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carbon

von Riley J
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Sci-Fi / P18 / FemSlash
Chloe Price Maxine "Max" Caulfield Rachel Amber
19.03.2021
19.03.2021
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„Ich kann diese Entscheidung nicht treffen!“



Max musste gegen den Wind anschreien, der ihr ins Gesicht peitschte und an ihren Haaren zog, so stark, dass sie das rhythmische Ziehen bis an die Wurzeln spürte. Alles war nass und so kalt wie Millionen winziger Eisnadeln, die ihr bis unter die Haut stachen. Die Blätter und Zweige, abgebrochen von umliegenden Bäumen wie Zahnstocher, waren wie Schläge auf ihrer Haut und es tat alles so weh und erstickend, dass Max nur noch zu Heulen zumute war. Vielleicht tat sie das auch bereits, denn jedenfalls konnte sie nicht sagen, ob das Brennen in ihren weit aufgerissenen Augen Tränen oder der Wind war. Sie versuchte es wegzublinzeln, was es auch immer war, doch es wurde nicht besser und Chloes Gestalt vor ihr verschwamm vor ihren Augen zu einer blau-grauen Masse, die zwischen Sturm und Regen genauso erbärmlich zitterte wie sie selbst. Max versuchte ihr Gesicht zu finden, sah aber nur Regen und klammerte sich stattdessen an sie, bekam ihre Jacke zu fassen und grub ihre Nägel in das Material.
Der Gedanke, dass Chloe -von der man nicht denken würde, dass sie jemand war, der so stolz auf seine Kleidung war, es aber auf jeden Fall war- sie in einem anderen Szenario dafür aufs Kreuz gelegt hätte. Max konnte es sich so lebhaft vorstellen, dass sie fast trocken aufgelacht hätte, doch aus ihrem Mund kam nur das Loslassen eines gepressten Atemzugs, den sie gehalten hatte, ohne es zu merken. Sie spürte eine kalte Hand unter ihrem Schlüsselbein.

„Nein, Max-“

Auch Chloes Gesicht, von dem ausgehend, was sie erkennen konnte, verzog sich zu einer Grimasse, als sie gegen den Sturm in dem sie standen anschrie, und doch kam es bei Max, die nicht mehr als eine Armeslänge von ihr entfernt stand, an, als hätte sie es ihr zugeflüstert. Ein statisches Dröhnen des Windes hatte Überhand über alles und sie lehnte sich nach vorne, um kein weiteres Wort zu verpassen, denn Chloe hatte noch mehr zu sagen. Und ihr Gegenüber hatte wohl dieselbe Idee gehabt, denn gerade als Max einen Schritt nach vorne tat, zog Chloe sie an den Schultern näher und die Beiden fielen tatsächlich in einander. Beide brauchten eine Sekunde sich wieder aufzurichten, im Versuch unter Panik und genereller mentaler Verwirrung ihre Balance zu finden und weitergehens auch während das Wetter an ihrer Kleidung zog, als wollte es sie bei lebendigem Leib auseinanderreißen.
Dann fühlte Max wie Chloes Finger sich stark wie Schraubstöcke um ihre filigranen Schultern legten und sie sah ihre blauen Augen so klar vor sich wie je. Nur, dass sie jetzt blutunterlaufen waren und Tränen so hoch standen, dass Max sich fragte, ob sie sie überhaupt sehen konnte.

„Du bist die Einzige. Die Einzige, die diese Entscheidung treffen kann.“

Ihre Stimme brach am Ende dieses Satzes, denn die Realisation darüber, was dies bedeutete, brach über sie beide ein. Max Hände begannen so stark zu zittern, dass sie es nicht einmal mehr schaffte, sich an Chloes Jacke festzuhalten, ihre Hände rissen sich wie von selbst mit einem solchen Ruck los, dass sie sich sicher war, dass sie sich damit einen Nagel abgerissen hatte und es interessierte sie nicht und sie ließ die Arme fallen und hielt sie nah an ihren Seiten, um dem Zittern Einhalt zu bieten. Chloe blinzelte fest und ihre Tränen wurden vom Wind ferngetragen. Max meinte, sie in sich hinein schluchzen zu hören, konnte sich aber nicht sicher sein.

„Nein.“

„Max, hör zu-“

„Nein!“, wiederholte Max nun, ohne, dass sie darüber überhaupt nachdachte. Sie wusste nur eines, alles was Chloe hier im Moment vorschlug, war nichts, an dem sie interessiert war, zu hören.

Chloe griff nach ihr und Max wandte sich ab. Stand ihr nun nur noch seitlich zugedreht, mit genug Abstand, dass sie Chloe nicht als mehr als eine ausgewaschene Silhouette wahrnehmen konnte –in Sorge, dass sie sie, sollte sie sie in ihre Hände bekommen und anflehen, wie sie imstande war, zu tun, nachgeben würde. Denn sie konnte Chloe nichts abschlagen, wenn sie sie so darum bat, denn sie meinte es ernst, und das Schlimmste? Sie hatte recht. Zurückzugehen, sie zu… Chloe zu… Max‘ Hand ballte eine Faust um das kleine Polaroid-Bild, das Chloe ihr zwischen die Finger hatte wandern lassen. Das Bild von dem ersten Tag dieser Woche, als sie sie und Nathan in den Toilettenräumen überrascht hatte, kurz nachdem dieser Schnappschuss entstanden war. Es war der einzige Weg, all das hier ungeschehen zu machen.
Ein helles Licht blitzte am von schweren Gewitterwolken verdunkeltem Himmel in der Ferne auf und zog Max‘ Aufmerksamkeit auf sich. Und sie sah dem gigantischen Wirbel direkt entgegen.
Wow, dachte Max Geistesabwesend und ihre Gedanken gingen nicht darüber hinaus. Wie gewaltig dieser Tornado war, so übermäßig in seiner Größe, dass er ganz Arcadia Bay überschattete, auf das er sich stetig zubewegte, als würde jemand weit über den Wolken ihn an einem Silberfaden dahin führen. Noch glitt er über die stürmische, dunkle See hinab, sog Wasser in sich auf und wirbelte es im Kreis umher, als würde er eine Peitsche schwingen, sich vorbereitend, sie auf das Land vor ihm hinabkommen zu lassen und alles in seinem Weg zu zerstören. Würden Max und Chloe noch lange hier am Vorsprung vor dem Leuchtturm verweilen, würde er den Strand der Bay in wenigen Minuten erreichen, mutmaßte sie.
Max war, als würden ihr zwei Optionen vorgehalten werden. Sicher, sie könnte Chloe’s Entscheidung nachkommen, sie könnte das Bild des blauen Schmetterlings benutzen, in der Zeit zurückzugehen und alles ungeschehen machen. Oder sie könnte hier stehen und könnte von einem Sitz in der ersten Reihe aus zusehen, wie das Produkt ihrer Handlungen ein Haus nach dem nächsten aus dem Boden rupfte, wie Lilien im Frühling. Wie es alles zerstörte.
Und plötzlich wusste Max, was sie zu tun hatte.
Max formte diesen Gedanken geistesabwesend mit den Lippen, war sich nicht sicher, ob sie es laut gesagt hatte oder nicht, ging aber ohnehin nicht davon aus, dass Chloe es gehört hatte. Und dann streckte sie die Hand dem Sturm entgegen –und ließ das Foto los. Sie hörte Chloe entsetzt seitlich zu ihrer Selbst aufschreien und zu ihr springen, aber die Beiden konnten nun nur noch dabei zusehen, als der Wind das Foto wegsog, als hätte sie es dem Sturm als Opfergabe gegeben und in nur einem Augenblick verwandelte es sich zu einem kleinen Punkt weit entfernt und dann zu Nichts.

