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Fortsetzung der Netflix Serie ab dem Ende der dritten Staffel

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Diana Barry Gilbert Blythe OC (Own Character)
14.03.2021
14.03.2021
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„Lieber Gilbert,
ich sehe aus wie meine Mutter“

Anne hielt inne. Sie konnte so vieles einfach nicht fassen. Die erste und eigentlich offensichtlichste Sache: Sie schrieb an Gilbert Blythe. DEM Gilbert Blythe, dem Jungen, den sie immer irgendwie gehasst hatte, mit dem sie sich in der Schule immer wegen den Noten duelliert hatte. Sie hatte ihm ja schon vorher geschrieben, als er nach dem Tod seines Vaters auf dem Dampfer zusammen mit Bash gearbeitet hatte. Ein kleines Lächeln über die damalige Situation trat auf ihre Lippen. Was für Narren sie damals alle gewesen waren als sie glaubten es gäbe Gold in Everly und wie viel Geld sie an die Betrüger damals verloren hatten. Die arme Marilla hatte solche Schuldgefühle gehabt.

Seitdem schien so viel Zeit vergangen zu sein. Anne dachte (mit weitaus weniger Vergnügen) daran, als sie ihre Haare verssucht hatte zu färben und Marilla sie ihr schlussendlich fast bis zum Ansatz hatte abschneiden müssen, weil das Färben, so wie alles, was Anne damals gemacht hatte, natürlich total schief gegangen ist. An diesem Tag war Gilbert zurück in die Schule gekommen. Anne schloss die Augen und verdrängte den Scham, der sie immer noch überkam, wann immer sie an diese Situation zurückdachte. Doch wie Diana es gesagt hatte, waren dies nur Haare und sie wuchsen schnell, und viel schöner und voller nach. Tja, das war dann wohl der Schneideeffekt, den man von der Geschichte der sieben-Köpfigen Schlange kannte: schneidest du einen Kopf ab, wachsen drei weitere nach. Anne fragte sich manchmal, ob die Menschen, die diese Geschichten erfunden hatten, sie auf die Natur bezogen hatten. Vielleicht sollte mit dieser Geschichte ja gar nicht im Vordergrund Herkules stehen, der die Schlange besiegte, sondern der Fakt, dass es hilfreich ist etwas abzuschneiden, damit es wieder gut nachwuchs. Anne kicherte vor sich hin. Ihre Vorstellungskraft war wirklich nicht nur ein Segen, durch sie tendierte sie dazu alles zu überdenken.

„Anne“, sagte plötzlich eine Stimme, die sehr nach Diana klang, „wenn du den Brief noch heute schreiben willst, solltest du mal loslegen, denn wenn ich das richtig sehe, sitzt du dort seit 15min und hast erst einen einzigen Satz hingeschrieben.“ Der Brief! Anne schüttelte den Kopf über sich selbst. Bei all den Erinnerungen und wieder mal unnötigen Gedanken über alte Heldensagen hatte sie schon wieder vergessen, was sie eigentlich tun wollte. „Oh, danke Diana, dafür, dass du mich stets aus meinen Vorstellungen reißt und mich erinnerst, dass es ein echtes Leben gibt. Ich werde mich sofort Mr. Blythe zuwenden.“ Diana lachte „Oh ich bin sicher, dass Mr. Blythe es dir nicht übel nimmt. Er war sich deiner Vorstellungskraft und Intelligenz wohl bewusst, als er sich eine Freundin zum lieben aussuchte. " Anne durchfuhr ein elektrischer Blitz. Oder zumindest müsste es sich ungefähr so anfühlen . „Freundin, er liebt mich.“ erst jetzt wurde ihr bewusst wie wichtig der heutige Tag gewesen war. Seit heute wusste sie, dass er sie liebte und Gilbert wusste, dass Anne ihn liebte und die Welt war auf einmal gut gewesen und dann dieser Kuss... „Anne Shirley Cuthbert!“ Ermahnte sie plötzlich eine Stimme, die irgendwie nach Marilla klang. Hektisch schaute sich Anne um, denn Marilla war schon einmal heute plötzlich wieder zusammen mit Matthew aufgetaucht. Doch niemand außer Diana, die in ihr Buch vertieft war, war dort. Es musste eine Stimme in ihrem Kopf gewesen sein, die sie daran erinnerte, dass sie ja noch einen Brief zu schreiben hatte. Sie bewegte die Spitze des Füllers Richtung Papier, ließ kurz ihre Gedanken spielen, wie sie den Brief fortsetzen wollte und schrieb:

