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Schmerz verjährt nicht

GeschichteDrama, Romance / P16 / MaleSlash
12.03.2021
02.05.2021
8
41.284
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Dieses Kapitel
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12.03.2021 5.492
 
Hallöchen liebe Leserschaft und willkommen bei einer neuen Geschichte,

ich spreche hier jetzt mal nur über den Zeitansatz: Das hier spielt nach Auf dem Prüfstand und beginnt Mitte März 2015.

Um euch nicht lange im Vorwort zu quälen, packe ich den Rest mal ans Ende

VG

Serena Hell

* * *


Zwei Wochen konnten eine unglaublich lange Zeit darstellen – oder auch unglaublich kurz. Leon hatte geglaubt, diese vierzehn Tage, die ihm sein Oberarzt und Partner gegeben hatte, um seinem Bauchgefühl nachzugehen, würden genügen.

Doch irgendwie hatten sie nicht genügt. Dreizehn dieser vierzehn Tage waren bereits verstrichen, ohne, dass er auch nur einen Finger gerührt hatte. Einerseits war es seinen Schichtzeiten geschuldet, die ohnehin nur wenig Freiraum ließen. Diese vier Wochen mit fixen zwölfstündigen Schichten und fixen zwölf Stunden zur freien Verfügung waren verglichen mit seinen acht Stunden Bereitschaft und acht Stunden Dienst nahezu wie Urlaub gewesen. Die lächerlichen vier Stunden, die er mit Mark am Tag noch privat verbringen konnte, waren fast schon schmerzlich kurz dagegen.

Andererseits war diese mangelnde Konfrontation auch seiner Feigheit geschuldet. Auch wenn er selbst es gewesen war, der seinen Oberarzt davon abgehalten hatte, ihrem Abteilungsleiter gleich aufs Dach zu steigen, war ein Vorhaben definitiv was anderes als die Umsetzung. Nur das Mark bereits mit den Hufen scharrte. Er ahnte bereits, wie das übermorgen laufen würde – eine Minute nach Mitternacht würde Mark in die Notaufnahme stürmen, mit dieser dünnen Mappe von der Chefärztin des Lenard Memorial Hospitals in New York in der Hand. Ungeachtet aller Patienten würde Mark ihrem Abteilungsleiter, der Dienst hätte, diese Mappe vor die Füße werfen und fragen, warum der ihre Karriere so hat beeinflussen wollen – und wie viel Wahrheit darin steckte.

Die eisige Stimmung zwischen Mark und ihrem Abteilungsleiter ließ zumindest erahnen, dass es keine allzu angenehme Konfrontation werden würde. Jonas Shephard war mit vierundfünfzig deutlich älter als Mark oder er, aber keineswegs alt im Kopf. Ansonsten hätte der in den knappen dreieinhalb Jahren seitdem er hier die Assistenz begonnen hatte, diese katastrophale Unterbesetzung des Central Hospitals managen können.

Was aber nie geheißt hatte, dass Jonas und er wirklich warm miteinander geworden waren. Es war die enge, nahezu familiäre, Beziehung zwischen Jonas und Mark gewesen, die ihm notwendigerweise auch ein Vertrauen aufgezwungen hatte. Trotzdem hatte es ihn schockiert, als er erfahren hatte, wie dermaßen schlecht Jonas über ihrer beider Fähigkeiten gesprochen hatte. Noch mehr hatte es ihn schockiert, wie sehr ihr Abteilungsleiter gegen eine externe Fortbildung gewesen war.

Ein Thema, welches in diesen dreizehn Tage seit Ende dieser Fortbildung, nicht in der Notaufnahme angesprochen worden war.

Obwohl, Jonas war nicht sein primäres Problem. Während er durch die Gänge des Central Hospitals spazierte und seine tägliche Koffeinspritze trank, mied er eigentlich den Weg, den er gehen sollte.

Es hatte ihm vor anderthalb Jahren bereits ein Abteilungsleiter des Central Hospitals schaden wollen und das tatsächlich mit Erfolg. Vor etwas mehr als einem Jahr war diese Aneinanderreihung an Albträumen geendet und die Monate der Therapie hatten gefruchtet. Christian Gerandy, der ehemalige Abteilungsleiter der Kinderabteilung, saß noch eine ganze Weile hinter Gittern. Er hatte mal angenommen, ein Sadist, der sich an seinem Leid vergnügte, war genug. Statistisch betrachtet hätte es auch genug sein sollen.

Es war irgendwie schon bedauerlich, dass er zu einigen Statistiken was beitrug. Bezüglich seiner Affäre mit einem seiner Lehrer, gingen Mark und seine Meinung auseinander – vor allem der Aspekt Missbrauch ohne die Miteinbeziehung des Missbrauchs einer Machtposition. Bezüglich Misha, seinem irgendwie Ex-Freund aus der Collegezeit waren sie sich einig, aber nicht jeder konnte einen Ex-Dealer und fast-Mafioso als Ex vorzeigen. Christians Erpressung und definitiv Missbrauch hatten ihn auf die fünf Prozent bekannter Missbrauchsfälle unter Männern einzahlen lassen.