„Max, was tust du?“, Chloe stolperte fast über ihre eigenen Worte, so außer sich klang sie, “Das war unser- dein einziger Weg zurück!“

Max schüttelte den Kopf, ignorierte, dass sie mit einem Mal eine klitschnasse Strähne Haar im Gesicht kleben hatte.
„Nein, es gibt noch einen Weg.“

Und damit rückte sie ihre Umhängetasche nach vorne und wühlte darin für ein paar Sekunden, bevor sie zu fassen bekam, wonach sie gesucht hatte. Was gar nicht so einfach war, denn sie hatte kaum noch Gefühl in ihren ausgekühlten Fingern.
Chloe’s Mund fiel auf, als sie sah, was Max vorgebracht hatte und eine Vielzahl an Emotionen schwappte über ihr bleiches Gesicht.

„Wo hast du das her? Hast du das etwa behalten?“

Sie strich mit zwei Fingern über das Foto, als müsste sie sich versichern, dass es wirklich real und hier war und zuckte dann davor zurück, als hätte sie sich daran verbrannt, sich wahrscheinlich erinnern, woher es stammte. Oder von wem.

Max nickte. „Ich dachte, wenn wir zur Polizei gehen, dann könnten wir Beweise brauchen. Ich hatte ganz vergessen, dass ich es überhaupt noch habe, bis… bis jetzt.“

„Aber, was hast du damit vor?“ Chloes Augenbrauen zogen sich zusammen und sie riss den Blick von dem Objekt in Max‘ Hand weg, den Schmerz der Erinnerungen nicht weiter ertragen könnend.

„Ich werde tun, was ich am besten kann“, Max drehte das Foto in ihren Fingern, sodass sie dem Motiv nun im wahrsten Sinne des Wortes in die Augen sah, “ich werde in der Zeit zurück gehen und das alles gerade biegen… für uns alle.“

Max sprach die letzten Worte zu Rachel, deren intensiver Blick ein Loch direkt durch das Objektiv der Kamera, das in dem Bild auf sie gerichtet und in diese Dimension brannte.
Langsam verstand Chloe, worauf Max hinauswollte.

„Du hast noch nie versucht, mit einem Bild zwischen den Zeiten `rum zu springen, das du nicht gemacht hast und in dem du nicht bist. Hell, Max, dieses hier ist sogar entstanden, bevor du deine Kräfte bekommen hast. Wir können nicht wissen, was passiert.“

„Gibt es einen besseren Moment, das herauszufinden, als jetzt?“ Max sah auf und ein humorloses Lächeln hatte sich um ihre Mundwinkel gelegt. Sie hatte die Entscheidung bereits getroffen, es kam nicht mehr darauf an, was Chloe sagte, das realisierte ihr Gegenüber nun.

Für einen Moment herrschte Sprachlosigkeit in Max‘ Gegenüber, dann fand sie wieder zu sich.
„Denkst du denn, dass es funktionieren wird? Dass… dass du in dieser Realität endest? Mit.. ihr?“

Mit einem Mal war Chloes Stimme so sanft und unsicher, als hätte sie Angst, dass selbst die Anmaßung, es auszusprechen, alle Chancen hinwegblasen könnte.
Wie von selbst fand Max‘ kalte Hand Chloes. Sie strich mit dem Daumen über ihren Handrücken und drückte dann leicht zu.

„Ich bringe es alles in Ordnung. Ich verspreche es.“

Und wenn Max da nicht viel selbstsicherer geklungen hatte, als sie sich tatsächlich fühlte. Aber sie hatte nicht nur eine Show da gelegt, als sie Chloe signalisiert hatte, dass die Entscheidung für sie getroffen war. Es tat ihr nur leid, dass sie sie hier nun zurücklassen musste und sie tröstete sich mit dem Fakt, dass sie sich schneller wiedersehen würden, als es ihr lieb war. Bestimmt. Ein letztes Mal sah Max ihr in ihre blauen Augen, in denen derselbe Sturm tobte wie am Horizont und Chloe sah so herzzerreißend verloren aus, sodass Max letzten Endes simpel einen Atemzug ausstieß, einem Seufzen gleich.

„Fuck it.“

Und sie lehnte sich auf den Zehenspitzen nach vorne und legte eine Hand in Chloes Nacken, bevor sie sie zu sich hinunterzog. Chloe zeigte keinen Widerstand, als sich ihre Lippen schließlich trafen und es fühlte sich an, als würden sich zwei Magnete endlich finden. Und Max konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass sie ein Idiot war und das schon viel eher hätte tun sollen. Nicht erst, wenn sie beide im Inbegriff waren, zu sterben. Wie cheesy, wie aus einem alten Dramafilm, könnte Chloe sich aus einer Dritten-Personen-Perspektive sehen, würde sie es hassen. Max verharrte nur eine Sekunde länger, bevor sie sich zwang, zurückzutreten.
Sie sah, wie Chloe’s Lider flackerten und ihr Gesicht sich kaum auf eine Emotion einigen konnte.

„Wow, Max, wenn ich in der nächsten Realität nicht auch einen der Art bekomme, dann werde ich höchstpersönlich durch ein Wurmloch zu dir kommen und dir in den Arsch treten.“

Tatsächlich lachte Max auf, nur für eine Sekunde von Leichtherzigkeit. Und während Chloe, komplett neben sich weiter irgendetwas über Wurmlöcher und ihr allgemeines Unverständnis was Zeitreisen wirklich anging weiterredete, nahm Max sich das Foto vor und wandte sich ab. Schweren Herzens, aber es war leichter zu verschwinden, während Chloe noch das letzte High der jüngsten Ereignisse ritt und nicht mitbekam, was gleich passieren würde, als sie neben sich zu haben und ihre traurigen Augen im Rücken zu haben.
Max konzentrierte sich auf das Bild, musste es dem Sturm vor sich entgegenhalten, um das Licht der Blitze einzufangen und die Einzelheiten ausmachen zu können.

