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Total ehrliches Tagebuch einer...

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
17.03.2021
10.08.2021
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17.03.2021 815
 
Total ehrliches Tagebuch einer angehenden Studentin,

ich habe den Tag damit verbracht, mich in diversen Kursen der Uni anzumelden und dabei die Verzweiflung nicht ganz so nah an mich herankommen zu lassen. Die Stundenpläne auf der unübersichtlichen Uni-Seite waren weniger hilfreich, als nervenaufreibend, weil ich bestimmt zum neunten Mal (oder so) realisieren musste, dass da fett „Mathe“ als erste Vorlesung am Montagmorgen eingetragen war.

Ich hasse Mathe.

Oder zumindest ist das so in meinem Kopf verankert. Die erste Assoziation zu Mathe ist immer: „Meh, nicht so toll“, dabei war ich im Abitur nicht mal schlecht. Es sind wohl eher die unterbewussten Verbindungen zu dem Kobold von Mathelehrer, der mich die letzten zwei Schuljahre lang wie ein Drill-Sergeant dazu gebracht hat, im Bus panisch Definitionen oder Formeln auswendig zu lernen um nicht vor der Klasse bloßgestellt zu werden. Wer fragt denn bitte in Mathe aus? Niemand, niemand außer diese, böse, kleine Mann, der ironischerweise mit einer Passion für das Fach brannte, die ich sonst noch nirgendwo gesehen habe. Er war nicht wirklich böse, er war nur gewöhnungsbedürftig. Trotzdem hatte er maßgeblich dazu beigetragen, dass ich Mathe jetzt nicht gut finde. Es war nie mein Lieblingsfach.
Und jetzt steht es dennoch bei mir im Stundenplan, obwohl ich mir immer schon bei der Abiturvorbereitung Mut gemacht hatte, indem ich sagte: „Halt durch, Mädchen, nur noch diese eine Prüfung, dann kannst du das alles für immer vergessen.“

Warum treffe ich solche Entscheidungen? Warum ein Studiengang, der Mathe enthält?

Ich denke mir, dass das eine Chance ist, um aus dem Mathe-Hass heraus zu wachsen und mir vielleicht ein anderes Bild von dem Fach zu machen, aber bin mir natürlich im Klaren darüber, dass ich das nur sage, um mich selber zu trösten und das Studium nicht direkt an Tag eins in die Tonne zu treten. Die Wahrheit ist, dass ich echt richtig Schiss davor habe, meine Kompetenzen ständig anzweifle, manchmal nach Plan-Bs für mein Leben suche und generell einfach jeden Tag nervös die Internetseite der Uni checke, aus Angst davor, irgendein Fitzelchen an Information zu verpassen.

Ich glaube nicht, dass das bisher passiert ist, aber das heißt nicht, dass ich nicht trotzdem nervös bleiben werde. Auf Dauer ist es einfach nur nervig, aber was soll man tun, wenn man so ein festgefahrener, neurotischer Pessimist ist wie ich?

Hätte ich etwas Anderes nehmen sollen? Irgendwas Einfaches? Irgendwas Kreatives?

Ich habe ja ewig darüber nachgedacht etwas Design-mäßiges zu studieren, weil ich in den vergangenen Jahren wirklich meine Zeichen-Ader entdeckt hatte und da ein wenig Selbstbewusstsein aufgebaut hatte. Aber im Hinterkopf dachte ich mir immer: Design? Pff. Das kann doch jeder, der einen Stift halten kann. Filter über Fotos legen, irgendein Bild abzeichnen und mit den richtigen Farben füllen. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich mich für Design zu schlau gehalten habe. Immer noch halte. Obwohl das total bescheuert ist.

Ich hatte auch Angst davor, mich mit Design/Grafikdesign beruflich total zu verrennen. Ich dachte, dass man kein Geld verdient, keine Sicherheit hat und die ganze Zeit nur arbeitet. Jetzt so im Nachhinein stelle ich fest, dass das für alle Jobs gilt. Wenn dir etwas Spaß macht, dann fühlt sich nur die ganze Zeit, die du mit deiner Arbeit verbringst aber nichts wie Verschwendung, sondern wie Bereicherung an. Ich weiß immer noch nicht, ob ein Design-Studium mich glücklich gemacht hätte/glücklich machen würde. Aber jetzt habe ich mich eben dagegen entschieden und wir werden sehen, wie clever das war.

Also habe ich mir dann etwas Normaleres ausgesucht. Konservativ, sicher und lukrativ, wenn man das anspruchsvolle Studium übersteht. Ich sage mir: Natürlich. Du kannst alles schaffen, was du willst. Es sind ja eh nur ein paar Jahre. Danach kann man immer noch etwas Anderes machen, wenn es dann doch nicht so toll ist. Außerdem: Wenn Andere es vor dir geschafft haben, dann du ja auf jeden Fall. Du bist fleißig, du bist intelligent, du hast das Abi gerockt! Du kannst das!

Und mit der Einstellung habe ich mich eingeschrieben und jetzt, wo der Studienbeginn in greifbare Nähe gerückt ist, fällt diese selbst errichtete Fassade des Selbstbewusstseins leider langsam in sich zusammen. Ich habe Bammel keine Freunde zu finden, mich mit den Mengen an Stoff nicht zurechtzufinden und davor, mich wie ein Versager zu fühlen, wenn es dann doch nicht klappt. Ich fühle mich wie ein kleines Baby und manchmal wünsche ich mir einfach für den Rest meines Lebens meinen 450€-Job zu machen und mich nie wieder überfordert, zu dumm, oder inkompetent zu fühlen.

Ich melde mich wieder, wenn ich das Bedürfnis spüre in mich zu gehen und meine Seele auszuschütten, aber mal sehen, wie viel das in den nächsten Tagen und Wochen nötig sein wird. *wehmütiger Smiley*

Bye bye butterfly!


Empfehlung des Tages: Die Band "The Orion Experience". Ich weiß nicht, wem das nützlich sein könnte, aber die sind super zum Joggen gehen!
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