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Die Hexen von Bundelkhand

GeschichteRomance, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
15.03.2021
13.04.2021
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15.03.2021 3.237
 
Der Nebel kroch tief über das dichte Gestrüpp, das in diesem Teil des Waldes vorherrschte. Er hüllte die Pflanzen in das dringend benötigte Wasser ein, das sie gierig auf sogen, wissend, dass die Natur ihnen nur an wenigen Stunden des Tages so gnädig war. Schon bald würde die Sonne höher steigen und den Wald, sowie die umliegenden Dörfer, in ihrer unbarmherzigen Hitze garen. Tiere schlichen auf leisen Sohlen zu den spärlichen Wasserquellen, die erst wieder anschwellen würden, wenn der Monsun ins Land einzog. Bis die Nacht käme, war es am erträglichsten in den Häusern oder unter dem dichtesten Blattwerk, wo sich Menschen und Tiere vor der senkenden Sonne verkrochen. Es gab jedoch einen kleinen See, der stets Wasser führte und dafür bekannt war nie auszutrocknen. Diese war von den Tieren geliebt, aber die Menschen mieden ihn, weil das Göttliche durch ihn floss und sie ihn nicht mit ihrer Anwesenheit verunreinigen wollten. Es hieß, die Geister der Vorfahren kämen einen holen, wenn man ihn dennoch betrat.

Tikam Singh beschleunigte seine Schritte mit einem unwirschen Laut, der tief aus seiner Brust kam. Das feuchte Gras strich an seinen blanken Knöcheln entlang und ließ ihn frösteln, obwohl die Hitze schon dafür sorgte, dass der Wasserdampf aufstieg. Was er heute Morgen vorgefunden hatte, hatte ihn mehr als beunruhigt. Das Gemach seines Herrn, dem Maharadscha von Bundelkhand, hatte er leer vorgefunden. Das Geschirr seines morgendlichen Mahls war nicht einmal angerührt, der Tee bereits erkaltet und daneben nur eine krakelige Notiz, dass er zum göttlichen See kommen solle, wenn er seinen Herrn lebend wiedersehen wollte. Allein und kein Wort zu niemandem.

Seine Faust schloss sich fest um seinen Dolch und seine Nasenflügel bebten, als er tief Luft holte. Wer auch immer seinen Herrn bedrohte, der würde keinen schönen Tag haben, wenn er mit ihm fertig war. Die Sorgen um Maharadscha Kadir Kunal Prakash ließ sein Herz ungewohnt hämmern und das Adrenalin durch seine Venen jagen. Jeder Krieg konnte ihn kalt lassen, aber das Leben seines Herrn in Gefahr zu sehen, erweckte die Dämonen in ihm.

Er roch die feuchte Erde, die den See umgab schon von weitem und verringerte das Tempo, um sich an die Angreifer heranschleichen und sie so überwältigen zu können. Vorsichtig bog er das Blattwerk zurück und erhaschte einen Blick auf das glitzernde Wasser. Der See lag beinahe leer da. Der einzige Besucher war ein Pferd, das ihm wohl bekannt war. Er hätte den schwarzen Marwari mit den weißen Ohrenspitzen unter tausenden Pferden erkannt. Sich aufmerksam umblickend, trat Tikam aus dem Dickicht und auf das friedlich grasende Pferd zu.

„Prem“, sprach er ihn mit seinem passenden Namen, der Liebe bedeutete, an. Dieses Pferd hatte ein so sanftes Wesen, dass man es einfach lieben musste. „Wo ist dein Herr?“

Prem senkte den Kopf, machte dann einen nervösen Schritt zur Seite und stupste Tikam so an, dass er ungelenk auf das Wasser zu stolperte. Er fluchte, als er bis zu den Knöcheln darin stand und durch das leichte Sediment noch ein Stück weiter hineinrutschte. Seine Sandalen sogen sich sofort mit Wasser voll und als er einen Fuß anhob, blieb der Schuh im Schlamm stecken. „Ganz toll“, murmelte er und ließ seinen Blick aufmerksam über das Wasser und das Ufer an der anderen Seite gleiten. Niemand war zu sehen. Weder sein Herr Kadir, noch jemand, der sich diesem ermächtigt hatte. „Herr?“, rief Tikam. Als er keine Antwort erhielt, straffte er seine Schultern und ließ seine Statur dadurch größer wirken. „Wer auch immer dahinter steckt, zeigt Euch! Wo ist seine Hoheit Kadir?“

