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Thom und Liddy

GeschichteAllgemein / P18 / Gen
Blackwall
07.03.2021
29.03.2021
2
6.087
3
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Dieses Kapitel
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07.03.2021 2.421
 
Dieses Kapitel ist aus einer verrückten Idee in Zusammenarbeit mit Una Mia entstanden und ergänzt ihre wunderbare Geschichte "Black & White" nach dem 18. Kapitel "Was geht hier vor?"
Hier geht es zur Geschichte:
Black & White.

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Die Schaulustigen hatten die Hinrichtung, eines Mitschuldigen am Callier-Massaker von 9:37 erwartet, doch jetzt hatte sich der Befehlshaber und Hauptangeklagte selbst gestellt und so Mornay gerettet.
Ein plötzlicher Tumult war daraufhin auf dem Hauptplatz in Val Royeaux entstanden, die Leute redeten alle durcheinander. Währenddessen wurde Blackwall, nach seiner Enthüllung er sei Thom Rainier, von den Stadtwachen abgeführt.
Beinahe wäre es in dem Trubel untergegangen, dass eine Frau in Ohnmacht gefallen war. Der Eiserne Bulle hatte dann die zusammengebrochene Dame in den Schatten getragen und Dorian kümmerte sich um sie. Es war Großverzauberin Lydia, vom Zirkel in Ostwick und Runas ehemalige Mentorin.
Nach und nach beruhigten sich die Gemüter und Runa ergriff als Erste das Wort. "Ich möchte mit ihm reden. Ich will wissen, was da los war. Er ist es mir... uns schuldig die Wahrheit zu sagen. Ich muss gestehen, ich weiß nicht, was ich denken soll. Und dann Ihr, Großverzauberin Lydia." Runa schaute ihre einstige Mentorin prüfend an. Sie schien sich inzwischen auch beruhigt zu haben und ihre Wangen waren wieder rosig. "Ihr wusstet nichts von alldem?" fragte Runa und hoffte inständig, dass die Antwort nein lautete.
"Nein." Lydia senkte den Kopf und atmete tief ein. "Ich bin als Kind von meinen Eltern in den Zirkel gebracht worden. Wie du weißt, Runa, ist uns ab da jeglicher Kontakt zu anderen verboten. Selbst zu unserer Familie."
Runa nickte bestätigend. "Cullen, bitte rede mit dem Hauptmann der Wache. Arrangiert ein Treffen mit Blackwall und uns beiden. Aber einzeln. Ich möchte, dass er seine Schwester sieht, bevor... bevor..." Runas Stimme brach bei der Vorstellung, was der Mann zu erwarten hatte.
Auch aus Lydias Kehle drang ein erstickter Laut.
Cullen war schon längst fort, als Runa der Großverzauberin von Blackwalls, oder besser gesagt: Rainiers Rolle in der Inquisition berichtete. Sie fand nur die besten Worte, auch wenn sie nun vor Wut und Enttäuschung schäumte. Je länger sie Zeit zum Nachdenken hatte, umso wütender wurde sie über den Betrug den er an allen begangen hatte. Und genau wie Cullen zuvor, wischte sie den aufkeimenden Gedanken an Lady Josephine fort. Sie konnte es sich gerade nicht leisten überemotional zu werden.
"Inquisitor? Verzeiht, bitte, der Kommandant erwartet Euch im Stadtverlies." Ein Bote war heran geeilt und überbrachte die Botschaft völlig außer Atem. Vermutlich war er den ganzen Weg zu ihnen gerannt.
"Kommt, Großverzauberin, es ist soweit."