Das er aber gleich drei Sadisten, die alle dem SM-Spiel Rape-Play zugeneigt waren, kannte, sprengte alle akzeptablen Rahmenbedingungen. Zumindest seiner bescheidenen Meinung nach. Obwohl Ethan Hendriks, der ihn überhaupt auf diese Sparte des Rollenspiels aufmerksam gemacht hatte, durchaus von einvernehmlichen Spielen gesprochen und ihn nie diesbezüglich bedrängt hatte, schauderte es ihn immer noch. Christian saß und Ethan würde er nie wieder sehen, selbst unter vorgehaltener Pistole nicht.

Blieb nur noch Joseph Jackson. Joseph war ein absolut überraschender, ungewollter und definitiv ungeliebter Mitverschwörer gewesen. Ethan konnte er lediglich das Interesse an den Beweisvideos und wahrer Vergewaltigung anlasten, Joseph hingegen?

Den Weiterbetrieb eines Fake-Profils auf einer Rape-Play-Kontaktseite und der Verkauf dieser Beweisvideos, lastete er ihm sehr wohl an. Für die Retourkutsche hatte Ethan ohne sein Wollen gesorgt. Der eigentliche Abteilungsleiter der Allgemeinchirurgie würde nie wieder operieren können. Auch über zwei Wochen nach dem gezielten Angriff aus dem Nichts – zumindest laut Joseph, Medien und dem Polizeibericht – waren größtenteils der Finger gefühlslos.

Ein Schicksal, welches er ihm nicht gewünscht hatte. Die Aussage bei der Polizei bezüglich Ethans Handeln, Ethans Schuld, hatte er aber auch nicht gemacht. Etwas, was Mark stillschweigend akzeptiert hatte und als einziger Mitwisser wohl tolerierte.

Trotzdem wurmte ihn seither eine Frage. Eine, die er in aller Ruhe hat klassifizieren wollen.

Warum.

Warum hatte Christian sich an ihn rangemacht?

Warum hatte Joseph sich dazu entschieden, trotz der schlagkräftigen Beweise gegen Christian, das Fake-Profil weiterzuführen – und nicht nur das, für ihn zu verbürgen, damit dieses Profil überhaupt existieren konnte?

Das Warum, weswegen er Mark um diese zwei Wochen Geduld bezüglich Jonas gebeten hatte, war aber noch sehr viel tiefergehend.

Warum er?

Bis vor kurzem war er der Annahme gewesen, es sei einfach eine Mischung aus Machtsucht, Sadismus und zur falschen Zeit das falsche Geheimnis gehabt gewesen. Ein Teil von ihm hielt auch weiterhin an diesem Glauben fest, damit es nicht allzu sehr schmerzte, sollte die Antwort doch so ausfallen.

Wäre da nicht diese eine Erinnerung, so verschwommen diese Albtraumzeit mit Christian auch war, und Josephs Mithandeln, hätte er sich die Frage wahrscheinlich nicht gestellt.

Doch jetzt hatte er sie sich gestellt und die Antwort von Christian wäre sicher nicht zufriedenstellend. Wahrscheinlich war die von Joseph auch nicht zufriedenstellend.

Aber vielleicht, nur ganz vielleicht, erklärte es diesen einen Satz von Christian. Es geht nicht um dich hatte der mal auf seine Frage, wieso Christian ihn nicht in Ruhe lassen könne, geantwortet. Es war aber nicht die Antwort, sondern vielmehr die Mimik gewesen, die ihn hat stutzen lassen. Es war einer der wenigen Augenblicke gewesen, in denen sein Peiniger fast schon menschliche Züge angenommen hatte. Die Mischung aus Zweifel und Mitleid und Schmerz und Lust. Als habe der selbst geahnt, was der anrichtete, aber keinen anderen Weg gesehen, als ihm diese Qual anzutun.

Seine Füße hatten ihn direkt vor Josephs Patientenzimmer gebracht. Auch wenn er durch seine Offenlegung der halbjährigen Folter vor dem Krankenhauspersonal eine Welle an Protest gegenüber der Behandlung von Joseph ausgelöst hatte, war der Allgemeinchirurg immer noch in ihrem Krankenhaus. Soweit er aufgeklärt war, würde der im Laufe der nächsten Tage in eine Spezialklinik verlegt werden und dort zahlreiche Therapien über sich ergehen lassen – mit oder ohne Funktionalität der Hände.

Die Wartezeit musste sich als zermürbend erweisen, wenn größtenteils des Personals mit einer Eiseskälte gegenüber dem Allgemeinchirurgen auftrat.

Knappe sechsunddreißig Stunden hatte er, um Joseph zu fragen und somit vielleicht auch Jonas Handeln nachvollziehen zu können, ohne das Mark einen Krieg begann. Seine Argumentation, was Füße ruhig halten betraf, war ohnehin nur schwammig gewesen und beruhte nur auf sehr wenigen Fakten. Darunter sein Gedächtnis bezüglich der Albtraum-Monate und einem kleinen Detail bezüglich der drei Abteilungsleiter.

Die drei waren mal befreundet gewesen. Und wenn man explizit als Trio in einem Krankenhaus angeworben wurde, war das sicher keine lockere Freundschaft gewesen. Eine, die zu Mark und seiner Zeit definitiv nicht mehr existiert hatte.

Er nahm seinen Mut zusammen und klopfte an die Tür des Zimmers. Auf ein Herein wartete er jedoch nicht, sondern ging gleich rein. Ehe ihn der Mut wieder verlor.

