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Liebe ist wie warmer Apfelkuchen

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hannes Krabbe Regina Küppers
18.03.2021
04.05.2021
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38.194
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04.05.2021 4.194
 
Sie behielten die Verlobung für sich, aber Hannes bestand irgendwann auf Ringe und Regina fand das gar nicht so schlimm. Irgendwann gab sie nach, unter der Bedingung, die Neuigkeiten nicht an die große Glocke zu hängen, sondern die Kollegen einfach mit den Tatsachen zu konfrontieren. Ein Ring am Finger hatte immer etwas zu bedeuten.

Als die Ringe kamen, stießen sie mit Champagner darauf an und als Hannes ihr den Ring an die Linke Hand steckte, fühlte es sich gar nicht schlecht an. Sie schaute den schmalen silbernen Reifen aus Weißgold an ihrer linken Hand ein bisschen skeptisch an, dann grinste sie.

Am nächsten Tag bemühte Hannes sich geradezu, seine linke Hand zu verstecken. Auf der einen Seite war er stolz und freute sich so sehr darüber, jetzt auch nach außen zu zeigen, dass sie zusammengehörten, auf der anderen Seite war es ihm fast unangenehm.

Er konzentrierte sich auf seinen Monitor als Daniel aus der Küche kam.

“Moin Hannes” begrüßte er ihn und stellte seinen Kaffeebecher ab.

“Moin”, gab Hannes zurück und tat so als sei er ungemein beschäftigt.

Daniel fuhr seinen Rechner hoch und nippte an seinem Kaffee.

“Und? Was gibt es Neues?”, fragte er neugierig.

“Nichts nichts”, Hannes Antwort kam eine halbe Sekunde zu schnell und Daniel überlegte sofort, ob was im Busch war. Dafür kannte er Hannes einfach zu gut.

“Hannes, was ist los?”, fragte er schließlich neugierig. Hannes konnte ihm nichts vormachen, irgendwas war. Er wusste nur nicht, was. Normalerweise konnte Hannes doch kein Geheimnis für sich behalten.

“Nichts, nichts”, gab Hannes wieder zurück und gab sich ungewohnt geschäftig, konzentrierte sich auf die Akte, die vor ihm lag und tat sonst nichts weiter. Dann klingelte das Telefon und Hannes antwortete.

Der Anrufer hatte sich verwählt, so dass er gleich wieder auflegte. Der Ring an seiner Hand zog Daniels Aufmerksamkeit sofort auf sich. Daniel griff nach Hannes Hand und deutete auf den silbernen Ring.

“Hannes!” fragte er überrascht.

“Was?”, gab Hannes zurück und wich seinem Blick aus.

“Ihr habt Euch verlobt?”, fragte Daniel.

Hannes rollte mit den Augen und grinste schließlich.

“Jo”, sagte er. “Aber sie will nicht dass das hier breitgetreten wird”, fuhr er im Flüsterton fort.

Daniel nickte. “Das ist ja auch verständlich”

“Ich weiß”, entgegnete Hannes. “Ich bin ja auch nicht blöd”, fügte er hinzu.

“Auf jeden Fall Glückwunsch, Hannes”, Daniel grinste. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte seinen Kollegen umarmt.

Er fand es zwar ein bisschen früh, aber wo die Liebe hinfiel...außerdem hatte Hannes ja lange genug auf sie gewartet.

“Danke”, Hannes lächelte fast ein bisschen verlegen.

“Ich freu mich echt für Euch”, wiederholte sich Daniel und nahm einen Schluck aus seiner Tasse.

“Wofür freust Du Dich?”, Nina war plötzlich hinter ihm aufgetaucht, nahm ihm die Tasse aus der Hand und trank seinen Kaffee in einem Schluck leer.

“Tschuldigung, ich bin voll müde”, fuhr sie fort. “War ne lange Nacht”

Daniel schüttelte mit dem Kopf.

