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Rachegeist

von Askaja
OneshotAngst, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Scorpion
12.03.2021
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Rachegeist


»Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen,
Tod und Verzweiflung,
Tod und Verzweiflung,
flammet um mich her.«


Emanuel Schikaneder, Libretto der »Zauberflöte«






In der tiefsten Ebene des Unterreiches brannte seine Seele in einem feurigen Pfuhl aus Lava. Asche regnete auf ihn nieder, formte ein schwarzes, undurchdringliches Leichentuch, das seinen Geist überschattete. Schicht um Schicht fraß die beißende Glut ihn auf, nagte an den Jahren, den Tagen, den Stunden, die er im Erdenreich zugebracht hatte, solange, bis die Erinnerungen an sein altes Leben nur noch als fernes Echo in ihm widerhallten. Die Höhlen und Kammern um ihn herum erfüllten die Schreie der Verdammten, das Ächzen und Stöhnen der Frevler, die mit ewiger Qual und Marter für ihre Verbrechen und Laster bestraft wurden. Zeit existierte hier nicht, es gab keinen Tag und keine Nacht, nur immerwährende Finsternis und Hoffnungslosigkeit.
Dieser Ort gebar Alpträume. Sie nahmen körperliche Gestalt an, zerfetzten ihn mit ihren Klauen und Reißzähnen. Der Wahnsinn beherrschte diese Welt. An seiner Seite regierten Terror und Schmerz alles Fühlen, alles Denken jener, die von den Götterältesten in die untersten Sphären des Kosmos verbannt worden waren.
Es gab nur eine Macht, die seinen Geist davor bewahrte, wie das morsche Gerippe zu zerbrechen, das aus ihm geworden war. In dem Inferno aus Pein und Verzweiflung klammerte er sich an die einzige Empfindung, die ihm geblieben war. Dieses alles betäubende Gefühl hatte den letzten Funken Menschlichkeit in seiner Seele vor dem Erlöschen gerettet.  

Wut.

Unbändige, alles verschlingende Wut.

Sie war alles, was ihm geblieben war.


Weder der Tod noch die Verdammnis hatten dieses Feuer der Essenz seines Selbst zu ersticken vermocht. Wie eine lodernde Flamme brannte die Wut in seinem toten Herzen, lichterloh und so heiß, dass sie alle Qualen überstrahlte, alle Schrecken des Abgrundes mit ihrer schieren Kraft besiegte. Zu ihr gesellte sich ein unstillbarer Hass auf einen gesichtslosen, vielköpfigen Feind, der ihm alles entrissen hatte und den er in seinem blinden Taumeln doch nicht mehr greifen konnte.
Alle Menschen, die ihm lieb und teuer gewesen waren, hatte man ihm genommen. Seine Heimat war zerstört, sein Klan unwiederbringlich ausgelöscht, seine Brüder und Schwestern niedergemetzelt, seine Familie abgeschlachtet wie Vieh.
Harumi, die Frau, die er mit jeder Faser seines Körpers geliebt hatte. Seine Kana, schön wie der Morgen, zart, so zart wie die Blüten des Pflaumenbaumes, den er vor ihrer einfachen Hütte gepflanzt hatte. Satoshi, sein kleiner Sohn, sein Fleisch und Blut, aufgespießt und ermordet, noch bevor das erste Wort über seine unschuldigen Kinderlippen gekommen war.

Ihm blieb nur seine Wut.

Sie war bodenlos, überdauerte Zeit und Raum, überwandte die Grenze zwischen Leben und Tod und verfolgte ihn selbst in die tiefsten Abgründe des Totenreiches, wo Dämonen und Geister ihr Unwesen trieben und die Seelen der Verstorbenen knechteten. Er würde nie ruhen. Auf ewig war seine Seele rastlos gefangen in einer Welt aus Feuer und Schmerz.