Rachel im Darkroom.
Natürlich musste das das Tor zur nächsten Dimension sein und kein anderes. Max‘ Blick wanderte von ihrem Gesicht –einem Gesicht, das sie nicht kannte und mit dem sie keine Erinnerungen verband und von dem ihre Kraft nichts ziehen konnte- zu der Ecke, in der sie kauerte. Ein Stück weißem Materials lugte aus der linken, unteren Ecke ins Bild und mit einem Mal wusste Max genau, wo Rachel da positioniert war. Es war die Ecke zwischen der hinteren Wand und dem Regal, in dem Jefferson die Akten aufbewahrte. Wenn sich das Layout des Raumes in den letzten sechs Monaten nicht drastisch verändert haben sollte, dann sollte zu Rachels linker Seite ein Scheinwerfer positioniert sein sollen und auch vor ihr (hinter Jefferson, korrigierte sie innerlich) und sie bemerkte, dass sie intuitiv richtig gelegen haben muss, denn ihr fotografisches Auge sagte ihr, dass das mit dem Winkel des Lichteinfalls zu Rachel übereinstimmte.
Und da spürte sie es. Das Kribbeln auf ihrer Haut, wie Regentropfen, die in Revers von ihr zurück in den Himmel gehoben wurden und die Leichtigkeit in ihrem Kopf. Fast hätte sie wieder ihren Fokus verloren, so überrumpelt war sie davon, dass ihre Kraft auf dieses Bild ansprang, mit dem sie selbst nichts zu tun hatte. Es musste der Raum sein, der Darkroom, in dem sie selbst in Rachels Platz gesessen hatte. Die Götter wussten, dass sie dahin nicht zurückgehen wollte, doch sie war gefestigt in ihrer Entscheidung, denn weder würde sie Chloe dem Schicksal opfern, noch würde sie zulassen, dass welche kosmischen Kräfte auch immer ihre Heimatstadt zerstören würden.
Max holte ein letztes Mal tief Luft, bemerkte nur nebenbei, dass sie nicht mehr die feuchte Regenluft atmete und, dass es sich anfühlte, als würde sie im Vakuum schweben. Die ganze Welt um sie herum verschwamm und da waren nur noch sie und das Bild. Sie und Rachel Amber. Sie und der Darkroom.











Max war im Darkroom.

Diese Erkenntnis traf sie, noch bevor sie sich physisch inmitten dessen vier Wänden wiederfand. Sie blinzelte, praktisch blind von dem Kontrast zwischen dem finsteren Himmel des Sturms, aus dem sie gerade gekommen war und den hell erleuchtenden Scheinwerfern, die sie hier empfingen. Für einen Moment blendeten sie sie so stark, dass in ihr die Panik aufstieg, sie wäre tatsächlich mitten in der Szene gelandet, die auf dem Bild abgebildet gewesen war. Max blinzelte einige Male, helle und kleine schwarze Punkte tanzten vor ihrem Auge, bevor sie sich langsam aber sicher auflösten. Max bemerkte, dass sie in schierer Panik in die Hocke gegangen war, als wollte sie sich klein machen und verschwinden und dann realisierte sie erst ihre Umgebung.
Graue Betonwände, geschmückt durch Bilder und Fotografien von Künstlern, dessen Namen sie noch nie in ihrem Leben gehört hatte und wohl auch nie kennen würde, die spärliche Möblierung, steril gemacht durch eine Plastikplane, die sich straff darüber spannte. Unzählige Gadgets und Equipment, dessen Preise sich in Dimensionen bewegen mussten, die Max sich nur erträumen konnte.
Und dann war da die Gestalt direkt vor ihr, kaum eine Handbreite entfernt von ihr. Wäre sie nur ein paar Zentimeter weiter vorne in die Szene gefallen, wäre sie direkt in den breiten, in ein schwarzes Leinenhemd gekleideten, Rücken gefallen, der Mark Jefferson angehörte.
Max fühlte, wie ihr das Blut in den Adern kalt lief und ihre Augen wurden größer und größer.  Noch hatte er sie nicht bemerkt, war ihre Präsenz auch erst vor wenigen Sekunden in diese Dimension eingedrungen. Doch Max würde es nicht darauf ankommen lassen.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und schien ihr auf die Zunge springen zu wollen –sollte sie dies zulassen, würde es sie sicher dazu veranlassen, an der Spitze ihrer Lungen zu schreien. Bei allen Göttern da draußen, wenn sie eines wusste, dann war es, dass sie dies das letzte Mal sein lassen würde, dass sie Jeffersons Gesicht sehen würde. Alleine der Akt, so nahe hinter ihm zu stehen und die gleiche abgestandene Luft zu atmen wie er, veranlasste sie dazu, verdammt kurz davor zu stehen, in eine Panikattacke zu verfallen. Und so bemühte Max sich gleichmäßig –und vor allem leise, zu atmen und tat einen experimentellen Schritt zurück. Hände gehoben, um ihr Gleichgewicht zu bewahren, nach vorne gebeugt, jetzt bloß keine falsche Bewegung- Doch bevor sie es wusste, verfing sich ihr Sneaker an einem Kabel und ein metallisches Kratzen zog sich am Boden entlang quer durch den Raum.
Nein, dachte Max, soweit lassen wir es noch nicht einmal kommen.