Einige quälende Augenblicke standen sie gemeinsam mit Cullen und einer Wache, die regungslos in einer Ecke stand.  
"Wir haben eine Stunde mit ihm." Cullen legte sanft seine Hand auf Runas Oberarm und sah sie eindringlich an. "Ich habe einen Vogel zur Himmelsfeste geschickt. Die Nachtigall wird das sicher sofort erfahren wollen, sofern sie es nicht schon längst weiß. Es tut mir leid, Runa, ich weiß, dass er dir etw... dass er dein Freund ist." Er vermied zu erwähnen, dass die beiden für kurze Zeit mehr als einfach nur Freunde waren. Zumindest kamen sie nun gut miteinander aus und konnten sich blind aufeinander verlassen. Bis jetzt. Runa zog sich zurück und schluckte hart. "Ich bringe es hinter mich. Und wenn es laut werden sollte, dann rettet ihn vor mir. ich kann nicht versprechen, dass ich ihn nicht eigenhändig umbringe, je nachdem, was er mir zu sagen hat." Sie schob Cullen zur Seite und stapfte wütend die Treppe zu den Zellen hinunter. Das Gefängnis war leer, bis auf die letzte Zelle.
Er saß mit gebeugtem Haupt auf der Holzpritsche, die Unterarme auf seine Knie gestützt. Auch wenn er bemerkt hatte, dass seine Vorgesetzte auf der andern Seite der Gitter stand, zeigte er keine Regung. Runa beobachtete ihn und bekam schon fast wieder Mitleid. Warum hatte er nichts gesagt? Sie hätten sicher eine Lösung gefunden. Das haben sie bisher immer, bei fast allen Problemen. Warum hatte er sich nicht ihnen anvertraut?
"Stimmt es?" fragte sie nur tonlos und wartete geduldig auf seine Antwort. Und die kam prompt. Er redete wie ein Wasserfall. Verzweifelt, dann wütend, dann trotzig. Doch eines zeigte er nicht: Angst. Er hatte mit sich und allem anderen abgeschlossen und war bereit, für seine Verbrechen zu sterben.
Er erzählte von dem Mord an Vincent Callier und seiner Familie. Wie es dazu kam, dass der General vor vielen Jahren sterben musste, und den Fehler, den er aus Geldgier begangen hatte. Dass er, Thomas Rainier, seine Männer, die seine Befehle ausführten, im Unklaren über die "Mission" gelassen hatte.
Er bereute seine Tat zutiefst und war bereit die Konsequenzen dafür zu tragen. Endlich. Er hatte zu lange gewartet.
Eine Sache war allerdings noch unklar. "Wer ist Blackwall?" fragte die junge Frau gerade heraus.

"Blackwall war der Wächter, der mich in meinem bedauernswerten Zustand fand. Er hielt mich davon ab, im betrunkenen Zustand eine Kneipenschlägerei anzufangen, weil jemand die Schankmaid davon abhielt mein Bier zu bringen.
Etwas irritiert zog Runa die Augenbrauen zusammen, doch sie unterbrach ihn nicht.
"Er gab mir eine Aufgabe und ich folgte ihm. Ich war sogar bereit ein Grauer Wächter zu werden. Unterwegs nach Val Chevin gerieten wir in einen Hinterhalt der Dunklen Brut und..." er stockte und blickte finster zu Boden. "Und er starb, um mich zu retten. Ich stand da und ließ ihn sterben."
Runa war sich sicher, dass er damals keine andere Möglichkeit hatte. Sie wusste, dass das Kämpfen gegen die Dunkle Brut oft schmutzig und unfair war.
Und als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, sagte er bitter: "Kriege sind unfair und der Himmel ist blau. An diesem Tag starb Thom Rainier und Blackwall lebte weiter. Von da an war ich Blackwall, der Graue Wächter. Ich rekrutierte Leute, schickte sie in die nächste Wächter Niederlassung oder half Bauern sich gegen Banditen zu verteidigen. So habt Ihr mich gefunden, Inquisitor." Er sprach sie mit Absicht so förmlich an.
Hinten im Gang raschelte es und eine strenge Stimme ertönte: "So, das war's. Ich muss Euch bitten zu gehen, damit der andere Besucher auch noch ein paar Minuten Zeit mit dem Gefangenen hat."
Die Wache machte eine ungeduldige Handbewegung in Richtung der Tür.
"Wir sprechen uns noch." sagte sie noch immer tonlos. Und genau so tonlos antwortete Rainier: "Ich wüsste nicht, was wir noch zu besprechen hätten."
Runa schluckte ihren Ärger hinunter. Sie musste das eben gehörte erst einmal verdauen. Trotzdem wollte sie alles daran setzten, dass dieser Mann nicht hingerichtet wurde.
Und auch, wenn er in diesem Augenblick sterben wollte, so könnte es sich in der nächsten halben Stunde ändern. Vielleicht sah er wieder einen Sinn, wenn er erfuhr, dass seine Schwester noch lebte... Unterwegs hatte er einmal erwähnt, dass sie gestorben sei, als sie Kinder waren.

