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Die Hexen von Bundelkhand

GeschichteRomance, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
15.03.2021
15.05.2021
5
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18.03.2021 3.420
 
Das dichte Blattwerk des Waldes teilte sich vor ihnen auf und machte die Sicht frei auf die Felder und Plantagen, die sich vor den Toren des Palastes befanden und um die sich die umliegenden Dörfer scharten. Tikam ließ Prem halten, gab seinem Herrn Kadir dann die Zügel in die Hand und schwang sich mit einer kraftvollen Bewegung vom Rücken des Pferdes.

„Ab hier begleite ich Euch zu Fuß, mein Herr“, sagte er mit einer demütigen Verbeugung, warf Kadir aber einen sehnsüchtigen Blick zu, den dieser mit einem sanften Lächeln erwiderte. Die Gestalt des Maharadschas hatte sich aber schon deutlich gestrafft und offenbarte weniger von dem jungenhaften Verhalten, das er noch am See gezeigt hatte. Er strich sich, darum bemüht angemessen auszusehen, die Kleidung glatt und setzte das Pferd dann mit einem leichten Druck in die Flanke wieder in Bewegung. Hoch und gerade im Sattel saß er, aber darum bemüht ein langsames Tempo anzugeben, dem Tikam auch zu Fuß gut folgen konnte. „Hättest du Arjun dabei, dann könnten wir jetzt ein Rennen machen, wer zuerst an den Palastmauern ist“, gab Kadir versonnen zu verstehen. Tikam hinter ihm ließ ein leises Lachen vernehmen.

„Es wäre mir eine Ehre dies nach den Feierlichkeiten nachzuholen. Natürlich nur, wenn der Monsun es zulässt.“ Er hatte nichts einzuwenden gegen ein bisschen Wasser und Schlamm, aber wenn die Flüsse zu unüberwindbaren Hindernissen wurden, dann war das etwas anderes.

„Ich komme zu gegebener Zeit darauf zurück“, versprach Kadir.

Der Hof des Palastes, in den sie einritten, wirkte nur nach außen hin ruhig. Es war keine Menschenseele zu sehen, aber hinter den Fenstern des repräsentativen Teils der königlichen Mauern konnte man das geschäftige Treiben beobachten. Gedämpfte Stimmen drangen zu ihnen in den Hof herab, der bereits mit Blumengirlanden und bunten Stoffen geschmückt war. Am Abend würde es hier nur so von feiernden Menschen und solchen, die eine Audienz bei seiner Hoheit erbaten, wimmeln. Musik aus Trommeln und hunderten von Kehlen würden dann die Luft erfüllen. Ein würziger Geruch war jetzt schon zu vernehmen. Keinem Gast sollte es an etwas fehlen, daher wurde ohne Pause gekocht, gebacken und Getränke gebraut.

„Gebt mir Prem. Ich werde ihn in den Stall bringen und mich um ihn kümmern“, bot Tikam an, weil keiner der Jungen, die sich normalerweise um die Pferde kümmerten, zu sehen war. Vermutlich hatte man sie von ihrer üblichen Arbeit abgezogen und jagte sie nun mit Botengängen durch den Palast. Kadir war gerade abgestiegen und wollte seinem Leibwächter die Zügel übergeben, als ein kleiner Junge mit lautem Jubel unter einem der Torbögen hervorgeschossen kam.

„Vater!“, rief das Kind, das höchsten sechs oder sieben Jahre alt sein konnte. Ohne auf seine Umwelt zu achten, sprang er seinem Vater auf die Arme und blickte ihn aus leuchtenden Augen an. „Trainieren wir heute? Du wolltest mir doch den Umgang mit dem Tabar [Kampfaxt] zeigen“, sprudelte es aufgeregt aus ihm heraus. Aus dem Augenwinkel sah Tikam wie sich die Lippen des Maharadschas zu einem breiten Lächeln verzogen.

„Die Tabar kann auch noch ein paar Tage auf dich warten“, teilte Kadir Tikams jüngsten Sohn Dulip mit. „Dein Vater wird heute ein Reihe andere Pflichten haben.“ Der Junge, der vor Aufregung bisher niemand anderen als seinen Vater wahrgenommen hatte, riss erschrocken die Augen auf, befreite sich dann aus den Armen von Tikam und verbeugte sich tief.