Tikam bekam eine Antwort, aber nicht die, die er sich erhofft hatte. Hinter ihm war Prem in das Wasser getreten, hatte gemächlich ein paar Schlucke getrunken und gab ihm mit einem Wiehern, das fast schon nach einem Lachen klang, einen Schubser, der Tikam im schlammigen Grund das Gleichgewicht verlieren ließ. Er stürzte mit dem Kopf voran in das nun vom Schlamm dunkle Wasser und kam prustend wieder hoch. Gerade als er sich zu Prem umdrehen und dem Pferd eine Gardinenpredigt zuteil werden lassen wollte, legte sich ein starker Arm um seinen Hals.

„Wenn du Maharadscha Kadir Kunal Prakash lebend wiedersehen willst, solltest du jetzt die nasse Kleidung ablegen und dich nackt mit mir in die Fluten werfen.“ Die Stimme hatte einen spöttischen und neckenden Klang und Tikam hätte sie wie das Pferd vorhin unter tausenden wiedererkannt. „Kadir!“, stieß er aus und warf sich in einer blitzschnellen Bewegung nach hinten, sodass der Mann überrascht seinen Arm von Tikams Hals löste. Die Überraschung auf dem Gesicht des Maharadschas wechselte aber schnell wieder in eine schelmische Belustigung, als er seinem aufgebrachten Leibwächter in die Augen blickte. „Was habt Ihr Euch gedacht, Eure Hoheit?!“, rief Tikam erzürnt, besann sich aber wieder auf dessen offiziellen Titel.

„Nun, ich wollte testen, wie lange ich die Luft anhalten kann und wann du angefangen hättest dich mit den Geistern des Waldes zu streiten, bis sie meine Person wieder herausrücken.“ Ein schiefes Grinsen erschien auf Kadirs Gesicht. „Aber Prem war wohl der Ansicht, dass ich es übertreibe und wenn ich ehrlich bin, dann wurde es schon etwas knapp. Du hast dir wirklich Zeit gelassen.“

Tikam blinzelte. Er brauchte einen Moment, bevor die Worte sich in seinem Kopf zu einem Sinn verbanden. „Zeit gelassen?“, wiederholte er, was Kadir gesagt hatte. „Ihr habt tatsächlich Eure Entführung vorgetäuscht? Wie kommt Ihr nur auf so einen ...“ Er brach ab, drehte sich ruckartig um und watete zum Ufer zurück. Allerdings kam er nicht so weit, weil Kadir ihn an den Händen faste und wieder zu sich zurück ins Wasser zog.

„Wir sind allein hier, Tikam“, teilte er ihm mit und überwand den letzten halben Meter zu der hochgewachsenen Gestalt vor ihm. „Es gibt keinen Grund, dass du so förmlich sein musst. Es sei denn ...“ Es war das erste Mal, seit sie sich an diesem Morgen sahen, dass Kadir unsicher aussah. Nervös blickte er auf das Wasser zwischen sich und formte dann die Worte. „Es sei denn, du willst das zwischen uns nicht mehr.“

Erschrocken blickte er von den Händen seines Herrn auf, die nervös mit den nassen Stoffbahnen von Tikams Kleidung gespielt hatten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Kadir vollkommen nackt war und begonnen hatte am ganzen Körper zu zittern.

„Die Aufmerksamkeit, die Ihr mir zuteil werden lasst, ist die größte Ehre, die ich in diesem Leben bekommen kann“, sagte Tikam mit fester Stimme und entlockte Kadir damit ein schiefes Lächeln.