“Also worüber freust Du Dich?”, fragte sie neugierig und schaute von Daniel zu Hannes und wieder zurück.

Weder Daniel noch Hannes antworteten. Nina musterte Hannes und überlegte. Irgendwas war anders, aber sie konnte nicht so recht festmachen, was es war.

Dann blieb ihr Blick an seiner Hand hängen und sie blinzelte.

“Nee, echt jetzt, Dicker?”, fragte sie und grinste.

“Ja, echt”, wiederholte Hannes patzig und wusste nicht, was er antworten sollte. Von Nina fühlte er sich grundsätzlich in die Ecke gedrängt.

“Glückwunsch Hannes”, gratulierte sie ehrlich und klopfte ihm auf die Schulter.

“Danke”, sagte er erstaunt, so viel Nettigkeit hatte er von Nina gar nicht erwartet.

“Hast Du sie gezwungen oder geschwängert?”, Nina lachte laut auf , während Hannes die Augen rollte und Daniel sie maßregelte.

“Nina, bitte”, sagte er und schaute sie böse an.

“Jaja, sehr witzig”, murmelte Hannes und widmete sich wieder seiner Arbeit.

“Ich meinte ja nur”, fuhr Nina fort. “Ich freu mich für Dich”, lenkte sie schließlich ein und ließ sich an ihren Schreibtisch fallen.

Die Neuigkeiten machten schnell die Runde. So sehr sie auch versucht hatten, es geheim zu halten, Kollegen fragten schließlich doch nach dem Offensichtlichen. Nina hatte sogar schon angefragt, ob es eine Feier geben würde und Regina hatte es verneint, weil sie sich noch zu gut daran erinnern konnte, was bei der letzten Feier in der Wache passiert war. Selbst Dirk Matthies hatte ihr in einem ruhigen Moment gratuliert und seine Glückwünsche wirkten ehrlich. Mit Hannes hatte er das gleiche gemacht, wie sie später erfuhr. Sie seufzte glücklich und ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen, schaute durch die halboffenen Jalousien nach draußen und wechselte einen stillen Blick mit Hannes. Vielleicht klappte es ja doch.


***

3 Monate später

Hannes schaute aus dem Fenster und seufzte. Der Herbst kam mit großen Schritten und es würde nicht mehr lange dauern bis der Wind die Blätter von den Bäumen blies. Er hatte bald eine Woche Urlaub, im alten Land ging es so langsam mit der Apfelernte los und er freute sich darauf. Er half nach wie vor jedes Jahr auf dem Hof von seinen Eltern aus und es war immer wieder ein großer Spaß und eine schöne Abwechslung zum Polizeialltag. Er war eben doch vom Dorf. Er hatte Regina gefragt, ob sie ihn begleiten wollte, aber sie hatte abgelehnt. Sie konnte keinen Urlaub nehmen und überhaupt war sie sich nicht sicher, ob die Apfelernte etwas für sie war. Er konnte es sich sehr gut vorstellen, wie sie mit den anderen losgezogen, aber wenn sie nicht wollte, würde er sie nicht zwingen. Sie war eben doch manchmal ein Mädchen aus besserem Haus. Vor einiger Zeit war er mit ihr im alten Land gewesen, damit sie endlich seine Familie kennenlernen konnte und alle waren entzückt von ihr gewesen. Ihr hatte es dort auch gut gefallen und er konnte immer noch nicht so recht verstehen, warum sie nicht mitwollte.

Überhaupt schien sie sich in letzter Zeit  immer mehr zu entziehen, hatte schlechte Laune und war reizbar. Er suchte den Fehler bei sich, aber wusste nicht, was er falsch machte. Manchmal erkannte er sein Rübchen nicht wieder. Auch auf der Arbeit machte sie oft einen abgekämpften Eindruck, das war auch schon den anderen Kollegen aufgefallen und Daniel hatte vergangene Woche erst gesagt, dass sie dringend Urlaub brauchte. Aber Regina war eine Kämpfernatur und zeigte keine Schwäche. Stattdessen schleppte sie sich jeden Tag zur Arbeit, war appetitlos und schlief abends völlig übermüdet auf der Couch ein.