„Verzeiht mein schlechtes Benehmen, eure Hoheit!“ Sein Gesicht lief puterrot an, während er konzentriert auf seine Schuhspitzen starrte und auf die Gnade seines Herren wartete. Aber Kadir trug es dem Jungen nicht nach, im Gegenteil genoss er dessen Zurschaustellung seiner ehrlichen Gefühle und auch, dass er einen solchen Fleiß an den Tag legte, was das Erlernen der Kampfkunst anging. Tikam war ein guter Lehrer, aber ebenso streng, dennoch sah Dulip es nicht als ein Übel an.

„Du kannst Prem versorgen“, bot Kadir an, um Dulips Lernbereitschaft zu unterstützen. „Dir nützen die besten Waffen zu Pferde nichts, wenn du nicht in der Lage bist dich gut um dein Pferd zu kümmern.“ Der Junge zögerte noch, warf dem Marwari aber einen neugierigen Blick zu. Als Kadir ihm mit einem Lächeln die Zügel in die Hand gab, hellte sich die Miene des Kindes auf. Vor allem, weil Prem in aufmunternd anstupste. Das Pferd mochte Kinder und war sonst auch eher ein Schmusetier, weshalb Maharadscha Kadir ihn nie in einem ihrer Kämpfe ritt. Prem war absolut kein Kriegspferd und Kadir hatte auch nie das Bedürfnis gehabt ihn deswegen auszutauschen. Zumal Tikam ihn auch lieber auf dem Rücken eines Kampfelefanten, als auf dem eines Pferdes sah, wenn es um eine Schlacht ging. Dass Kadir gar im Palast zurück bliebe, war für beide unvorstellbar und hätte nur die Moral des Heeres geschwächt. Nein, der König kämpfte an der Seite seiner Krieger und war selbst einer, wenn er etwas auf sich hielt.

„Ich werde mich um in Sorgen, als wäre er ein Teil von mir“, erklärte Dulip stolz mit einer erneuten Verbeugung. Er warf seinem Vater, der bestätigend nickte, noch einen kurzen Blick zu, dann lockte er das Pferd, das brav neben ihm herging, mit sich.

„Wende dich an Jeevan, wenn du Hilfe benötigst“, rief Tikam ihm hinterher. Dulip nickte, wirkte aber so souverän mit dem Pferd, dass Kadir bezweifelte, dass er die Hilfe seines älteren Bruders brauchen würde.

Jetzt, da er Prem in den besten Händen wusste, wandte Kadir sich ab und schritt mit hoch erhobenen Haupt durch den Innenhof, der gesäumt war von kleinen Springbrunnen, die durch den sanften Wind einen feinen Sprühregen über seiner Haut verteilte. Er konnte diese Schönheit kaum mit einem Blick würdigen, weil er anhand des Sonnenstandes feststellte, dass er recht spät dran war. Mit bangem Gefühl im Bauch sah er schon seine Frau vor sich, die mit wachsender Ungeduld und ebenso zornig auf ihn wartete, um die ersten Vorbereitungen durchzuführen. Ihm war in all den Jahren ihrer Ehe nicht entgangen, wie sehr Panchali es ihm nachtrug, dass er sie nie in sein Herz gelassen hatte. Natürlich rechnete er ihr hoch an, dass sie ihm acht Kinder geboren und für immerhin fünf Erben gesorgt hatte. Besonders für den ersten Prinzen hatte Kadir versucht sie zu lieben, weil sie den Druck von seinen Schultern und ihn aus der skeptischen Aufmerksamkeit der Höflinge genommen hatte. Und dass, obwohl er sich nicht überwinden konnte, sie anzufassen und eine geschlechtliche Verbindung unmöglich schien. Dennoch schwängerte sie sich erfolgreich mit dem, was sie ihm abgewinnen konnte. Keine Geschichten für ruhmreiche Erzählungen, aber wohl das Leben pur.

Mit schnellen Schritten näherte er sich seinem persönlichen Gemächern und entkam dem Trubel, der auf den Gängen herrschte. Er gab Tikam dabei zu verstehen, dass er dabei stets an seiner Seite bleiben sollte, was seinen Leibwächter mit leisem Unbehagen zu erfüllen schien.