„Und dennoch kannst du nicht aufhören, mich auf ein Podest zu stellen.“ Kadirs Hände hatten sich um Tikams geschlungen, der sie fest drückend empfing und den kühlen Körper seines Maharadschas schließlich an sich presste. Die körperliche Nähe erregte ihn, dennoch konnte er nie ganz vergessen, wen er vor sich stehen hatte. Er liebte ihn aus vollem Herzen, aber das würde nie ändern, dass Kadir so viel mehr war als er. Auch, wenn er nur der Herrscher dieses Königreichs gewesen wäre und nicht eine Personifizierung des Göttlichen, hätte er ihn nie als etwas Niederes oder Gleichgestelltes sehen können. Wie sonst konnte Tikam es sich erklären, dass Kadir im See des Lebens stehen konnte, ohne dass die Geister nach ihm riefen. Kadir war der einzige, der diesen Ort regelmäßig aufsuchte und sogar im See schwamm.

„Ihr seid der Maharadscha und Ihr bringt diesem Land jedes Jahr aufs Neue das Leben, natürlich verehre ich Euch dafür.“ In Tikams Herz zog sich etwas zusammen. Die Worte stimmten, so wie er sie gesagt hatte, aber er wusste, dass er weit mehr für seinen Herrn fühlte. Gefühle, von denen Kadir zwar wusste, aber dennoch konnte Tikam sie ihm nicht so zeigen, wie sein König das gerne wollte.

Kadir seufzte. Obwohl da ganz klar mehr zwischen ihnen war, als die Beziehung, die sich aus Dienen und Herrschen aufbaute, konnte er es nur ganz selten schaffen, dass er Kadir aus seiner Haut lockte. Was nicht bedeutete, dass sein Leibwächter kalt zu ihm war. Das Gegenteil war der Fall und er hatte ihm sogar schon die Worte entlockt, dass er ihn liebte. Dennoch bestand Tikam darauf ihn mit Herr und seine Hoheit anzusprechen, dabei war jedes Kadir aus seinem Mund tausend mal so schön. „Du weißt was heute für ein Tag ist, Tikam?“, fragte Kadir und schmiegte sich tiefer in die Arme.

„Aber natürlich, Herr“, sagte Tikam pflichtbewusst. „Jeder weiß das und das ganze Land freut sich bereits darauf.“

„Jedoch frage ich dich und nicht das ganze Land.“ Wieder ließ Kadir ein tiefes Seufzen vernehmen. Er pflegte selten Beziehungen zu führen, die tiefer gingen als ein diplomatisches Verhältnis, das mehr seinem Königreich und dem Volk diente, als ihm. Selbst seine Ehe war politisch arrangiert gewesen und auch wenn er sich lange bemüht hatte, er konnte in seiner Frau nicht mehr sehen, als eine Sicherung für den Fortbestand seiner Dynastie. Dafür hatte er mit seinen fünf Söhnen und drei Töchtern nun genug gesorgt und nun sehnte sich sein Herz nach einer tieferen Verbindung. Wahre Liebe, munkelte es irgendwo tief in seinem Kopf. „Ach Tikam“, nuschelte er gegen den Hals gegen den er seine Stirn gelegt hatte. „Da muss ich erst vortäuschen ich sei in Gefahr und dich an diesen Ort locken, damit du meinen Namen sagst!“

Tikam lockerte seinen Griff um den Körper seines Herrn. Seine Hände hatten sich schon längst selbstständig gemacht und begonnen den nackten Rücken hinab zu streicheln. Er kannte jede Unebenheit auf der Haut und wusste von jeder Narbe, wie sie entstanden war. Seite an Seite hatten sie in jedem Kampf gestanden, der das Territorium des Königreichs Khajura erweitert und gesichert hatte. Der Maharadscha, der ein ausgezeichneter Bogenschütze war, hoch auf dem Kriegselefanten, während Tikam zu Pferde durch die Massen ritt. Aber auch am Boden waren sie mit ihren Schwertern gefürchtet und eine Einheit, der man besser nicht zu nahe kam.