Sie hatte heute morgen einen Termin beim Polizeipräsidium. Eigentlich wollte sie sich nochmal auf seinem Handy melden, weil er vor ihr aus dem Hotel gegangen war, aber das hatte sie nicht getan.

Wo war eigentlich sein Handy? Er griff in seine Hosentasche, aber es war nicht da. Auf dem Schreibtisch lag es auch nicht. Er schaute Daniel verwirrt an.

“Ich such mein Handy” erklärte er aber Daniel zuckte mit den Schultern.

“Ich habs nicht” gab er zurück und konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm.

Hannes ging in die Küche und suchte in seinem Spind, seiner Jacke und seiner Hose danach, aber wurde nicht fündig. Er hatte es scheinbar heute morgen im Hotel liegen lassen. Er schloss die Augen und fluchte leise. Natürlich hatte sie auch seine Schreibtischnummer, aber ohne Handy fühlte er sich einfach nicht gut. Konnte ja auch Zuhause mal was sein. Er überlegte kurz und schaute auf die Uhr. Er würde einfach eine vorgezogene Mittagspause machen und schnell rüber ins Hotel laufen, schließlich konnte man es auch bequem zu Fuß erreichen.

“Ich bin gleich wieder da”, sagte er Daniel und meldete sich ab.

Draußen umfing ihn die kühle Luft. Er ging schnellen Schrittes weiter und versuchte nicht ins Grübeln zu geraten.

Er hatte das Hotel schnell erreicht und suchte in seiner Tasche nach der Karte, die sie ihm vor ein paar Monaten gegeben hatte. Er öffnete die Tür. Das Housekeeping war noch nicht da gewesen, aber Regina schon unterwegs zum Präsidium. Er überlegte, wo er sein Handy abends hingelegt hatte oder ob er heute morgen schon Nachrichten gecheckt hatte. Auf dem Schreibtisch lag es nicht, ebenso nicht auf der Fensterbank oder auf der Ablage. Hatte er es heute Morgen mit ins Bad genommen? Er schaltete das Licht im Badezimmer an und schaute sich suchend um, aber konnte das Handy nicht entdecken. Stattdessen blieb sein Blick an einem kleinen blau-weißen Plastikgegenstand auf der Ablage neben dem Waschbecken hängen, der irgendwie so gar nicht ins Bild passte. Er runzelte die Stirn und überlegte einen Augenblick. Er schluckte, denn plötzlich erkannte er, was es war. Ihm wurde heiß. In seinen Ohren rauschte es. Sein Herz raste und sein Mund war plötzlich ganz trocken, ihm wurde kurz schwarz vor Augen und er musste sich irgendwo festhalten.

Jetzt wurde auf einmal alles klarer, jetzt wusste er auch warum sie sich in der letzten Zeit so seltsam verhalten hatte. Aber warum hatte sie denn nichts gesagt? Schon bevor er einen Blick auf das Testfenster warf, wusste er das Ergebnis. Wenn er genau darüber nachdachte, wunderte es ihn nicht. Als er die Bestätigung hatte, holte er tief Luft und schaute sich im Spiegel an. Für einen Augenblick erkannte er sich nicht wieder. Er traf seinen eigenen Blick im Spiegel und hielt die Luft an. Seine Gedanken überschlugen sich. Sie nahm doch die Pille, hatte sie gesagt. Und jetzt war sie schwanger. Er würde Vater werden. Hannes Knie wurden weich und er musste sich am Waschbecken festhalten.

Wenig später hatte er sich wieder einigermaßen gefasst. Er hatte sein Handy unter ihrem Morgenmantel auf dem Stuhl gefunden. Er hatte keine Ahnung, wie es dahin gekommen war.