„Seid Ihr sicher, dass ich nicht eher bei den Vorbereitungen helfen soll, Herr?“, vergewisserte er sich, als er hinter dem Maharadscha die Räumlichkeiten betrat, die einen Bereich des Wohnens, Schlafens und der Hygiene, sowie Entspannung, boten.

„Das wirst du, mach dir keine Sorgen“, gab Kadir zu verstehen und verscheuchte die anderen Diener, die in seinem Gemächern bereitstanden, um ihn mit Getränken oder anderen Dingen zu versorgen. Mit einer tiefen Verbeugung verließen sie die Räume, nicht ohne einen kurzen Blick auf Tikam zu werfen, der nun all ihre Aufgaben übernehmen würde.

„Wie Ihr wünscht“, bestätigte Tikam. Es war nicht ungewöhnlich, dass sein Herr mehr Ruhe suchte, indem er die Dienerschaft um sich herum ausdünnte und sich mehr auf Tikam besann, der für jedes leibliche Wohl sorgte. Oftmals ohne dass Kadir groß etwas sagen musste. Mit der Zeit hatte er es einfach im Blut, zu wissen, was sein Herr gerade benötigte.

In diesem speziellen Fall war es jedoch äußerst seltsam, dass Kadir von diesem Luxus Gebrauch machte. Es herrschte geschäftiges Treiben und Diener zu entlassen, während alles auf Maharadscha Kadir wartete, war ein seltsamer Schachzug. Aber es sollte noch verwirrender werden, wie Tikam mitbekam, als seine Herrin, die Maharani von Bundelkhand, aus dem hinteren Bereich des Raumes auf sie zu gestürmt kam.

Sie war in einen kostbaren, grünen Sari gehüllt und trug eine Schale mit Ölen, Waschpasten und Tüchern vor sich. Ihre Augenbrauen hatten sich in kaum verhüllter Sorge und Zorn zusammengezogen, als sie mit wehendem Schleier auf ihren Gemahl zulief. Einen kurzen Moment glitt ihr Blick verwirrt durch den Raum, der nun frei von jedem Diener war, bis sich ihr Blick kurz auf Tikam heftete. Es blitzte nur kurz in ihren Augen auf, dann würdigte sie ihn mit keinerlei Aufmerksamkeit und lächelte ihren Mann an. Eine kurze Verbeugung andeutend, hob sie die Schale in ihren Händen und blickte dann fast schüchtern dahinter hervor.

„Ihr seid spät, mein Gemahl.“ In ihrer Stimme schwang ein leichter Tadel mit, aber Tikam bemerkte durchaus wie sehr sie sich trotzdem um gute Laune bemühte. Das Gesicht seines Herrn, das er im gegenüberliegenden Spiegel erkennen konnte, war jedoch wie versteinert. „Ich habe Euch den ganzen Morgen gesucht. Das Fest beginnt schon in zwei Stunden und Eure rituelle Reinigung muss noch vollzogen werden.“ Damit deutete sie auf den Raum, der von einem geschwungenen Torbogen und sanft wehenden Vorhängen eingerahmt war. Tikam wusste, dass dahinter der teuerste Marmorboden verbaut war, der ein luxuriöses Becken einhüllte, in dem diese Waschung stattfand.

„Ich weiß“, sagte der Maharadscha nur. Er klang dabei eisig und machte keine Anstalten auf diesen Raum zuzugehen.

Panchalis Stirn zog sich in tiefe Falten, während man deutlich das Gewitter in ihren Augen sehen konnte. Daher war Tikam erstaunt, wie melodisch ihre Stimme dennoch klang. „Dann lasst uns beginnen, mein Herr.“ Sie verneigte sich abermals und wollte sich umdrehen, aber Kadir hielt sie zurück.

„Nein“, war das einzige Wort, das über seine Lippen kam. Nicht nur Panchali, sondern auch Tikam, zuckten erschrocken zusammen. Obwohl er sich zwischen seinem Maharadscha und dessen Frau zurückzuhalten hatte, konnte er sich eine Einmischung nicht verkneifen. „Herr! Das Fest kann nicht stattfinden, ohne dass ihr zuvor gereinigt wurdet. So, wie es der Brauch verlangt!“ Anstatt ihn zu rügen nickte Kadir nur und Panchalis Hände verkrampften sich um die Schale. Die Sorge, dass sie sie zerbrechen und sich ihre Haut aufschneiden würde, wuchs in Tikam, aber es war Kadir der reagierte. Ohne ein weiteres Wort nahm er Panchali die Schale aus der Hand, drückte sie Tikam in die Arme und ging an ihr vorbei. „Du kannst gehen“, teilte er ihr mit, als sie ihm folgen wollte.

