Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unexpected

GeschichteAllgemein / P16 / Het
Amber Bray Lex Ram Ved Zoot
07.03.2021
30.07.2021
19
65.786
5
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
07.03.2021 4.653
 
Hallo und herzlich willkommen. Ja, ich wollte erst die Songfic-Sammlung fertig machen, aber auf einmal war da diese Idee und hat ungefähr alles andere gefressen, was ich noch im Kopf hatte. Das ist auch der Grund, warum ich diesmal schon poste, ohne die Geschichte fertig geschrieben zu haben. Ich will mal wieder ausprobieren, was passiert, wenn ich das Häppchenweise mache. Im schlimmsten Fall kann es also sein, dass ich nachträglich manchmal Kleinigkeiten an Kapiteln nachträglich ändern werde, dann sage ich euch aber bescheid. Auch dazu, wie häufig hier Updates kommen werden, kann ich deswegen nichts sagen. Ich hoffe, ihr habt trotzdem Spaß hiermit und bleibt eine Weile dabei.
_____________________________________________________________________________________________________________
Er unterdrückte ein Seufzen, fuhr sich stattdessen mit der Hand durch die Haare, da das viel geräuschloser möglich war. Immerhin gab es hier keinen Wecker, dessen kontinuierliches Ticken ihm noch erbarmungsloser die Zeit vor Augen geführt hätte, die er schlaflos in seinem Bett verbrachte. Doch auch ohne eine Uhr in Reichweite war ihm vollkommen klar, dass er wieder einmal seit Stunden wach lag. Er ließ die Hand von seinen Haaren über sein Gesicht gleiten. Seine Augen fühlten sich schwer an, doch auch sie zu schließen brachte ihn dem Schlaf nicht näher, das hatte er schon in den letzten Tagen zur Genüge erfahren dürfen. Also ließ er sie geöffnet, starrte an die Decke, bevor er den Kopf zur Seite drehte, von wo schwaches Licht vom Gang her in den Raum drang. Im Rest der Mall schien alles ruhig zu sein, alle zu schlafen, nur er lag wach. Als er sich wieder auf den Rücken drehte, hörte er ein leises Stöhnen. Besorgt seufzend wandte er den Kopf zur anderen Seite und küsste Ambers Nacken, während er ihren Arm streichelte. Ihre Haut fühlte sich kalt unter seinen Fingern an, so dass er ihr die Decke bis fast an die Schultern nach oben zog.

Einige Augenblicke lang tat er nichts weiter, als sich auf ihr langsames, gleichmäßiges atmen zu konzentrieren, das ihm sagte, dass sie trotz allem noch schlief. Normalerweise genügte das, um ihn ebenfalls wieder in einen Zustand zu bringen, der Schlaf zumindest nahe kam. Denn solange Amber noch schlafen konnte, war schließlich alles gut, ganz gleich, was die Angst ihm ein ums andere Mal erzählte. Doch heute funktionierte das nicht – später würde er sagen, dass er wohl eine Vorahnung gehabt hatte. Schließlich gab er auf.
Er schlug die Decke zurück, erhob sich lautlos vom Bett, griff nach seinem T-Shirt, das daneben auf dem Boden lag und zog es über, bevor er sich noch einmal hinunterbeugte. Er strich Amber vorsichtig über die Wange. Dann machte er sich auf Zehenspitzen auf den Weg aus dem Raum. Als er gerade bei dem Vorhang angekommen war, der ihr Schlafzimmer vom Gang trennte, drehte er sich noch einmal um und sah auf die schlafende Frau in seinem Bett. Sie hatte ihm nun das Gesicht zugewandt und für einen kurzen Augenblick schien sie wirklich friedlich zu wirken. Noch ein Grund mehr, zu gehen, dachte er sich, bevor er sich endgültig umwandte.