Joseph war zeitweise sein Ausbilder gewesen, wenn auch nur für knappe drei Monate. Von allem, was er bei dem Mann erlebt hatte, hätte er ihm so etwas nie zugetraut. Und obwohl Joseph ihm geschadet hatte, war diese durch und durch deprimierte Gestalt einfach nur mitleiderregend. Er konnte sich nicht vorstellen kein Arzt mehr zu sein, selbst bei seiner primär traumatologischen Funktion in der Ambulanz. Als Chirurg, wie Joseph es war, musste es noch schlimmer sein.

„Leon“, begrüßte der ihn nach ein paar Sekunden mit rauer Stimme. „Dachte schon, du kommst gar nicht mehr.“

Leise schloss er die Tür hinter sich und lehnte sich daran. Ein Einzelzimmer, wusste er von Mark, war nicht der Wunsch des Personals gewesen. Die hätten Joseph am liebsten in das lauteste, nervigste und am meisten nervenaufreibende Zimmer des Krankenhauses gesteckt – wäre ihr Chefarzt Thomas Anderson nicht eingeschritten, wäre Joseph auch dort gelandet. „Ich bin nicht hier, um dich auszulachen“, stellte er klar. „Ich bin hier, weil ich Fragen habe.“

„Ich kann dir auf deine Fragen keine Antwort liefern“, meinte Joseph sogleich und schloss die Augen.

„Hab doch noch gar nicht gefragt“, murmelte er und traute sich, sich von der Tür abzustoßen. Ließ seinen Blick über die Gestalt des Mannes gleiten. Die Hände, die aus zahlreichen Nähten und Fixierungen bestanden, lagen ohne Regung neben Joseph. Nur der Fernseher schien eine Unterhaltung darzustellen.

„Warum“, mutmaßte der Allgemeinchirurg. „Dasselbe habe ich Christian gefragt und doch hat er mir nie geantwortet.“

„Also hattet ihr nur dieselbe perverse Idee, mein Leben zu ruinieren?“, fragte er nach und trat ganz neben das Bett. Die Traurigkeit in Josephs Augen interessierten ihn einen Scheißdreck. Selbst ein Jahr Therapie half nicht gegen die Albträume, die ihn in den letzten beiden Wochen heimgesucht hatten. „Ich frage, warum du es getan hast, Joseph.“

Der Mann brachte tatsächlich ein Lächeln zustande. Eines, bei dem er gewillt war, eine gratis Zahnentfernung durch die Faust durchzuführen. „Frag Jonas. Er weiß es.“

Wahrscheinlich sollte ihn diese Aussage schockieren oder wenigstens überraschen. Stattdessen stellte sich eine Art Selbstzufriedenheit ein – ein Bauchgefühl hatte ihn nicht betrogen. „Jonas hasst euch, was soll er damit zu tun haben?“, fragte er aber lieber, als sich irgendwas anmerken zu lassen.

„Alles“, wisperte Joseph und öffnete tatsächlich wieder die Augen. „Ich habe kein Bock auf Spielchen. Bekomme ich eine Antwort oder nicht?“

„Das war meine Antwort. Oder frage Christian.“

Leon hatte in New York schon darüber nachgedacht. Das Christians Handeln auf etwas beruhte, dass er nicht kennen konnte und das der Missbrauch keine wirklich persönliche Natur gehabt hatte. Es wäre nicht das erste Mal, dass er als Mittel zum Zweck genutzt wurde. Aber er war bisher nicht benutzt worden, um anderen Schaden zuzufügen. „Wieso sollte ich dir glauben?“, fragte er nach. „Wieso wälzt du die Schuld auf andere ab?“

„Ich weiß, dass eine Anzeige läuft, Leon“, erwiderte Joseph lediglich. „Ich weiß, dass du mich nicht angegriffen hast, aber das du auch den wahren Täter kennst. Der hat dir nämlich von der Seite erzählt. Ich werde nie wieder operieren können, meine Zulassung steht auf dem Spiel und wahrscheinlich bringst du mich um einen Gutteil meines Vermögens.“ Musternd glitt der Blick des Allgemeinchirurgen über ihn. „Als die Cops hier waren, habe ich mein Vergehen nicht abgestritten und ich trage die Konsequenz. Aber das Warum werde ich dir nicht beantworten.“

Damit schloss Joseph wieder die Augen. Er könnte ja jetzt mit weitaus quälenderen Befragungsmethoden anfangen und die Begründung aus dem Mann herausquetschen. Aber ja, er musste Joseph eins lassen – der Mann hatte die Konsequenzen mit so viel Würde getragen, wie es nur möglich war. Seine Anzeige wegen Identitätsdiebstahl befand sich auf sicherem Boden. Die Staatsanwaltschaft war laut dem Brief von vor wenigen Tagen äußerst zuversichtlich, ihm einen sechsstelligen Schadensersatz erkämpfen zu können. „Und was, wenn sie auch nicht machen? Weil ihr perfide und sadistische Spiele einfach liebt?“

„Christian hat sein Ziel erreicht“, informierte Joseph ihn wispernd. „Er hat also keinen Grund mehr zu schweigen.“

Bei Joseph kam er nicht weiter, ohne zu rabiaten Methoden zu greifen. Zu Christian ging er sicher nicht freiwillig, dafür war er schlichtweg nicht masochistisch genug. Aber Jonas musste ohnehin auf ein seltsames Verhalten angesprochen werden. Wieso dann nicht gleich die Gunst der Stunde nutzen, ehe Mark die ohnehin nur oberflächliche Beziehung zwischen Jonas und ihm endgültig zerstörte? „Ich komme auf dich zurück, wenn die beiden es nicht auspacken“, warnte er Joseph und drehte sich um. Zurzeit war Jonas nicht im Dienst, aber wer war er, dass er keine zwei, drei oder auch vier Stunden sinnig verbringen konnte?