Nemmok Lamnie thcin hcon se riw nessal tiewos , xaM ethcad nieN
.muaR ned hcrud reuq gnaltne nedoB ma his goz neztarK sehcsillatem nie dnu lebaK menie na rekaenS rhi hcis gnifrev , etssuw se eis roveb hcoD

Max warf einen knappen Blick über die Schulter, sah die Leitungen und Kabeln und Wasnichtalles hinter sich und stellte sicher, dass sie den Fuß hoch genug hob, um still und heimlich darüber hinweg zu steigen. Soweit, sogut. Sie war nun bei dem Sofa angekommen und duckte sich dahinter, den Kopf gerade einmal zur Hälfte über den Rand hinwegblicken lassend.
Auch von diesem Winkel aus war das elaborierte Setup und Jeffersons Gestalt -die sich aller Vermutung nach über sein gewähltes Motiv beugte- alles, was sie erblicken konnte. Beide seiner Arme waren in einem Winkel gehalten, dass sie annahm, dass er eine Kamera halten musste, was ihr kaum einen Augenblick später mit dem Aufblitzen eines hellen Lichtes und eines Klickens bestätigt wurde.
Irgendetwas an dem Geräusch störte sie, es musste irgendein neumodisches Modell sein, von dem jemand Max‘ Einkommen sich nicht einmal theoretisch befassen müsste, denn so etwas hatte sie noch nie gehört. Es war nicht das übliche Klicken eines kleinen Hebels in der Kamera, eher klang es nach dem Brechen eines kleinen Knochens, wie dem Flügel eines Vogels.
Klick (Knack) Klick (Knack)
Zwei Bilder hintereinander und ein befriedigtes Hummen von dem dunkel gekleideten Mann. Max hörte, wie er etwas in sich hinein murmelte, das nach „Schnappschuss“ und „unvergleichbaren Augenblickes“ klang. Max zog die Augenbrauen zusammen, Lider verengt und den Mund zu einer feinen Linie zusammengepresst. Er sprach nicht so, wie er es auf dem Campus tat, wenn er unter sich war und seinem Wahn allen freien Lauf lassen konnte –was ihr bereits schmerzlich bewusstgeworden war, als sie vor wenigen Tagen selbst einen Ehrenplatz in diesem von allen guten Seelen verlassenen Raum gehabt hatte. Es war nichts weiter als eine perfektionierte Rolle, die er jahrelang eingeübt hatte; Mark Jefferson, angesehener Künstler, von allen geliebter Professor und Mitmensch. Was wusste sie schon, wie er sich wirklich nannte. Max schüttelte den Gedanken ab, fuhr sich durch die Haare, merkte dass ihr der Stress der Situation bereits den Schweiß an die Kopfhaut getrieben hatte.
Okay, Max, denk nach, was jetzt.
Sie nahm an, dass sie sich das nächstbeste Objekt schnappen und Jefferson über den Kopf ziehen könnte. Aber eigentlich gab es dafür nicht allzu viele Kandidaten; Die Scheinwerfer waren, so sehr sie sich auch gerne als Supermax To The Rescue sehen wollte, zu schwer für sie zu schwingen, sie könnte sie höchstens umwerfen (mit etwas Anlauf). Und ansonsten lagen in den Regalen nur Ordner herum, von denen sie anzweifelte, dass sie schwer genug waren, einen großgewachsenen Mann auszuknocken. Shit.
Max verlagerte nervös ihr Gewicht und entschied sich, aus dem bloßen Mangel an Ideen, zu warten, was die Szene hergeben würde.
Und sie bemerkte etwas on edge, dass Jefferson ihr unbewusst alle Sicht auf sein Motiv nahm. Hier und da sah sie, wovon sie dachte, dass es möglicherweise ein Arm oder ein Bein war, wenn er einen Schritt zur Seite tänzelte, um eine neue Perspektive einzufangen, doch von allem, was sie sehen konnte, konnte sie nicht sagen, in welchem Zustand sie sich befand.

„Eines muss ich dir sagen, babe.“, erhob Jefferson mit einem Mal seine Stimme und Max wäre beinahe umgeknöchelt, so unerwartet schallte seine tiefe Tonlage durch den Raum, „Ein Modell wie dich, sowas findet man nur einmal im Leben.“ Eine intentionelle Pause. „Wie absolut schade, dass ich dich nicht behalten kann.“

„Shithead.“, knurrte Max in ihre Handfläche, sich den Kommentar nicht verkneifen könnend.

Ein weiterer Klick und ein paar Hintergrundgeräusche. Jefferson tat etwas mit seiner Kamera, reviewte vermutlich ein paar der letzten Bilder, bevor er den Kopf abwägend hin und her schaukelte.

„‘Denke die letzte Dosis Tranquilizer hat dich etwas zu hart getroffen, du siehst auf den letzten Shots zu neben der Spur für meinen Geschmack aus. Wie wär’s, wenn wir dir etwas geben, worauf du dich konzentrieren kannst?“

Sobald Jefferson Anstalten machte, sich umzudrehen, tauchte Max hinter dem Sofa ab und fluchte innerlich darüber, dass ihre rasche Bewegung die Plastikplane zum Rascheln brachte, doch zum ersten Mal in dieser Woche schien sie tatsächliches Glück zu haben; Jefferson begann just in jenem Moment eine Melodie zu summen und überhörte sie. Trotzdem kniff Max zähneknirschend die Augen zusammen.
Jeffersons im Raum widerhallende Schritte führten ihn zu dem Regal und er stand ihr beinahe parallel entgegen. Max fühlte sich an das eine Mal erinnert, als sie in einem Film gehört hatte, dass reptile Dinosaurier einen nicht ausmachen konnten, wenn man sich nicht bewegte. Max wunderte sich instinktiv, ob das stimmte, und ob das auch auf psychopathische Professoren zutraf.
Dann stimmte der Radio im Regal eine Melodie an, die Max nicht kannte und altmodisch vorkam. Jefferson drehte an dem Gerät herum und stellte es auf lauter ein, bevor er die Kamera wiederaufnahm um sein Werk weiterzuführen.

The Inkspots. Kennst du nicht zufällig, oder?“ Und tatsächlich wartete er ein paar dramatische Sekunden, natürlich keine Antwort erwartend. „Na dann eben nicht.“

I don’t want to set the world on fire
I just want to start a flame in your heart


Max folgte seinen Bewegungen und kam langsam wieder aus ihrem Versteck heraus, sobald Jefferson ihr wieder seinen Rücken zugewandt hatte. Ihr Gehirn lief auf Hochtouren, während sie simultan versuchte, den alten 80er (60er? Möglicherweise sogar noch älteren) Song auszublenden. Sollte sie in der Zeit zurückgehen und die Chance nutzen, irgendetwas zu drehen, während Jefferson eine Arbeitspause mit dem Radio einlegte? Sie dachte und dachte nach, aber eigentlich änderte das nichts an der Lage, dass sich ihr nichts bat, mit dem sie arbeiten konnte. Wenn, dann standen ihre Chancen noch schlechter, denn Jefferson war direkt neben ihr gestanden. Eine Bewegung, und er könnte sie erwischen. Die Hand, bereits zum Akt gehoben, sank langsam zurück auf ihren Oberschenkel. Nein, das war nicht die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatte.
Max lugte erneut über ihr Versteck hinaus, observierte und ihr Blick blieb an dem metallischen Rolltisch hängen, auf dem Jefferson seine „Werkzeuge“ fein säuberlich ausgebreitet hatte. Verschiedene Mittelchen, in länglichen, schmalen Plastikgefäßen und abermals in Plastik eingehüllt, wie es aussah der Größe nach angeordnet. Und eine Spritze. Max schluckte im Wissen, dass es dieselbe war, die er an ihr benutzt hatte.
Aber das war etwas, womit sie arbeiten konnte, entschied sie, das war eine Waffe. So wie es aussah war sie aber leer, jeder Rest, der sich darin befand, konnte kaum gebräuchlich kommen. Also, schlussfolgerte sie, müsste sie einen Moment abpassen, in dem sie nicht nur an die Spritze selbst kam, sondern auch genug Zeit hatte, sie anzufüllen. Und sich an ihn anzuschleichen, denn überwältigen könnte sie ihn schwer.
Wenn das nicht ein Plan in vier verschiedenen Akten war. Und einer komplizierter als der andere. Nur war es leider nicht so, dass das Universum sie mit Optionen überhäufte, also nahm sie es so hin.
Und was das Universum ihr nicht an Optionen schenkte, gab es ihr wenigstens in glücklichem, linearen Ablauf, denn so geschah es, dass es plötzlich hinter ihr schrill klingelte –und Max wäre beinahe das Herz stehen geblieben.

