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Whole

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
10.03.2021
30.08.2021
35
80.873
37
Alle Kapitel
143 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
10.03.2021 3.450
 
Okay Folks,
das ist meine neue Geschichte.
Es ist, wie immer bei mir, eine lange Geschichte mit ca. 120.000 Wörtern. Premiere ist diesmal, dass diese Geschichte tatsächlich fertig geschrieben und korrigiert ist. Also gebe ich mein allerbestes, regelmäßig zu updaten.
An alle, die noch auf das Ende von Bare und His Smile warten: Ich verspreche, dass ich diese beiden Geschichten fertig schreiben werde.

Ein paar Anmerkungen zu dieser Geschichte:
Die Story spielt in einem Alternativen Universum, in dem es Alphas, Betas und Omegas gibt. Wenn ihr diese Art von Geschichten nicht kennt, kein Problem, ich habe mein Bestes gegeben alles so zu erklären, dass es jeder versteht.
Falls jemand sich fragt, ob dub-con oder non-con Elemente in dieser Geschichte vorkommen werden: in dieser Art Geschichten ist es oft unvermeidbar, dass es bisschen dub-con vorkommt. Aber wer mich kennt: Ich würde nie etwas schreiben, was wirklich als dub-con eingeordnet werden würde, dafür lieben sich John und Sherlock viel zu sehr.
Außerdem war ich so frei und habe das Wort „Nodus“ von Kirin und Belladonna geklaut, weil mir das bisher als die beste Übersetzung von „Knot“ erschien. Wenn einer von euch beiden das hier liest: Danke!

Wie immer ist die Geschichte ab 18. Wer Fragen zu irgendwelchen Triggern hat, kann mich gern anschreiben.

Ansonsten, viel Freude.

-

Sherlock wurde unsanft vom schrillen Klingeln seines Weckers geweckt. Noch mit geschlossenen Augen tastete er nach seinem Handy und drückte noch einmal auf die Schlummern-Taste. Er ließ sich zurück in sein Bett fallen.

Fünf Minuten später steckte Sherlocks Dad seinen Kopf zur Tür herein. „Sherlock, du musst jetzt langsam aufstehen. Du solltest wenigstens dieses Jahr am ersten Tag des Schuljahres nicht zu spät kommen.“

Sherlock wusste, dass er Recht hatte, doch brummte nur etwas Unverständliches. Sein Dad trat daraufhin weiter in sein Zimmer und setzte sich auf seine Bettkante. Er strich ihm durch die wirren Locken. „Komm schon. Steh auf.“, forderte Siger sanft.

Sherlock öffnete schwerfällig seine Augen und seufzte. „Ist ja gut. Ich habe zwar keine Ahnung, was ich heute überhaupt in der Schule soll, aber gut.“, murmelte er trotzig.
„Das hast du bisher jedes Jahr am Anfang gesagt. Komm, es ist dein letztes Schuljahr. Das schaffst du schon noch.“, versuchte Siger ihn zu ermutigen.

Sherlock seufzte noch einmal und schwang seine Beine an seinem Dad vorbei aus dem Bett. Er stapfte ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Er zog sich schnell und effizient aus, stieg unter die Dusche und wusch sich so schnell es ging. Er war tatsächlich etwas spät dran. Als er aus der Dusche trat, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild. Er setzte seine Brille auf, stand einen Moment nackt da und betrachtete sich skeptisch.

Er war dünn. Viel zu dünn, doch er konnte nichts dagegen tun, an seinem Körper schien einfach kein Gramm Fett haftenzubleiben. Er konnte seine Muskelstränge durch die Haut erkennen, doch selbst diese schienen nicht mehr werden zu wollen, egal wie viel Sport er trieb. Er war sehr blass, doch dadurch schien seine Haut sehr rein. Immerhin hatte er nie mit Akne zu kämpfen gehabt. Sherlock ließ seinen Blick wieder zu seinem Gesicht wandern, wo er auf helle Augen traf, die ihn jeden Tag mit einer anderen Farbe entgegenblickten. Das Einzige, das er wirklich an seinem Körper mochte, waren seine Haare, die sich jetzt nach der Dusche zu einem wilden Mopp ringelten.

