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Azure ☆ Searching Freedom

KurzgeschichteFantasy, Tragödie / P16 / Gen
20.03.2021
16.04.2021
5
13.863
1
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20.03.2021 3.854
 
Dies wird eine recht „kurze“ Geschichte, mit maximal fünf Kapiteln. Für jemanden, der Azure – Straying Bird nicht angefangen hat, werden einige Sachen nicht ganz klar sein, da es sich um das, was vor der Story geschah, handelt. Trotzdem viel Spaß beim Lesen c:
WARNUNG: Enthält vielleicht für den ein oder anderen, schwierige Themen


"Wo bist du?"
"Komm sofort nach Hause!"
"Geh endlich an dein Handy!"
Schluckend starrte ich auf das Display, halb versteckt unter dem kleinen, dunklen Esstisch. Blendete die kratzige, brüllende Stimme im Nachbarzimmer aus.
"Du hast ja noch nich' saubergemacht!", plärrte der Mann zornig, übertönte das kreischende Weinen des Jungen. "Willste wieder in deiner Pisse schlafen?"
Es stank. Dicker Zigarettenqualm umgab mich, ließ sich in der muffigen Luft tragen. Im Versuch, mich von meiner erdrückenden Umgebung abzulenken, blockierte ich meine eigene Mutter am Handy. Schob das nervöse Flattern meines Herzens zur Seite.
„Komm, Scarlett. Rafael freut sich so, wenn de mit ihm Abendbrot isst.“, brummte die übergewichtige Frau, Mitte 40, dessen mandarinfarbene, schulterlange Haare ihr fettig in das unebene, runde Gesicht fielen. Sie trug ein knallpinkes Shirt und die weite, graue Jogginghose, versteckte ihre ausufernden Oberschenkel. Auf ihrem breiten Schoß, wippte ein kleines, vierjähriges Mädchen im unförmigen, weinroten Velourskleid. Ihre ebenso orangen, langen Löckchen schaukelten dabei hin und her, legten sich ab und an über die eisblauen, neugierigen Augen, welche mich eingehend studierten. Immer wieder hob sie ihren bereits etwas breiteren Arm zu dem babyblauen Schnuller im Mund, während die Frau einen tiefen Zug an ihrer aufglühenden Zigarette nahm, ehe sie diese über dem kristallfarbenen Aschenbecher, auf dem kleinen Esstisch, ausdrückte. Umrundet wurde er, von einigen halbleeren Packungen Käse und Wurst und unserem benutzten Geschirr. Den Rauch pustete sie nebensächlich zur Seite. Er erfüllte den engen Gang dieser winzigen Küche. Färbte die einst weiße Tapete, zwischen den altmodischen, dunklen Küchenschränken, in ein schmutziges Gelb. Alles wirkte hier abgenutzt. Zerkratzt oder voller Fettflecken. In der Spüle türmte sich ein stinkender Berg aus allerlei Schüsseln, Tellern, Pfannen und Besteck, an denen der Dreck bereits festgetrocknet war.
Das Fenster, hinter dem Rücken der breiten Frau, zeigte den Himmel, getaucht in ein dunkler werdendes Orange.
Rafael, der angesprochene, kleine, schlaksige Junge, auf dem Stuhl zwischen Mutter und Wand, lächelte meine Partnerin verlegen an. Entblößte dabei einige seiner fauligen Milchzähne. Sie wurden braun, ja sogar schwarz. Und der Grund dafür stand vor ihm. Etwas der Cola, hatte er sich bereits über das grau gestreifte Hemd geschüttet, auf dem nun ein dunkler Fleck klebte. Seine kastanienbraunen Haare, waren kaum mehr als ein paar kurze Stoppel. „Sonst interessiert dich das doch auch nicht. Nur weil Ava heute hier ist.“, erwiderte Scarlett neben mir mürrisch und starrte auf ihren leeren, vollgekrümelten Teller.