Kadir seufzte wohlig, als die Fingerspitzen sanft über seine Haut fuhren. Er wusste, wie fest diese Hände zugreifen konnten. Wie sie Knochen brachen ohne mit der Wimper zu zucken, wenn es sein musste, daher genoss er es, wenn sie ihn berührten, als bestünden sie aus Federn. Aber ihm war auch bewusst, dass Tikam Singh ihm zwar diese Zärtlichkeiten zuteil werden ließ, er jedoch den Leibwächter und Diener noch lange nicht abgelegt hatte. Kadir würde noch eine Weile brauchen, um Tikam aus ihm herauszukitzeln. Er wollte nur den Mann Tikam und nicht den Sikh-Krieger, der er war. Jedenfalls im Moment.

„Ihr seid leichtsinnig, Herr“, tadelte Tikam. „Was hättet Ihr getan, wenn ich nun die gesamte Armee mobilisiert hätte und 50 000 Mann und 30 Kampfelefanten vor diesem See gestanden hätten, nur um ihren Maharadscha nackt badend vorzufinden?“

Man hörte deutlich das Lächeln aus diesem Worten heraus, weshalb Kadir es sich nicht nehmen ließ seinen Leibwächter zu necken.

„Das hätte dir sicher gefallen“, sagte er nah an den fremden Lippen. „Aber ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann und ich hatte ja geschrieben, kein Wort zu niemandem.“

„Und ich hatte halb damit gerechnet, dass Ihr mich auf den Arm nehmt.“ Tikam grinste breit. „Kadir.“ Das eine Wort war geflüstert, nur ein Hauchen, aber es verfehlte nicht seine Wirkung. Als stünden 100 hungrige Wölfe hinter ihm, stürzte Kadir sich auf Tikam, der ihn sofort mit einem atemlosen Kuss in Empfang nahm. Die Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, entlud sich in einer Welle aus Leidenschaft, die haltlos zwischen ihnen strömte. Kadir dachte nicht mehr an Titel und Namen, die er nicht mehr hören wollte, sondern nur daran, dass Tikam nasse Kleidung an hatte. Mit zittrigen Fingern riss er ihm die Stoffbahnen vom Körper, schaffte es aber letztendlich nur mit Tikams Hilfe, der es nun auch kaum erwarten konnte, aus den klatschnassen Sachen zu kommen. Achtlos warfen sie sie zum Ufer – sie würden sie später auf dem Gras ausbreiten müssen, damit sie trockneten – aber nun war die Kleidung ihnen egal. Küssend taumelten sie ebenfalls zum Ufer, wo Tikam ihn mit sich auf den Boden zog. Sie liebten sich auf die übliche Art, schnell und haltlos, weil sie sich nicht sicher sein konnten lange allein zu sein. Schon gar nicht heute, wo man bald nach Kadir rufen würde, damit die Festlichkeiten beginnen konnten. Ohne ihn konnte das Fest, das den Monsun anlocken sollte eben nicht stattfinden, aber Kadir wollte sich die letzten Freiheiten noch gönnen, bevor sein Bewegungsradius für die nächsten Tage klar eingeschränkt sein würde. Und auch, wenn Tikam die ganze Zeit an seine Seite sein würde, war es ganz klar anders, als hier allein zu zweit im Wald.

Schwer atmend lagen sie schließlich nebeneinander im Gras, das nun schon deutlich wärmer war, als vor einer halben Stunde, als Tikam den Wald betreten hatte. Die letzten Wellen der tiefen Befriedigung liefen durch ihre Körper, dennoch trauten sie sich kaum noch einander zu berühren. Die animalische Lust zwischen ihnen war beendet und auch wenn die Zuneigung immer bestand, stieg nun wieder die Sorge um das Ansehen, das Schaden nehmen könnte, sollten die Entwicklungen zwischen ihnen bekannt werden. Kadir betrübte das, dennoch nahm er sich ein Beispiel an Tikam und verbarg seine Gefühle hinter einer selbstsicheren Maske. Seine Fingerspitzen berührten noch kurz die seines Leibwächters, dann sprang er mit einem Lachen auf. „Lass uns schwimmen gehen, Tikam!“, rief er und stürzte sich in der nächsten Sekunde wieder in das angenehm kühle Wasser des Sees. Tikam folgte ihm mit aufmerksamen Blick, machte aber keine Anstalten aufzustehen.