I just wanna be the one you love

Doch in selbigem Moment erkannte sie das Klingeln wieder, das war der Klingelton Chloes Handy. Max wirbelte herum, sich im völlig falschen Film fühlend, bis sie den Ursprung des Geräuschs lokalisieren konnte und wusste, dass es sich dabei um das Handy auf Jeffersons Schreibtisch handelte; Allem Anschein nach demselben, das Chloe und sie in der anderen Dimension ausfindig gemacht hatten. Das musste also Rachels Telefon sein. Na wenn das kein Zufall war, dass die beiden ausgerechnet ihre Klingeltöne synchronisiert haben mussten. Max war so erfroren vor Schreck, noch gefangen im irrationalen Gedanken, dass Chloe aus welchem Grund auch immer hier unten im Darkroom sein sollte, dass sie glücklicherweise keinen Muskel rühren konnte, als Jefferson schnellen Schrittes an ihr vorbeieilte, scharf durch die Zähne zischend.

„Jesus Christ. Dein abgerissener Schlumpf von Freundin scheint aber auch überhaupt keine Ruhe geben zu wollen, huh?“, keifte er, offensichtlich irritiert, über den Raum hinweg, als er es auch schon zur Ursache des Lärms geschafft hatte.

(I just wanna be the one you love)

Max blinzelte. Blinzelte. Tat nicht viel außerhalb dieser minimalen Aktion. Er war ihr nun parallel gegenüber, in einer Distanz, die man leicht mit drei großen Schritten überwinden könnte. Und alleine dieser Fakt ließ ihre Füße so kalt werden, dass es eine Sekunde dauerte, bis sie sich ihres Planes entsinnen konnte und in Bewegung kam. Sie sah noch aus dem Augenwinkel, dass Jefferson das Handy anhob und mit erratischen Fingerbewegungen versuchte, die Schachtel zum Schweigen zu bringen, dabei stetig unter seinem Atem fluchend, während Max das Sofa umrundete.
Das Adrenalin rauschte in ihren Adern und feuerte sie dazu an, so schnell wie möglich zu dem Tablett auf dem Metalltisch zu gelangen und –bitte schnell, bitte schnell- zu tun, was sie tun musste, um aus diesem höllischen Lair wieder raus zu kommen. Und doch wurde sie mitten im Lauf gestoppt, als sie das armselige Bündel aus leblosen Gliedmaßen sah, das Rachel Amber war.
Im Hintergrund ihres Denkens registrierte sie, dass das das erste Mal war, dass sie dieses Mädchen, das fast zu einer Legende in Arcadia Bay geworden war –nichts, was irgendjemand in einer langen Zeit gehört oder gesehen hatte, aber von dem jeder wusste, was es war und das es, angeblich, einmal in Grandeur existiert gehabt habe- mit ihren eigenen Augen sah. Und der Gedanke drängte sich ihr auf, ob das wirklich die Rachel Amber war, von der ihr jeder in den höchsten Tönen vorgeschwärmt hatte. Von ihrer Schönheit und ihrer Eleganz und ihrer unglaublichen Aura, die sie umgab und mit der sie einen jeden Menschen in ihren Bann zog. Denn der Mensch, der hier vor ihr lag –leblos, als hätte man eine ungeliebte Puppe hingeworfen, mit wild zerzausten Haaren, die ihr ganzes bleiches Gesicht wie der gefächerte Flügel eines Vogels verdeckten- hatte nichts von allem. Max stockte der Atem, denn sie konnte sich bei diesem Anblick kaum sicher sein, ob sie tatsächlich noch am Leben war, oder sich nur am letzten Faden festhielt. Sie meinte zwar zu sehen, dass sich ihr Brustkorb kaum merklich expandierte und wieder in sich zusammenfiel, doch wer konnte das schon klar sagen, in dem einen Herzschlag, den sie sich gewährte, bevor sie den letzten Abstand zu dem Tisch überwand und auch schon die Spritze in ihren zittrigen Händen hielt. Sie stupste den Hohlraum mit dem Nagel an; Ja, wie erwartet, leer, bis auf den Rest klarer Flüssigkeit, die sich in den Ritzen des Bodens festgesetzt hatte. Max‘ Blick fiel auf den restlichen Inhalt des Tabletts. Dutzende von Flüssigkeiten in verschiedenen Behältern und kein einziges sagte ihr etwas und die lateinischen Namen, die darauf gedruckt waren, verschwammen zu Kauderwelsch vor ihren Augen. Ihr Atem beschleunigte sich.

„Ist da- Max Caulfield?“ Ertönte es plötzlich hinter ihr und Max wäre beinahe alles aus den Händen gefallen.

„Nein“, stieß sie aus und riss die ausgestreckte Handfläche nach oben.