„Wie bitte?!“, entfuhr es ihr, während Tikam vor Schreck die Luft anhielt. Er konnte nicht glauben, was hier gerade geschah, aber Kadirs Augen waren völlig kalt und er schien es ernst zu meinen.

„Ich möchte, dass Tikam die Reinigung dieses Jahr übernimmt“, erklärte Kadir schließlich sanfter, aber voller Nachdruck.

„Aber es ist meine Aufgabe!“, rief die Maharani aus. „Es ist die Aufgabe der Person, die Euch am nächsten steht!“

„Das ist mir bewusst“, gab Kadir nun etwas zerknirscht zurück und faste sich dabei an die rechte Schulter. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerzen, während er sich über den Nacken rieb. „Bitte verzeiht mir mein Verhalten. Ich hätte Euch ordentlicher darüber informieren sollen, aber dieses Jahr muss Tikam diese Aufgabe übernehmen.“ Kadir lächelte verzeihend, trat auf Panchali zu und breitete die Arme aus. Jedoch schien er sich kurzfristig umentschieden zu haben, weil er lediglich ihre Schultern drückte, anstatt sie in eine Umarmung zu nehmen. „Die Verletzung an meiner Schulter macht mir etwas Sorgen und ich brauche kräftige Hände, die dafür sorgen, dass sich die Muskel wieder entspannen.“

Zwar bezweifelte Tikam nicht, dass das zum Teil der Wahrheit entsprach, dennoch war dies ungeheuerlich. Demütig hielt er den Kopf gesenkt und hoffte inständig, dass man ihm vergeben würde. Sein Herz klopfte Tikam bis zum Hals, als er die Maharani mit wehendem Sari aus den Räumen verschwinden sah. Jedoch wirkte Kadir als sei ihm eine Last von den Schultern genommen worden. „Geh sicherstellen, dass wir allein sind“, sagte er, drehte sich um und ging durch einen der Bögen auf das Becken zu. Während Tikam nachsah, dass auch wirklich jeder Diener die Räumlichkeiten verlassen hatten, zog Kadir sich die Kleidung vom Körper und stieg in das warme Wasser, das ihm ein Seufzen abverlangte. Er hatte nicht gelogen. Seine Schulter, die im letzten Kampf einen Schwertstreich abbekommen hatte, schmerzte wie verrückt und wenn er bedachte, was die nächsten Tage folgen würde, bekam er noch mehr Schmerzen. „Komm her, Tikam“, wies er den Mann an, der unter dem Torbogen stehengeblieben war und unsicher zu ihm blickte. Als er das nicht tat seufzte Kadir. „Du kannst offen sprechen“, sagte er mit weicher Stimme.

Tikam atmete tief ein, trat dann an das Becken heran und fasste all seinen Mut zusammen. „Ihr hättet das nicht tun sollen“, gab er zu bedenken, obwohl es ihm nicht zustand über das Handeln des Maharadschas zu urteilen.

„Du brauchst dich nicht vor Panchali fürchten, wenn es das ist, was dich beunruhigt.“ Kadir hob eine Augenbraue, stieß sich von der Treppe, auf der er gesessen hatte, ab und lehnte sich auf der anderen Seite mit den Unterarmen auf den Beckenrand.

„Nein, das ist nicht meine Sorge.“ Tikam stockte. „Zumindest nicht die Größte, aber was wenn das Ritual nicht funktioniert, weil Ihr die Götter erzürnt habt?“

„Weil ich dafür Sorge, dass ich in den nächste Tagen etwas weniger Rückenschmerzen haben werde?“ Kadir stieß ein kurzes Lachen aus und lockte Tikam dann mit einer Handbewegung zu sich hin. „Komm her.“ Diesmal kam er der Aufforderung sofort nach und kniete sich an den Rand des Beckens. Die Wärme des Badewassers und der Duft von Kräutern und Ölen schlug ihm angenehm entgegen, sodass er sich ein wenig entspannte, obwohl es die Situation eigentlich nicht zuließ.