Auf dem Gang war es dunkel und still, wenn man von den vereinzelten Lichtern absah, die aus anderen Zimmern drangen. Er trat an das Geländer heran, das den Gang in den oberen Stockwerken der Mall umgab, schloss die Finger darum. Das kalte Metall unter seinen Handflächen zu spüren tat ihm auf seltsame Weise gut und er ließ den Kopf zwischen den Schultern nach unten hängen. Eine Weile lang stand er nur so da, dann legte er eine Handfläche an die Schläfe, als könne er die Kälte von seinen Händen so zu seinem Kopf transportieren, um sie auch dort wirken zu lassen. Doch so ganz wollte ihm das nicht gelingen, diesmal nicht. Vielleicht war auch das –
„Was machst du denn hier?“, wurde er in seinen Gedanken unterbrochen. Wahrheitsgemäß zuckte er mit den Schultern, während er, ohne den Kopf dabei zu bewegen, die Person, die ihn angesprochen hatte, dabei beobachtete, wie sie nun gemächlichen Schrittes auf ihn zukam und sich neben ihn stellte.
„Das ist keine gute Antwort“, sagte der andere trocken, kaum, dass er neben ihm angekommen war.
„So?“, fragte er gelangweilt.
Ein Nicken war die Antwort, begleitet von dem Kommentar: „Also wenn ich du wäre, würde ich jede Minute Schlaf nutzen, die ich bekommen kann, damit wird’s immerhin ganz bald vorbei sein.“ Die dunklen Augen musterten ihn, fast ein wenig spöttisch. Er zuckte nur mit den Schultern.
„Ich bekomme ihn aber nicht“, sagte er dann, um überrascht festzustellen, dass der Gesichtsausdruck seines Gegenübers sich prompt veränderte, während es die Augen verdrehte.
„Wenn du dir Sorgen wegen Ebony machst, vergiß es. Sie wird es nicht wagen-“ Er unterbrach ihn, indem er trocken lachte.
„Es gibt nichts, was die Schlange sich nicht mehr traut. Nicht jetzt, wo sie denkt, dass sie endgültig alle Macht hat.“ Sein Gegenüber schüttelte den Kopf.
„Schwachsinn. Wir haben ihr doch ganz klar ihre Grenzen aufgezeigt. Sie wird nicht so schnell wieder etwas planen.“
Er seufzte. „Ja. Und wie lange glaubst du, dass das noch gut geht? Und vor allem: Was tun wir, wenn nicht?“
Ein unbekümmertes Schulterzucken. „Das Gleiche, wie beim letzten Mal. Wir halten alle zusammen und weisen sie in die Schranken.“ Für einen kurzen Moment hätte der Schlafmangel ihn beinah dazu gebracht, die Erklärung seines Gegenübers für absolut plausibel zu halten, während in ihm die Erinnerungen daran hochstiegen, wie alle Mallrats auf dem Marktplatz eine Art Bannkreis um Amber und ihn gebildet hatten, als Ebony versuchte, den wütenden Mob gegen sie aufzuwiegeln und sie aus der Stadt zu verbannen. Auch, wenn das noch gar nicht allzu lange her war, fühlte es sich manchmal an, als würde es unendlich lange zurückliegen. Er schüttelte nur den Kopf, während er sich wieder mit der Hand durch die Haare fuhr. Sein Versuch, das Gähnen, das in ihm emporstieg, zu unterdrücken, scheiterte kläglich und sein Gegenüber grinste süffisant.

„Jetzt geh schon zurück ins Bett, bevor dir hier im Stehen noch die Augen zufallen. Ich hab das hier schon alles unter Kontrolle, mach dir nicht so viele Gedanken. Keiner von Ebonys Schergen wird auch nur einen Fuß in die Mall setzen – nicht während meiner Wachschicht.“ Er grinste, offenbar mindestens genau so sehr von seinen Worten, wie von sich selbst überzeugt.
Die Antwort war ein Kopfschütteln. „Ich könnte ohnehin nicht schlafen. Und ich möchte nicht, dass Amber wach wird, weil ich mich die ganze Zeit unruhig neben ihr hin und her wälze. Sie hat heute ausnahmsweise mal ein bisschen Schlaf gefunden, da möchte ich nicht derjenige sein, der sie darin stört.“
Sein Gesprächspartner zog spöttisch lächelnd eine Augenbraue in die Höhe. „Nobel wie immer“, erwiderte er dann, nicht ohne einen gewissen Sarkasmus in der Stimme.
„Das Mindeste, was ich tun kann ist, ihr im Moment so viel Ruhe zu verschaffen, wie irgendwie möglich. Trudy hat es doch gesagt, es ist unsere einzige Chance, wie wir es schaffen können…“, er unterbrach sich, biss sich auf der Unterlippe herum, „Es noch weiter hinauszuzögern. Und jeder Tag,  jede Woche, die wir gewinnen, ist gut. Ist wichtig. Könnte entscheidend sein. Also…“, er zuckte mit den Schultern, „Wenn das, was ich dazu beitragen kann, ist, weniger Zeit in meinem Bett zu verbringen, ist das kein großes Opfer.“ Für einen Moment war er sich sicher, dass sein Gegenüber nun einen bissigen Kommentar abgeben würde, doch der sah ihn nur mit einem Blick an, aus dem ungewohnt viel Verständnis sprach.