„Jetzt hab dich nich' so. Bringst eben nicht oft jemanden mit.“
Woran das wohl liegt. Übelkeit lag wie ein schwerer Stein in meinem Magen. Begann zu schmerzen, als ich erneut das entfernte Gebrüll des Mannes vernahm. „Sieh zu, dass du saubermachst!“
Das Weinen wurde lauter, der Angesprochene jaulte zwischen den Schluchzern unverständliche Worte. Seine verzweifelte, laute Kinderstimme, jagte mir tausend quälende Stiche durchs Herz.
„Mein Gott, Erwin!“, begann die übergewichtige Frau plötzlich wütend zu keifen. Die Kleine auf ihrem Schoß, zuckte erschrocken zusammen und auch das vorsichtige Lächeln Rafaels verschwand augenblicklich, ehe sie das Mädchen auf den Boden stellte, um aufzustehen.
„Lass doch Oliver endlich in Ruh, ich mach sein Bett nachher neu.“
Schnaufend stampfte Scarletts Mutter an uns vorbei, riss die Tür zum engen, dunklen Flur auf.
„Das verdammte Gör kann seine Pisse selber wegmachen!“, erwiderte die tiefe, kratzende Stimme zornig, welche unheimlich durch die stinkende Wohnung hallte.
In mir zog sich alles zusammen. Und auch der kleine, schweigende Rafael, welcher uns gegenüber saß, schien immer weiter zu schrumpfen. Ängstlich warf ich meiner Partnerin einen Blick zu, ehe Maggy, das Mädchen mit den Locken, aus der Küche watschelte und verschwand. In Scarletts goldenen Augen, funkelte wütende Entschlossenheit. Die feurig-orangen, schulterlangen Haare, umrahmten ihre hohen Wangenknochen, den schmalen Mund, welchen sie zu einem verbissenen Strich gezogen hatte.
„Komm, Ava. Gehen wir.“
„Kann ich mitkommen?“
Durch das aggressive Schreien im Nachbarzimmer, hätte ich die weiche, zögerliche Stimme des Jungen beinahe überhört. „Was? Nein.“, erwiderte Scarlett kurz angebunden und erhob sich vom knarzenden Stuhl. „Komm schon,“, begann ich leise flehend. Rafael wich meinem Blick schüchtern aus, musterte mit eingesunkenen Schultern, die vergilbte Wand neben sich. „Ist doch nicht so schlimm, wenn er dabei ist.“
Überrascht blinzelnd, musterte meine Partnerin mich, wusste offensichtlich kurz nicht, was sie sagen sollte, bis sie schließlich geschlagen seufzte. „Meinetwegen.“, „Ja!“, jubelte der Braunhaarige kaum hörbar und sprang sofort auf.
„Jetz' lass das doch!“, hörte ich die wütende, kreischende Stimme der Mutter.
„Denn kümmer dich endlich um den Bengel!“, erwiderte Scarletts Vater zornig. Es war deutlich zu hören. Der Alkohol. Das jahrelange, ewige Rauchen. Beides hinterließ Spuren in seiner widerlichen Stimme.
Rafaels hellblaue Augen strahlten etwas Ängstliches aus, als ob er sich beeilen müsste, uns zu folgen. Den Jungen so zu sehen, obwohl ich ihn nicht kannte, ließ ein kaum merkliches Zittern durch meinen Körper jagen. Wieso unternimmt niemand etwas?
Auch ich erhob mich, konnte diesen Teil der Wohnung nicht schnell genug hinter mir lassen.