Bisher hatte sie sich noch nicht gemeldet. Hannes seufzte und fragte sich wieder, warum sie nicht mit ihm gesprochen hatte. Er löschte das Licht und schloss die Tür hinter sich. Der Weg zurück zur Wache erschien ihm viel länger als der Hinweg. Er brachte seine Jacke nach hinten und ließ sich auf seinen Stuhl fallen, atmete tief durch und schaute aus dem Fenster.

Daniel schaute Hannes erschrocken an. Sein Kollege war kreidebleich als hätte er draußen die apokalyptischen Reiter gesehen oder irgendwas in der Art.

“Hannes, ist alles in Ordnung?”, fragte er schließlich, aber Hannes reagierte nicht, so dass sich Daniel richtig Sorgen machte.

“Hannes, was ist los?”, fragte er und schnippte mit den Fingern vorm Gesicht seines Gegenübers.

Hannes reagierte immer noch nicht, was Daniel zunehmend besorgter wirken lies.

“Hannes komm, wir gehen mal eben frische Luft schnappen”, sagte Daniel und stand auf.

“Todde, kannst du mal bitte übernehmen?”, wandte er sich an seinen Kollegen.

Thorsten nickte und schaute Krabbe an.

“Was hat er denn?”, fragte er besorgt.

“Wenn ich das wüsste”, Daniel wusste auch nicht weiter. Hannes wirkte regelrecht katatonisch. Ob er einen RTW rufen sollte?

“Komm mal mit raus”, forderte er Krabbe auf. Dieser folgte ihm wie in Trance nach draußen.

Die frische Luft schien ihn zumindest ein bisschen wiederzubeleben.

“Hannes, was ist denn los?”, fragte Daniel besorgt.

Hannes überlegte, ob er mit Daniel teilen sollte, was er soeben erfahren hatte. Rübchen wäre das sicherlich nicht recht. Auf der anderen Seite hatte sie ihm nichts gesagt, was auch nicht fair war.

“Eigentlich sollte ich nicht mit Dir darüber reden”, sagte er zu Daniel.

Dieser rollte mit den Augen.

“Gut dann geh ich wieder rein”, Daniel wirkte verletzt.

Irgendwas hatte Hannes dermaßen durcheinander gebracht und er wollte nicht mit ihm darüber reden. Offensichtlich.

“Nein Daniel, bitte bleib”

Er drehte sich um.

“Na was ist los, Hannes, sag schon”

“Ich hab mein Handy im Hotel vergessen gehabt, bin nochmal zurück” , begann Hannes zu erzählen.

“Und dann war ich im Badezimmer, weil hätte da ja auch liegen können”, fuhr er fort.

Daniel nickte, aber wusste nicht, worauf er hinaus wollte. Viele Leute nahmen ihr Handy mit ins Badezimmer, das war sicherlich nichts besonderes.

“Naja und wie ich da so im Badezimmer gucke, liegt da auf der Ablage ´n Schwangerschaftstest”, berichtete er.

Daniel so scharf die Luft ein. Wenn der Test negativ gewesen wäre, wäre Hannes sicher nicht so durcheinander.

“Daniel, ich werd Vater!”, Hannes schluckte und wusste offensichtlich nicht, wo er hingucken sollte.

Daniel riss dennoch die Augen auf. “Hannes”, murmelte er, aber wurde wieder von Hannes unterbrochen.

“Aber sie hat echt nichts gesagt”, fuhr er fort und schaute Daniel fragend an.

“Naja”, Daniel überlegte. “Vielleicht wollte sie erst Gewissheit haben”, sagte er dann.

“Meinst Du echt?”

“Daniel zuckte mit den Achseln. “Naja, warum nicht?”  Er dachte nach. “Vielleicht hat sie das auch überrascht”

“Wolltet ihr denn?”, fragte er schließlich behutsam.