* * *


Bereitschaft sollte wenigstens ein paar Vorteile haben, befand Mark, als er an der Bürotür seines Chefarztes klopfte. Wenn er übermorgen schon dem Abteilungsleiter der Ambulanz – und stellvertretendem Chefarzt dazu – vor die Füße spucken wollte, wollte er sich durchaus an gewisse Rahmenbedingungen festhalten können.

Thomas bat ihn tatsächlich rein und wirkte sonderlich begeistert darüber, dass er es war, der störte. Aber die Unterlagen, die der in der Hand hielt, wurden beiseite gelegt und ihm mit der Hand angewiesen, Platz zu nehmen.

„Wenn du hier auftauchst, ohne dass ich etwas läuten gehört oder dich hergebeten habe, wird mir dein Anliegen nicht gefallen“, stellte Thomas bereits fest und lehnte sich zurück. In die Jahre gekommen war sein Chefarzt mittlerweile. Das lichte Haar war schon vor Jahren ergraut, aber mittlerweile wirkte der weitaus älter als die knappe fünfzig, die der haben sollte. Manchmal fragte er sich, ob er in fünfzehn Jahren auch so fertig mit der Welt aussah.

„Ich brauche für übermorgen einen Vermittler und du bist als Chefarzt eine sehr gute Motivation, mich möglichst gelassen mit meinem Abteilungsleiter über ein paar Dinge zu unterhalten“, klärte er ihn vage auf. Die Mappe, die Leon von Gilbert – Chefärztin des hochangesehenen Lenard Memorial Hospitals in New York – erhalten hatte, hatte er nicht mitgenommen. Er wollte Jonas keine Chance geben, diese Akte vor der Konfrontation in die Finger zu bekommen und sie zu lesen. Vor allem nicht die zwei unterschiedlichen Aussagen, was seine Fertigkeiten betraf.

Thomas Beurteilung war überraschend detailliert gewesen. Das ihr Abteilungsleiter der Kardiologie, Aiden West, auch nur Gutes über ihn zu sagen gehabt hatte, hatte ihn ebenso überrascht. Nur das Jonas, der nicht nur sein jetziger Abteilungsleiter, sondern auch sein ausbildender Oberarzt gewesen war, bedeutend schlechter über ihn – und auch Leon – geurteilt hatte, war hier das Problem.

„Wieso übermorgen und wieso ein Vermittler?“, fragte Thomas nach. Er verstand schon, wieso seine Bitte den Chefarzt irritierte. In seine Konflikte hatte er nur im äußersten Notfall – und normal schon mitten im laufenden Konflikt – jemand dritten hinzugezogen.

„Übermorgen, weil ich nicht glaube, dass Leon seine Antworten findet und wir eine Abmachung hatten. Warum ich den Vermittler brauche, wirst du merken“, informierte er ihn. „Ab Mitternacht wären Jonas und ich beide auf Bereitschaft, bis vier Uhr oder von zwölf bis fünfzehn Uhr ließe es sich noch problemlos einrichten.“

„Wieso einen Vermittler, Mark?“, ritt sein Chefarzt auf diesem einen Detail rum. „Du hasst Vermittler.“

„Ein Jahr Therapie mit einer sehr ambitionierten Vermittlerin hat mein Weltbild vielleicht geändert.“ Berechtigterweise warf Thomas ihm ein Verarsch mich nicht-Blick zu. Er hatte um Leons Willen seine Aversion gegen Psychologen und Psychotherapeuten beiseitegeschoben. Auch wenn er zugab, dass ihre Therapeutin Emilia Harper durchaus an dem Erhalt ihrer Beziehung einen guten Teil beigetragen hatte, war er froh, wenn sie endlich kein Bestandteil ihres Lebens mehr war. „Ich brauche einen Vermittler, weil ich meinem Ausbilder, Mentor, Vertrautem und allem voran unserem stellvertretenden Chefarzt Vorwürfe machen werde, die nicht einfach mit einem Schulterzucken abzutun sind.“

„Du weißt, dass ich dir normal eine so löblich präventive Anfrage nicht abschlagen würde, aber…“, setzte Thomas an und zuckte mit den Schultern. „Ich versuche das Krankenhauspersonal vor einem Rauswurf zu bewahren. Ich habe keine Zeit für eure Kindereien.“

„Das ist keine Kinderei, Thomas“, versuchte er es trotzdem. Er wusste, dass dem Krankenhaus eine Dezimierung drohte, was das Personal betraf und Thomas Job zurzeit genauso am seidenen Faden hing, wie alle anderen Jobs auch. Deswegen waren Leon und er ja überhaupt in einem fremden Krankenhaus zur Schulung gewesen, obwohl ihre Personalsituation alles andere als rosig war. Der Vorstand hatte jahrelang nicht auf den Mangel an Personal reagiert und wollte jetzt endlich den Forderungen des Personals nachgehen – mit Aussortierung obendrein.