Doch grade, als Scarlett vorgehen wollte, schmiss jemand schnaufend die Küchentür auf. Ein großgewachsener, ausgemergelter Mann stampfte hinein, gefolgt von einer übelkeitserregenden Fahne. Vermutlich war er grade Ende 40, doch seine einst kurzen, braunen Haare waren stumpf und ergraut. Seine gelblich verfärbte Haut porös, die verwaschenen, blauen Augen dunkel unterlegt, über den eingefallenen Wangen und dem ungepflegten Schnurrbart. Er trug einen kratzig wirkenden, grau-braunen Pullover und eine zu weite, dunkle Jeans. Und er war es auch, dem diese markerschütternde, tiefe Raucherstimme gehörte. Innerlich erstarrte ich bei dem Anblick von Scarletts wütendem Vater. Aufsteigende Panik brachte mein Herz zum Rasen, während alle Alarmglocken mir zuschrien, dass ich weglaufen sollte. Rafael huschte ängstlich hinter den Rücken meiner Partnerin, welche sich umgehend aufrichtete und keinerlei Schwäche zeigte. „Was willst du noch hier?“, begann der dünne Mann, seine laute Rage fortsetzend. „Verschwinde endlich!“, „Kannst du gerne haben.“, erwiderte der Carrier vor mir zischend. Ich spürte ihr inneres Zittern. Spürte ihre unbändige Wut, den Hass in ihrem Bauch.
Doch ich fühlte mich hilflos, nutzlos. Wie ein eingeengtes Tier, ein Fuchs im Bau, dessen Ausgänge lichterloh brannten.
Plötzlich zuckte ich leicht zusammen, als meine Partnerin mein Handgelenk packte und mich wortlos hinter sich herzog, an dem nach Alkohol stinkendem Mann vorbei. Angespannt wandte ich den Kopf von ihm, kniff einen Moment die Augen zusammen.
„Rafael, bleib hier!“, hörte ich ihn nur krakeelen. „Verschwind' endlich ins Bett!“
Dann fand ich mich in einem dunklen, engen Flur wieder, dessen grauer Wollteppich voller Flecken und Staub war. Vier Zimmer lagen sich gegenüber, verborgen hinter dunkelholzigen, alten Türen. Eine davon gehörte der stinkenden Küche, aus welcher wir kamen, ehe der Korridor in das Wohnzimmer mündete. Noch immer konnte man das leiser werdende Weinen eines Jungen vernehmen.
Rechts neben uns, am schwarzem Plastikschuhständer vorbei, auf dem mehrere kleine und große Paare standen, öffnete Scarlett die rettende Wohnungstür.
Frische, kühle Luft schlug uns entgegen, als wir das kahle, graue, ungepflegte Treppenhaus betraten. Der Bewegungsmelder erhellte es zusätzlich zur untergehenden Sonne, offenbarte die bröckelnden Wände, das Geländer, auf dem der schwarze Lack bereits blätterte. Wir befanden uns ganz oben, der Familie gehörten beide Wohnseiten.
„Blödes Arschloch...“, murmelte meine Partnerin, welche mich endlich losließ, während die Tür hinter uns ins Schloss fiel. „Ist er immer so schlimm?“, versuchte ich vorsichtig meine Frage zu stellen. Grade wollte sie nach der nächsten Klinke greifen, als Scarlett innehielt. „Manchmal. Aber heute spielt er sich besonders auf, wahrscheinlich weil du da bist.“
In ihren verengten Augen loderte tiefer Hass.
Doch nicht lange, da wandte meine Partnerin sich von mir, um den zweiten Teil der Wohnung zu betreten. Dieser Flur wirkte noch beengter als zuvor. Auf dem hellbraunen Vinylboden, ganz am Ende, hinter zwei dunkelbraunen Türen, ragte ein gleichfarbiger, klappriger Schrank bis fast unter die weiße Decke. Neugierig folgte ich Scarlett, warf einen kurzen Blick durch die halboffene Tür zu meiner rechten und entdeckte ein schmales, weiß gefliestes Badezimmer. Es folgte ein altmodischer, beengter Raum, dessen blanke Wände einfach im sanften Pink überstrichen wurden. Eine zerrupfte, cremefarbene Couch lehnte davor, führte zu einem hellholzigen Schreibtisch, voll geklebt mit bunten Stickern und mit dem vermutlich einzigen, überholten Computer dieser Familie.
Doch Scarlett führte mich in das Zimmer links des Flures. Obwohl es hier noch immer alt und ein wenig muffig roch, war die Luft eine Wohltat, im Vergleich zur Küche.