„Ich sollte nicht hier sein“, flüsterte Tikam. „Ihr wisst das ganz genau. Es ist nicht meine Aufgabe euch so zu reinigen, weil ich Euch mit jeder Berührung nur noch weiter beschmutze. Wie soll Euer Geist so rein werden?“

„Du weißt, dass das nicht stimmt“, gab Kadir leise zurück, seine Lippen nahe an Tikams. „Du, und nur du, bist derjenige, der dies wirklich tun kann.“

„Aber es sollte nicht so sein“, flüsterte er gegen die Lippen zurück, riss sich dann mit aller Macht von ihrem Anblick los und griff nach einem Stück getrockneter Schwammgurke, die ihm als Bürste zum Einreiben des Körpers dienen würde. Er tauchte sie in das Wasser und fuhr sanft über Kadirs Rücken, während sein Maharadscha den Kopf auf seinen Armen ablegte und die Augen schloss.

„Du kannst ruhig etwas mehr reiben“, sagte er leise und mit einem Seufzen. Tikam setzte seine Anweisung sofort in die Tat um und schrubbte über die Haut, bis sie in einer leichten Röte erstrahlte, dann griff er nach einer Schale und verteilte die Paste aus Kichererbsenmehl und Sandelholz auf den Schwamm.

Eine Weile schwiegen sie beide. Tikam konzentrierte sich voll darauf seinen Herrn von jeder Unreinheit zu befreien, damit er rein in das Fest gehen würde, aber für Kadir erschien dieses so weit weg, wie nichts anderes in seinem Leben. „Ich möchte, dass es immer so ist“, murmelte Kadir schließlich. „Mir ist bewusst, dass ich Panchali verletzt habe, aber ich ...“ Kadir brach ab. Die Wahrheit war, er wollte Tikam auf ihrem Platz haben. Nicht nur während der Vorbereitungen für das Fest oder während der Festlichkeiten selbst, nein, für immer. Er wollte Tikam als seinen Gemahl, aber dies war unmöglich. Wie Tikam es schon sagte, so sollte es nicht sein. Sein Geist stolperte über diesen Gedanken. Es widerstrebte ihm, diesen anzunehmen. War er nicht der König über dieses Reich? Hatte er nicht zu bestimmen, was gut und richtig war?

Während Tikam ihm die wohlriechende Paste wieder vom Rücken wusch, ballte Kadir die Fäuste. Mehr als dieses Zugeständnis würde er wohl nicht bekommen und es bohrte tief in seiner Magengegend. Es sollte ihn mit Genugtuung erfüllen, dass er dieses Jahr erreicht hatte, was er die davor schon immer wollte, aber so war es nicht. Tikam tat es, weil er es befohlen hatte und nicht aus tiefer Hingabe zu seinem Ehemann. Der war Kadir für ihn leider nicht.

„Tikam“, raunte Kadir beinahe unhörbar, dennoch reagierte der Angesprochene sofort. Er blickte fragend von der Hand auf, die er eben in seine genommen hatte, um sie wie den Rücken zuvor rein zu waschen. „Würdest du es auch tun, wenn ich … Wenn ich es dir nicht befohlen hätte?“ Seine Worte klangen unsicher, was selten bei ihm der Fall war. Die Worte eines Maharadschas konnten nie unsicher sein. Sein ganzes Volk blickte zu ihm auf und sie wollten Antworten, keine weiteren Fragen, mit denen sie sich herumschlagen mussten.

Diesmal sah Tikam verlegen aus, als er Kadir antwortete. „Ich würde nie einen anderen Platz wählen wollen.“

Kadir legte den Kopf schief. „Und wer antwortet mir da?“, fragte er mit sanfter Stimme. „Tikam, der Diener, Tikam, der Leibwächter oder nur Tikam?“ Ihre Lippen näherten sich wieder und Kadir befürchtete, dass er die Kontrolle verlieren würde. Er wollte Tikam zu sich ins Wasser ziehen und ihn atemlos küssen, ganz egal wer das im Palast mitbekommen würde. Seine Atmung ging stoßweise und er fühlte genau, wie das Blut in sein Gesicht und in ein anderes Körperteil stieg.

