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Total ehrliches Tagebuch einer...

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
17.03.2021
24.04.2021
13
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29.03.2021 1.249
 
26.März 2021



Total ehrliches Tagebuch einer Spielplatz-Gängerin,



ja, ihr habt richtig gehört. Spielplatz. Wie alt bin ich inzwischen? Zu alt. Naja, zumindest zu alt für den Spielplatz. Der Spielplatz in meinem Dorf hat ja formal gesehen eine Altersbegrenzung bis 12 Jahre (da fängt ja bekannterweise bei den meisten Menschen der Drogenkonsum an), weshalb ich mich wirklich nicht wundern sollte, warum ich mir auf der Schaukel die Hüfte einquetsche. Oder warum die Seile am Kletternetz sich bis zum Boden hinunterbiegen, wenn ich versuche, mich hinaufzuhangeln. Dieser Vandalismus war in keinster Weise beabsichtigt, aber so ist das nun mal, wenn man seine kleine Cousine bespaßen muss. Oder es einfach macht um in der Zukunft in ihren guten Büchern zu stehen. Oder weil man im Moment nicht wirklich Freunde im Ort hat, nachdem die eine Person, mit der man vorher gut ausgekommen ist, dir nach circa fünf Jahren stechender Offensichtlichkeit ihre Liebe gesteht und du das einfach nicht erwidern kannst, weil du nichts für diesen Menschen fühlst. Die Person ist heute sogar am Spielplatz vorbei gejoggt, naja, spaziert, und hat dann, sobald sie mich gesehen hat, wieder volle Fahrt aufgenommen. Ich frage mich ob die Person mich jetzt hasst, aber ich traue mich nicht, es anzusprechen, weil ich ihr keine unnötige Hoffnung machen will. Man kann sich ja auch nicht in eine Beziehung zwingen lassen, wenn man selbst nichts fühlt.

Aber zurück zum Spielplatz. Ich habe also meine Cousine bespaßt und noch ein paar Extra-Kinder (so läuft das auf dem Spielplatz; Rudelbildung) haben mitgespielt und dann hat mein kleiner Bruder unverhofft einem Mädchen seine Liebe gestanden, obwohl er doch schon eine Freundin in seiner Klasse hat. Wahnsinn, wie es zugeht auf dem Spielplatz. Intrigen. Romantik. Und Action. Meine Cousine war so ziemlich die Jüngste, deswegen fielen solche Spiele wie Fangen weg (UNFAIR), und nach drei Runden Verstecken, hatten wir so ziemlich jede Möglichkeit dazu auf dem Spielplatz ausgeschöpft. Am Ende habe ich einfach die Arme eng angelegt und mich hinter einen Baum gestellt.

Ich fühle mich immer ein bisschen merkwürdig, wenn ich da mit den jüngeren Kindern spiele, weil ja dann andere Leute denken, dass ich selbst keine Freunde habe und wenn das nicht wahr wäre, würde es mich vermutlich auch nicht so stören. Ein Mädchen hat mich zweimal gefragt, ob ich denn einen „Boyfriend“ hätte und natürlich habe ich keinen, also war sie ein bisschen enttäuscht. Sie hat dann mir von den Liebesbriefchen erzählt, die sie in der Schule an ihrem Platz gefunden hat und ich musste zurückdenken an die guten alten Zeiten, in denen ich in der Grundschule und viele Jahre danach in Blond&Blau-äugig Nr.1 verliebt gewesen bin und die Welt noch in Ordnung war.

Dann hat sie mir noch von ihrem Beef mir ihrer BFF erzählt, die ja anscheinend auf TikTok ein Video hochgeladen hat, in der sie jemand anderen als sie zu ihrer BFF ernannt hatte und dass es jetzt zwischen den beiden aus war. Ich weiß was TikTok ist, weil meine kleine Schwester darauf herumhängt, aber selbst benutze ich es nicht und jetzt erzählt mir diese 10-Jährige von ihren zwei Accounts und davon, wie viele Follower oder Abonnenten - oder was weiß ich - sie auf der App hatte. Mehr als ich definitiv jemals auf irgendeiner App hatte oder haben werde, soviel steht schonmal fest. Ich frage mich auch manchmal, ob ich mein simples Leben auf irgendeiner Plattform teilen sollte, aber bisher habe ich mich dazu noch nicht überwinden können, beziehungsweise, ich glaube nicht wirklich, dass es irgendwen interessieren würde, außer vielleicht meinen Opa, der hat nämlich auch Instagram. Ein anderer Grund könnte sein, dass ich mich selbst auf Fotos einfach nicht leiden kann, aber das ist eine Sache, an der ich gerade arbeite.