Mir offenbarte der sich wahrscheinlich größte Raum. Neben dem breiten, angekippten Fenster, wehten orange-karierte, fast bodenlange Vorhänge, im seichten Windzug.
Der beige, rechteckige Mikrofaserteppich wurde von zwei hellholzigen Einzelbetten umrandet, welche keinen altersgemäßen Eindruck auf mich machten. Ein runder Tisch mit zwei klapprigen Holzstühlen, befand sich mitten im Raum und während hinter dem linken Bett, ein dunkler, antik scheinender Kleiderschrank bis unter die cremefarbene Decke reichte, in dessen länglicher Spiegel die orangen Farben des Sonnenuntergangs schimmerten, stand hinter dem rechten, ein dicker, schwarzer Fernseher auf dem hellen Vinylboden. So ein altbackenes Modell, hatte ich lange nicht mehr gesehen. „Willkommen in meinem Zimmer“, begann Scarlett, nun doch verlegen lächelnd. „Tut mir leid, für eben grade.“
Ich erwiderte das Lächeln, versuchte ihr ein wenig Mut zu schenken. „Macht nichts, du hast mich ja vorgewarnt. Und bald sind wir sowieso hier weg.“, zum Glück. Die Vorstellung, dass meine Partnerin noch länger auf diese Menschen angewiesen wäre... Ist unerträglich. Seufzend schlenderte Scarlett zum linken Bett, ließ sich auf die hellrot bezogene, fluffige Decke fallen. „Ich kanns immer noch nicht glauben.“
Während sie langsam ihren Kopf schüttelte, zogen sich ihre Mundwinkel zaghaft nach oben, trotz der Angst, welche über ihre unsicheren Augen huschte. Ich konnte es spüren. In meinem Inneren, über die Verbindung des Uranus-Systems, welche uns zusammenhielt. Vorfreude, Hoffnung trieben meine Partnerin voran. Gefolgt von schmerzhafter Unschlüssigkeit und kalter Panik vor einer ungewissen Zukunft. Unbeholfen näherte ich mich ihr, nahm vorsichtig neben dem Carrier platz, welcher sich plötzlich etwas aufrichtete und mich ansah. „Ich bin so froh, dass du da bist, Ava. Bald haben wir beide es geschafft. Schon daran zu denken, den Schlüssel unserer eigenen Wohnung in den Händen zu halten, unser eigenes Leben führen zu können, weit weg von hier.“
Auch ohne die Verbindung konnte ich es spüren. Die schmerzhafte Erleichterung, welche wir beide teilten. Leicht nickend, erwiderte ich ihr Lächeln, meinte für einen Moment, Tränen im Augenwinkel zu entdecken. Doch Scarlett blinzelte sie wortlos hinfort, ehe ich mürrisch erwiderte: „Meinetwegen könnte es noch weiter weg sein. Meine Eltern werden bestimmt versuchen, mich zurückzubekommen.“
Schnaufend richtete sie sich auf. „Wir kriegen das hin, verlass dich auf mich. Und wenn wir genug Geld erkämpft haben, ziehen wir in ein anderes Land oder so.“
Ihr überzogene Selbstsicherheit, entlockte mir ein leises Kichern. Etwas Warmes berührte mich einen Moment, als ob sich Scarletts schmerzendes Herz bei meinem Anblick bewegte. „Gute Idee. Ich hoffe nur, dass dich meine Stärke nicht irgendwann enttäuscht.“, gab ich zu bedenken und zog entschuldigend die Schultern hoch. „Ach was. Wir sind ein Team und wir werden zusammen stark. Ich hab ein echt richtig gutes Gefühl, glaub mir!“
Ja, das weiß ich. Denn ich spürte das goldene Glühen in ihrer Seele. Die sprießende Hoffnung, auf ein besseres Leben. Auch wenn bei mir die Angst überwog, tat Scarletts Überzeugung unheimlich gut. Ließ mich meine Unsicherheiten verdrängen. Wir schaffen das. Ihre unausgesprochenen Worte drangen bis in mein nervöses Herz vor, so seufzte ich erleichtert.