.nebo hcan ehcälfdnaH etkcertsegsua ied ssir dnu sua eis ßeits ,“nieN“
.nellafeg nednäH ned sua sella ehanieB eräw xaM dnu rhi retnih hcilztölp se etnötrE „?DleifluaC xaM –Ad Tsi“ …

Ein scharfer Schmerz fuhr durch ihren Kopf, begann an der Wurzel ihres Genicks und schoss quer über ihre Schädeldecke hinweg zu ihrer Stirn. Max zuckte zusammen und beugte sich vornüber, als ein Schwall Blut direkt von ihrer Nase schoss und vereinzelte Bluttropfen auf das makellos gehaltene Tablett gesprüht wurden. Max presste eine Hand über ihre Nase, ihre Augen geweitet in Schrecken. Sie kannte das Nasenbluten, das war ihr bei Weitem nichts Neues, aber bisher hatte es sich immer auf ein Minimum gehalten. Was auch immer sie hier gerade losgelassen hatte, erinnerte sie an die Überbleibsel einer Mordszene. Im Klartext, so starke Auswirkungen hatte noch keine Zeitreise der ganzen Woche nach sich gezogen. Sie schlussfolgerte, dass es etwas damit zu tun hatte, dass sie in eine Realität und Zeit gereist war, mit der sie zu dessen Existenz nichts zu tun hatte. Während sie das noch feststellte, begann sich langsam, aber sicher, ein pulsierender Kopfschmerz in ihr auszubreiten.

And with your admission
That you feel the same
I could be the one you’re dreaming of


Shit, beeil dich, quengelte ihre innere Stimme ihr zu und Max fasste willkürlich eine Handvoll von wahllosen Inhalten, hielt sie näher an ihr Gesicht.
Benzodiazepine, Pentobarbital, Opium (Kokablätter-Residue), Lidocain,…
Nichts davon kam ihr auch nur minder bekannt vor, bis auf das Letzte, das meinte sie mal, beim Zahnarzt, oder dergleichen, gehört zu haben. Sie ließ es durch die zittrigen Finger gleiten, ignorierte, dass es auf dem Tablett schepperte und fand sich damit ab, dass sie sich damit wertvolle Sekunden Überlegungszeit verschenkt hatte.
Und das hier sah im fahlen Schatten, den sie über alles vor ihr warf, irgendwie pink aus, das konnte es nicht sein-

„Wa- Max Caulfield?“

„Shit“, presste Max hervor, wiederholte was sie vorhin getan hatte.

.ettah nateg nihrov eis saw etlohredeiw ,rovreh xaM etsserp, „tihS“
„?DleifluaC xaM –aW“
-nies thcin se etnnok saD, sua knip eiwdnegri ,fraw rhi rov sella rebü eis ned, nettshcS nelhaf mi has reih saD dnU ….

Max hustete, ihre Hand schnellte noch rauf zu ihrem Gesicht, aber da war es auch schon zu spät und ein weiterer spontaner Schwall an Blut sprühte quer über das Tablett hinweg. Bildete dieses Mal auch ein gesprenkeltes Muster auf der weißen Plane, die hier am Boden ausgelegt war. Max versuchte sich zusammen zu reißen, doch als sie im Versuch war, einen vorsichtigen Atemzug zu tun war es ihr, als würde sie an etwas in ihrer Luftröhre ersticken und sie hustete ein weiteres Mal auf. Schmeckte Blut in ihrem Mund, hustete kräftig in ihre Handfläche. Ihre Hand war nass und warme, rote Tropfen rannen, gemischt mit Angstschweiß, daran herunter.

„Caulfield?“

And with your admission
That you feel the same
I could be the one you’re dreaming of


„Shit, shit, shit. Fucking shit.“, Max Stimme kletterte in ihren Oktaven hoch.

Sie schnappte das erste Gefäß das sich ihr bat, zum Teufel, was es war. Stach die Nadel in die feine Haut, die dafür gemacht war, fingerte an der Spritze herum, im Versuch, die Flüssigkeit aufzuziehen.
Just in dem Moment, als sie dachte, dass sie es endlich hinbekommen hatte, packte sie plötzlich eine starke Hand am Ellbogen und riss ihren Arm mit so einem Ruck nach hinten, dass Max ihr ganzes Gleichgewicht verlor und mit nicht mehr Resistenz als einem nassen Kartoffelsack nach hinten gegen Jeffersons Brust fiel.

Believe me
I don’t want to set the world on fire


Sie spürte seinen Atem, wie er Luft holte, spürte noch, wie seine Brust sich hinter ihren Schulterblättern erweiterte, als er sich bereitmachte, etwas zu schreien. Doch Max war schneller und streckte die freie Hand nach vorne und fing den Moment ein, bevor er überhaupt beginnen konnte. Stoppte die Zeit unddnu tieZ eid etppotS.
.etnnok nennigeb tpuahrebü re roveb ,nie tnemoM ned gnif dnu enrov hcan dnaH eierf eid etkcerts dnu rellenhcs raw xaM hcoD.  Neierhcs uz sawte ,ethcam tiereb hcis re sla ,tretiewre nrettälbretrluhcS nerhi retnih hcan kc

Für einen Moment fühlte sich Max, als hätte sie in eine Steckdose gegriffen, so intensiv war der Schmerz, der ihren Körper durchzuckte. Einmal, dann noch einmal. Es war nicht wie die letzten Male, dass sie Blut weit über den Raum hustete, dieses Mal schien es alles so erdrückend in seiner Menge, dass Max der Atem wegblieb und sie mit zusammengekniffenen Augen und schmerzendem Kopf die Sekunden abwarten musste, als sich ein Rinnsal von ihrer Nase bis zu ihrem Kinn bildete und unaufhörlich begann zu tropfen. Auf ihr Shirt, auf Jeffersons Schuhe, der sie immer noch fest am Ellbogen gegriffen hatte, auf das weiße Laken. Max‘ Kopf drehte sich in Slow motion und Fast foward zugleich.

I don’t wa nt t o se t t he wor l d on fi r  e

Die Welt flackerte.
.etrekcalf tlEW eiD
Die Szene schien sich ein weiteres Mal abzuspielen.

Max hielt sich mit aller Kraft, die sie in ihrem desillusioniertem Zustand greifen konnte, an dieser Realität fest, nicht wissend, was passieren würde, wenn sie es nicht könnte. Und sie realisierte, das alles, was sie zu greifen bekam, die Spritze war, die sie in ihrer Faust so fest umklammerte, dass das Weiße ihrer Knöchel hervortrat.

I d o n ` t w a n t t o s e t t h e w o r l d o n f i r e

Max zwang Luft in ihre Lungen, ignorierte, dass sie dabei Blut wie Sauerstoff zugleich einatmete und rammte Jefferson dann mit mehr Verzweiflung als Muskelkraft den Ellbogen zwischen die Rippen. Die Finger, die sich zwischen ihr Fleisch und in die Einkerbungen ihrer Knochen gegraben hatten lockerten sich und Max wartete keine weitere Reaktion ihres ehemaligen Professors ab, wirbelte auf dem Absatz herum, fand ihr Gleichgewicht, indem sie sich an Jeffersons Brust abstützte-
Und rammte ihm die Spritze mit der anderen Hand bis zum Anschlag in den Hals.