“Nein, wollten wir nicht”, gab Hannes zurück. Und eigentlich haben wir auch aufgepasst.

“Nur eben nicht genug”, entfuhr es Daniel und er erntete einen bösen Blick von Hannes.

“Vielleicht wollte sie erst ganz sicher sein, bevor sie mit dir spricht”, überlegte Daniel.

“Hmm” machte Hannes gedankenversunken.

“Und Du willst das Kind?”, fragte Daniel.

“Ich glaube schon”, Hannes dachte nach. “Wo ich herkomme betrachtet man Kinder als Geschenk, das ist das mit dem Wollen keine Frage”, sagte er leise.

Daniel seufzte und hoffte, dass die Küppers das genauso sah. Er hatte eine ganz andere Vermutung, warum sie noch nicht mit Hannes gesprochen hatte, aber das wollte er seinem Freund nicht sagen. Falls es so war, würde er mit dem Schmerz später noch klarkommen müssen. Er seufzte. Caro hatte auch nie Kinder gewollt und er hatte manchmal sehr darunter gelitten.

“Du … Du musst mit ihr sprechen wenn sie wieder da ist”, sagte Daniel und Hannes nickte.

“Daniel…?”

“Ja?”

“Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn sie das Kind nicht´ will”, sagte Hannes leise. Seine Stimme zitterte.

“Wart es doch erst mal ab”, Daniel versuchte, so optimistisch wie möglich zu klingen und hoffte, das Hannes nicht merkte, wie unsicher er war.

“Hmm”, Hannes verlor sich in Grübelei.  


Regina kam zwei Stunden später aus dem Polizeipräsidium. Sie war müde und abgespannt und die Sitzung dort mit ihren Vorgesetzten hatte sie einfach nur müde gemacht. Wenigstens wusste sie seit heute Morgen was es mit den Stimmungsschwankungen und der schwindenden Energie auf sich hatte, auch wenn es nur ein schwacher Trost war. Wie sollte sie das nur Hannes beibringen? Das, und die Tatsache, dass sie das Kind eigentlich gar nicht behalten wollte? Ein Kind passte nicht in ihr Konzept und sie war eigentlich auch schon viel zu alt dafür. Außerdem hatte sie eine Heidenangst. Sie hatte schließlich schon mal ein Kind verloren.
Und jetzt auch noch die Razzia. Sie stöhnte und massierte sich die Stirn.

Sie hatte sich gerade hinter ihren Schreibtisch gesetzt, als Hannes bei ihr in der Tür stand.

“Du, kann ich Dich mal sprechen?”, fragte er vorsichtig, aber sie schüttelte den Kopf.

“Jetzt ist es schlecht”, sagte sie ausweichend. “Aber ruf bitte das Team zusammen, wir haben in einer Stunde eine ungeplante Großrazzia auf dem Kiez”, erklärte sie sich.

Hannes fühlte sich zurückgewiesen, aber sie war die Chefin und er akzeptierte ihre Entscheidung.Ungeplante Razzien waren ein erheblicher Aufwand und so kurzfristig musste es etwas Großes sein.

Als kurze Zeit später das Team bei ihr im Büro versammelt war und sie ihre Mitarbeiter instruierte, musste sie mehrmals ein Gähnen unterdrücken. Sie teilte die Teams ein und entschied, dass nur Hannes und Daniel schirmer in der wache bleiben würden. Sie selbst würde mitfahren. Hannes holte tief Luft und  wollte ihr gerade  vor dem ganzen Team widersprechen, aber Daniel packte ihn am Ärmel und hielt ihn zurück.

“Jetzt ist nicht der richtige Augenblick”, murmelte er und Hannes nickte.

Sein Freund hatte recht.


Es dauerte nicht lange bis alle hektisch aufbrachen. Hannes stellte erschrocken fest, dass Regina sich wieder mal nicht im Geringsten um ihre Eigensicherung kümmerte. Sie trug keine schusssichere Weste, wie sie eigentlich hätte tragen sollen und gerade in dieser Situation fand er ihr Verhalten unverantwortlich.