„Falls du dich jetzt fragst, woher ich das weiß: Nun ja Marilla und Matthew sind heute nach deiner Abfahrt noch einmal aufgetaucht und hatten ein Buch in der Hand. Sie hatten es von einer Dame, die damals mich und meine Eltern aufgenommen hat. Diese Dame kannte mich als ich gerade mal ein Baby war. Wie aufregend, oder? Sie hat erzählt, dass meine Eltern und ich ursprünglich aus Schottland kommen. Kannst du dir das vorstellen? Ein Leben lang dachte ich, ich sei eine Kanadierin, bei der etwas bei der Geburt schiefgelaufen ist, dass das zu geführt hat, dass ich sommersprossig und rothaarig bin, aber eigentlich bin ich nur Schottin. Warst du jemals in Schottland? Wenn ja erzähl es mir unbedingt! Auf jeden Fall war dieses Buch ein Buch über Pflanzen und Blumen, dass mein Vater meiner Mutter geschenkt hatte. Sie war eine Lehrerin. Und ich werde es ihr gleichtun. Ich hoffe ich kann sie beide im Himmel stolz machen. Hinten im Buch war eine Zeichnung, die mein Vater gemacht hatte und dort konnte ich sehen, dass ich genauso aussehe wie meine Mutter, mit rotem Haar. Ich wünschte ich hätte sie je richtig kennengelernt bestimmt war sie eine äußerst selbst bewusste, liebliche und großzügige Frau, die wusste, wie man zu lehren und zu erziehen hat. Und mein Vater ein fleißiger Familienvater, der uns über alles liebte.“

Anne hielt inne. So hatte sie es sich vorgestellt damals. So hätte sie sich ein Leben mit ihren wahren Eltern immer vorgestellt. Sie würde es nie wissen. Sie dachte an Marilla und Matthew. Die beiden waren nicht immer perfekter Eltern gewesen, allein schon, weil sie Geschwister und nicht verheiratet waren. Dennoch hatten sie Anne alles gegeben und sie zu ihrer Tochter gemacht, und Anne wusste, dass die beiden für sie ein Geschenk vom herrlichen Gott gewesen waren. Anne wusste noch nicht, wie sie ihnen für die Jahre danken sollte, ob es überhaupt ein Geschenk gäbe, dass einer solchen Dankbarkeit gerecht wäre. Sie würde sich irgendwann darüber Gedanken machen. Sie musste jetzt erst dringend den Brief zu Ende schreiben, denn die Zeiger der Uhr waren schon in Richtung der 10 gewandert und sie hatte noch einiges zu sagen.

„Dieser Tag war so aufregend. Ich weiß gar nicht, wie ich heute Nacht schlafen soll. All die einst stillen Gedanken, die Gefühle, die sich heute einfach offenbart haben, ich fühle mich so frei und so glücklich als könnte ich nun alles schaffen.“

Wieder hob Anne den Füller. Bei all ihren Wörtern, die sie kannte und bei all ihrer Vorstellungskraft viel ihr jedoch nicht ein wie sie die heutigen Ereignisse mit Gilbert und die Gefühle, die sie mit sich brachten auf Papier bringen sollte. Obwohl sie glaubte, dass ihr selbst dann die Worte fehlen würden, wollte sie lieber mit Gilbert selbst darüber reden, aber es würde viel Zeit vergehen, bis sie die Chance hatten, sich treffen zu können. Hin und her gerissen schrieb sie dennoch einfach genau das auf, was sie gerade gedacht hatte, denn sie stellte es sich romantisch vor einen Brief zu erhalten, in dem stünde, dass es nicht in Worte zu fassen sei, wie sehr du geliebt wirst. War es überhaupt angesehen, dass die Frau einem Mann einen Liebesbrief schrieb? Nein dachte Anne, vermutlich nicht, aber dies war auch eigentlich kein Liebesbrief und selbst wenn sollte es Gilbert, den sie dafür bewunderte, wie er für die Gleichheit der Frauen kämpfte, egal sein.