Eine Weile lang sagte keiner von ihnen ein Wort, bis ihm schließlich etwas einfiel. „Hast du inzwischen herausgefunden, was es war, das KC vorhin hat glauben lassen, Flugzeuge seien hier gelandet?“ Sein Nebenmann schüttelte den Kopf.
„Nein. Der Kleine wird sich wieder einmal was ausgedacht haben, um sich aufzuspielen“, war er sich sicher und erhielt ein missbilligendes Seufzen zur Antwort. „Ach, schau mich nicht so an. Du weißt doch genau so gut-“ Ein spitzer Schrei ließ sie beide herumfahren. Der Anführer der Mallrats spürte, wie die Haare in seinem Nacken sich aufstellten und sofort lief er zurück in das Zimmer, das er erst vor kurzem verlassen hatte.

„Amber?“, rief er panisch und stürzte an ihre Seite. Im schwachen Licht, das von draußen hereindrang, konnte er nicht allzu viel erkennen, nur, dass Amber zusammengekrümmt im Bett lag, die Hände auf den Bauch gepresst.
„Was ist los?“, fragte er alarmiert, kniete sich neben sie und griff nach ihren Händen.
„Es…es…darf nicht...es ist immer noch zu früh….“, stammelte Amber, vor Panik unregelmäßig atmend.
Ihm war, als drehe sich sein Magen um, während er all seinen Mut zusammennehmen musste, um seinen Blick von Ambers Gesicht zu lösen und in Richtung ihrer Beine zu zwingen. Doch im schwachen Licht konnte er nichts erkennen, weswegen er nun vorsichtig an ihrem Oberschenkel entlangstrich und dort eine Flüßigkeit spüren konnte. Als er sich die Hand anschließend ganz nah vor Augen hielt, wurde ihm endgültig übel und kalte, nackte Panik, wie er sie noch nie in seinem Leben empfunden hatte, überfiel ihn. Das, was sie nun seit Wochen befürchtet und vor allem zu verhindern versucht hatten, war also eingetreten.

Er schloss für einen Moment die Augen, um sich zu sammeln, merkte jedoch schon bald, dass ihm das eher schlecht als recht gelang. Dann stand er auf.
„Es wird alles gut, Amber, hörst du?“, flüsterte er ihr zu, während er ihre Hand an seine Lippen führte, sie küsste und Amber half, sich aufzusetzen. Sie gab einen kurzen Schmerzenslaut von sich, der ihn nur noch mehr beunruhigte, doch er schob die eigene Panik beiseite. Das half nicht. Niemandem.
„Kannst du laufen?“, fragte er vorsichtig und Amber nickte, doch er war sich nicht sicher, in wie weit er ihr Glauben schenke konnte. Sie deutete wage in Richtung ihrer Knie.
„Ist das Blut?“
Für einen Moment war er der Dunkelheit dankbar dafür, dass sie ihm das Lügen nun so viel einfacher machte, weil Amber seinen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. Er schüttelte den Kopf.
„Nein, nur…nur Fruchtwasser. Das ist alles ganz normal“, versicherte er ihr.  Anschließend half er ihr behutsam dabei, aufzustehen.
„Wo gehen wir hin?“, fragte Amber ängstlich, während er einen Arm um ihren Körper legte, um sie zu stützen. „In Tai-Sans altes Zimmer. Dort ist es ruhiger.“
Und falls Ebony plötzlich in der Tür steht, ist es einfacher zu beschützen, ergänzte er in Gedanken, sagte jedoch nichts. Sie schafften es gerade einmal auf den Flur, bevor Amber abrupt stehen bleib und einen schmerzerfüllten Schrei ausstieß,  während ihre Beine kraftlos wegknickten. Es gelang ihm um Haaresbreite, sie festzuhalten. Die Panik in ihm wuchs stetig und die Tatsache, dass nun auch noch Pride aus seinem Zimmer auf den Gang trat, machte nichts besser. „Was ist los?“ Er klang ebenso besorgt, als er nun auf sie zukam, wurde jedoch ignoriert.