I just want to start
A flame in your heart


Ihr und Jeffersons Gesicht waren kaum eine Handbreite voneinander entfernt und so konnte sie von nächster Nähe aus sehen, wie Jeffersons Augen in beinahe komischer Manier aus ihren Höhlen traten, wie selbst die Pupille sich verengte und zur Größe eines Nadelkopfes schrumpfte. Sie roch seinen Atem, der nach kaltem Kaffee und Pfefferminze roch, als sein Mund aufklappte und er gestockt einen Atemzug losließ. Die Art, wie sich alle Muskeln gleichzeitig in seinem Gesicht entspannten und sein Gehirn ihm die Realisation seines Schicksals darlegte, bevor er es selbst überhaupt begreifen konnte.
Und Max biss die Zähne so hart aufeinander, dass es wehtat und sie zog die Spritze mit einem Geräusch, das sie nicht anders als „fleischig“ benennen konnte, aus seinem Hals, nur um nochmals in den gleichen Punkt einzudringen. Ein Schaudern ging durch den Körper vor ihr und ein undeutbares Geräusch kam aus seiner Kehle. Er machte keine Anstalten, sie von sich zu drängen, als wüsste er unterschwellig, dass alle Versuche, die in diese Richtung gingen, ohnehin fruchtlos wären und hob stattdessen eine Hand zu seinem Hals. Max zog die Nadel heraus, begleitet von einem warmen Schwall aus der Arterie, die sie durchdrungen hatte, der sich just über ihre Hand ergoss und sich mit ihrem eigenen Blut vermischte. Während Jefferson mit einem glasigen Ausdruck der Panik auf seiner Mimik beide Handflächen auf die beiden Eintrittslöcher presste, was ihm nur minder, wenn überhaupt, half, trat Max ihm gegen die Knie und brachte ihn prompt zu fall. Der Körper schlug widerstandslos auf dem Boden auf, bevor er versuchte, sich auf Armen und Beinen aufzurichten.

„Eat shit and die.“, lallte Max in rauem Ton, ihn mit einem weiteren, gezielten Tritt ins Rückgrat direkt wieder flach auf den Boden befördernd.

Jefferson japste etwas in sich hinein, was bei Max nicht ankam, und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie auch kein Ohr für seine letzten Worte übrig. Ohne wirkliche Kontrolle über was sie tat, getrieben von nichts als Adrenalin und blankem Hass für diesen Mann, der all dies ins Laufen gebracht hatte, für diesen wahren Verursacher all dieses Leids, stürzte sie sich auf ihn und stach ein weiteres Mal zu. Und ein weiteres Mal. In seinen Hals, in seine Brust, in sein ganzes Gesicht, bis ihre Hände zu durchnässt und glitschig waren, dass ihr die Spritze durch die Finger rutschte und sie sie nach drei Versuchen, sie wieder aufzuheben, aufgab und mit der Schuhspitze von sich kickte. Max sackte, ein Bein über Jeffersons Oberkörper geschwungen, das andere auf dem Boden angewinkelt, in sich zusammen und versuchte, an Atem zu gelangen.
Die Welt um sie herum brauchte eine Weile, bis sie wieder Gestalt für sie annahm, so gefangen war Max in dem gewesen, was sie getan hatte. Good god, was hatte sie getan?
Ein einziger Blick durch halb geschlossene Lider reichte ihr auf das Spektakel, welches sich ihr bot und welches sie verursacht hatte. Mark Jeffersons Kehle bis hin zu seinem Augenpaar waren kaum wiedererkennbar, durchtränkt in Rot, das nicht aufhörte zu fließen und in einer Lacke in seinem Nacken zusammenlief. Das sein Hemd tränkte, das durchlöchert war, wie der Rest von ihm und zerfetzt war, wo sie mit der Nadel abgerutscht war und seine Haut simpel zerrissen hatte. Jefferson rührte keinen Muskel mehr, einzig und allein sein, in einem stummen Schmerzensschrei aufgerissener, Mund schloss sich Stück um Stück, jetzt, wo sich die Muskeln entspannten.
Max wandte den Blick ab. Hob das Bein an und kroch von dem toten Körper weg. Eins nach dem anderen.
Dann endlich, nach Minuten von nichts als ihren Herzrhythmus unter Kontrolle zu bekommen und kontrolliertem Atmen –und dem Versuch, stets der sich ausbreitenden Blutlache zu entkommen, indem sie Zentimeter um Zentimeter davonkroch- ersann sie sich dem Grund, weshalb sie überhaupt hier war.
Max‘ Kopf rückte zur Seite, zu der immerwährend reglosen Figur Rachel Amber, die so weggetreten war, dass es eigentlich ausgeschlossen war, dass sie irgendetwas von dem Schauspiel, das nur wenige Meter von ihrem tranquilisierten Körper gespielt hatte, mitbekommen hatte. Max richtete sich auf, sodass sie auf ihren Fersen saß und wischte erst einmal das Blut an den Oberschenkeln ihrer eigenen Jeans ab, so gut es eben ging. Dann erst stand sie auf wackeligen Beinen auf.
Die Welt fühlte sich plötzlich surreal still an.
Die Musik hatte aufgehört.
Max schniefte, war sich noch nicht einmal sicher, ob sie wirklich weinte, wollte sich mit ihren blutbesudelten Händen aber auch nicht über die Wangen fahren, um nachzusehen, ob da Spuren von Tränen waren. Stattdessen sprach sie sich innerlich Mut zu und klammerte sich an den Fakt, dass der schlimmste Teil nun vorbei war. Mark Jefferson war tot und würde auch nicht mehr zurückkommen, sie hatte es geschafft. Sie hatte es geschafft. Nun blieb nur noch eines zu tun.
Max Füße schleiften am Boden und beinahe wäre sie über eine Zerknitterung in der Plane gestolpert, doch sie schaffte es zu dem anderen Körper, zu der sie sich hinab kauerte. Max Lippen öffneten sich zu Wort. Und sie wusste mit einem Mal nicht, wie sie das Mädchen überhaupt ansprechen sollte. Als wäre alles, was sie sagen könnte, absurd und sie konnte noch nicht einmal einen klaren Grund ernennen, warum sie so fühlte. Schließlich erhob sie dann doch kratzend die Stimme.