»Dein Zorn brennt hell, Hanzo Hasashi von den Shirai Ryu.«

Eine Stimme, bloß ein Flüstern, drang über das Chaos zu ihm. Dann öffnete sich in einer Wolke aus Rauch und Flammen ein Portal, dem eine in Schwarz gehüllte Gestalt mit bleicher Haut und Augen wie glühenden Kohlen entstieg.

»Es war deine Wut, die mich zu dir führte. Sie leuchtete mir den Weg durch die Dimensionen, bis zum tiefsten Punkt allen Seins. Quan Chi ist mein Name und ich möchte dir einen Handel vorschlagen, Ninja,« sprach sein Besucher weiter. »Was würdest du dafür tun, wenn ich dir dabei helfe, dich an jenen zu rächen, die dir alles entrissen haben? Was würdest du dafür geben, wenn ich dir die Macht verleihe, deine Feinde zu zermalmen, dich an deinem Mörder und dem deiner Liebsten zu rächen?«

Vor ihn traten auf einmal verschwommene Traumgesichter aus Funken und Aschehauch, zeichneten vergangene Bilder in der Dunkelheit des Unterreiches. Schreie und lautes Kampfgetümmel hallte wider und vor seinen Augen öffnete sich der Blick auf ein Dorf. Kämpfer in blauen Rüstungen stürmten mit Schwertern und Speeren auf Männer, Frauen und Kinder zu. Die Hütten gingen in Flammen auf, der schwarze Rauch verschluckte das dämonische Getöse und die Todesschreie der Sterbenden. Ein Mann auf einem mächtigen Ross ritt durch das Gemetzel, das Gesicht zu Hälfte hinter einer blauen Ninjamaske verborgen. Nur die azurnen Augen brannten voller Mordlust im Zwielicht.
Eine Tür wurde aufgerissen. In der hintersten Ecke der Stube kauerte eine Frau, presste ein kreischendes Bündel an ihre Brust. Eis kroch mit jedem Schritt, den der Eindringling tat, weiter über den Boden, streckte seine kalten Krallen nach den hilflosen Opfern aus. Der Atem des Ninjas zeichnete weiße Wolken in der Luft, als sich langsam ein Schwert aus Eis in seiner Hand formte.  Sein großer Schatten ragte über der Frau auf, die ihren weinenden Säugling wimmernd an sich drückte. Dann fuhr die Klinge mit einem Zischen durch die Luft, gefolgt von einem spitzen Schrei. Wieder und wieder. Überall klebte das Blut, so viel Blut. Ein letztes, verzweifeltes Röcheln ertönte, dann gefror der Lebenssaft als roter See zu den Füßen des Mörders. Eine Pflaumenblüte glitt aus langen schwarzen Haaren, helle, zarte Blätter, die sich auf dem Boden rot färbten.
Kana.
Die Bilder verblassten, aber in seinem Innersten lebten sie fort. Er brüllte wie ein wildes Tier im Todeskampf und doch kam kein Laut über seine Lippen, denn er besaß keine Stimme, um seinen Schmerz, seine brennende Wut heraus zu speien. Er erinnerte sich wieder, er sah alles noch einmal vor sich. Sein Klan, seine Familie, sein Leben.  Ermordet, zerstört, für immer verloren.
Er konnte die Worte nicht formen, um seinen Schwur in die Welt zu schreien, doch der Zauberer schien sein wütendes Toben dennoch zu hören.

»So sei es!« Quan Chi bedachte ihn mit einem Lächeln, das seine dämonische Natur offenbarte. »Ich werde dich ins Leben zurückholen und dir die Kraft verleihen, deine Familie zu rächen, Ninja. Im Gegenzug wirst du für Shao Kahn, den Herrscher der Außenwelt, am letzten großen Turnier der Welten antreten und im Dienste seiner Truppen kämpfen. Dort wirst du den Mann finden, der deine Frau und dein Kind ermordet und die Shirai Ryu vernichtet hat. Du kannst dich nicht an seinen Namen erinnern, denn im Reich des Todes verblasst das vergangene Leben, aber auch du bist durch seine eisige Hand gestorben. Er heißt Bi-Han, dieser Tage ist er jedoch als Sub-Zero bekannt. Ich gebe dir die Gelegenheit, ihn und den Klan der Lin Kuei für ihre Taten büßen zu lassen. Kämpfe für Shao Kahn und die Rache ist dein.«