„Ava...“, begann meine Partnerin plötzlich, offensichtlich ein wenig unschlüssig. „Ja?“
Neugierig legte ich den Kopf schief. „Ich hab extra das andere Bett bezogen für dich. Aber wollen wir vielleicht einfach zusammen schlafen?“, schlug Scarlett leicht grinsend vor, ehe sie fortfuhr: „Könnte nur ein wenig enger werden, falls dich das stört.“
Schluckend horchte ich in mich hinein. Spürte die zaghafte Unsicherheit. Noch nie stand ich jemandem so nahe. Durfte an einer solch engen Freundschaft teilhaben. Ist das normal, sich so darüber zu freuen? Heimlich schämte ich mich für meine Unerfahrenheit bezüglich zwischenmenschlicher Beziehungen. Und sicherlich wäre es mehr als nur ungewohnt, jemanden neben sich liegen zu haben. „Hm, ist okay. Stört mich nicht.“, auch wenn ich dann wahrscheinlich kein Auge zumachen werde.
Ein freudiges Feuer flammte in ihrer Brust auf, berührte mich über das Band und erhellte umgehend ihr erwartungsvolles Gesicht. „Du bist zu niedlich, weißt du das?“
Bevor ich wusste, wie mir geschah, zog Scarlett mich ungefragt in eine herzliche Umarmung. Ihre Arme schlangen sich eng um mich, ehe ich die Geste mit nervös flatterndem Herz erwiderte und meine Finger in ihren weißen Hoodie grub. In mir vermischten sich wohlige Leichtigkeit und das versteckte Schamgefühl, wurden verstärkt durch den süßlichen Geruch meiner Partnerin. „Keine Ahnung wie du darauf kommst“, murmelte ich leise schmunzelnd. Da ließ sie mich verschmitzt grinsend los, um mich besser betrachten zu können. „Ich liebe es einfach, dass du deine Gefühle nicht verstecken kannst.“
Sofort schoss verlegene Röte in meine Wangen. Zwar war es nicht das erste Mal, dass der Carrier mich darauf hinwies, doch der Gedanke lag unbehaglich schwer in meinem Bauch. Unsicher wich ich Scarletts Blick aus, knetete mit dem Stoff meiner schwarz-blau karierten Bluse. „Erinner mich nicht dran.“, „Alleine wegen dieser Reaktion, werde ich dich damit nicht in Ruhe lassen können. Tut mir leid.“
Kichernd stupste sie mir sanft auf die Nase, ließ mich überrascht zusammenzucken. „Und außerdem...“
Bevor ich mich beschämt wehren konnte, kehrte unerwarteter Schmerz in Scarletts Augen zurück. Perplex sah ich auf, erblickte ihr entschuldigendes Lächeln. „Das andere Bett gehörte Kathlea.“
Schluckend öffnete ich den Mund, doch die Worte wagten sich nicht nach draußen. Ein kalter Schauer leerte meinen Kopf, beim Klang dieses Namens. Kathlea, ihre große Schwester. Ihre verstorbene Schwester, mitgerissen von dem Elend dieser Familie. „Tut mir leid.“, brachte ich schließlich unsicher heraus, nicht wissen, was genau mir eigentlich leid tat. „Du brauchst dich nicht immer für alles entschuldigen. Ich dachte nur, dass es unangenehm für dich wäre, da zu schlafen.“
Das wäre es definitiv gewesen. Beinahe rutschte mir noch ein tut mir leid heraus, doch ich schluckte es hastig hinunter. „Oh okay, danke. Und ich bessere mich, versprochen.“
In mir zog sich ein flauer Knoten zusammen. Wie soll ich mich verhalten? Wie sehr leidet Scarlett noch unter dem Verlust, ihrer Schwester?