Sherlock seufzte auf und wandte seinen Blick ab. Er mochte seinen Körper nicht besonders. Für einen Omega war er viel zu dünn, hatte zu schmale Hüften und war viel zu groß. Normalerweise waren Omegas etwas kleiner als Alphas oder Betas, hatten gebärfreudige Becken und sanfte Rundungen. Doch Sherlock war recht froh über den Umstand, dass er nicht aussah, wie ein typischer Omega. So konnte wenigstens niemand erkennen, dass er kein Beta war, so wie er seit Jahren vorgab.

Schon seit Jahrzehnten wurden immer weniger Alphas und Omegas geboren. Früher gab es von allen ungefähr gleich viele. Doch über die Jahre hatte sich dieser Umstand drastisch verändert. Heute gab es kaum noch Omegas. In Sherlocks ganzer Schule gab es außer ihm noch zwei andere. Dadurch waren Omegas so begehrt, wie noch nie. Es war etwas ganz Besonderes ein Omega zu sein und Sherlock hasste jede Minute davon.

Er hatte nie ein Omega sein wollen. Als Kind hatte er mit angesehen, wie sein leiblicher Vater seinen Dad misshandelt und geschlagen hatte. Er hatte mit angesehen, wie sich Siger nie hatte wehren können, weil er gegen den Alpha nie angekommen wäre.

Omegas waren zarte Wesen, sie waren nicht aus Muskeln gemacht. Sie waren nicht so stark, wie ein Alpha oder ein Beta. Doch eigentlich sollte das kein Problem sein, da Alpha und Omega füreinander gemacht waren. Ein Alpha passte auf seinen Omega auf und wenn es das letzte war, was er tat. Ein Alpha sollte sicherzustellen, dass sein Omega sicher war, dass er sicher Kinder austragen konnte.

So etwas hatte Sherlock nie kennengelernt. Es fing kurz nach seiner Geburt an, dass sein Vater anfing seinen Omega zu schlagen. Als dieser nach Jahren Demütigung den Mut aufbrachte etwas zu sagen, sich zu wehren, hatten die Vergewaltigungen angefangen. Das ging so lang, bis er eines Tages plötzlich starb.

Er hatte einen Autounfall, bei dem er betrunken die Kurve nicht mehr bekommen hatte und gegen einen Baum gefahren war. Bei der Beerdigung hatten weder Sherlock, sein Dad, noch Mycroft eine Träne vergossen. Danach war es gewesen, als hätte sein Vater nie existiert. Keiner aus der Familie erwähnte ihn. Jeder tat für sich so, als hätte es diese dunkle Phase in der Vergangenheit ihrer Familie nie gegeben.

Seitdem hatte Sherlock immer furchtbare Angst gehabt, dass er ein Omega sein könnte. Er wollte eigentlich weder ein Omega, noch ein Alpha sein. Er wollte sein Leben ganz einfach als Beta leben, nicht gestört werden und alle Freiheiten haben, die er brauchte. Er wollte nicht schwach sein wie ein Omega. Er wollte sich wehren können.

Doch natürlich musste es so kommen. Kurz nach seinem dreizehnten Geburtstag erwachte Sherlock eines Morgens mit Krämpfen, die seinen gesamten Körper zu schütteln schienen und einem Verlangen, dass er noch nie gespürt hatte. Er hatte sich aus seinem Schlafanzug geschält, weil er das Gefühl hatte, der Stoff würde seine Haut wund reiben. Als er sich ausgezogen hatte, stellte er fest, dass ihm eine klare, viskose Flüssigkeit die Beine hinabgelaufen war und in diesem Moment war ihm klar geworden, dass dies seine erste Hitzephase sein musste.

Er hatte seine ganze erste Hitzephase geweint, sich geweigert seinem Trieb nachzugeben und nach drei Tagen, war er in einen erschöpften Schlaf gefallen, aus dem er erst Stunden später erwachte, als sich sein Dad, ähnlich wie heute Morgen, auf seine Bettkante hatte sinken lassen und ihn mitleidig in die Arme genommen hatte.

