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Black Forest Academy || Woodwalkers

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Het
OC (Own Character)
26.03.2021
26.03.2021
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26.03.2021 1.763
 
Frau Müller knallte mein Zeugnis vor mir auf den Tisch: „Eine Fünf in Mathe und eine Sechs in Latein. Glückwunsch, ich denke du darfst die zehnte Klasse nochmal machen.“ Sie sagte es nicht sehr laut, aber doch so laut, dass die ganze Klasse sie hören konnte. Wie ich diese Frau hasste. Sie schikanierte jeden, der es wagte näher als drei Meter an sie heran zu kommen. Sie demütigte die Fünftklässler ohne jeglichen Grund und verteilte mündliche Fünfer und Sechser wo es nur ging. Ja, sie war das größte Ekel eines Menschen, das man sich vorstellen konnte.
Wenn sie wüsste, dass ich ihr mit meinen Krallen wehtun könnte, so weh wie sie mir gerade tat, weil mich alle anstarrten und über mich tuschelten. Als Luchs könnte ich mit meinen Zähnen die Fünftklässler verteidigen. Als Luchs könnte ich sie ganz einfach dazu bringen um Gnade zu betteln. Als Luchs könnte ich – halt, nicht daran denken, nicht an den Luchs in dir. Zu spät. Ich spürte wie mir Krallen aus den Fingern wuchsen, die ich unter dem Tisch zu Fäusten geballt hatte, wie mein Nacken zu kribbeln begann, als dort Fell wuchs. Marie, die neben mir saß, legte mir die Hand auf den Arm und schüttelte kaum merklich den Kopf. Ich atmete tief durch, steckte meine Hände, die inzwischen zu pelzigen Pfoten geworden waren in die Taschen meines Kapuzenpullovers und konzentrierte mich auf meine Menschengestalt. Erleichtert bemerkte ich, wie sich meine Hände wieder zurückverwandelten und nahm sie aus den Taschen. Über das Fell in meinem Nacken brauchte ich mit keinen Sorgen machen. Meine langen, braun-rötlichen Haare verdeckten es.
Ich nickte Marie dankbar zu, die gerade ihr eigenes Zeugnis entgegennahm. Ein Blick zur Seite ließ den kleinen Funken Hoffnung, der noch in mir geglommen war, erlöschen. Bestnoten in allen Fächern, na toll. Das bedeutete dann wohl, dass ich die zehnte Klasse alleine wiederholen durfte. Weg von Marie, die fast meine einzige Freundin in der Schule war. Ich hatte nicht viele Freunde hier. Für die Meisten war ich ein Freak. Ein Mädchen ohne Sinn für Klamottenstil. Eine, die zweimal die Woche zum Judo ging und deshalb schlechte Noten schrieb.
Die Schulglocke läutete und unterbrach meine Gedanken. Endlich raus hier, zumindest für die nächsten sechs Wochen. Fahrig stopfte ich mein Zeugnis in meine Mappe und warf mir mit Schwung den Ranzen über die Schulter. So schnell wir konnten quetschten wir uns aus dem stickigen Klassenzimmer und durch die überfüllten Gänge. Jede Ecke dieser -doch schon etwas maroden- Schule war uns vertraut, jeder kleine Hubbel im Boden. Jedes wackelige Geländer. Die verfluchte Stufe, auf der einem runterfiel, was auch immer man in der Hand hielt.
Vor dem Fahrradkeller trennten sich unsere Wege. Marie umarmte mich kurz, aber trotzdem fest. „Schöne Ferien.“, murmelte ich.
„Ebenfalls.“, kam es von ihr zurück. Als ich mich gerade umdrehte, um zu gehen, schaute sie sich einen Moment um und hielt dann mein Handgelenk fest. „Sieh bitte zu, dass du das mit deinen Verwandlungen in den Griff bekommst. Nächstes Jahr bin ich nicht mehr da, um dir zu helfen. Pass auf dich auf.“ Sie umarmte mich ein letztes Mal und sprintete dann los, um ihren Bus nicht zu verpassen. Ich seufzte und holte mein Fahrrad aus dem eigentlich viel zu kleinen Fahrradkeller.