Als alle anderen weg waren, sprang er von seinem Schreibtisch auf und ging in ihr Büro. Er schnaufte laut. Daniel folgte ihm, in der Hoffnung zu verhindern, dass er was Dummes tun würde.

Hannes machte sich nicht mal die Mühe die Tür hinter sich zu schließen, weil er wusste, dass Daniel ihm folgte. Das war ihm in diesem Moment aber auch egal. Er ging durch den Raum zu dem Schrank mit dem Tresor, in dem die Chefin ihre Dienstwaffe aufbewahrte. Er gab die Zahlenkombination ein und hörte Daniel hinter sich wimmern.

“Hannes, das kannst du doch jetzt nicht machen! Und überhaupt, woher kennst du die Kombination?”, fragte er aufgebracht.

“Die kenne ich schon sehr lange, lange bevor wir überhaupt zusammen waren”, antwortete Hannes und öffnete schließlich den Safe.

“Aber das geht doch nicht!”

Er schaute in den Safe und sah sofort ihre Dienstwaffe. Sie hatte sie nicht mitgenommen, trotzdem sie eine Razzia auf dem Kiez durchführte.

Er atmete tief durch und seine Mundwinkel verzogen sich merklich nach unten, als er den Tresor wieder schloss.

Daniel begegnete seinem Blick und zuckte mit den Achseln.

“Sie ist mit null Eigensicherung da raus. Und das in ihrem Zustand!” Sagte Hannes wütend. Seine Stimme klang traurig. Es reicht ja nicht, dass sie sich nicht um sich selbst kümmert, aber das… “

Er schaute zu Daniel, der seinem Blick auswich.

“Jetzt warte es doch mal ab, vielleicht hat sie es einfach vergessen”, sagte dieser.

“Das glaubst du doch selber nicht”

Daniel schaute in eine andere Richtung, er wollte jetzt nicht mit Hannes tauschen.


Die Razzia war erfolgreich und nach und nach trudelten die Kollegen mit einer gewissen Euphorie wieder in der Wach  ein. Sie hatten nicht nur illegale Waffen, sondern auch eine ganze Menge Kokain und andere bewusstseinserweiternde Substanzen sichergestellt. Morgen würde es sicherlich eine lobende Pressemitteilung geben.

Regina ging direkt in ihr Büro. Sie war stolz auf ihr Team und freute sich über den Erfolg, auf der anderen Seite überschattete etwas anderes ihren Enthusiasmus. Sie seufzte und goss sich ein Glas Wasser in das Glas auf ihrem Schreibtisch und leerte es in einem Zug. Sie hatte das Gefühl, ständig Durst zu haben.

Als es an der Tür klopfte, zuckte sie zusammen und drehte sich um. Es war Hannes. Sie lächelte ihn unverfänglich an.

Seinem Gesicht nach zu urteilen war er wütend. Und sie wusste nicht warum. Hannes war einer der sanftmütigsten Menschen, die sie kannte, und wenn er sauer war, musste etwas passiert sein. Sie schluckte. Ob er in der zwischenzeit im Hotel gewesen war? Ihr Herz schlug für einen Moment schneller. Sie schob den Gedanken beiseite. Was hätte er denn während seiner Schicht im Hotel machen sollen?

Langsam beruhigte sie sich wieder. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch während er sorgsam die Türen schloss und schließlich den Rolladen herunterließ.

Sie schluckte. Was sollte das werden? Sie schaute ihn fragend an.

“Hannes hat das nicht Zeit bis heute Abend? Ich hab jetzt keine…”, begann sie.

“Hat es nicht”, .unterbrach er sie und seine Stimme zitterte. Er überlegte, ob er sich hinsetzen sollte, aber entschied sich dagegen.