Er hatte ihn angesehen und gefragt, was Sherlock nun tun wolle. Und er war nicht im Entferntesten erstaunt gewesen, dass Sherlock in Tränen ausgebrochen war und geschluchzt hatte, dass er kein Omega sein wollte, niemals einen Bund eingehen wollte und gleich Recht keinen Alpha wollte. Sein Vater hatte ihn verstanden und am nächsten Tag hatte er ihn mit zu einem Arzt für Omegabiologie genommen. Dieser verschrieb Sherlock zwei Medikamente, eins, dass seine Hitzephase unterdrückte und eins, dass seinen Geruch so veränderte, dass er wie ein Beta roch. Niemand in der Schule hatte bemerkt, dass Sherlock ein Omega war, jeder hatte angenommen, dass er in den Tagen, an denen er nicht da gewesen war, weil er in Hitze war, eine Erkältung hatte.

Jetzt, vier Jahre später, setzte Sherlock alle zwei Monate den Blocker immer an einem Donnerstag und Freitag ab und wusste, dass Freitagabend seine Hitzephase einsetzen würde. Dann schloss er sich für das Wochenende in seinem Zimmer ein und versuchte die Hitzephase allein zu überstehen. Es war nicht immer einfach und in diesen Momenten sehnte sich Sherlock nach einem Alpha, der für ihn da war und mit ihm seine Hitzephase verbrachte, doch danach war er jedes Mal wieder froh, dass er frei war. Pünktlich sonntags ebbten die letzten Symptome der Hitzephase ab und Montag konnte er wieder in den Unterricht gehen.

Am liebsten hätte Sherlock den Blocker dauerhaft genommen, damit er gar keine Hitzephase mehr bekam, doch der Arzt hatte ihm geraten, wenigstens alle zwei Monate den Blocker abzusetzen, damit sein Zyklus nicht ganz zum Erliegen kam. Also ertrug Sherlock alle zwei Monate den Beweis, dass er ein Omega war und lebte die restliche Zeit, als wäre er ein Beta und war völlig zufrieden damit.

Sherlock seufzte noch einmal und zog sich schnell an. Er putze sich die Zähne und fuhr noch einmal mit dem Handtuch durch seine Haare. Danach ging er aus dem Bad, hängte sein Handtuch zum Trocknen auf und ging hinunter in die Küche.

Siger saß am Esstisch und las in der Zeitung. Vor ihm stand ein Milchkaffee und vor Sherlocks Platz stand eine Tasse schwarzer Kaffee. Er ließ sich neben seinen Vater sinken und starrte trübsinnig auf den Tisch.

„Sherlock. Was ist los?“, fragte Siger, ohne die Zeitung zu senken. Er konnte spüren, wenn Sherlock schlechte Laune hatte oder traurig war.
„Ich habe einfach keine Lust mehr. Warum kann ich nicht einfach hierbleiben? Ich könnte mich ohne Probleme selbst unterrichten. Das, was die Lehrer uns beibringen ist sowieso entweder falsch oder nicht vollständig.“, beschwerte sich Sherlock.

„Ich weiß, Sherlock. Und wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich dir deine A-Levels zertifizieren mit besten Noten. Das weißt du. Doch auch du musst dich dem Schulsystem unterwerfen, wenn du irgendwann etwas studieren möchtest.“, sagte sein Dad. Sie hatten diese Unterhaltung schon oft geführt. Ihre Argumente waren sorgfältig einstudiert. Beide wussten, was der andere sagen würde. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, weiter zu diskutieren.

Sherlock seufzte auf und blickte auf die Tischplatte vor sich.
„Ich weiß. Trotzdem ist es frustrierend. Und wenn ich mich dem System wirklich unterwerfen würde, dann würde ich überhaupt nichts studieren, weil ich dann wahrscheinlich längst einen Bund mit einem Alpha hätte und bereits schwanger wäre.“, murmelte Sherlock gereizt und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.

Siger wusste, weshalb Sherlock und er jedes Jahr wieder diese Unterhaltung führten. Nicht etwa, weil Sherlock die Schule nicht Spaß machte oder weil die Lehrer unfähig waren. Es lag auch nicht daran, dass Sherlock sich langweilte. Dafür waren die Chemielabore und Mikroskope der Schule zu gut ausgestattet. Nein, Sherlock wollte nicht zur Schule, weil er und seine Mitschüler einfach zu verschieden waren. Sie verstanden Sherlock nicht und er verstand die meisten ihrer Probleme auch nicht. Siger war bewusst, dass der einzige Grund, warum sich Sherlock jedes Jahr wieder weigerte zur Schule zu gehen, der war, dass Sherlock unglaublich einsam war.