Auf dem Heimweg konnte ich an nichts anderes denken als daran, dass ich meinem Vater erklären musste, dass ich mich in der Schule teilverwandelt hatte und meiner Mutter, dass ich nicht versetzt worden war. Wie verschwommene Schatten glitten die Häuser der Altstadt an mir vorbei. Immerhin musste ich nicht darüber nachdenken, wo ich langfahren musste. Die Strecke kannte ich wie meine Westentasche. Meine Gedanken wanderten wieder zurück zu meiner Familie. Nur meine Oma und mein Vater waren Wandler, allerdings wohnte Oma mehrere hundert Kilometer weg in Lissabon und mein Vater konnte seine Zweitgestalt nicht ausstehen. Meine Oma verwandelte sich gerne. Ohne sie hätte ich vermutlich nie erfahren, dass ich überhaupt eine zweite Gestalt hatte, aber wir sahen sie nur selten. Mein Vater hatte keinen guten Draht zu ihr und war schon mit 19 nach Deutschland gezogen. Bei der Ausbildung zum Schreiner hatte er dann meine Mutter kennengelernt. Für ihn war seine zweite Gestalt ein unüberwindbares Handicap, das es zu unterdrücken galt.
Zuhause stellte ich mein Rad in die Garage und schloss die Tür auf. Ich zog meine Schuhe aus, ließ den Ranzen in die gewohnte Ecke im Wohnzimmer schlittern, ließ mich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen und vergrub das Gesicht in den Händen. Meine Mutter kam aus der Küche zu mir und legte ihre Hände auf meine Schultern.
„Es hat nicht gereicht, stimmts?“, fragte sie leise. Ich nickte. Sie zog mich nach oben und umarmte mich. „So schlimm ist das jetzt auch nicht, Tilda. In Mathe war ich auch immer schlecht und Latein wirst du nie wieder--“
Ich fiel ihr ins Wort: „Ich hab mich teilverwandelt, vor Frau Müller. Sie hat nix gemerkt, aber ich konnte mich nur wegen Marie wieder zurückverwandeln und wenn die nächstes Jahr nicht mehr da ist, dann schaff ich das nicht und, und und…“ Mein Gemurmel wurde zu einem Schluchzen und meine Sicht verschwamm. Wie sollte ich das schaffen, noch drei Jahre bis zu meinem Abi durchzuhalten, ohne meine beste Freundin?
Papa kam aus dem Badezimmer und nahm mich ebenfalls in den Arm. „Jetzt sind erst mal Ferien, da kannst du üben. Uns fällt schon was ein.“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich nickte und wischte mir die Tränen aus den Augen. Er wuschelte mir kurz durch die Haare.
Der Briefkasten klapperte. Ich löste mich aus der Umarmung und ging die Post holen. Eine Rechnung, die Erinnerung, dass Tiger, unser Kater, zum Impfen zum Tierarzt musste und ein Brief, der an mich adressiert war. Er hatte keine Briefmarken, also musste er so eingeworfen worden sein, sonst sah er komplett normal aus. Wie ein Brief eben. Nur aus gräulichem rauen Umweltschutzpapier. Ich ging zurück ins Haus, warf die anderen beiden Briefe auf den Tisch und riss den an mich gerichteten auf.
„Wer schreibt dir denn ‘nen Brief?“, rief meine Mutter über das kochende Nudelwasser hinweg aus der Küche. „Ist der von Oma?“
„Nee.“, antwortete ich, „selbst Oma schreibt mir mittlerweile E-Mails.“
Gespannt zog ich den Brief aus dem Umschlag. Aus dem mit Hand geschriebenen Zettel rutschte ein Prospekt, der auf dem Boden landete und dort prompt von Tiger attackiert wurde. Schnell zog ich ihm das Faltblatt aus den Krallen. Zwei Dinge sprangen mir sofort ins Auge. Ein Logo, das einen Baum, ähnlich dem Baum des Lebens, zeigte, neben dem ein Tatzenabdruck und ein Handabdruck prangten. Und ein Schriftzug. „Black Forest Academy“ stand da, in geschwungenen Buchstaben. Ich legte den Prospekt zur Seite, faltete den Zettel auf und begann zu lesen.