“Du warst heute auf ´ner Razzia. Ungesichert. Keine schusssichere Weste und Deine Dienstwaffe hast du auch nicht mitgenommen”,  warf er ihr vor.

“Woher weisst Du das mit der Dienstwaffe?; fragte sie überrascht.

Er zuckte mit den Schultern. Jetzt war es auch egal.

“Weil sie noch im Tresor liegt”

“Und wieso weisst du meine Tresorkombination?”,jetzt war sie sauer.

“Die hat mir Lothar seinerzeit noch gegeben”, antwortete er wahrheitsgemäß.

Sie machte ein vorwurfsvolles Geräusch.

“Rübchen,ich liebe Dich. Und ich guck mir nicht an, wie Du ungesichert in den Einsatz gehst”, seine Stimme wurde lauter und sie schluckte.

“Es tut mir leid, ich werde in Zukunft mehr darauf achten”, antwortete sie.

Hannes nickte. Er wirkte blass um die Nase und überlegte scheinbar, was er sagen sollte. Schließlich nahm er seinen ganzen Mut zusammen und blickte sie an.

“Dass Du Dich selber in Gefahr bringst ist eine Sache”, begann er ernst. “Aber daß Du das Kind in Dir auch in Gefahr bringst, ist eine andere”  

Überraschung flackerte in ihrem Blick auf und sie schaute ihn fragend an. Wie konnte er das wissen? Sie zoge fragend eine Augenbraue hoch.

“Ich hatte heute morgen mein Handy vergessen und musste nochmal zurück”, berichtete er  entschuldigend und zuckte die Achseln. “Da hab ich den Test gesehen.” Er machte eine Pause.  
“Ich finde nicht gut, was Du da abziehst, Regina”, sagte er ehrlich und mahlte mit dem Kiefer.

Sie wich seinem Blick aus und konzentrierte sich auf einen Stift auf ihrem Schreibtisch.

“Warum hast Du denn nichts gesagt?”, fragte Hannes schließlich.

Sie seufzte. Lügen würde nichts bringen, das wusste sie, dafür kannte er sie zu gut.

“Weil ich es nicht will”,  antwortete sie in die Stille und Hannes schnappte nach Luft.

“Wie jetzt?”, fragte er und schaute sie mit grossen Augen an.

Sie schluckte. Sie hatte gehofft, diese Unterhaltung noch etwas verschieben zu können um mehr Argumente zu sammeln. Ein Teil von ihr hatte darüber nachgedacht, es ihm gar nicht zu sagen. Er hätte es nicht mal mitbekommen,wenn sie den Test nicht offen herumliegengelassen hätte.

“Was willst du damit sagen?” fragte Hannes nochmal, seine Stimme klang merkwürdig gefühllos.

“Das ich  das Kind nicht will” sie schob trotzig das Kinn vor.

“Aber Kinder sind Geschenke Gottes” sagte Hannes enttäuscht.

“Ich will aber kein Geschenk, nur weil ich in Travemünde die Pille vergessen habe”,  antwortete sie leise.

Hannes hob den Kopf und ein zaghaftes Grinsen huschte über sein Gesicht
“Da ist das passiert?”, fragte er und sie nickte kaum merklich.

“Hannes ich bin über 40, für Kinder ist es einfach zu spät. Ich will das alles nicht mehr und ich will mich auch nicht in meinem Leben einschränken müssen”,  fuhr sie fort und wich seinem Blick aus.

“Das kannst du doch nicht machen!” Er schnaufte wütend. “Du kannst doch nicht einfach unser Kind abtreiben!”

Er wusste nicht was er sagen sollte, aber breitete sich Verzweiflung in ihm aus.

Es ist meine Entscheidung”, sie seufzte und bemühte sich ruhig zu bleiben. Sein Anblick tat ihr weh und sie hätte ihn in diesem Moment so gerne in den Arm genommen und getröstet.

Hannes holte tief Luft. “Ich mag ja vom Dorf kommen, aber weißt Du..”, er suchte nach den richtigen Worten. “Bei uns ist jedes Kind willkommen, ich hab so viele Cousins und Cousinen und wir waren früher so viele Kinder und es war immer schön, ist es heute noch. Man macht Kinder nicht einfach weg, nur weil sie einem nicht in den Kram passen”, er machte eine weitere Pause. “Und ich liebe Dich”

Regina schloss die Augen und kämpfte gegen die Tränen an. Sie hatte sich das alles gut überlegt, aber jetzt wo er sie mit allem konfrontierte ware es nicht so einfach, wie sie angenommen hatte.

“Ich hab schon einen Termin”, sagte sie und kniff die Lippen zusammen.

“Regina, das kannst du doch nicht machen”, Hannes kämpfte verzweifelt mit den Tränen

“Ich… ,“sie überlegte, ob sie es ihm sagen sollte. “Ich hatte schon eine Fehlgeburt, ich will das nicht nochmal durchstehen müssen”, sie schaute zur Decke um die Tränen zurückzuhalten.  

“Aber ich bin doch bei Dir”, Hannes wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Sie schien vernünftigen Argumenten gar nicht zugänglich zu sein “Aber das ist doch kein Grund…” er überlegte und suchte nach Gegenargumenten.

“Das heißt doch nicht, dass es jetzt auch schief geht.”

Er seufzte und war selbst den Tränen nah. “ Regina ich möchte Vater werden. Und das ist doch aus Liebe passiert”, stammelte er. “Gib uns doch diese Chance”, er bettelte fast, aber sie schüttelte mit dem Kopf.

“Und wenn ich dich jetzt heirate?”, fragte er und setzte noch mal alles auf eine Karte.

“Hannes, wenn wir heiraten, dann müssten wir dich auf ein anderes Revier versetzen lassen”, erklärt sie ihm und ihre Stimme zitterte.” Das Polizeipräsidium würde sich das nicht lange ansehen, wenn wir gemeinsam auf einer Dienststelle wären”

Er wurde blass.

“Und was wäre das PK14 denn ohne Dich?”, sie blinzelte und die erste Träne lief ihr über die Wange

Hannes schüttelte den Kopf.

“Aber das ist mir doch für unser Glück egal. Ich kann überall arbeiten. “

“Und was ist mit den Kollegen und Herrn Schirmer? Du würdest sie doch alle vermissen und dann wärst Du am Ende nicht mehr du selbst”, flüsterte sie.

“Aber das kannst Du doch gar nicht entscheiden” Hannes war verzweifelt und wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Er verstand die Frau, die er liebte plötzlich nicht mehr und fühlte sich zurückgewiesen. Sie wollte sein Kind nicht. Der Schmerz zerriss ihn innerlich fast.

“Hannes meine Entscheidung steht”, sie sagte nicht mehr und suchte seinen Blick und hoffte, er würde sie verstehen.

Er atmete tief ein und schaute ihr tief in die Augen.

“Ist das dein letztes Wort?”

Sie nickte

“Wenn das so ist, ist das hier mein letztes Wort”, er zog sich langsam den Ring vom Finger und legte ihn ihr auf ihren Schreibtisch.

“Es tut mir leid, aber Du lässt mir keine Wahl”, sagte er schließlich, drehte sich um und ging nach draußen.

Regina schaute ihm nach und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. In dem Augenblick, in dem er die Tür hinter sich zuknallte, zuckte sie zusammen und ließ den Tränen freien Lauf.
Vielleicht wollten sie einfach mehr als sie hatten.

[Anm:  Das hier sollte eigentlich das letzte Kapitel werden. Ich hab lange überlegt, wie ich die Geschichte enden lassen soll und ob es ein Happy End gibt.  Soweit bin ich gekommen. Ich wünsche Euch trotzdem viel Spaß beim Lesen …]
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