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Labyrinth: Meine narzisstische Mutter

SammlungFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
21.03.2021
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Mein Schweigen


Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe beschlossen, mein Schweigen zu brechen. Ich möchte über meine Kindheit sprechen. Schon immer hatte ich eine leise Ahnung gehabt, dass ich anders aufgewachsen bin als andere Kinder. Nie konnte ich jedoch einen Finger auf die Wunde legen. Ich hatte keine Klammer für das merkwürdige Verhalten meiner Mutter.

Erst vor Kurzen, nach einem langen, ehrlichen Gespräch mit meinem Bruder Valentin, habe ich meine Schlüsse gezogen: Meine Mutter ist eine (verdeckt-depressive) Narzisstin.

Dies zu erkennen, war als würden sich alle Puzzleteile von selbst an ihren Platz fügen. Endlich verstand ich den Zwiespalt, in dem ich groß geworden bin.

Zu meiner Person: Ich bin Alicia, 24 Jahre alt und lebe in Hamburg, so weit weg von meinen Eltern, dass sie mich nicht ohne Ankündigung besuchen wollen. Das hatte ich genauso geplant und bin sehr glücklich darüber, dass es aufgegangen ist. Die dreieinhalb Stunden Fahrt haben sich als ein guter Schutzwall erwiesen. Wäre es nicht so gekommen, wäre ich ausgewandert. Es stand fest verankert auf meiner To-Do-Liste.

Meine Kindheit war, gelinde gesagt, die Hölle und trotzdem habe ich lange gebraucht, um mir das einzugestehen. Weil man mir beigebracht hat, meinen eigenen Emotionen und Wahrnehmungen nicht zu vertrauen. Ich bin die Älteste von drei deutlich jüngeren Geschwistern.

Da ist noch Valentin, fünf Jahre jünger als ich, gerade 19 und vor zwei Jahren ebenfalls geflüchtet. Er hat einen Abstand von fünf Stunden gewählt. Ebenso entstammen aus unserem Hause der dreizehnjährige Konstantin und die elfjährige Olivia, die noch bei meinen Eltern leben.

Trotz der vielen Kinder sind wir keine Assi-Familie, meine Mutter wurde nicht müde, dies (mir gegenüber) zu betonen. Tatsächlich habe ich in meinem Leben keine Vernachlässigung gespürt, ich wäre glücklich gewesen, hätte man mich in Ruhe gelassen. Ich wurde kontrolliert, isoliert, kritisiert, an guten Tagen meiner Mutter therapiert, an schlechten terrorisiert und mir wurde eingeimpft, gar niemanden zu erzählen, was bei uns hinter geschlossenen Türen los ist.

Auch nun fühle ich mich ein wenig wie ein Nestbeschmutzer, aber ich weiß, ganz rational gesehen, dass ich dieses schlechtes Gewissen nicht zu haben brauche. Ich schreibe diese Kolumne, um meine Wut zu kanalisieren, die sich in meinem Inneren angestaut hat und die mir beinahe körperliche Schmerzen bereitet. Nun könnte ich das alles auch in ein privates Tagebuch schreien und schreiben, doch ich habe mich dagegen entschieden. Denn mit dieser Öffentlichmachung möchte ich andere Töchter und Söhne aufmerksam machen, die sich fragen, was in ihrer Kindheit bloß falsch gelaufen ist. Vielleicht kann ich den ein oder anderen auch aufklären, der nicht versteht, wie man so zornig auf seine Familie sein kann und der mich für ein undankbares Kind hält.

Weil Narzissten den emotionalen Missbrauch, den sie betreiben, nur hinter geschlossenen Türen stattfinden lassen und nach außen die Vorzeigemutter oder den Vorzeigevater präsentieren, ist es für Betroffene schwer, Gehör zu finden. Auch dosieren Narzissten ihre Misshandlungen gut: Wenn sie schlagen, dann schlagen sie so, dass man nicht ins Krankenhaus muss. Sie kritisieren ihre Kinder ständig, aber seltenst vor anderen Leuten. Sie isolieren sie und reden ihnen ein, dass man niemanden außer ihnen trauen darf. Sie sagen ihnen immer wieder, dass all die Gewalt und der Druck nur zum Besten der Kinder ist. Dass sie einen lieben und dass es das Kind ist, dass die Probleme macht.