„Ich glaube, Worte können gar nicht genug beschreiben, wie anders, aber im guten Sinne, alles jetzt für mich ist. Ich kann es nicht realisieren. Ich bin in Queens, denke ich habe den Jungen, in den ich mich verliebt habe, verloren, weil er nach Europa will, doch dabei war er im Zug auf dem Weg zu mir, um mir zu erzählen, dass er mich auch liebt und dann berührt er mit seinen Lippen meine und ein Feuer voller Liebe entflammt in meinem Inneren.
Wenn ich so darüber nachdenke, klingt das alles nach einer sehr tragischen Liebesgeschichte mit einem guten Ende findest du nicht? Aber trotzdem muss ich mich an den Titel „Gilbert Blythes ´Freundin gewöhnen, denke ich.
Morgen fängt bei uns der Unterricht an und ich bin so gespannt wie das alles verlaufen wird. Man kann hier in Queens glaube ich erst nach einem Jahr entscheiden in welche Richtung man geht, das heißt, jetzt heißt es erstmal nur Theorie büffeln.“ Anne seufzte. Sie freute sich eigentlich darauf immerhin liebte sie es, etwas Neues kennenzulernen, aber irgendwie wollte sie direkt in die Zukunft reisen können, wenn sie Schülern Unterricht geben konnte, der dem von Ms. Stacy gerecht werden konnte und sie würde sie so oft um rat bitten und vielleicht auch Schüler haben, die waren wie sie es einst war mit so viel Vorstellungskraft und… Und Gilbert würde mit ihr zusammenleben. Sie würden vielleicht sogar verheiratet sein. Anne, die Ehefrau? War das etwas was sie wollte? „Oh nein Anne!“ mahnte sie sich erneut, „darüber zu zweifeln, ob man wirklich heiraten will, ist nicht der richtige Gedanke, wenn man gerade einem Jungen schreibt, der potenziell als erster genau damit an der Reihe wäre.
Sie riss sich am Riemen und entschied nicht zu viel über die Zukunft nachzudenken, wenn die Gegenwart schon genug Raum für Vorstellungen bot.
„du musst mir bei deiner Antwort unbedingt erzählen, wie es in so einer großen Stadt wie Toronto ist und wo du wohnst und einfach alllleeeeesss. Ich bin so neugierig, denn ich war nie so weit weg von zu Hause, wie du es jetzt bist. Ich denke die Menschen sind dort viel fortgeschrittener und viel weiser und haben alle größere Vorstellungen und einen weiteren Tellerrand als die Leute vom Land.
In Hoffnung auf eine interessante Antwort
Deine Anne.“

Anne faltete den zweiseitigen Brief zusammen und legte ihn in einen Umschlag, auf den sie schon die Adresse von Gilberts Unterkunft geschrieben hatte. Er hatte sie ihr gegeben noch bevor er hastig abgereist war, zum Glück, denn es hätte sonst Wochen gedauert die Adresse überhaupt rauszufinden. Die Zeiger der Uhr standen auf 10.27. Höchste Zeit schlafen zu gehen!

Als sie sich von ihrem Stuhl am Schreibtisch erhob, sah sie, dass Diana mit dem aufgeschlagenen Buch in der Hand eingeschlafen war. Anne legte ein Stück Papier zwischen die Buchseiten und schloss es. Sie legte es auf den Schreibtisch und warf einen Blick auf den Titel „Die Geschichte von Frankensteins Monster – wahr oder nur erfunden“ Anne hatte keine Ahnung, warum in aller Welt Diana sich für so etwas interessierte, aber sie beließ es dabei. Sobald sie das Licht gelöscht du sich zugedeckt hatte, wanderten ihre Gedanken zu einem braunhaarigen Jungen, der sie frech anlachte, den sie nun ihren festen Freund nennen durfte.
 
 
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