Wieder war es Tikam, der ihn rettete, wenn auch nicht auf die Art, die Kadir gewöhnt war.

„Was wollt Ihr, wer antwortet?“, fragte Tikam zurück.

Darum ging es Kadir nicht! Er wollte den ehrlichen Tikam sehen, nicht den, der sich verbog um für seinen Herrn richtig zu sein.

„Oh Tikam“, flüsterte Kadir und schwamm zurück zur Treppe, wo er seinem Diener einen Fuß hinhielt. Die ganze restliche Zeit versuchte er Tikam zu ignorieren, was nicht ganz einfach war, während er mit dem Schwamm gründlich zwischen den Zehen wusch und Kadir sich zusammenreißen musste, damit er nicht laut heraus lachte und den Fuß wegzog. Tikam hatte klar gemacht, wo sie beide standen und es gab nichts, was Kadir tun konnte. Er hätte ihm wahrscheinlich befehlen können, sich ihm hinzugeben, aber das war nicht das, was er wollte. Wieder seufzte Kadir. Er konnte nicht genau sagen, was zwischen ihnen beiden war, aber es frustrierte ihn.

Beflissentlich wusch Tikam die letzten Reste der Waschpaste ab und half Kadir dann sich auf einen kleinen Hocker neben dem Becken zu setzen, wobei er darauf achtete, dass Kadirs Füße den Boden nicht berührten. Mit einem Tuch tupfte er sanft das Wasser von seinem Körper und rieb ihn dann mit einem duftenden Öl ein, bevor er ihm schließlich die Kleider aus kostbaren Tüchern und Edelsteinen anlegte. Nur die Füße blieben frei.

Zufrieden lächelte Tikam, während sein Maharadscha in Würde erstrahlte, dann nahm er ihn auf die Arme und trug ihn in den Vorraum, wo bereits ein Sänfte bereit stand. So vorsichtig er konnte, setzte er Kadir auf die Kissen ab und richtete sie in seinem Rücken, sowie unter den Knien und den Fersen, damit er es lange bequem haben würde. Normalerweise wäre das die Aufgabe der Diener gewesen, da Maharani Panchali kaum in der Lage gewesen wäre ihren Mann bis hier her zu tragen, ohne dass sein Füße durch den Boden wieder verunreinigt gewesen wären.

„Ist so angenehm, Herr?“, vergewisserte Tikam sich. Er konnte nur kurz zu Kadir blicken, weil dessen Schönheit ihn sonst zu sehr in den Bann gezogen hätte. Das Verlangen ihn zu küssen wuchs, aber das wäre in der festlichen Sänfte ein noch größeres Vergehen gewesen, als eben im reinigenden Wasser. Außerdem musste Tikam sich noch konzentrieren. Er musste dem Maharadscha noch den Turban binden, bei dem jeden Falte gut zu sitzen hatte, wenn er ihn nicht blamieren wollte. Voller Ehrfurcht nahm er die seidene Stoffbahn in die Hände und wickelte sie dann um den Kopf, als sei dies das Ritual selbst und nur er könne seinen Ausgang bestimmen. Kadirs Augen funkelten ihn dabei an, als wollten sie mit den Juwelen, die Tikam als Schmuck in die Stoffbahnen steckte, konkurrieren und wenn er ehrlich war, dann taten sie das auch. „Es ist vollbracht, Herr“, verkündete er, als auch die letzte Falte saß und jedes Schmuckstück an seinem Platz war. Er verneigte sich tief, rutschte dann auf den Knien von Kadir weg und verneigte sich erneut. Wartend hielt er den Kopf gesenkt, bis sein Herr ihn aus seiner Pflicht befreite, dann stand Tikam auf und läutete die Glöckchen, die die Dienerschaft zurück in die Gemächer des Maharadschas riefen. Auch sie verneigte sich tief, als sie den Raum betraten und scharrten sich dann um die Plätze an der Sänfte, um ihren Herrn in den Festsaal zu tragen.

Tikam blickte ihnen mit klopfendem Herzen hinterher, unfähig sich zu rühren, bis von Kadir nichts mehr zu sehen war. Er fühlte, dass er die Kontrolle verlor und immer tiefer in das Leben seines Maharadschas vor drang. Auf eine Art, die nicht für ihn bestimmt war.
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