Meine Mutter hat mich so geschlagen, dass ich keine blauen Flecken davongetragen habe. Es hat auf der Haut gezwirbelt und mich gedemütigt. Sie hat mich auch getreten, wenn ich nach einen Schlag in die Knie gegangen und meine Arme schützen vor meinen Kopf gehalten habe. Valentin hat sie in Unterhosen vor die Tür gestellt und zwei Stunden dort stehen lassen. Als er sich eine mit Mäusekot verschmutzte Decke aus den Schuppen geholt hat, hat sie ihn ausgelacht. Unser Garten ist groß und uneinsehbar. Um sich Gehör zu verschaffen, drohte sie damit, dass sie sich aufhängen werde und sagte mir, es sei dann meine Schuld, ich hätte es zu verantworten. Ich kann nicht mehr sagen, wann sie dies zum ersten Mal gemacht hat, ich denke, ich werde dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Bis heute habe ich Angst, dass sie sich umbringt, wenn ich etwas mache oder nicht mache, was sie möchte. Ich habe Schuldgefühle ihr gegenüber, wenn ich sie nicht anrufe oder besuchen fahre, wenn ich mir nicht anhöre, wie schlecht ihr Leben sei. Auch traue ich mich nicht, ihr zu sagen, dass sie eine schlechte Mutter war und dass sie mich verletzt hat. Wenn ich sie auch nur um einen Hauch kritisiert habe, ist sie ausgerastet (und hat geschrien, dass sie sich umbringt), deshalb mache ich das nicht mehr.

Nur einmal ist mir der Gedanke gekommen, dass ich, wenn jemand sagt, dass er oder sie sich umbringen möchte, die Polizei rufen kann. Als sie einmal nach einer Suizidandrohung aus dem Haus gelaufen ist und sich in ihr Auto gesetzt und weggefahren ist, um uns Glauben zu machen, dass sie es gleich tut, bin ich zum Telefon gestürzt. Mit zitternden Fingern habe ich die Nummer eingetippt, doch bevor ich auf die grüne Taste drücken konnte, hatte mein Vater mir das Telefon aus der Hand genommen. Er war so ruhig und unaufgeregt und meinte nur, dass es nicht nötig sei – dass ich es nicht tun solle, dass ich ihm geglaubt hatte. Da er Rettungssanitäter ist und öfters auch erzählt hatte, dass er Menschen nach einer Einweisung in die Psychiatrie gefahren hat, habe ich ihm vertraut. Heute weiß ich, dass ich schon beim ersten Mal die Polizei hätte rufen sollen. Menschen, die Suizidgedanken äußern, egal, ob sie es ernst meinen oder nicht, müssen merken, dass ihre Äußerung ernst genommen wird. Ein Gespräch sollte in etwa so ablaufen:

„Du spielst mich tot! Du wirst schon sehen, was du davon hast, dann bekomme ich einen Herzinfarkt oder hänge mich auf!“

– „Meinst du das ernst?“

– „Ja, natürlich.“

– „Gut, dann rufe ich jetzt die Polizei.“

Und dann ruft man die Polizei und lässt sich von nichts abbringen.


Warum habe ich nicht schon früher nach Hilfe gesucht?

Das ist eine Frage, die ich im Nachhinein gar nicht gut beantworten kann. Ich weiß es einfach nicht.

Es hat nie jemand gefragt, ob bei uns zuhause alles gut läuft. Auch die Lehrer in unserer Schule sind davon ausgegangen. Auffällig nach außen war nur, dass ich ein sehr in mich zurückgezogenes, schüchternes Mädchen gewesen war, das keinerlei Freunde hatte. Auch Valentin, der auf dieselbe Schule ging, hatte Probleme Anschluss zu finden, obwohl er extrovertiert war.

Wenn wir uns über unsere Mutter echauffiert haben, unserem Vater erzählt haben, sie sei ungerecht, hat er nur müde abgewunken. Er sagte uns, wir sollen so etwas nicht sagen, wir sollen schweigen. Sie sei unsere Mutter.