„Nicht in diesem See“, gab er zu bedenken. Ein Frösteln lief über seinen Körper. „Ich bin nicht so wie Ihr und ich mag mein Glück nicht noch weiter herausfordern.“ Er hatte die Geister wahrscheinlich schon genug erzürnt, aber Kadir war seine schwache Stelle. Eine, für die er auch schlechtes Karma in Kauf nahm. Sie beide hatten Ehefrauen und Kinder, dennoch kamen sie nicht voneinander los und fanden sich immer wieder in sexuellen Vereinigungen vor, für die sie sich eigentlich sämtliche Haare des Körpers hätten rasieren und tagelang fasten müssen.

Während Kadir vergnügt und gelöst wie ein Kind durch den See schwamm, breitete Tikam seine Kleidung zum Trocknen aus und beobachtete seinen Maharadscha dann für die Dauer des Vorgangs in diesem nicht standesgemäßen Verhalten. Ein anderer Mensch schien er zu sein, sobald sie den Palast wieder betraten und andere Höflinge sie umgaben. Für Tikam war es ein Segen und ein Fluch zugleich.

Die Sonne glitzerte durch das dichte Blattwerk, von dieser Stelle des Waldes konnte man ihren Stand recht schlecht beurteilen, aber es musste nun bald schon Mittag sein. Prüfend tastete Tikam nach seiner Kleidung und fand sie nicht vollends trocken, aber so vor, dass er sie wieder anziehen konnte. Der Rest würde sich auf dem Weg zurück in den Palast ergeben. Da war nur eine Frage: Wo war die Kleidung seiner Hoheit? Er fand sie nirgends im Gras liegen, aber der Maharadscha war wohl kaum nackt bis hierher geritten.

„Prem, guter Junge. Komm her“, sprach er das entspannte Pferd an, das sofort zu ihm getrottet kam. Sanft tätschelte Tikam ihm über seine Blesse und schielte erneut zu Kadir, der keine Anstalten machte aus dem kühlen Nass herauszukommen. „Wollen wir doch mal sehen“, murmelte Tikam und durchwühlte die Satteltasche seiner Hoheit. Tatsächlich fand er die feinen Gewänder, die sein Herr trug, achtlos in die Tasche gestopft vor und war kaum überrascht, dass sie heillos zerknittert waren, als er sie herausnahm. Außerdem rochen sie nach Pferd.

Mit hochgezogener Augenbraue schüttelte er die Kleider aus und hielt sie dann demonstrativ seinem Maharadscha vor. „Wir müssen zurück, Herr.“

„Ich hatte befürchtet, dass du das sagst“, seufzte Kadir, kam aber brav aus dem Wasser. Nicht ohne sich schmerzerfüllt an die rechte Schulter zu fassen. Sofort war Tikam bei ihm, um ihn zu stützen und musterte ihn mit besorgtem Blick.

„Die Wunde?“, fragte er und inspizierte die Schulter seines Herrn. Kadir aber winkte ab.

„Nur die alte Verletzung. Die Muskeln schmerzen hin und wieder, aber es ist nichts weiter.“ Es brauchte noch ein paar Moment, bis Tikam seine Inspektion abgeschlossen hatte und mit seinem Herrn übereinstimmte, dass wirklich nur die erst kürzlich verheilte Narbe für den Schmerz verantwortlich war. Als er sich sicher sein konnte, dass sein Herr von ihrer Aktion vorhin keine weitere Verletzung davongetragen hatte, atmete er jedoch erleichtert auf.

„Zieht Euch an, Herr“, wies er ihn an und half die Kleidung so zu richten, dass er für seinen Stand ansehnlich aussah. Als er für Kadir die Zügel von Prem hielt, damit er aufsteigen konnte, wirkte der Maharadscha verwirrt und schaute auffällig an Tikam vorbei.