„Trudy?!“, rief er stattdessen eher aufs Geratewohl in den Raum. Doch zu seinem Glück stand sie Augenblicke später auf der anderen Seite des Ganges. Wahrscheinlich war sie ohnehin wach gewesen.
„Was ist passiert?“, fragte sie verwirrt, doch noch ehe er antworten konnte, sagte Amber: „Da stimmt was nicht, Trudy, ich merke das, das Baby…“ Sofort kam Trudy auf sie zugelaufen und erstarrte beim Anblick des Blutes an Ambers Beinen.  Doch auch Trudy riss sich augenblicklich zusammen. „Ok…wir…wir bringen dich rüber, ja? Tai-Sans Zimmer ist frei, da hast du deine Ruhe und wir können das alles schön langsam angehen…“ Amber setzte an, etwas zu erwidern, wurde jedoch augenscheinlich von einer neuen Welle Schmerz unterbrochen, so dass es ein wenig dauerte, bis sie schließlich sprechen konnte.
„Trudy, es ist zu früh, es darf noch nicht….“, setzte sie an, aber Trudy unterbrach sie mit beschwichtigenden Worten. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, Amber in das dafür vorgesehene Zimmer zu bringen.

Vorsichtig begleiteten sie sie zum Bett und Trudy setze sich an dessen Fußende. Amber stöhnte immer wieder vor Schmerzen und jeder ihrer gequälten Laute zerriss ihm schier das Herz. Dass Pride ebenfalls nicht von Ambers Seite wich, machte die Situation für ihn keinesfalls angenehmer, doch er versuchte, den Umstand so gut es ihm möglich war, zu ignorieren. Es gab andere Dinge, die wichtiger waren.
„Ok. Wir…wir brauchen heißes Wasser. Und Handtücher, Stoffreste, alles, was wir zum aufsaugen benutzen können. Und Gummibänder.  Und ein Messer. Oder eine Schere.“ Trudy versuchte, möglichst routiniert zu klingen, doch auch ihr war die Sorge anzuhören. Sofort stand er auf.
„Gut, ich…ich weiß, wo wir das Wasser herbekommen, wir haben noch Rationen in unserem Zimmer, das kann ich abkochen. Messer gibt es bestimmt in der Küche und-“
„Nein, du bleibst hier“, unterbrach Trudy ihn bestimmt.
„Aber jemand muss doch-“, setzte er an, doch sie ließ ihn nicht ausreden.
„Ja, aber dieser jemand bist heute definitiv nicht du. Dein Platz ist dort.“ Sie deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine Stelle neben dem Bett, in dem Amber lag. Natürlich wusste er, dass Trudy Recht hatte, dennoch kniete er sich eher widerwillig wieder hin.
„Es ginge sicherlich schneller, wenn ich die Sachen besorgen würde“, sagte er nachdrücklich, als Trudy sich Pride beiseite nahm und ihn instruierte, wo er welche der Dinge, die sie benötigen würden, finden könne.  Trudy ließ sich zunächst nicht beirren und schickte Pride los, der ohne einen weiteren Kommentar aus dem Zimmer ging.
Als Trudy sich nun zu ihm umdrehte sah er, dass ihre Augen zu Schlitzen verengt zusammengekniffen waren. Amber hatte die Augen geschlossen, atmete schwer.

„Komm her“, sagte sie, betont freundlich, offenbar in der Annahme, Amber, die sie nur hören konnte, damit nicht weiter zu beunruhigen, doch die Geste, mit der sie ihn zu sich winkte, war so, bestimmt, dass er wusste, dass er keine Wahl hatte.
„Du wirst mir jetzt sehr genau zuhören“, zischte Trudy ihm zu, kaum, dass er ihr nach draußen auf den Gang gefolgt war.
„Deine Freundin liegt dort in den Wehen und ist gerade dabei, euer Kind zur Welt zu bringen. Sie hat Schmerzen und sie hat Angst und wenn ich mir anschaue, wie stark sie blutet, das nicht zu Unrecht. Das Beste, was du jetzt tun kannst, ist für sie da zu sein, also erwarte ich, dass du dein Ego und deinen Heldenkomplex ein einziges Mal runterschluckst und nur das tust, was man dir sagt, haben wir uns verstanden?“
Er schluckte hart, Trudys Worte trafen ihn härter, als er zugeben wollte.