Mit meiner Mutter darüber zu sprechen, machte die Sache nur schlimmer. Jedes Mal ist sie förmlich explodiert. Als ich ihr gesagt habe, dass sie mir mal an den Kopf geworfen hatte, „sie hätte mich abtreiben sollen“, hat sie bis aufs Blut gestritten, dass dies nicht wahr sei. Ich hätte es mir ausgedacht. Im Übrigen liefen Gespräche, auch über kleinere Sachen, oft so ab:

„Mama, kommenden Mittwoch ist der Elternsprechtag in unserer Schule. Das hatte ich völlig vergessen zu erzählen.“

– „Das hast du nicht vergessen, du hast es mir bewusst verschwiegen.“

– „Nein, ich habe das vergessen. Wirklich.“

– „Lüge mich nicht an. Ich weiß, dass du lügst.“

Der Clou: Ich war wirklich ein unauffällige, angepasste Schüler. Ich hatte gute Noten, gab den Lehrern keine Widerworte und habe im Unterricht aufgepasst. Mein einziges Problem war, dass ich keine Freunde hatte und im Klassenverband immer außen vor war. Die Lehrer hätten ihr nur erzählen können, dass ich leise bin, mich mehr am Unterricht beteiligen soll, weil ich die Antworten kenne und mich trotzdem nicht melde und dass ich mich anstrengen soll, Freunde zu finden. Das alles wusste sie auch. Es gab nichts zum Verheimlichen. Warum also hätte ich ihr den Elternsprechtag bewusst verschweigen sollen?

Dieses Beispiel soll illustrieren, wie sie mir meine eigene Wahrnehmung verzerrt hat. Ich habe nicht mehr meinen eigenen Empfindungen vertraut. Ich dachte, ich sei sensibel. Ich dachte, ich würde einen Verrat begehen, erzähle ich jemanden, dass es mir schlecht geht. Ich dachte, ich sei depressiv und dies würde mein Problem sein. Ich dachte, ich sei nicht zum Glücklichsein geboren. Ich dachte, würde ich ihr jemals begreiflich machen, welche Schmerzen sie mir zugefügt hat, würde ich sie über eine Klippe schubsen. Sie würde sich umbringen und das nur, weil ich in meinem Labyrinth sie für meine Schmerzen und Selbstzweifel verantwortlich gemacht habe.

Doch ich war ein Kind. Anstatt dass sie mich schützt, hatte ich das Gefühl, sie schützen zu müssen. Und sie von ihren Fehlern freizusprechen. Ich dachte, sie sei depressiv und sie wüsste nicht, was sie tut, wenn sie wild um sich schlug. Ich habe ihr Verhalten als großen Hilfeschrei missgedeutet und ich hätte alles getan, um ihr zu helfen. Dies beinhaltete aber auch, es niemandem zu erzählen und keine Hilfe von außen zuzulassen. Ich habe sie bestärkt, in Therapie zu gehen – wegen einer Depression, nicht wegen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Ich dachte, würde sie diese Depression in Griff bekommen, wäre alles normal. Nun hat sie Antidepressiva bekommen und siehe da: Ihre Ausraster sind weniger, das Grundproblem ist dasselbe. Sie mischt sich ein, kontrolliert und kritisiert und nimmt jede Situation, wo man nicht macht, was sie möchte, persönlich.

Im Rückblick frage ich mich: Vielleicht weiß sie doch genau, was sie tut, wenn sie droht sich umzubringen? Vielleicht ist ihr einfach egal, was meine Geschwister und ich für einen Schaden davon nehmen?

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass ich mir nun Hilfe suche. Ich habe meinem langjährigen Freund und Lebensgefährten von allem erzählt, nichts geschönt und wenig ausgelassen. Nun bin ich auf der Suche nach einem Therapieplatz, um mit professioneller Hilfe meine Erlebnisse aufzuarbeiten und eine Weise zu entwickeln, wie ich meinen Eltern in Zukunft begegnen kann, ohne wieder in die Falle der Schuldgefühle oder des Zorns zu tappen. Dass ich ihnen wieder begegnen muss, steht für mich außer Frage, solange meine Geschwister noch dort leben. Ich will sie nicht allein lassen, sondern in der Not ein Ansprechpartner sein.
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