Bi-Han.
Der Name beschwor längst vergrabene Bilder in ihm herauf. Er erinnerte sich. Mit einem Male strömte sein altes Leben wie ein Feuersturm auf ihn ein. Er hatte versagt, damals, als er sich beim Großmeister der verhassten Lin Kuei für den feigen Mord an seiner Familie und seinem Klan hatte rächen wollen. Sein Wunsch nach Vergeltung hatte ihn selbst das Leben gekostet. Sub-Zero war aus ihrem Kampf als Sieger hervorgegangen. Der kalte Atem des Cryomancers brannte auf ein Neues in seinem Gesicht, als würde dieser die Klinge seines Eisdolches ein weiteres Mal in seine Brust bohren. Das Letzte, was er gesehen hatte, bevor der Tod ihn hinfort gerissen hatte, waren die Winteraugen seines Mörders gewesen. Regungslos hatte ihm das kalte Blau entgegen gestarrt. In dieselben Augen aus Eis hatten seine Kana und sein kleiner Satoshi bei ihrem letzten Atemzug geblickt.
Sie waren für immer verloren. Keine Magie, kein Zauberer konnte ihm seine Liebsten zurückbringen. Die Götter hatten ihn und die Seinen verflucht.

Ihm blieb nur seine Wut.

Doch endlich würde er seine Rache bekommen. Der Hass brannte sich aus seinem Innern, wob mit den schwarzen Beschwörungsformeln von Quan Chi ein dichtes Netz um seinen Geist. Ein mächtiger Zauber durchströmte ihn. Rippe um Rippe reihte sich aneinander, das Blut pulsierte auf ein Neues in seinen Adern. Arme und Beine formten sich aus wildzüngelnden Flammen, Haut spannte sich erneut über Muskeln und Sehnen. Er krümmte sich unter unsäglichen Qualen, schrie den Schmerz tonlos in die Dunkelheit. Ein zufriedenes Grinsen umspielte den grausamen Mund von Quan Chi, als der Hexenmeister endlich von seiner Schöpfung abließ.
Sein totes Herz schlug ein weiteres Mal in seiner Brust. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er würde zurückkehren. Niemand würde ihm im Wege stehen, weder Quan Chi noch Shao Kahn. Nicht eher wollte er ruhen, bis der Mörder seiner Familie die gerechte Strafe erhalten hatte.
Hanzo Hasashi war tot. Er wurde als Alptraum wiedergeboren, ein Rachegeist, der nach Blut dürstete und nach Gerechtigkeit gierte.

In seinem Herz kochte die Rache der Hölle. Wie das Gift aus dem Stachel eines todbringenden Skorpions würde er das Feuer des Unterreiches über seine Feinde bringen.




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Der Trailer zum neuen Mortal Kombat-Film hat mich total kalt erwischt und so positiv überrascht, dass ich gnadenlos in meine Jugendjahre mit dem berüchtigten Prügelspiel samt mythologischem Unterbau katapultiert wurde. Das Ergebnis dieses Ausfluges, der damit einhergehenden Recherchen und der Inspiration durch die wenigen veröffentlichten Trailersequenzen ist der vorliegende Charakterschnipsel zu dem Anti-Helden Scorpion, der einfach raus aus meinem Kopf und aufs virtuelle Papier musste.
Ich habe dabei verschiedene Timelines der Spiele kombiniert und mir ansonsten den Rest für diesen Oneshot passend zusammengereimt. Bei den Bezeichnungen der Welten »Netherrealm«  und »Outworld« habe ich mich für die deutschen Übersetzungen entschieden; bei Eigennamen wie »Sub-Zero«  bin ich dann aber lieber beim Englischen geblieben. ;-)
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