Trotzdem versuchte er es erneut: „Aber einer muss doch-“
„Pride ist doch unterwegs. Außerdem werde ich Salene fragen. Und Cloe. Und hier sind noch genug Leute, die die Hilfsarbeiten machen können. Aber du, du wirst jetzt gefälligst dort hineingehen und hier deinen Job machen. Und nichts anderes.“ Ohne ein weiteres Widerwort drehte er sich um und ging zurück an seinen Platz an Ambers Seite.
„Sag mir, was los ist“, bat sie ihn matt, die Stimme schwach, das Gesicht jetzt schon kreidebleich, die Augen glasig. Er schüttelte den Kopf.
„Nichts ist los, es ist alles in Ordnung. Trudy hat das alles im Griff, sie ist die Expertin, das weißt du doch.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, um sie zu beruhigen, dann griff er nach ihrer Hand. Sie sollte wissen, dass er da war.

Die Stunden vergingen, in denen ihm nichts anderes übrig blieb, als ihre Hand zu halten, ihr gut zuzureden und hin und wieder besorgte Blicke mit Trudy zu wechseln, die ihrerseits ihr Möglichstes tat, um Amber in dem Glauben zu lassen, dass alles in Ordnung sei. Doch er wusste nur zu gut, dass seine Freundin ihnen beiden die Lügen nicht glaubte und mit jedem blutigen Tuch, das Trudy möglichst unauffällig vor sich auf dem Boden ablegte, schwand seine Hoffnung, dass doch noch alles gut werden würde. Die Wehen waren inzwischen noch einmal heftiger geworden, kamen in immer kürzeren Abständen und er hoffte, dass das wirklich ein gutes Zeichen war.
Natürlich hatte er sich für Trudy damals auch ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, doch das Meiste, was er in irgendwelchen Büchern darüber gelesen hatte, hatte er schon lange wieder vergeßen. Er zuckte zusammen, als Amber erschöpft seinen Namen flüsterte.
„Ich bin hier“, murmelte er und strich ihr übers Haar.
„Es…es sieht nicht gut aus, oder? Es ist…immer noch…viel zu früh, aber ich…ich kann nicht…“
„Psschhhhhhtt…“, versuchte er sie zu beruhigen, „Es ist alles gut du…du musst gar nichts machen. Schau einfach, dass du bei…bei Kräften bleibst, ja?“

Fast hätte er „bei Bewusstsein“ gesagt, doch er wollte sie nicht noch weiter beunruhigen. Amber schloss die Augen, wie sie es gerade in den Wehenpausen oft tat, als könne ihr das dabei helfen, Kräfte zu sammeln. Er warf wieder einen besorgten Blick zu Trudy und als er sah, dass sie diesmal gleich mehrere von Blut durchtränkte Tücher auf dem Boden ablegte, wurde ihm erneut schlecht. Das war nicht normal, war schon lange so viel mehr als das, was bei einer Geburt üblich war, dessen war er sich sicher. Und er saß hier, zum Zusehen verdammt, konnte nichts weiter tun, als Ambers Hand zu halten und zu hoffen, dass sie und das Kind alles heil überstehen würden. Doch ebendiese Hoffnung wurde mit jeder Stunde, in der nichts weiter zu passieren schien, als dass seine Freundin mehr und mehr Blut verlor, kleiner. Sein rechtes Bein wippte schon länger nervös auf und ab.