„Da gibt’s nichts zum Verbessern. Ich sorg' schon noch dafür, dass du lockerer wirst.“
Ihre Worte... Sie schmunzelte hörbar. Und ich spürte keinen Schmerz über die Verbindung. Versteckt sie ihn? Unsicher erwiderte ich ihr Lächeln, doch da sprang der Carrier seufzend auf die Beine. „Lass mal gucken, was so im Fernseher kommt. Vielleicht machen wir die Nacht einfach durch, der erste Bus kommt eh so früh.“, „Stimmt“, meinte ich nickend. „Besser, als vom Wecker aufzuwachen.“

Nachdem meine Partnerin das Fenster geschlossen hatte und der flimmernde, viereckige Bildschirm den inzwischen dunklen Raum mit flackernden Farben erhellte, kuschelten wir uns auf das Bett. Lehnten an der Wand, mit beiden Kissen hinter unseren Rücken. Irgendwie genoss ich es. Wie sie den Arm um mich legte, wie ihr Kopf auf meinem ruhte. Bei kaum jemandem, hatte ich mich so wertvoll, so geschätzt gefühlt. Und all das mit einer wohltuenden Leichtigkeit, welche mich heimlich wünschen ließ, dass der Moment nicht mehr endete.

Fußschritte. Leise, kaum hörbar, näherte sich jemand Scarletts Zimmertür und hielt dann schweigend inne. Meine Partnerin richtete sich ein wenig auf, ließ den Arm aber liegen. Unsere Augen starrten nervös auf den Lichtstreifen am Boden, vom Flur. Schluckend hielt ich den Atem an. Das kann nicht ihr Vater sein. Oder doch? Der wäre sicherlich lautstark reingepoltert. Mein Herz machte einen angespannten Satz, als die Klinke sich plötzlich senkte.
Das blasse Gesicht des kleinen, etwa zehnjährigen Jungen, zierte ein freches Grinsen, welches die goldenen, großen Augen erhellte. Hinter seinen kurzen, dunkelbraunen Haaren, schien das Licht des Flures unangenehm hell hinein, warf einen größer werdenden, gelben Kegel in das finstere Zimmer meiner Partnerin. Auf dem marineblauen Pulli, prangte groß in weißer Schrift „Game Changer“ und in der hellen, weiten Jeans, waren durch die großen Löcher, seine dünnen Knie zu sehen.
„Verpiss dich, Jay.“, knurrte Scarlett auf einmal. „Warum denn? Was macht ihr hier?“
Sein Grinsen wurde breiter, als er sich unaufgefordert an der offenen Tür anlehnte und sie leise knarzend hin und her wiegte. „Nichts, was dich angeht.“
Schmerzendes Unbehagen kroch meinen Rücken hinauf, besorgt sah ich zu meiner Partnerin hoch. Soll ich irgendwas sagen?
„Ich erzähl Papa, dass du lesbisch bist.“
Erschrocken blickte ich den Jungen an. „Sind wir nicht. Gehst du bitte?“, erwiderte ich höflich. Doch Scarlett hielt nichts von meinem Versuch der Nettigkeit. Knurrend fauchte sie: „Jetzt hau endlich ab. Die anderen sind doch bestimmt auch schon im Bett.“
Da kicherte dieser Jay nur, zeigte seine runtergefaulten Zähne und kaute auf der Lippe herum. „Oliver hat wieder eingepullert und muss sein Bett saubermachen.“, „Na und? Dann leg dich hin und warte, bis er fertig ist!“, kam es prompt von meiner Partnerin. „Ich geh Papa jetzt sagen, was ihr macht.“
Panik schnürte sich wie ein enger Klumpen in meinem Bauch zusammen. Keuchend wollte ich mich aufsetzen, doch da schlug der Junge die Zimmertür zu, ehe eilige Kinderschritte folgten, welche schließlich verstummten. Bitte nicht!