Hallo liebe Tilda,
wir freuen uns, dir einen Platz an der Black Forest Academy anbieten zu können. Unsere Schule ist ein Internat für Kinder und Jugendliche mit besonderer Verbindung zur Natur und zu Tieren aller Art. Sie befindet sich in einem Naturschutzgebiet im nördlichen Schwarzwald. Wir unterrichten sowohl diesbezogene, als auch menschliche Fächer. An unserer Schule kannst du ebenfalls nach dem dritten Jahr einen menschlichen Schulabschluss machen. (Leider nur einen Realschulabschluss, da uns für ein Abitur die nötigen Rechte nicht zustehen). Im beiliegenden Prospekt findest du weitere Informationen, sowie eine Anfahrtsskizze. Solltest du dich dazu entscheiden, unsere Schule zu besuchen würden wir uns freuen dich am 14. September willkommen zu heißen. Wenn du dich dafür entscheidest, schreibe deine Zusage einfach in einen Brief und schicke ihn an die angegeben Adresse im Flyer. Alternativ kannst du auch eine E-Mail an die Adresse auf unserer Homepage schicken. Wir würden uns freuen, von dir zu hören.
Mit freundlichen Grüßen
Emilia Ackerpelz, Schulleiterin

Mir blieb die Luft weg. Schnell blätterte ich den Prospekt durch. Es war offensichtlich, dass er für Interessenten gedacht war, die sich durchaus bewussten waren, dass es Menschen gab, die sich in Tiere verwandeln konnten. Er zeigte Schüler beim Lernen in Menschengestalt, Schüler beim Sport in Tiergestalt, kleine, runde Hütten von innen, einen geräumigen Aufenthaltsraum und vieles mehr. Mein Vater nahm mir den Prospekt aus der Hand, als er den Brief mit aufmerksamem Blick durchgelesen hatte.
„Teurer als deine jetzige Schule ist das nicht.“, murmelte er, nachdem er die Rückseite mit den Preisen studiert hatte. Wenn man sich meine alte Schule ansah, wäre man nie auf die Idee gekommen, dass sie eine Privatschule war. Viele Alternativen hatte ich damals nicht gehabt. Unsere Realschule war ebenfalls eine Privatschule und sogar noch teurer als das Gymnasium. Und so war ich schließlich doch beim Gymi gelandet. „Verglichen mit dem, was du uns so an Unterhalt kostest. Von dem was du im Moment so futterst könnte man eine Großfamilie ernähren, da ist die Schule sogar günstiger.“
Er grinste und wuschelte mir scherzhaft durch die Haare. Ich knurrte ihn an und er begann mich so lange zu kitzeln, bis ich japsend und keuchend auf dem Boden lag.
„Gnade, Gnade.“, hechelte ich und er zog mich immer noch grinsend auf die Beine.
Währenddessen hatte sich meine Mutter den Brief und den Prospekt durchgelesen. „Das ist ein Internat“ meinte sie ernst „, das weißt du, oder?“
„Ja, schon.“, ich schluckte „Aber in den Ferien kann ich ja nach Hause und wenn ich da lernen kann mich zu verwandeln, dann ist das doch nicht schlecht.“ Meine Eltern wechselten einen bedeutungsschweren Blick.
„Ich denke mal, wenn dir das so wichtig ist, dann haben wir da nichts dagegen.“, sagte meine Mutter schließlich. Ich fiel ihr um den Hals. „Danke Mama!“ Plötzlich fing es in der Küche an zu zischen und zu dampfen. „SCHATZ, DIE NUDELN!“
Eine lange Diskussion über Vor- und Nachteile der Schule musste ich am Mittagstisch trotzdem über mich ergehen lassen. Am Abend informierten wir uns übers Internet noch gründlich über die Schule. Die Seite war so gestaltet, dass sie für Ahnungslose einfach wie eine Begabtenschule im Wald wirkte. Wir riefen bei der Nummer des Impressums an und meine Mutter testete die Schulleiterin, die sich meldete auf Herz und Nieren. Aber als diese die sehr spezifischen und eingehenden Fragen meiner Mutter ausführlich und mit Engelsgeduld beantwortete, ließ sich sie sich tatsächlich dazu überreden, direkt am nächsten Morgen meine Anmeldung mit allen benötigten Informationen abzuschicken.
Als ich Marie schließlich schweren Herzens schrieb, dass ich in Zukunft auf ein Internat gehen würde, reagierte sie anders als erwartet. „Ich versteh das“, schrieb sie, „schick mir nur immer schön Bilder, dass ich weiß ob du noch lebst :).“
Marie war selber keine Wandlerin, aber durch meine in letzter Zeit immer häufiger gewordenen Teilverwandlungen hatte ich sie wohl oder übel eingeweiht. Aber das mit den Teilverwandlungen würde sich hoffentlich bald bessern.
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