„Ich könnte rausgehen“, sagte er entschlossen, wenn auch eher zu sich selbst und war schon fast aufgestanden. „Ja, das alte Krankenhaus ist leer, aber ich weiß, dass die Chosen irgendwo ein Lager mit Medikamenten hatten. Das haben sie Leuten verabreicht, um das hinterher als ‚Heilung durch Zoot‘ verkaufen zu können. Vielleicht gibt’s dort was, was die Blutung zumindest schwächer werden lässt, ich sollte…“
„Hierbleiben, an Ambers Seite, so, wie wir das besprochen hatten“, sagte Trudy vollkommen ruhig, während sie eines der Messer, die Salene aus der Küche hergebracht hatte, in das dampfend heiße Wasser tauchte, wie sie es vor einiger Zeit schon mit der Schere getan hatte.
„Aber ich kann doch nicht…“, versuchte er es erneut, doch wieder ließ sie ihn nicht ausreden.
„Doch, du kannst. Und du wirst“, sagte sie trocken und bevor er noch etwas erwidern konnte, erinnerte ihn ein weiterer gepresster Schmerzenslaut von Amber daran, dass Trudy wahrscheinlich recht hatte.

„Ähm…ich störe ja wirklich nur ungern…“ Lex wirkte ungewohnt nervös, als er den Kopf durch den Vorhang steckte, der auch hier die Tür zum Raum bildete und hielt den Blick gesenkt, als wolle er möglichst wenig von alledem sehen, was dort drinnen vor sich ging.
„Warum tust du’s dann?“, fuhr er ihn an, ungehaltener, als er eigentlich hatte sein wollen.
„Weil da unten Leute sind, die dich sprechen wollen.“ Er runzelte verwirrt die Stirn, dann winkte er unwirsch ab.
„Das muss warten, ich kann hier nicht weg. Und falls es Ebony ist, sag ihr, sie kann sich…“
„Es ist nicht Ebony. Es sind Fremde. Sie wollen den Anführer sprechen, haben sie gesagt. Und die klangen nicht so, als ob sie mit sich verhandeln lassen würden.“ Er wandte sich von Lex ab und sah stattdessen Amber an. Sie war immer noch kreidebleich, der Schweiß stand ihr auf der Stirn, doch der Blick, den sie ihm zuwarf, war so entschlossen, wie er es nur von ihr kannte.
„Geh schon“, sagte sie mit kraftloser Stimme. Er schüttelte den Kopf.
„Nein, ich…ich sollte bei dir bleiben.“

Sie hielt für einen Moment die Luft an, offenbar lenkte eine neue Wehe sie ab. Als sie wieder sprechen konnte, erwiderte sie: „Die wollen einen Anführer. Und da wir ja erfolgreich dafür gesorgt haben, dass ich gerade außer Gefecht bin“, ihre Stimme ließ für ihn keinen Rückschluss darauf zu, wie viel davon sie ironisch gemeint haben könnte, „Musst du jetzt da runtergehen und das klären. Das erwarte ich von dir.“ Schon unter normalen Umständen wäre es ihm nun schwergefallen, sich gegen sie durchzusetzen. Und nun erschien es ihm schlicht unmöglich.
Also seufzte er leise, küsste sie ein letztes Mal auf die Stirn und murmelte: „Ich liebe dich. Und ich bin wieder da, bevor du merkst, dass ich weg bin.“ Dann verließ er mit schnellen Schritten den Raum. Erst, als er die Treppe schon halb hinabgestiegen war, merkte er, dass er nicht alleine war. „Ich bin dein Begleitschutz. Wirkt immer eindrücklicher, wenn man so Leuten nicht alleine gegenübertritt“, erwiderte Lex achselzuckend.

Die drei Gestalten in den schwarzen Ganzkörperanzügen, die im Eingangsbereich der Mall standen wirkten auf den ersten Blick so deplatziert wie eine Installation, die jemand aus einem Museum für futuristische Kunst gestohlen und dann an einer Tankstelle abgestellte hatte. Sie trugen blecherne Masken, die eine Hälfte ihrer Gesichter verdeckten und an denen, wie er beim Näherkommen feststellen konnte, Mikrofone befestigt waren. Während er noch darüber nachdachte, ob es sich dabei um Headsets handeln könnte, hatte Lex schon zu sprechen begonnen.