Scarlett raste vor Wut. Angespannt seufzend, zog sie ihren Arm fort und rutschte an die Bettkante. „Ich hasse diese Scheißgören.“, murmelte meine Partnerin gepresst. „Wollen wir rausgehen?“, erwiderte ich vorsichtig, hoffte, auf Zustimmung zu treffen. Denn allein der Gedanke, dass dieser kranke Mann im selben Raum wie ich war, ließ Übelkeit aufsteigen. Doch Scarletts Kopfschütteln bereitete mir Bauchschmerzen. Mit zusammengezogenen Brauen, rutschte ich neben sie, starrte auf die geschlossene Zimmertür, ehe meine Partnerin aufstand, um den Lichtschalter daneben zu betätigen. Unangenehme Helligkeit brachte mich einen Moment zum Blinzeln. „Der kommt eh nicht, auch wenn Jay sein kleiner Liebling ist. Wahrscheinlich versohlt er sowieso Oli den Arsch grade.“
Ihr letzter Satz ließ mich zusammenzucken. Zaghaft murmelte ich: „Wie alt ist dein Bruder denn...?“, „Jay ist sieben und Oliver ist acht.“
Etwas Furchtbares versuchte mich zu erdrücken. Völlig überrumpelt von dieser Erkenntnis, senkte ich den Kopf und starrte auf meinen Schoß, während Scarlett sich an den runden Tisch setzte. „Und in dem Alter, macht er noch ins Bett?“
Schulterzuckend erwiderte sie: „Ja. Keine Ahnung, was falsch mit ihm ist.“
Irgendwas stimmt da nicht, wäre eine maßlose Untertreibung. „Wieso unternimmt niemand was dagegen? Ist ja auch kein Wunder, wenn dein Vater ihn so fertig macht.“
Das entlockte meiner Partnerin ein bitteres Lachen, ehe sie erwiderte: „Es interessiert sowieso keinen. Die Leute sehen eben nur, was sie sehen wollen. War doch bei dir und deinen Eltern, genauso.“
Das stimmte zwar, doch meine Eltern wussten es zu verstecken. Wussten, wie sie sich in der Öffentlichkeit geben sollten, während man dieser Familie von weiter Ferne ihre Krankheit ansah. „Bist du echt einverstanden damit, deine Geschwister zurückzulassen...?“, fragte ich schmerzerfüllt und wich ihrem skeptischen Blick aus. „Sowas von. Die sind mir alle egal.“
Lügt sie? Angestrengt horchte ich in mich hinein, ertastete das Band, zwischen uns. Doch ich konnte nichts finden. Keine Reue. Kein Mitleid. Mir war allerdings keine Antwort vergönnt. Plötzlich ein Türknallen im Nachbarraum, gefolgt von einem eiligen, zornigen Stampfen. Mein Herz machte einen panischen Satz, sofort starrten wir beide die vibrierende Zimmertür an.
„Scarlett!“
Er kommt. Er kommt doch. Gleißende Angst packte mich, angespannt grub ich meine Finger in die weiche Decke, auf welcher ich saß. Währen wir doch nur eher abgehauen!
Zu spät. Ein schnaufendes Monster polterte herein, riss knurrend die Tür auf. Der ungepflegte Schnauzer bog sich um seinen widerlichen, gelblichen Mund, welchen er zum Brüllen öffnete. „Ich will keine Schwuchteln in meiner Wohnung, raus hier!“
Die kratzige Stimme des dünnen Mannes, hallte furchterregend an den engen Wänden, sofort richtete ich mich erschrocken auf, presste ängstlich die Zähne aufeinander. Seine verwaschenen Augen wanderten von mir, zu meiner knurrenden Partnerin, welche ihn herausfordernd anfunkelte. Ganz ruhig. Er kann mir nicht wehtun. Angespannt musterte ich Scarlett. Doch ich würde sie nicht mit meiner Energie schützen können. Ihre Eltern waren Unbegabte. „Glaubst wieder alles, was Jay labert, ne'?“, fauchte der Carrier und sprang erbost vom Stuhl auf. Plötzlich wich sie zurück und meiner Kehle entwich ein leiser Angstschrei. Der ausgemergelte Mann stampfte mit großen Schritten näher. Sofort sprang ich vom Bett, drückte mich an die Wand neben dem Fenster. Blankes Entsetzen ließ Scarletts Augen groß werden, als er unerwartet nach ihrem Hinterkopf griff und die Haare packte. „Wusst schon immer,“, krakeelte er donnernd. „das de 'ne widerliche Lesbe bist.“
Sein Gesicht schwebte bedrohlich über dem meiner Partnerin, welche angestrengt nach hinten griff, um seine Finger zu lösen. Was soll ich tun? Es musste doch irgendwas geben, irgendwas, um nicht nur hilflos zuzusehen! In meinen Fingern kribbelte Energie. Ein geladener Hieb und Scarletts Vater läge ausgeknockt am Boden. Schnell atmend, bildete ich Fäuste. Hielt die brodelnden Kräfte in mir zurück. Sag was! Tu was!