Der Vorstand hatte ein Angebot zur Übernahme durch mehrere Ärzte, die man durchaus als die Elite der Medizin bezeichnen konnte. Die Motivation, das sinkende Schiff zu retten, konnte durchaus auf diese Schulung zurückzuführen sein – ein paar der Elite hatten einen Narren an Leon und ihm gefressen. „Ich habe potentiell zur Rettung des Krankenhauses beigetragen“, erinnerte er seinen Chefarzt an genau diese Tatsache. „Ärzte im Vorstand haben nur noch die wenigsten.“

„Ich muss aber vom Schlechtfall ausgehen und solange diese Übernahme nicht über die Bühne gegangen ist, können die noch fleißig Leute aussortieren“, erinnerte Thomas ihn an schmerzhafte Tatsachen. Trotzdem zog der einen Block heran. „Vierzehn Uhr, mehr als eine Stunde kann ich dir nicht anbieten.“

„Die wird mehr als ausreichend sein“, meinte er. „Danke, ich bring dir Nervennahrung mit.“

Er war etwas beruhigter, als er wieder aus Thomas Büro trat. Wenn er den Chefarzt mit ins Boot holte, der ihnen diese auswärtige Schulung überhaupt ermöglicht hatte, dürfte das alles schnell geregelt sein.

* * *


Leon wusste, dass ihm nicht viel Zeit blieb. Je länger er warten würde, desto schwieriger wäre die Frage am Ende. Auch wenn die Schichtplanung etwas unglückselig für ihn ausgefallen war, sie hatte zumindest einen Vorteil – zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens bedarf es nur selten wirklich dringlicher Dienste seinerseits. Und da Jonas ein Gewohnheitstier war, saß der wie immer im Pausenraum und ackerte den leidigen Papierkram von Abteilungsleitern durch, ehe der sich für die letzten zwei Stunden der Bereitschaft nach Hause begab. Er rief ohnehin immer Mark, wenn er den Bereitschaftsarzt brauchte.

„Kann ich dir helfen?“, fragte Jonas schon kühl, als er in den Pausenraum trat. Selbst wenn er nur Kaffee holte, war in den letzten beiden Wochen diese leidige Frage gekommen. Jonas war weder auf Mark noch auf ihn gut zu sprechen. Mark als aufgebehrender Oberarzt, der zunehmend Zweifel an den Motiven von Jonas hegte, war bereits ungewöhnlich. Er, als frischer Facharzt, hatte eigentlich nichts dergleichen getan oder geäußert. Seit ihrer Rückkehr aus New York war sein Abteilungsleiter deutlich kälter ihm gegenüber geworden. Als ahnte der, dass sie etwas wussten.

„Ja“, antwortete er aber zum ersten Mal in Tagen. Bisher hatte er diese Frage ignoriert.

Überrascht schaute Jonas auf. „Bekommen wir was rein?“

Einen Moment blieben ihm die Worte ja im Hals stecken. War ja nett, das Mark sich gerne mit anderen Menschen anlegte und kein Problem mit Nachfragen hatte, aber er… Nein, verbot er sich genau diese Gedanken. Du kannst das genauso gut. Aber er nahm erst einmal einen Atemzug, damit die Frage nicht allzu gepresst oder hastig rauskam. „Was ist“, begann er deutlich ruhiger, „Zwischen dir und Joseph vorgefallen?“

Sofort senkten sich Jonas Mundwinkel nach unten und die Augen verengten sich. „Geht dich einen Scheißdreck an“, fuhr Jonas ihn an und schaute wieder zu den Unterlagen.

„Er sagte mir aber, ich solle dich nach dem Warum fragen.“ Nicht ganz so genau, aber durchaus in dieser Art. Jonas war immerhin die gesündere Alternative zu Christian. Er wollte keinen Besuch im Gefängnis anmelden müssen. „Und ich will wissen Wieso.“

„Dann lebe eben mit dem Unwissen“, erwiderte Jonas kalt.

„Also hast du etwas mit dem Warum zu tun“, behauptete er einfach mal. Wieso auch nicht? Seine Verschwörungstheorien hatten ja noch nicht genug Treibstoff! Er wusste ja nicht was genau Jonas Problem war und wieso dessen Problem mit Mark überhaupt zu seinem Problem geworden war. Schön, sein werter Verlobter hatte sich vielleicht im Ton vergriffen und die geäußerten Worte nicht zurückgenommen. Aber er hatte damit im Grunde genommen nichts zu tun gehabt.

Nur das Jonas ihn ignorierte. „Ich verdiene es zu wissen, warum ich die Hölle durchlebt habe“, versuchte er es auf einem anderen Weg.

„Weil du dich auf eine Erpressung eingelassen hast“, erwiderte sein Abteilungsleiter so dermaßen nüchtern, dass er im ersten Moment glaubte, er habe den Tonfall falsch verstanden. Doch sprach der kurze Seitenblick Bände.

Okay, ja, er war so naiv gewesen, sich einzulassen. „Muss ich wirklich Christian nach dem Warum fragen?“, fragte er nach, wusste nicht einmal, ob er bewusst einen drohenden Tonfall angeschlagen hatte oder nicht. Jetzt traute er sich, diese Frage zu stellen – jetzt wollte er auch die gottverdammte Antwort. Selbst wenn es ein Weil ich Jonas nerven wollte war.