Siger senkte die Zeitung und schaute Sherlock traurig an.
„Aber du kannst studieren. Dich zwingt niemand einen Bund einzugehen. Und wenn du dich niemals binden möchtest, dann ist das auch in Ordnung.“, beschwichtigte er seinen Sohn. Nach einer kurzen Pause fügte er jedoch hinzu: „Aber nicht jeder Bund ist so wie der zwischen mir und deinem Vater.“
„Ja, ich weiß. Dad, ich will jetzt nicht darüber reden.“, murmelte Sherlock.

Er wusste, dass sein Vater es gut meinte. Und er kannte bereits alle Argumente, die für oder gegen einen Bund sprachen. Doch er war sich sicher, dass er niemals einen Bund wollen würde. Außerdem konnte er nicht mal eine Freundschaft aufrechterhalten. Wie sollte er es dann schaffen, dass sich ein Alpha für ihn interessierte? Er wollte sich an keinen Alpha binden, nur um dessen Trieb zu stillen, wann auch immer es ihm passte. Er wollte schon recht nicht geschlagen werden. Es war eben ein Fakt, dass Alphas aggressiv waren und ihre Stärke gern zeigten. Und Sherlock wusste, dass er sich niemals würde wehren können.

Er wusste, dass er nicht stark war. Er konnte Bälle im Sportunterricht nicht weit werfen, wenn sie Gewichte heben mussten, konnte er kaum so viel heben, wie die Beta Mädchen aus seinem Kurs. Das Einzige, was er wirklich ausgezeichnet konnte, war rennen. Er war leicht genug, dass er sehr schnell laufen konnte. Im Sprint war keiner so schnell wie er. Doch das nützte ihm auch nicht viel.

Zum Glück gab es seit ein paar Jahren auch weniger Alphas. Zwar etwas mehr als Omegas, doch auch deutlich weniger als noch zu der Zeit, als sein Vater jung gewesen war. In Sherlocks Jahrgang gab es fünf Alphas. Zwei Mädchen und drei Jungen. Alle waren groß und die Jungen mit Muskeln bepackt. Selbst die Mädchen strahlten Stärke aus. Sie liefen immer hoch erhobenen Hauptes durch die Gänge und keiner von ihnen war sonderlich nett. Er war froh darüber, dass er Alphas von sich aus abstoßend fand. So kam er wenigstens nie in Versuchung.

Sherlock schaute auf die Uhr. Noch fünf Minuten. In zwei großen Schlucken trank er seinen Kaffee aus und erhob sich. Er ging wortlos aus der Küche und holte seine Tasche aus seinem Zimmer. Er seufzte, als er die schwere Reisetasche über seine Schulter warf. Er blickte sich noch einmal in seinem Zimmer um, ob er nicht etwas vergessen hatte. Dann schloss er die Tür und wappnete sich, sein zu Hause für die nächsten Wochen nicht mehr wiederzusehen.

Sherlock verabschiedete sich von seinem Vater, der ihn sofort in eine feste Umarmung zog.
„Viel Spaß. Und, Sherlock?“, murmelte Siger.
"Hm?“

„Versuch nicht ganz so pessimistisch an dieses Schuljahr heranzugehen. Vielleicht wird es ja gar nicht so furchtbar, wie du denkst.“, sagte sein Vater und lächelte ihn aufmunternd an.
„Hm. Wir werden sehen. Aber das glaube ich erst, wenn ich es mit meinen eigenen Augen sehe.“, sagte Sherlock und riss sich los. Je länger der Abschied dauerte, desto schmerzlicher würde es am Ende sein.

Er und sein Vater zogen sich an und liefen zum Auto. Sie verstauten alles im Kofferraum, inklusive dem alten Rennrad seines Dads, dass es benutzte, seitdem er auf das Internat ging. Dort hatte er zwar keine großen Wege zurückzulegen, doch es war schön hin und wieder rauszukommen und ein paar Kilometer zwischen sich und die Schule zu bringen.  

*

Wie jedes Jahr legte Sherlock seine Sachen nur hastig in seinem Zimmer ab. Viele der anderen Schüler kamen schon einen Tag früher an, um die Zimmer zu beziehen, sich mit Freunden auszutauschen und sich einzuleben. Das schob Sherlock jedoch bis zur letzten Minute hinaus, sodass er jedes Jahr keine Zeit hatte, seine Sachen auszupacken. Das würde bis nach der letzten Unterrichtsstunde warten müssen.

Sherlocks Zimmer war winzig, wie alle Zimmer des Internats. Doch er war froh, dass er ein Einzelzimmer hatte. Es gab auch Doppel und Dreierzimmer, doch diese wurden eher den jüngeren Schülern vergeben. Die Schüler der oberen Jahrgänge sollten sich auf die Hausaufgaben, Projekte und ihren Lernstoff konzentrieren können und so bekamen sie öfter Einzelzimmer. Außerdem wusste Mrs. Crimons, die nette, ältere Dame, die sich um die Zimmerbelegung kümmerte, dass Sherlock ein Omega war. Seitdem er seine erste Hitzephase hatte, hatte sie es ihm jedes Jahr ermöglicht ein Einzelzimmer zu beziehen.

Dieses Jahr hatte Sherlock einen richtigen Glücksgriff mit dem Zimmer gemacht.  Es war im Erdgeschoss und das große Fenster ging zur Nordwestseite der Schule hinaus, wo nur noch ein Feld und dahinter ein Wald lagen. Die Aussicht war auf jeden Fall besser als im letzten Jahr, als sein Fenster auf den dreckigen Innenhof gerichtet war.

Sherlock ließ seine Tasche aufs Bett fallen, schmiss seinen Fahrradhelm auf den Schreibtisch und hängte seine Jacke an den Haken an der Tür und verließ schnell das Zimmer wieder. Vielleicht war es wirklich empfehlenswert im letzten Schuljahr pünktlich zu sein.

*

Sherlock wusste nicht, was es war, doch etwas war anders. Leise Gespräche wurden im Gang geführt, Mädchen kicherten hinter vorgehaltenen Händen und ganz allgemein war sein kompletter Jahrgang wegen irgendetwas aufgeregt. Die ersten drei Blöcke waren relativ ereignislos verlaufen bis auf das Kichern der Mädchen, das Sherlock versuchte auszublenden.

Als Sherlock durch den Gang im zweiten Stock lief, der zum Chemiekabinett führte, stieg ihm ein Geruch in die Nase, den er nicht einordnen konnte. Es roch wie Sonnenschein, Frühling, Sommerregen, der auf nassen Asphalt trifft und Kaminfeuer. Dieser Geruch ließ Sherlock kurz innehalten und tiefer einatmen. Er konnte sich nicht erklären, woher der Geruch kommen sollte. Vor allem, da er nichts kannte, was diesen Geruch verströmte. Sherlock zuckte die Schultern und ging durch die Tür ins Chemiekabinett. Es waren noch nicht alle da und die Reihen noch recht leer. Sherlock setzte sich auf seinen gewohnten Platz in der letzten Reihe und wartete darauf, dass sich der Raum füllte.

Nach und nach kamen die restlichen Schüler, die mit ihm den Chemiekurs belegten, herein und setzten sich. Der Platz neben ihm blieb, wie jedes Jahr, frei, worüber sich Sherlock sehr freute. Ihr Lehrer, Mr. Smith, betrat den Raum und begann seinen Unterricht auf die gleiche, eintönige Weise wie in den letzten Jahren auch. Er war in seinen Fünfzigern, hatte eine Scheidung in den letzten fünf Jahren durchgemacht und war seitdem auf der Suche nach einer neuen Partnerin. Er flirtete mit allen weiblichen Lehrern, die ungefähr in seinem Alter waren und es war amüsant mit anzusehen, wie ihn besagte Lehrerinnen meist abblitzen ließen. Irgendwie tat er Sherlock leid. Er war eigentlich ein netter Mann. Jedenfalls ein Mann, der niemals jemanden schlagen würde.  

Etwa fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn klopfte es leise an der Tür und ein Junge in Sherlocks Alter trat durch die Tür. Er ging auf den Lehrer zu und sagte etwas leise zu ihm. Mr. Smith schaute den blonden Jungen kurz fragend an, bis ihm etwas einzufallen schien.

„Ähm, ja. Wie wäre es, wenn du dich einfach vorstellst und dich dann irgendwo hinsetzt?“, sagte Mr. Smith und runzelte die Stirn, sichtlich irritiert darüber, dass sein Unterricht gestört wurde.

Sherlock betrachtete den Jungen, der dort vor dem Kurs stand und aussah, als würde er am liebsten im Boden versinken. Er ließ seinen Blick langsam an seinem Körper nach oben wandern, um auch kein Detail zu vergessen.

Er trug einfache Stoffschuhe und hatte eine kurze Hose aus Jeansstoff an, was nur logisch erschien, da es noch ziemlich warm draußen war. Die Hose saß auf schmalen Hüften, die in einen gut gebauten Oberkörper übergingen. Er war nicht übermäßig muskulös, doch man konnte sehen, dass er irgendeinen Sport trieb, wahrscheinlich Rugby, wenn man die blauen Flecke an seinen Knien mit in die Rechnung einbezog. Er trug ein weißes T-Shirt mit dünnen schwarzen Streifen, dessen Ärmel um seinen Bizeps leicht spannten, wo sie etwas nach oben gerollt waren. Er war nicht besonders groß, etwa fünfzehn Zentimeter kleiner als Sherlock selbst, vielleicht um die 1.70 m. Sherlocks Blick wanderte zu seinem Gesicht. Er war attraktiv - er hatte große dunkelblaue Augen, eine Stupsnase, die für einen Jungen ein bisschen zu niedlich wirkte und blonde Haare, die ihm ein wenig in die Stirn fielen. Sherlock konnte sehen, dass sie im Winter dunkler werden würden.

„Oh, klar.“, murmelte der Junge. Er hob den Kopf etwas und begann sich der Klasse vorzustellen. „Also ich bin John. Ich bin diesen Sommer mit meiner Mum aus einem Kaff in der Nähe der Küste hergezogen. Bisher bin ich dort in eine Schule gegangen und mache jetzt nur noch das letzte Jahr hier.“

Er schaute Mr. Smith erwartungsvoll an, bis dieser mit der Hand wedelte und ihm damit zu verstehen gab, dass er sich setzen sollte. John ruckte seinen Rucksack, den er nur auf einer Schulter trug, zurecht und ging durch die Reihen. Je weiter er nach hinten ging, desto angespannter wurde Sherlock. Es schien, als würde er direkt auf den Platz neben Sherlock zusteuern. Dieser versuchte ihm durch einen mordlustigen Blick zu sagen, dass er sich hier bitte nicht hinsetzten sollte, doch John ließ sich nicht von seinem Ziel abbringen. Er blieb neben Sherlock stehen.

„Kann ich mich hier hinsetzen?“, fragte er höflich und schaute Sherlock interessiert an, der stocksteif auf seinem Stuhl saß und ihn anstarrte. Was sollte er darauf schon sagen? Er konnte ja schlecht dieser höflichen Bitte mit einer groben Abfuhr begegnen. Also wandte er den Blick von John ab und zuckte mit den Schultern. „Meinet wegen.“

John ließ sich dankbar auf den Platz neben ihm sinken und das war der Moment, als Sherlock sein Geruch mit voller Wucht traf. Er roch nach Sonnenschein, Frühling, Sommerregen, der auf heißen Asphalt trifft und Kaminfeuer. Doch jetzt wusste Sherlock auch, was ihm bisher entgangen war. John roch auch nach Alpha. Sherlock versteifte sich noch mehr und drehte das Gesicht in Richtung Fenster. Warum musste er sich ausgerechnet neben Sherlock setzen? Warum mussten seine Mutter überhaupt hierherziehen? Warum konnte Sherlock nicht noch das letzte Jahr in dieser Schule unbehelligt überstehen? Warum musste ausgerechnet jetzt noch ein Alpha in seinem Jahrgang auftauchen und alles kaputt machen?

Er seufzte auf und versuchte den Jungen neben sich so gut es ging zu ignorieren.


-tbc-

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