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Total ehrliches Tagebuch einer...

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
17.03.2021
10.08.2021
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18.03.2021 984
 
18.März 2021

Total ehrliches Tagebuch einer Zuckersüchtigen,

es ist noch relativ früh heute, aber ich habe den Morgen damit zugebracht mir einen Podcast über Animes anzuhören. Dabei finde ich Animes nicht mal so super. Hab vielleicht zwei oder drei angeguckt. Und generell bin ich eh immer der Meinung, dass ich mit Serien meine Zeit verschwende. Naja. Dann lungere ich eben zwei Stunden auf Youtube herum. Ob das in irgendeiner Hinsicht sinnvoller ist, weiß ich nicht, aber ich bezweifle es.

Thema heute: Intermittierendes Fasten, oder Intermittend Fasting, wie es die ganzen coolen Fitness-Gurus auf Youtube nennen. Ich muss gestehen, dass ich die Sache schon mal eine Weile lang in der zehnten Klasse ausprobiert habe und dass ich es wohl nicht richtig gemacht hatte, weil ich tatsächlich so etwas wie eine Angst vor dem Nachmittag, an dem ich laut meinem 16/8 – Stundenfenster nichts essen wollte/sollte, entwickelt habe. Natürlich wollte ich essen. Aber dann habe ich die Zeit nach der Schule und dem Mittagessen damit verbracht, alle fünf Minuten nach dem aufkommenden Hunger in meinem Magen zu fühlen und dachte dann manchmal schon eine halbe Stunde nach einem fetten Stück Nudelauflauf, dass ich wieder Hunger hatte. Wobei ich mir sehr sicher bin, dass das nicht der Fall war. Ich hatte mich nur selbst in eine merkwürdige Gedankenspirale gedrängt, in der ich die ganze Zeit nur noch daran denken konnte, dass ich jetzt nicht und bis zum nächsten Morgen nichts essen durfte, weil ich ja sonst nicht auf die heilsamen, supertollen 16 Stunden Fasten kommen konnte, die laut Internet die besten, gesundheitsfördernden Effekte auf mich und meinen Körper haben sollte.

Die einzigen Effekte, die ich während meiner Periode des IF erfahren habe, waren schlechte Laune, mit schlimmem Hunger ins Bett gehen und schließlich, an Tagen, an denen meine Disziplin etwas nachließ, gnadenlose Fressattacken.

Um ganz ehrlich zu sein, war der einzige Grund dafür, dass ich mich sicherlich zwei Monate damit herumgeschlagen habe, der, dass ich abnehmen wollte. Wie jedes junge Mädchen mit schwankendem Selbstbewusstsein und einem Körper, für dessen Form man sich zeitweise schämte. Und bis heute habe ich nicht die Figur meiner Träume, aber als dick würde ich mich jetzt auch nicht bezeichnen. Naja, das hängt von meiner Laune ab. Also: Heute würde ich mich nicht als dick bezeichnen.

Die Sache ist die, dass ich das mit dem Intermittend Fasting jetzt, circa 2,5 Jahre später noch einmal ausprobiert habe, immer noch größtenteils aus den fragwürdigen, selben Gründen, aber diesmal mit einem anderen Zeitfenster. Jetzt also die erste Mahlzeit um 12, Mittagessen also, und dann darf ich essen, bis es acht Uhr abends ist. Daran bin ich gestern auch gescheitert, aber bei Weitem nicht so katastrophal wie damals. Nur eine Schüssel Cornflakes um halb neun, keine Tafel Schokolade oder eine Tüte Chips wie früher mal. Man kann also sagen, dass ich mich etwas besser unter Kontrolle habe und etwas netter zu mir selber geworden bin. Und das ist schon mal eine Entwicklung mit der ich im Moment zumindest zufrieden sein kann.

Als gebildete Frau in der Blüte meiner Jugend sollte ich mich natürlich fragen, warum ich eigentlich abnehmen möchte und ob meine Unzufriedenheit mit meiner Figur nicht daher kommt, dass mir mein ganzes Leben lang unbewusst Schönheitsstandards eingeflüstert worden waren. Das ist sehr gut möglich. Wenn jede Frau genauso aussehen würde, wie ich, dann hätte ich sicher kein Problem mit meiner Figur. Ein solches Szenario ist allerdings Wunschdenken, da nun mal jeder Mensch einzigartig ist und es immer jemanden gibt, der sportlicher, schlanker und attraktiver ist als du. Das ist eine Tatsache, die man natürlich akzeptieren muss, was jedoch nicht heißt, dass es jeder tut. Wenn ich immer dem nächsten Diet-Trend hinterherjage, dann verleugne ich wohl offensichtlich, dass ich mich vielleicht zuerst einmal meinen Gefühlen stellen und das Verhältnis zu meinem eigenen Körper von tief drinnen her ergründen sollte. Denn eigentlich ist ja grundsätzlich nichts falsch mit mir und ich habe keine Einschränkungen oder Handicaps. Leute mit zertrümmerter Wirbelsäule träumen davon Beine zu haben, die sich wie Meine bewegen, nämlich überhaupt, und jemand, dem ein Arm amputiert worden ist, würde niemals darüber jammern, dass ihm sein anderer Arm nicht gut oder hübsch genug ist.

Man sollte, nein, ich sollte also lieber zufrieden mit dem sein was ich habe, wenn nicht sogar unendlich dankbar. Aber dann sehe ich ein Mädchen mit schönen langen Beinen und einem flachen, gestrafften Bauch in engen Jeans und einem wenig verhüllenden Top vorbeilaufen und denke mir wieder, WOW, so gut könnte ich nie aussehen, nicht mal, wenn ich mir 2 Tonnen Schminke ins Gesicht klatschte und meinen Bauch einziehe.

Es ist also alles eine Frage der Perspektive und dem Verhältnis, das man zu sich selbst hat. Im Zuge meines bald beginnenden Studiums habe ich natürlich auch schon ein paar Profilbilder meiner Kommilitoninnen auf Whats-App erblickt… und muss zugeben, dass die nicht dabei helfen mich im Bezug auf das alles besser in meiner eigenen Haut zu fühlen. Die Mädchen, die ich da sehe, sind also schlau und hübsch und der Art nach, wie sie sich auf ihren Profilbildern in Pose werfen auch noch selbstbewusst. Wow. Und mit denen werde ich zusammen studieren? Naja. Diese Frage tritt dann meistens eine weitere Lawine an Selbstzweifeln los, die bei mir ja sowieso permanent einen Wohnblock in meinem Hirn besetzen. Keine schönen Gedanken also. Ich finde es auch nicht okay, dass ich mich grundsätzlich immer hässlicher finde, als jedes andere Mädchen. Aber im Moment ist mein Denken in der Hinsicht einfach nur festgefahren. Ich muss an mir arbeiten, netter zu mir selbst sein und weiterhin gesunde Gewohnheiten in mein Leben einbauen. Ob das Intermittierende Fasten die Lösung für meine Probleme ist, ist höchst unwahrscheinlich, aber wenn man nichts ausprobiert, dann kann man auch nicht an den gemachten Erfahrungen wachsen.

In diesem Sinne: Better Swish, Jellyfish!

Empfehlung des Tages: Brian David Gilbert auf Youtube. Amerikanischer Youtuber mit schrägem Humor und einzigartiger Ausstrahlung.
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