„So, da ist er. Aber wie schon gesagt, er hat gerade eigentlich überhaupt keine Zeit und-“
Einer der Fremden hob die Hand und brachte Lex dadurch zum Schweigen.
„Du bist der Anführer der Mallrats?“ Der Junge, der ihn das fragte, war großgewachsen, hatte weißblond gefärbtes Haar und ein seltsames Zeichen auf der Wange. Ein schwarzes „T“ umgeben von einem roten Kreis. Sein Tonfall verriet, dass er es gewohnt war, Anweisungen zu geben und stieß ihm sauer auf.
„Ja, bin ich.“ Er versuchte, möglichst sicher zu klingen. „Wer seid ihr? Was wollt ihr?“, fragte er seinerseits.
Der blonde Junge trat einen Schritt auf ihn zu. „Wir sind die Technos. Wir haben Anweisungen, dich mitzunehmen.“
Er runzelte die Stirn. „Mitnehmen wohin?“
Der maskierte zeigte in der Hälfte seines Gesichts, die zu sehen war, keine Regung.
„Das wirst du dann sehen“, erwiderte er kalt.
„Ich kann nicht mitkommen, tut mir leid. Sagt eurem Boss, Ebony, oder wer auch immer euch Anweisungen gibt, ich komme später. Jetzt geht das nicht.“ Die kleinste der Gestalten mit den Masken kam nun ebenfalls einen Schritt auf ihn zu.
„Darf ich ihn zappen?“, fragte der Junge fast ein wenig aufgeregt, doch der andere schüttelte den Kopf.
„Nein. Du kennst die Anweisungen. Wir brauchen ihn bei Bewusstsein.“ Dann wandte er sich wieder den Mallrats zu.
„Du wirst mitkommen. Jetzt sofort.“ Der Anführer der Mallrats fuhr sich mit der Hand durch die halblangen, braunen Haare.
„Nein. Das geht jetzt nicht“, wiederholte er dann bestimmt. „Und wenn ihr mich dann entschuldigen würdet, ich müsste wirklich…“, er wandte sich zum gehen, doch eine scharfe Stimme ließ ihn wieder herumfahren.

„Keine Bewegung, VERT, oder ich sorge dafür, dass du es bereuen wirst.“ Der kleinere Junge hielt seinen Arm gerade ausgestreckt und zielte mit einem  Gerät, das sich an seinem Handgelenk befand, in seine Richtung. Es sah aus wie ein Pulsmesser.
„Was ist das? Ein Laserpointer? Nimm das runter, Junge, du verletzt noch jemanden, wenn das ins Auge geht“, erwiderte Lex spöttisch, woraufhin der Angesprochene das Gerät prompt auf ihn richtete.
„Das ist ein Zapper“, sagte er kalt, „Und ich würde euch raten, nicht auszutesten, was das Ding alles kann. Also. Was ist? Kommst du jetzt freiwillig mit?“
Er wandte den Kopf und warf noch einmal einen Blick in das obere Stockwerk. Immer wieder waren von dort oben her Ambers Schmerzenslaute zu hören und die Bilder der vielen blutigen Tücher zu Trudys Füßen schoben sich erneut in sein Bewusstsein. Er schloss für einen Moment die Augen, um sich zu sammeln.

„Wenn ihr die Technos seid, seid ihr doch bestimmt hochentwickelt, oder?“ Der große Junge nickte.
„Also habt ihr doch mit Sicherheit…medizinische Ausrüstung. Und Leute, die damit umgehen können.“ Um die Mundwinkel des Jungen, die nicht von der Maske verborgen waren, formte sich ein fast spöttisches Lächeln.
„Wir haben Ärzte bei uns, ja.“ Der Stein, der ihm in diesem Moment vom Herzen fiel, war unglaublich groß.
„Dann…“, sagte er und gab sich alle Mühe, sich die Erleichterung nicht zu sehr anmerken zu lassen, „Dann habe ich eine Bedingung. Meine Freundin…“, er schluckte kurz, „…bringt dort oben gerade unser Kind zur Welt. Es gibt Komplikationen, sie  braucht medizinische Hilfe, ich will sie nicht alleine lassen, ohne zu wissen, dass sie versorgt wird.“