„Wo ist Arjun? Bist du zu Fuß hergekommen?“

Tatsächlich war das dunkelbraune Pferd von Tikam nirgends zu sehen und Prem wirkte überaus enttäuscht deswegen. Er stupste Kadirs Leibwächter immer wieder an und versuchte mit gespitzten Pferdelippen an ihm zu knabbern.

„Ja, Herr“, bestätigte Tikam förmlich.

„Warum?“, entgegnete Kadir. Der Weg zum Wald war zwar zu Fuß gut machbar, aber zu Pferde deutlich angenehmer.

„Ich spaziere jeden Morgen und es hätte Aufsehen erregt, wenn ich diesmal das Pferd genommen hätte.“ Damit zeigte er den Zettel vor, den Kadir ihm auf seinem Geschirr hinterlassen hatte. Ja, er war nervös gewesen, dass es diesmal vielleicht doch kein schlechter Scherz seines Herrn war, aber falls nicht, hatte er kein Risiko eingehen wollen, dass man das zwischen ihnen erkannte.

Kadir, der seine Hände schon am Sattel gehabt hatte, ließ diese sinken und deutete auf sein Pferd. „Reite du auf Prem“, wies er seinen Leibwächter an. „Ich gehe lieber ein Stück zu Fuß.“ Verwirrt schaute Tikam seinem Herrn, der die Worte direkt in die Tat umsetzte, hinterher. Der Maharadscha bog gerade auf den ausgetretenen Pfad ab, als Tikam aus seiner Starre erwachte und, Prem hinter sich führend, diesem nachlief.

„Das geht nicht, Eure Hoheit!“, empörte er sich. „Wie sieht das denn aus? Ich zu Pferde und Ihr lauft nebenher?“ Anstatt einzusehen, dass dies so nicht ging und auf das Pferd zu steigen, wie es sich gehörte, zuckte Kadir nur mit den Schultern.

„Es macht mir nichts aus“, gestand er. „Ich bin den Weg hierher geritten und nicht gelaufen wie du. Außerdem genieße ich es gerade, den Boden unter den Füßen zu fühlen. Immerhin wird mir das für die nächsten Tage nicht vergönnt sein. Aber ich will mich nicht über Traditionen beschweren, die ihre Daseinsberechtigung haben. Natürlich möchte auch ich, dass der Monsun kommt und der Erde neues Leben schenkt. Lass mich laufen, Tikam, nur ein kleines Stück.“

Tatsächlich genoss Kadir jeden Schritt. Dabei fühlte er, wie das Gras über seine Füße kitzelte und wie die Erde, an den Stellen wo sie noch nass war, zwischen seinen Zehen hervorquoll. Genauso liebte er aber auch das Empfinden, dass ihm die trockene und rissige Erde bescherte und jeden Strauch, der an seinem Knöchel kratzte. Sobald er den Palast für die Festlichkeiten betrat, war es vorbei damit und er würde von den Stunden in der wackelnden Sänfte Rückenschmerzen bekommen.

Allerdings konnte Tikam mit etwas aufwarten, das Kadir ebenso mochte. Dieser hatte sich schließlich doch in den Sattel geschwungen und hielt Kadir die Hand hin, als er stolz an ihm vorbeiritt. „Nur bis zum Waldrand“, verkündete Tikam. „Dann reitet Ihr und ich gehe zu Fuß.“ Damit griff Kadir nach der Hand und ließ sich von Tikam auf den Sattel ziehen. Er genoss es einmal nicht die Zügel in der Hand zu haben und sich gegen die starke Brust seines Leibwächters zu lehnen. Die Augen geschlossen, während Tikam ihn mit einem Arm hielt und mit der anderen Hand die Zügel des Pferdes hielt. So ließ er Prem langsam traben und nahm extra einen Umweg, der sie noch eine Weile unter dem Wipfeldach des Waldes entlangführen würde.
 
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