Love yourself, ihr wisst ja, wie das ist.  Und ich will das wirklich auch einmal von mir sagen können und mich und mein Gesicht und meinen Körper komplett so akzeptieren, wie er ist, aber leider ziehen mich Kleinigkeiten, wie z.B. das Bisschen Hornhaut an meiner Zehe oder die Abwesenheit eines Sixpacks total herunter, weil ich einfach, in der Tiefe meines Herzens, so hübsch und perfekt sein will, wie mir die anderen Mädchen leider vorkommen. Ich habe heute ein Video zu dem Thema gesehen und mal wieder festgestellt, dass meine inneren Glaubenssätze schuld an meiner ganzen Pseudo-Misere sind und ich einfach lernen muss, dass ich nicht nur geliebt werden kann, wenn ich mich verstelle, oder dass ich nicht weniger wert bin, wie jeder andere. Ich bin wertvoll und ich verdiene es geliebt zu werden, so wie ich bin.

Anscheinend erfordert es besonderer, stetiger Wiederholung dieser neuen Glaubenssätze, damit sie die Anderen irgendwann vollständig ersetzen können. So viel Aufwand, nur um sich ein klein wenig besser fühlen zu können, denke ich mir da jedes Mal, aber im Endeffekt das Einzige, was man tun kann. Man kann so viel Sport machen, wie man will, und so gesund essen, dass das Grünzeug einem zu den Ohren wieder herauskommt, und so kann man vielleicht seine Traumfigur erhalten, aber trotzdem hat man immer noch diese struppigen Haare, die schiefen Zehen und die Akne-Narben, weil man früher (und jetzt immer noch ein bisschen) immer seine Pickel ausgedrückt hat. Ich hasse, dass ich damit je angefangen habe. Meine kleine Schwester hatte genau so schlimme Haut wie ich, aber sie hat nie an den Entzündungen herumgedrückt und deswegen sind ihre Schultern und ihr Ausschnitt heute schön und glatt und meine hässlich fleckig. Ich sage mir zwar immer, dass das nichts Schlimmes ist, aber ich schäme mich trotzdem dafür, dass ich jetzt so aussehe, wo mir doch meine Eltern immer gesagt haben, dass ich damit aufhören soll, weil ich sonst Narben bekomme. Sie haben mich jedenfalls nicht angelogen und jetzt haben wir den Salat.

Genug von meinem Selbstmitleid, denn im Leben kommt man ja leider nicht weiter, wenn man sich immer nur beschwert. Ich creme mich jetzt jeden Morgen mit einer Anti-Akne-Creme ein, weil das immer noch nicht ganz vorbei ist und irgendwann besorge ich mir noch eine, die die Narben blasser wirken lässt. Ich habe (jetzt wo ich volljährig bin) auch schon überlegt mich einfach an den Schultern tätowieren zu lassen, aber ich weiß nicht, ob das zu mir passen würde, beziehungsweise, ich das wirklich will. Vermutlich eher nicht. Aber das ist natürlich auch nur so eine Sache, die ich mir sage, so, Cagan, du würdest dir doch nie ein Tattoo stechen lassen, das schaut doch irgendwann hässlich aus, aber eigentlich ist das ja sowas von egal, denn man lebt eh nur knapp ein Jahrhundert und dann muss sich niemand mehr dein hässliches, altersbleiches Tattoo ansehen. Werde ich also irgendwann so radikal sein und mir eins stechen lassen? Man weiß ja nie. Meine Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeißelt und mein eigenes Potenzial kenne ich noch gar nicht.

Ich beende meinen Eintrag auf diesen positiven Gedanken hin, denn das passiert ja eher selten, hier bei „Total ehrliches Tagebuch einer…“

Gotta go, buffalo!



Empfehlung des Tages: Wenn ihr ein Problem habt, dann schreibt E-Mails, oder noch besser, ruft einfach an. Das musste ich in der letzten Zeit selber lernen, mit dem ganzen BAföG und dem Anmelden fürs Studieren und meinem 450€-Job. Es ist so viel schneller und einfacher, als sich irgendwelche Infos mühselig von Seiten wie Gute-Frage.de zusammenzusuchen, wo es doch eine Person gibt, die dafür bezahlt wird, Fragen zu beantworten. Ist vielleicht eher etwas für jüngere Leute. Nur die (mich eingeschlossen) sind so anruf-scheu.
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