Der blonde Junge wandte ihm kurz den Rücken zu und murmelte etwas in sein Headset, während der kleinere Lex immer noch mit dem seltsamen Gerät bedrohte. Als er sich wieder umdrehte sagte er: „Wir werden jemanden herschicken. Sobald wir sicher wissen, dass du mitkommst.“ Er nickte, ohne noch einmal nachzudenken. Hinter ihm tat Lex nun trotz allem einen Schritt nach vorne.
„Bist du wahnsinnig?! Du weißt doch gar nicht, wer die sind, was ist, wenn Ebony…?!“
„Wenn das etwas mit Ebony zu tun hätte, wäre ich schon längst in Handschellen hier rausgeführt worden“, erwiderte er achselzuckend.
„Also? Kommst du nun?“ Er drehte sich erneut um und warf einen Blick in Richtung des Zimmers, in dem Amber lag. Amber und sein Kind, für die er immer noch die Verantwortung hatte.
„Ich komme mit“, sagte Lex bestimmt, „Er geht da auf keinen Fall allein hin.“
„Nein.“ Er war selbst überrascht davon, wie sicher seine Stimme war.
„Lex ich…ich will, dass du hier bleibst. Falls irgendwas…“, er zögerte kurz, die Worte wirklich auszusprechen, „Falls irgendetwas schiefgeht, möchte ich, dass jemand bei Amber ist und bei unserem Kind. Der auf sie aufpasst.“

Lex sah ihn einige Augenblicke lang an, als habe er den Verstand verloren. Dann nickte er jedoch, klopfte ihm auf die Schulter und trat zurück, die Arme allerdings trotzig vor dem Körper verschränkt, in einem letzten Versuch, bedrohlicher zu wirken.
„Wenn ich bis morgen Abend nichts von dir höre, schicke ich Suchtrupps los. Und denk dran, wir haben Pride und die Baumkuschler, die finden dich überall.“ Das kühle Lächeln des Techno-Anführers entging ihm nicht, doch er achtete nicht weiter darauf. Er bedankte sich eher knapp bei Lex, während sein Blick immer noch dem oberen Stockwerk und Tai-Sans Zimmer galt.
„Was ist nun?“, fragte der kleinere Techno, „Warum nehmen wir ihn nicht einfach mit?“ Und eher er sich’s versah, wurde er von den beiden bei den Armen gepackt und eher unsanft aus der Mall gezogen.

Weil sie ihm daraufhin die Augen verbunden hatten, konnte er später nicht mehr sagen, wo lang genau sie ihr Weg geführt hatte. Erst, als er sich in einem Gebäude befand, wurde ihm die schwarze Binde von den Augen genommen. Im schummrigen Licht konnte er zunächst nur Umrisse erkennen. Der Raum war dunkel, feucht, wie ein Keller. Um seine Hände lagen Fesseln, während der Fahrt hier hin hatten sie sie ihm angelegt.
„Wo bin ich?“, fragte er in die Dunkelheit. Und dann war da plötzlich ein Geräusch, das sein Herz rasen und ihm gleichzeitig das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein kaltes, freudloses Lachen. So vertraut – und doch so surreal.
„Och komm schon, Ram, ist das wirklich dein Ernst?“
Seine Nackenhaare stellten sich augenblicklich auf vor Angst, Überraschung und Freude. Vielleicht.
„Ich hab ja schon viel gesehen, in den letzten Monaten, aber das hier…komm schon. Du glaubst doch nicht allen Ernstes, das mir das Angst macht.“
Die Herablassung in der Stimme hätte ihn wütend gemacht, wäre er nicht so perplex gewesen. Das konnte nicht sein. Er träumte. Ja, das war die Lösung. Gleich, gleich würde er aufwachen, in seinem Bett, in der Mall, neben Amber, die immer noch schwanger, aber bei einigermaßen guter Gesundheit war, und…

„Das letzte Mal, als ich mich vor meinem Bruder gefürchtet habe, war ich dreizehn und er hat mich an Halloween erschreckt. Seitdem nie wieder. Also wenn du glaubst, dass du mich so brechen kannst, muss ich dich enttäuschen. Es braucht mehr als eine Illusion von Bray, um mich kleinzukriegen…“
Mit einem lauten Quietschen öffnete sich die Tür hinter ihm. Ein leises Surren, das er nicht genauer definieren konnte – und dann war da eine dritte Stimme.
„Weißt du, Martin…inzwischen sollte dir doch eigentlich klar sein, dass es keinen Sinn macht, mich herauszufordern. Denn wenn es eine Sache gibt, die man über mich weiß, dann ist es das: Ram liebt die Herausforderung – weil er jedes Mal gewinnt.“ Bray kam nicht dazu, sich weiter über die Dinge zu wundern, die hier vor sich gingen, er merkte noch, wie ihn von hinten etwas Schweres am Kopf traf. Dann wurde es schwarz.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast