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One Night in Paris

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Booker / Sebastien le Livre Nicky / Nicolo di Genova
07.03.2021
14.03.2021
2
1.936
5
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Dieses Kapitel
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07.03.2021 1.005
 
Disclaimer: Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld und mir gehört auch sonst nichts, ganz besonders die Charaktere nicht und das ist auch gut so – too much trouble to feed…

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

Kurzbeschreibung: Booker hat seine Gründe, gute Gründe, wie er findet, um in ein Gefängnis einzubrechen… [Booker, Nicky; mentions of: Andy, Joe]

A/N: Übrigens kann ich nicht nur kein Italienisch, ich spreche auch kein Wort Französisch, aber ich hatte einen Heidenspaß bei der Recherche. Die NSA und andere mitlesende Geheimdienste dieser Welt müssen mich mittlerweile wohl für verdammt gefährlich oder völlig bescheuert halten…
Zur Handlung an sich: Ich weiß, es liest sich absurd. Ich finde es selbst völlig verrückt, aber unsterblich ist nun einmal unsterblich und persönlich halte ich es doch für reichlich unwahrscheinlich, dass Joe und Nicky niemals auf diese Art und Weise versucht haben, sich das Licht auszupusten. Da sie aber beide noch leben, hatten sie damit – trotz des ersten Anscheins! – keinen Erfolg.
Und natürlich: Vielen lieben Dank an renawitch für die Beta!





One Night in Paris


Grand Rasoir National.

Der nationale Rasierapparat.
Da stand er.
Pechschwarz im Licht des abnehmenden Mondes.

Er musste sich an der Mauer abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und es war ihm trotz seines alkoholbenebelten Verstandes klar, dass es einem Wunder glich, unbemerkt überhaupt bis hier gekommen zu sein. Doch andererseits… Wer brach denn schon in ein Gefängnis ein?! Hier kam niemand freiwillig her, höchstens wieder heraus und das am besten lange bevor die Zeit dafür gekommen war, sofern sie überhaupt je kommen sollte.
Booker zog den Korken aus dem Hals der einzigen Flasche, die den Weg unbeschadet überstanden hatte. Die anderen beiden hatte er beim ersten Anflug einsetzender Nüchternheit in wenigen Zügen geleert, doch die letzte, die brauchte er hier und jetzt. Der selbstgebrannte Schnaps war hochprozentiger als er gehofft hatte und das war auch gut so. Wo jeder normale Mensch längst in seiner eigenen Kotze in der Gosse gelegen hätte und vielleicht nie wieder zur Besinnung gekommen wäre, neutralisierte sein Körper jeden Rauschzustand in einer für seinen Geschmack viel zu hohen Geschwindigkeit wieder, nur um ihn Mal um Mal quälend klar und ernüchtert zurückzulassen. Nicht einmal den pochenden Kopfschmerz eines Katers gönnte er ihm noch!
Den Korken ließ er achtlos zu Boden fallen, setzte die Flasche an und trank ihren Inhalt zur Hälfte.

Nüchtern wäre er nicht hergekommen.
Nüchtern hätte er nie im Leben die Kraft, wirklich das zu tun, weswegen er hergekommen war.
Nüchtern würde sein Gewissen Alarm schlagen, würde ihm sagen, dass er nicht hier sein durfte, dass er wieder gehen musste, dass es sein Schicksal sei, sich mit Andromache, Nicolo und Yusuf durchzuschlagen – wozu auch immer das gut sein sollte!
Nein, es war nicht mehr an der Zeit, nüchtern zu sein!
Diese Zeiten waren vorbei.
Zu lange hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er es beenden könnte, seine Qualen, die Einsamkeit, den Schmerz und die Schuld, viel zu lange.
Die Schuld.
Seine große Schuld.
Seine Unfähigkeit, die Gabe seiner ungewollten Unsterblichkeit nicht wenigstens an einen einzigen seiner Söhne zu vererben!
Seine Unfähigkeit.
Seine große Schuld.

Mit der halbvollen Flasche in der Hand wankte er vorwärts, vorwärts und auf das massive schwarze Gestell in der Mitte des winzigen Innenhofes zu.

Le Bois de Justice.

Das Holz der Justiz.
Wenn jemand es verdiente, dann er und das mehr als einmal.
Mehr als einmal.
Schuld und Sühne.
Es wäre besser gewesen, wenn er sich damals gegen den Dienst in Napoleons Armee entschieden hätte und für den Tod. Vielleicht hätte ihm das dieses unwürdige, schmerzhafte Dasein erspart und seiner Frau und seinen Söhnen ebenso. Sie hätten unter der Trauer gelitten, eine Zeit lang, dann wäre es gewiss besser geworden, aber sie wären nicht im Streit und voller Unverständnis, Hass und Neid vom Tod auseinander gerissen worden.

Wieder trank er, ließ nur noch einen letzten großen Schluck zurück, streckte dann die freie Hand aus und berührte das Holz. Kühl war es und weiter unten ein wenig klebrig und krustig. Er nahm sich Zeit, umrundete das Gestell langsam, musterte es sorgfältig, ganz besonders Rammbock und Klinge, zusammen fast fünfzig Kilogramm schwer, und den Hebel, den er erreichen musste, um den Mechanismus auszulösen. Es würde nicht allzu schwierig werden, mutmaßte er. Für gewöhnlich brachte man die betroffenen Personen nur gefesselt her, den Hebel außerhalb ihrer Reichweite anzubringen, erforderte also keine nennenswerten Entfernungen.
Vorsichtig stellte er die Flasche auf den Boden und zog seine Jacke aus, schlang sie um den Hebel, knotete sie fest, überprüfte den Sitz so sorgfältig wie es nur ein entschlossener Betrunkener tun konnte und kam zu dem Schluss, dass es so funktionierte. Dann brachte er die Wippe in Position und entfernte den Sicherungsbolzen. Wenn er schon sein eigener Scharfrichter war, musste er auch das selbst tun, doch wenigstens würde er nicht in Fesseln aus dieser Welt scheiden sondern aus freien Stücken.

Aus freien Stücken.
In Stücken.
Der Gedanke amüsierte ihn für einen Wimpernschlag, ehe er erneut zur Flasche griff und dem Mond zuprostete.

Ein letzter Schluck zum Trost und für unterwegs.
Für den Weg aus dieser Welt, die ihm so verhasst geworden war.

Langsam streckte er sich auf dem Brett aus, bäuchlings, wie es sich gehörte. Die leere Flasche stellte er am linken Balken ab und schob dann den Kopf durch die dafür vorgesehene Öffnung.

La lunette.

Wie passend, dass der Mond nur als Sichel am Himmel stand, dämmerte ihm, wie passend und wie amüsant. Er musste sich wohl die richtige Nacht für sein Vorhaben ausgesucht haben. Die richtige von tausenden.

Er schloss die Augen, tastete nach seiner Jacke, bekam sie zu fassen und konnte den Stoßseufzer nicht unterdrücken.

Es war soweit.

Endlich.

Endlich hatte er es geschafft.

Das hier, das würde der Weg ohne Wiederkehr werden, den er so viele Jahre über herbeigesehnt hatte.

Endlich.

Sie würden im Tod wieder vereint sein.
Als Familie.

Endlich!

„Lisette“, flüsterte er mit schwerer Zunge und zog den Hebel.



***
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