„Rachel Amber?“

Weiß der Teufel warum sie sie bei ihrem ganzen Namen nannte. Rachels Lider, von denen sie erst jetzt merkte, dass sie die ganze Zeit über half geöffnet waren, schlossen sich quälend langsam in einem Blinzeln und öffneten sich dann wieder, als ihre Pupille sie fand. Ihre ganze Iris schien davon eingenommen zu sein und erschien dadurch durchgehend schwarz. Sie war high as shit auf welchem Zeug auch immer Jefferson ihr da verabreicht hatte.
Die leise Furcht breitete sich in Max aus, dass es zu spät sein könnte. Immerhin nahmen Chloe und sie an, dass es eine Überdosis war, die Rachel getötet hatte. Was, wenn Jefferson sie ihr bereits vor all dem verabreicht hatte? Würde sie jetzt hier sitzen müssen, mit allem was sie getan hatte, und Rachel dabei zusehen, wie ihr Körper gegen ein beschissenes Gift verliert? Die Möglichkeit, dass alles umsonst war und Max den entscheidenden Zeitpunkt verpasst hatte, ohne eine Chance gehabt zu haben, verschlimmerte die Kopfschmerzen, die immerwährend in ihrem Kopf pochten nur noch.
Max legte hilflos eine Hand auf die freie Haut zwischen dem Ärmel von Rachel’s Shirt und ihrem Oberarm, sie fühlte sich kalt an.

„Kannst du mich hören?“, fragte Max hilflos, ihre Stimme nur noch ein Raspeln, das von einem Kloß in ihrem Hals beinahe erstickt wurde.

Bitte lass es nicht umsonst gewesen sein. Bitte oh bitte.
Max Hand fuhr an Rachels aschfahler Haut entlang, bis zu ihrem Handgelenk. Sie notierte mental das Tattoo eines schwarzen Sterns, dessen Tinte verlaufen und dick aufgetragen war, von dem sie auf einem der Vermissten-Anzeigen gelesen hatte. Ganz außer Frage Chloes Werk. Max presste ihre eigenen kalten Finger gegen die Innenseite des Gelenks, suchte nach einem Puls. Fand ihn, wenn auch sehr schwach.

„Wer bist du?“, kam es von einer dünnen Stimme. Wären sie nicht die einzigen lebenden Seelen in dem Raum gewesen, hätte Max raten müssen, von wem sie kam, denn Rachel hatte augenscheinlich kaum die Kraft, die Lippen zu bewegen.

Doch, ein Lebenszeichen. Max stieß einen Atem aus, der fast wie ein Auflachen klang, ihre Mundwinkel zuckten.

„Thank god.“, brachte sie hervor und sah, wie Rachel minimal den Kopf drehte, jetzt, da die neue Person in ihrer Atmosphäre –die sie bis jetzt womöglich noch gar nicht wahrgenommen hatte- ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. „Ich bin Max. Ich bin… eine Freundin von Chloe.“

Max schlussfolgerte, dass das etwas sein würde, worauf Rachel anspringen würde. Und sie lag richtig, denn mit einem Mal kam Leben in den demobilisierten Körper. Ein Zucken durch all ihre Gliedmaßen und ihre Hand stemmte sich gegen den Boden, als wolle sie sich hier und jetzt aufraffen, aufzustehen.
„Chloe“, formten ihre Lippen.
Max nickte, erleichtert über so viele Sachen, doch hauptsächlich darüber, dass Rachel doch nicht mehr so rüberkam, als könnte sie durch einen Windzug getroffen den Löffel abgeben.

„Alles andere ist irrelevant –für jetzt. Jetzt müssen wir dich erst einmal hier rauskriegen.“

Max griff nach Rachels Hand und beugte sich dann über sie, um ihren Arm um ihre Schulter zu legen und griff dann mit der anderen um sie herum. Rachel war so dünn, dass es ihr nicht so viel abverlangte, wie angenommen, um sie hochzuheben und sie dachte daran, dass sie es vielleicht sogar hinkriegen würde, sie hier rauszutragen, wenn sie denn müsste. Doch auch wenn Rachel desillusioniert und geschwächt war fand sie ihren Weg auf ihre Beine und gestützt durch Max konnte sie auch auf diesen bleiben.

„Alles stabil so weit?“, fragte Max. Die Antwort konnte sie sich denken und vielleicht fragte sie auch nur nach, um Rachels Bewusstsein etwas zu geben, woran es sich festhalten konnte.

„Ich könnte mir zwar sämtliche Innereien auskotzen, aber ja“, bekam sie zurück. Okay, Rachel Amber ging es weitaus besser, als sie annahm.

„Das ist… gut. Denke ich.“, gab Max, wenig geistreich, zurück.

Sie setzten sich in Bewegung und Max gab ihr Bestes, keinen Schritt zu schnell zu machen, denn sie hatte die Wirkung der Tranquilizer am eigenen Leibe gespürt und konnte sich nur allzu gut ausmalen, wie sich Rachels Kopf und Magen anfühlen mussten. Denk, Lebensmittelvergiftung und Stufe 9 auf der Schmerzskala einer Migräne zugleich. Rachel aber schien eine Kämpferin zu sein und sie tat sogar einen Versuch nach dem anderen ihren Kopf zu heben, auch wenn ihr Kinn immer wieder schlaff auf ihre Brust fiel. Schließlich fand ihr blonder Schopf sich auf Max‘ Schulter wieder und der –wenn auch irrelevante, aber unwillkürliche- Gedanke drängte sich ihr auf, dass sich der Körper in ihrem Arm surreal anfühlte. Als sollte sie nicht existieren. Was in gewisser Weise ja auch korrekt war. Doch hier stand sie.
Max beugte sich vorsichtig über den Glastisch, der dekorativ vor dem Sofa positioniert war, und hob den Schlüsselbund davon auf. Der Manierismus war so fließend und selbstverständlich, obwohl Max nicht wusste, wann sie die Schlüssel dort überhaupt entdeckt hatte. Aber keine Zeit über all das mehr nachzudenken, sie hatte ein neues Objektiv. Sie musste nur noch Rachel hier rausbringen. Sie irgendwie aus diesem bescheuerten Schuppen hinaus in die Stadt befördern. Dann könnte sie sich dieser Dimension hoffentlich ergeben und sich von ihr ablösen. In irgendeiner neuen Realität enden, um die sie sich Sorgen machen würde, wenn es dazu kam.

„Du sagtest, dein Name ist Max?“, kam es von ihrer Seite, gerade, als Max den Schlüssel in der Tür umdrehte.

Angesprochene zog die Brauen zusammen, auf eine Antwort wartend, doch für einige Momente, war alles, was von der Anderen zu hören war, ein röchelndes Atmen.

„Du bist Chloes Kindheitsfreundin. Die, die sie verlassen hat.“

Max schlug die Augen nieder, die Zähne aufeinanderbeißend. Stieß die Tür auf.

„Ja. Die bin ich wohl.“

Grelles Tageslicht strömte ihnen von der offenen Luke am Ende der Treppe entgegen.
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