Mit einem verhöhnenden Lächeln blickte Jonas auf. „Das packst du nicht“, meinte der nur. „Und du brauchst es nicht. Christian ist einfach ein Sadist, der sich das schwächste Glied ausgesucht hat. Da mehr hineinzuinterpretieren, als da tatsächlich ist, schadet nicht nur dir.“

„Warum sagte er mir dann, es ginge nicht um mich?“

„Weil er ein Perverser ist, der seine Lust befriedigen wollte“, erklärte Jonas ihm. „Es ging einfach nur um ihn und seine perfiden, abstoßenden Bedürfnisse.“

Zählte definitiv mit rein. Ohne Erektion hätte er nicht Albträume von Christians bestem Stück gehabt. „Ich glaube nicht, dass es so einfach ist.“

Jonas hatte ihm ja quasi bestätigt, dass es da um mehr ging. Zumindest, dass Jonas eine Rolle spielte. Solange er aber Joseph nicht quälen und bei Jonas keinen Druck ausüben konnte, würde er keine Antwort bekommen.

Womit eigentlich nur noch Christian blieb. Was an sich auch keine Option war. Abgesehen von der Tatsache, dass der Mann immer noch ein Teil seiner Albträume beherrschte, wollte er keinem Antrag auf frühzeitige Entlassung in die Hände spielen, indem er ihn besuchte.

Er sollte sich mit Mark beraten, ehe er etwas entschied. Wenn es um Christian ging, blieb sein Verlobter nicht gerne außen vor und da auch noch Jonas irgendwie was damit zu tun haben schien, wollte der wohl erst recht mitentscheiden. Als er aber aus dem Pausenraum trat und diesen einen Patienten warten sah, verschob er das Vorhaben auf später. Die Arbeit war gerade dringlicher.

* * *


„Nein. Absolut und vollkommen nein“, bestimmte Mark und fragte sich, wie Leon überhaupt auf die Idee kam, so etwas auch nur in Erwägung zu ziehen. „Ich weiß, du glaubst, dass du irgendwas auf der Spur bist, aber…“

„Du hast mir nicht einmal zu Ende zugehört“, warf Leon ihm vor und rührte in dessen Tasse rum. Tee war jetzt nicht gerade ihr alltägliches Gut. Umso mehr wunderte es ihn, dass sein Verlobter seine uralt-Vorräte durchwühlt hatte. „Ich habe eigentlich gedacht, du verstündest meinen Wunsch noch am ehesten.“ Der Blick seines Freundes war kühl und abwägend. „Denn von uns beiden bist du derjenige, der ständig nach dem Warum fragt.“

Mark musste zugeben, er war kurz davor seinen Job im Central Hospital hinschmeißen zu wollen. Es war der vierzehnte Tag seit ihrer Rückkehr und er wusste, dass Leon über vierundzwanzig Stunden Zeit gehabt hatte, sein Vorhaben zu durchdenken. Christian zu besuchen, nur um eine leidige Frage zu stellen, hatte Leon schon abgewogen. Aber der Mangel an Privatleben hatte dem definitiv zu viel Zeit zum Nachdenken gegeben, ehe der ihn informiert hatte. Diese geringe Zeitspanne von vier Stunden, die sie täglich füreinander hatten, war schon seit geraumer Zeit so, aber es hatte ihn bis New York höchstens genervt, nicht gereizt.

Jetzt reizte es ihn erst recht. Vor allem, weil es Leon den Freiraum bot, dumme Dinge zu durchdenken ohne das er Wind davon bekam. „Ich verstehe es“, gab er zu. Er verstand, wieso Leon der Gedanke an die fehlende Begründung durchaus auch quälen konnte. „Aber das hier ist definitiv was anderes als dein Verhalten zu hinterfragen. Es wird dir nichts bringen.“

„Wieso bringt es dir dann was, Jonas die Beurteilung bei Gilbert um die Ohren zu hauen?“, fragte Leon sofort nach. „Im Endeffekt wird es nämlich nichts an dem ändern, was hier läuft. Es wird höchstens zu einer noch schlechteren Stimmung führen.“ Gemeine Frage. Tatsächlich würde es ihm eigentlich nichts als Ärger bringen. „Wenn es dich beruhigt, lasse ich das Vorhaben von Emilia absegnen. Aber wenn Joseph auf Jonas und Christian verweist, mir aber einer von beiden die Antwort verwehrt und durch die Blume hinweg eine Beteiligung an den Gründen mitteilt, sollte ich dem nicht auf den Grund gehen?“

„Nein.“

„Warum?“

„Weil Christian dich bis heute verfolgt“, erwiderte er bissiger als gewollt. „Ich weiß nicht einmal, was du dir dadurch erhoffst. Es ändert nämlich genauso wenig an dem Geschehenen, wie meine Konfrontation mit Jonas was Positives hervorbringen wird.“

„Und trotzdem“, meinte Leon, „Wirst du es machen. Genauso wenig, wie du mich von einem Besuch bei Christian abhalten kannst.“

Leider wahr. Er hatte sogar schon Jonas mitgeteilt, dass sie morgen beide einen Termin bei Thomas hatten und würde sich bis morgen vierzehn Uhr gedulden. Ihm war es immer noch ein Rätsel, was diese schlechten Worte über ihn sollten. „Willst du wirklich den Fortschritt der letzten Wochen wegen einer Frage ruinieren?“, versuchte er es lieber über einen anderen Weg. Ihm wäre es sehr viel lieber, wenn Leon und Christian sich nie wieder begegneten. Obwohl, ein Teil von ihm hatte es geahnt, dass Leon irgendwann die Konfrontation suchen würde. Nicht so früh, aber irgendwann.

Lange sah Leon ihn an, die Lippen nachdenklich geschürzt. „Es ist über ein Jahr seither vergangen und es ging mir in letzter Zeit gut, trotz dieses Seitenhiebs von Jonas oder die vier Toten der letzten beiden Wochen“, stellte der schließlich fest. „Ich gebe zu, ich hätte dich gerne dabei, aber ich sehe keine große Gefahr von Rückschlägen.“

Bis auf die Physis, die sein Verlobter hin und wieder gefährdend vernachlässigt hatte, hatte er ihm nie eine Entscheidung wirklich ausreden wollen. Er hatte ihm mitgeteilt, wenn er anderer Ansicht war und in New York war eine solche Mitteilung durchaus etwas eskaliert. Einer der Gründe dafür, dass er lediglich nickte. Wenn Leon glaubte, dass durchzustehen, würde er ihn unterstützen. Wenn der Schuss nach hinten losging, würde er ihn ebenso unterstützen. „Es sollte sich einrichten lassen, dass ich dabei sein kann“, merkte er an.

„Ich glaube nicht, dass der Termin sich auf unsere Freizeit festlegen lässt und die Zeit solltest du ohnehin zum Schlafen nutzen“, meinte Leon kopfschüttelnd. „Ich muss wohl eher Urlaub dafür beantragen und hoffen, dass er durchgeht.“

Schulterzuckend lehnte er sich im Stuhl zurück und warf einen Blick auf die Uhr. Etwas, was er sich in New York nahezu abgewöhnt hatte, diese ständige Vergewisserung, wie viel Zeit ihnen noch blieb. „Dann nehme ich mir eben auch Urlaub.“

„Jonas wird das kaum bewilligen. Noch weniger, wenn ich annehmen darf, dass du nicht vorhast, deine morgige Konfrontation zu verschieben.“

„Ich frage auch nicht mehr Jonas, sondern beantrage es gleich bei Thomas“, informierte er ihn. „Immerhin wurde mein Urlaub wegen New York gestrichen und die Zahl an Überstunden, die mir nicht ausbezahlt wurden, nähert sich auch wieder dem dreistelligen Bereich.“ Sein Arbeitsvertrag belief sich schon auf achtzig Stunden die Woche. Von den, rein durchschnittlichen, siebzehn Überstunden die Woche ließ er sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr alles ausbezahlen.

Einige Augenblicke betrachtete Leon ihn. „Davon hast du mir gar nichts erzählt“, stellte der schließlich fest. „Wieso verzichtest du auf die Auszahlung?“

„Was soll ich mit dem Geld?“ Schulterzuckend griff er nach seiner Kaffeetasse und blickte dabei doch wieder auf die Uhr. Lächerliche zwanzig Minuten, ehe Leon wieder gehen musste. „Selbst wenn wir zum Heiraten den gesamten Club im Queer Escapes anmieten, kratzt das gefühlt nicht an meinen Ersparnissen der letzten Jahre.“

Es war zu einer angenehmen Abwechslung geworden, dass Leon nicht sogleich das Gesicht verzog. „Du hast also wirklich das Queer Escapes ins Auge gefasst, wenn unsere Trauzeugen die Heterosexualität in Person sind?“, fragte sein Verlobter nach. In dem halben Jahr ihrer Verlobung hatte Leon sich bis vor kurzem quergestellt, was die Heirat betraf. Die Studienschulden und Krankenhausschulden im Zuge der Krebsbehandlung des leider verstorbenen Vaters hatten eine hohe Summe ergeben. Den Schuldenstand, den Leon zu Beginn einer Ehe hat haben wollen, wäre erst in ein paar Jahren erreicht gewesen.

Doch netterweise sah sein Verlobter endlich von dem Aspekt finanziell ab. Noch eher mit Hängen und Würgen, aber sie waren zumindest dabei, sich über die einzelnen Aspekte zu unterhalten. Was einen unglaublichen Fortschritt darstellte. „Ist ein ziemlich gutes Angebot“, beantwortete er schließlich Leons Frage. „Hab ich dir den Link nicht geschickt? Außerdem haben wir den drei Tage Gutschein, der ließe sich dort perfekt mit einbinden.“

„Nein. Ich wäre bisher aber nicht sonderlich dazu gekommen, mir irgendwas diesbezüglich anzusehen.“ Einen Moment zögerte Leon. „Wir haben nicht mehr über diese Patensache gesprochen“, fuhr der schließlich fort und zuckte mit den Schultern. „Ich hätte meinen Part ausgefüllt.“

Wenn er auch nur den Ansatz an Zeit für ihr Sexleben hätte, würde er nicht hier sitzen und über Dinge theoretisieren. Ein Patenprogramm, wie der Besitzer des Queer Escapes es genannt hatte, sollte vor allem ihrem Sexleben dienlich sein. Auch ohne Christians Missbrauch hatte Leon mit genug Dämonen zu kämpfen und ihm die Sache schwer gemacht. Mit Christians Missbrauch war das alles noch einmal schwieriger geworden. Bisher hatte er seiner Meinung nach gut durch dieses Thema navigiert, aber Leon hatte quasi die Reißleine gezogen.

