kein Mädchen mit Gefühlen. Verbrannt.  Gefoltert. Stundenlang. Bis sie gestanden hatte.
Sofia. Ihr Name hallte durch meinen Kopf wie ein Echo. Sie war die einzige Freundin gewesen, die ich in der Zunft gehabt hatte. Der Färberei. Aus unserer Familie waren nur noch meine Schwester Finja und ich übrig. Unsere Mutter hatten sie auch verbrannt und unser Vater hatte uns in die Hände der Zunft gegeben und war dann verschwunden. Weiß Gott wohin. Wer weiß, wie lange es dauern würde, bis jemand unter Schmerzen meinen oder Finjas Namen sagen würde?
Dabei wären wir beiden die einzigen gewesen, die es verdient hätten, als Hexen angeklagt zu werden. Was war es anderes als Hexerei, wenn man sich in ein Pferd verwandeln konnte? Finja war alt genug gewesen, um das Verwandeln noch von unserem Vater zu lernen. Sie konnte es. Ich kaum. Aber ich musste trotzdem üben bei geschlossenen Fensterläden. Wieder und wieder. Nächtelang. Immerhin wohnten Finja und ich nur noch zu zweit in dem winzigen, eingequetschten Häuschen im Gerberviertel. Das machte das Verwandeln unauffälliger. Leichter.
Aber würde ich mich auf der Straße verwandeln, wäre das mein Todesurteil.
„Maria! Maria!“, das war Finjas Stimme, die aus dem Haus drang, „Machst du gleich noch die Buchhaltung für heute?“
„Ja. Gleich.“ Meine Stimme klang gepresst. Gebrochen.
Mit dem Ärmel meines Leinenkleids wischte ich mir über die Augen, damit meine Schwester nicht sah, dass ich weinte. Das Klocken von Stiefeln auf der anderen Seite des Flusses ließ mich aufschrecken. Das laute Knallen der Sohlen klang durch meine empfindlichen Ohren wie Kanonenschüsse.
Schnell senkte ich unterwürfig den Blick und murmelte ein leises „Gott zum Gruße"
Vor mir, zum Glück trennte die Eger uns, stand eine Wache. Einer der Menschen die man sich nicht zum Feind machen durfte, wenn man seinen Kopf behalten wollte. Vor allem als junge Frau. Er brummte kurz etwas Unverständliches und klockte dann weiter den gepflasterten Weg entlang. Mein Herz pochte in meinen Ohren.
Ich schluckte einmal und stand dann auf. Hängte die nun hellblaue Stoffbahn, mit zittrigen, kalten Händen, über die Leine zwischen den beiden Eichen und drückte die klemmende Haustür aus Holz auf.
Finja saß an der Feuerstelle und kochte schwarzen Farbsud. Der stechende Geruch der Farbe verband sich mit dem vertrauten Geruch der Holzbalken. In der Farbe schwamm ein riesiges Stück Stoff. Das Feuer spiegelte sich in ihren braunen Augen. Ihre langen, lockigen, fast schwarzen Haare hatte sie mit einem Fetzen Stoff in ihrem Nacken zusammengebunden. Sie war hübsch. Zu hübsch.
Es tat mir weh, so etwas zu denken. Ich liebe sie so sehr, wie man eine Schwester und Freundin nur lieben konnte. Aber in solchen Zeiten war es besser, nicht wunderschön zu sein. Wenn einem auch die verheirateten Männer auf dem Markt hinterherblickten, konnte man davon ausgehen, dass deren Frauen auch nicht vor einer Anklage als Hexe zurückschrecken würden, um wieder die volle Aufmerksamkeit ihrer Männer zu bekommen.
Und wo Finja hinging, drehten sich die Köpfe. Deshalb kümmerte ich mich inzwischen um den Verkauf von den Stoffen auf dem Markt. Sie blieb zuhause. Es war mir recht. Ich war zum Glück nicht so schön wie sie. Nur normal. Hellbraune Haare. Braune Augen. Aber nicht dieses schmale, feine Gesicht, um das Finja viele beneideten. Nicht diese dunklen, warmen Augen. Und nicht diese Lippen, die immer zu lächeln schienen.
Wortlos setze ich mich an den Küchentisch, auf den durch das Fenster spärliches Licht fiel. Ich nahm den Federkiel aus dem Buch und begann, die Abrechnungen zu schreiben. Immerhin konnte ich das. Es war nicht selbstverständlich, dass Mädchen schreiben konnten, aber ich hatte es lernen müssen, sonst hätte Finja die ganze Buchhaltung allein machen müssen.
Über die Zahlen schrieb ich das Datum. 19. September 1593
Wenige Minuten später war mir eines klar: Der Verkauf lief gut. Zu gut. Auch dafür könnte die Konkurrenz uns als Hexen anklagen.
Heilige Mutter Maria, was waren das für Zeiten? Zeiten, in denen man für alles Gute bestraft wurde?
Frustriert warf ich den Federkiel ins Buch, klappte es zu und drehte mich um.
„Was färbst du da eigentlich? Schwarz hatten wir doch noch nie?“
Finja hob den Blick nicht. „Mach die Fensterläden zu. Dann erklär ich es dir."
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