Doch ich wagte keinen Mucks. „Halt's Maul...“, presste meine Partnerin mühevoll hinaus, woraufhin ihr nach Alkohol stinkendes Gegenüber zischte: „Bist 'ne Enttäuschung für die Familie.“
Zum Glück entließ der Mann ihre Haare, doch nicht, bevor er ihr einen unangenehmen Ruck versetzte. Jaulend stolperte Scarlett nach hinten und fing sich fluchend wieder. „Wenn ich dich morgen hier noch seh',“
Ihr Vater machte kehrt, schielte abschätzig über seine knöcherige Schulter. „Kannste was erleben.“
Ein entschlossenes Feuer entflammte, sofort trat ich vor und packte meine schwer atmende Partnerin am Handgelenk, ehe sie etwas Falsches tat. Dann knallte die Zimmertür und schwere Schritte entfernten sich. Ließen erdrückende Stille einkehren.

Gebannt starrte ich auf die geschlossene Zimmertür. Lauschte dem gedämpften Knarzen, weit weg. Scarletts Elend erreichte mich. Das übelkeitserregendene Pochen in ihrem Bauch, der rasende Hass in ihrer Brust, welches die Seele meiner Partnerin wie ein zorniges Feuer einhüllte.
Zögerlich ließ ich sie los, presste angespannt meine Lippen aufeinander. Plötzlich wich ich zurück, überrumpelt davon, dass der Carrier laut ausatmend, in die Knie ging. Ihre ungläubigen, glasigen Augen, starrten zu Boden. Sofort hockte ich mich neben sie, legte eine Hand auf ihren zitternden Rücken. „Er will, dass ich gehe?“, zischte Scarlett gedrückt. „Wenn er nur wüsste.“
Sie kämpfte ihre Tränen verbissen zurück, ballte die Hände auf dem Boden, zu Fäusten. Unsicher flüsterte ich: „Wir haben es fast geschafft, dann musst du den nie wieder sehen.“
Entgegen meiner Erwartungen, sog der Carrier Kraft-sammelnd die Luft ein. Dann setzte sie sich auf die Knie, richtete ihren Rücken und wischte sich übers Gesicht. „Wir gehen. Ich habe die Schnauze voll.“
Erleichterung packte mich, sofort nickte ich entschlossen. „Okay.“

Und damit, riss meine Partnerin den dunklen Schrank auf. Wir hatten bereits alles vorbereitet. Ein dicker, prall gefüllter Rucksack, der kaum zugehen wollte, für jeden, mit einer bunten Tüte voller Kleidung, in der Hand. Plötzlich schien es gar nicht schnell genug zu gehen, für Scarlett. In verbissener Hektik krallte sie alles Wichtige, schaltete den Fernseher aus und eilte dann vor, in den beleuchteten, muffigen Flur. Einzig ein Gedanke trieb sie an, erreichte mich über das Band zwischen uns: Raus hier. Raus, in die Freiheit. In ein freies Leben und einfach alles vergessen.
Still und heimlich, huschten wir in das Treppenhaus, hasteten mit den knisternden Tüten über die hohen, grauen Stufen.
 
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