Bisher hatte die Devise Machen, dann reden immer gut geklappt. Die Forderung des umgekehrten Vorgehens war aber bei der Vertiefung und Verdeutlichung des Machtgefälles aber mehr als nur berechtigt. Sich dabei Hilfe an die Seite zu holen, die diesen ganzen Drahtseilakt beherrschten, war dabei auch keine allzu schlechte Idee. Vor allem hinsichtlich der Aspekte, dass er selbst keine echten Erfahrungen in Bezug auf absolute Dominanz hatte und es auch zahlreiche Dinge gab, die er zwar durch Leons Erzählungen kannte, aber nie gänzlich verstehen konnte. Sich gegenseitig Gesprächspartner zu gönnen, an denen es ihnen zweifelsohne mangelte, war an sich ein verdammt kluger Schritt.

„Hätten wir die Zeit dazu“, stellte er lediglich fest und seufzte. „Wären wir in New York, hätte ich es vor Ort noch abgegeben, aber wir sind nun einmal nicht mehr in New York.“

Leon bedachte ihn mit einem traurigen Blick. „Wir haben diese Arbeitsumstände lange genug mitgemacht, meinst du nicht?“, fragte der leise nach. „Du sagtest mal, es sei die Schuld gegenüber Jonas, die dich an das Krankenhaus bindet.“

„Schlägst du gerade vor, dass wir das Krankenhaus wechseln sollen?“ Diese Diskussion hatte einmal im Raum gestanden. Leon hatte abgelehnt, nach Abschluss der Assistenz das Krankenhaus zu wechseln und nun saßen sie hier. Dreieinhalb Jahre des Personalmangels waren vergangen und er hatte echt keinen Nerv mehr, dass auch noch ein viertes Jahr vorbeiging. Aber gleich das Krankenhaus zu boykottieren? „Es ist nicht nur Jonas.“

„Wenn du mit Jonas sprichst, könnte es durchaus unschön werden“, meinte sein Verlobter leise, aber eindringlich. „Er wird nicht dich rausschmeißen. Also ist es sinnig, dass ich mich umsehe.“

„Wieso sollte er dich rausschmeißen?“, fragte er irritiert nach. Es gab keinen Anlass anzunehmen, dass Leon für seinen Konflikt zahlte… obwohl. „Das bekommt er nicht hin, Leon.“ Jonas hatte genau das schon einmal versucht und ihm auch angedroht. Doch das lag Jahre zurück. Seither hatte sein Verlobter es geschafft, sich zunächst als Assistent und mittlerweile auch als Facharzt einen Namen und sicheren Stand im Krankenhaus zu verschaffen.

„Da bin ich mir nicht so sicher wie du“, widersprach Leon ihm. „Ich finde es auch ohne diesen Aspekt sinnig, mir andere Krankenhäuser anzusehen. Selbst wenn wir jetzt boykottieren, was soll es an all dem ändern? Der Vorstand wird keine Ärzte behalten, die auf die Barrikaden gehen und wenn wir es aussitzen und auf die Übernahme hoffen, kann das ebenso nach hinten losgehen. Egal, wie ich es drehe und wende, zurzeit sehe ich meinen Job nicht unbedingt als sicher.“

„Wir haben uns einen Namen gemacht in der medizinischen Welt“, hielt er dagegen. „Du vielleicht nicht so sehr wie ich, jedoch zu genüge. Loyalität ist ein seltenes Gut und wir beweisen es.“

„Wenn du dir damit so sicher bist“, murmelte sein Verlobter und trank die Tasse leer. „Ich kann morgen nicht dabei sein, wenn du mit Jonas sprichst, aber ich versuche dir bestmöglich den Rücken in der Notaufnahme freizuhalten.“

TBC


Nachwort

Und wieder hallo. Na, was denkt ihr? Ich habe mich dieses Mal gegen das Veröffentlichen des Prologs entschieden – einfach der Tatsache geschuldet, dass ich trotz zahlreicher Planungen und Eckpunkte am Ende keine Ahnung hab, wo das hier hinführen wird. Ich stecke immer noch in der Überarbeitung von AHEA, HWW und ADP, aber die Plotbasis bleibt ja bestehen – fünfundzwanzig Kapitel habe ich zurzeit fertig, das heißt, es gibt erst einmal drei Monate Kapitelvorräte. Ich hoffe, ihr erfreut euch an dieser Geschichte so sehr wie ich beim Schreiben – es fühlt sich an, als hätte ich seit vier Geschichten nichts anderes getan, als hierhin zu arbeiten.

Zu dem Thema Kapitelvorwort: Seit Jahren hänge ich Vorworte an die Kapitel und danke den Reviewschreibern. Da ich jetzt aber schon vermehrt gelesen habe in Threads oder Gruppen oder ähnliches, dass es nicht gewollt ist – lassen wir es mal. Es heißt nicht, dass ich nicht dankbar für Rückmeldungen wäre. Es heißt nur, dass ich den Reviewschreibern in ihren Reviews ohnehin danke und jedem einzelnen Empfehlungsgeber leider nicht persönlich danken kann (anonym und so).

Das war jetzt erstmal genug der Worte. Wir lesen uns nächste Woche wieder. Über jegliche Form der Rückmeldung, sei sie löblich oder kritisch, freue ich mich jederzeit.

Liebe Grüße

Serena


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Wer neu in der Welt von Mark und Leon ist, hat vielleicht beim Lesen schon gemerkt, dass es hier Vorgängergeschichten gibt. Ich bemühe mich nach bestem Willen, die Geschichten nicht mit zwingenden Vorkenntnissen aufzubauen. Aber wer alles kennen will, hier die Reihenfolge:

Alles hat einen Anfang

Handel Wider Willen

Auf hoher See

Auf dem Prüfstand
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