Rainier hingegen rechnete fest damit, dass Cullen der zweite Besucher war. Josephine schloss er aus, da sie es nicht geschafft hätte in dieser kurzen Zeit her zu kommen. Eigentlich wollte er sich mit niemandem mehr unterhalten. Kurz überlegte er, ob er nicht einfach den Mund halten solle. Er hatte ja nichts mehr zu verlieren.

"Thomie?"

Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er die wohlklingende Frauenstimme vernahm. Eine Faust krampfte sich um seinen Magen und sein Kopf schnellte nach oben, um zu sehen, wem die Stimme gehörte. Und auch, wenn das Gesicht, was er sah, älter war, so erkannte er es sofort. Sie sah seiner Mutter sehr ähnlich, hatte aber die Augen seines Vaters Thomas "Liddy!" Er war sofort auf den Beinen und hielt sich an den Gittern seiner Zelle fest, um nicht sofort wieder den Halt zu verlieren. "Wie ist das möglich? Ich dachte, du wärst tot! Vater hat.. er sagte, dass du krank warst und gestorben bist."
Hatte er seinen Verstand verloren? In Anbetracht dessen, was ihm bevorstand, war das nicht so weit hergeholt.
"Thomie, ich lebe. Ich bin in den Zirkel geschickt worden. Und auch wenn es mir nicht erlaubt war, Kontakt zu dir aufzunehmen, so wusste ich eine Zeit lang immer, wo du warst und was du gemacht hast." Ihre Stimme war sanft, ohne Groll, ohne Vorwurf. Und er hätte gern alles getan, um sie in seine Arme schließen zu können. Er konnte kaum erfassen, welches Gefühl überwog: die Freude, seine lange totgeglaubte Schwester lebendig und gesund zu sehen, oder die Scham, sich vor ihr verantworten zu müssen.
"Dann sind ja alle Fragen geklärt." antwortete er bitter, was ihm sofort wieder leid tat, da er ihr nicht so vor den Kopf stoßen wollte.
"Nein, das sind sie nicht." sagte sie mit fester Stimme. Ihr Tonfall verriet ihm, dass sie in einer führenden Position sein musste. "Ich habe dich noch bis in die Orlaisianische Armee verfolgen können. Und plötzlich warst du von der Bildfläche verschwunden. Da war es an mir zu glauben, du seist tot. Oder in großen Schwierigkeiten."
Er schnaubte leise, als sie eine Pause machte, um ihm Zeit für eine Antwort zu geben.
"Meine Position im Zirkel erlaubte es mir, die Einrichtung zwischenzeitlich zu verlassen, damit ich nach dir suchen konnte. Aber dass ich dich hier finde, unter diesen Umständen..." sie seufzte leise.
"Es ist lange her. Deine Tat, dein Verbrechen ist vor etlichen Jahren geschehen. Ich habe gerade mitbekommen, was du Runa erzählt hast. Du hast die Identität eines Toten angenommen, um ein besserer Mensch zu sein? Weißt du nicht, dass Namen rein gar nichts bedeuten? Deine Einstellung hat sich, dank dieses Mannes, verändert. Das hat dich zu einem besseren Menschen gemacht. Du bereust. Bist bereit dafür gerade zu stehen. Das verdient Anerkennung, doch bin ich nicht dazu bereit dich gehen zu lassen. Nicht, wo ich dich gerade erst gefunden habe."
Ein kleiner Hoffnungsfunke glomm in Rainiers Herz auf. Er war sich nicht mehr so sicher, ob er jetzt noch den Gang zum Galgen antreten wollte. Er schaute hinunter auf seine Hände, die inzwischen fest in den Händen seiner Schwester lagen. Die Schwielen an ihrer rechten Hand verrieten ihm, dass sie kampferprobt war. Er wollte alles über sie wissen. Sie kennenlernen.
Doch dann starb der Funke Hoffnung wieder. Was wollte sie schon großartig tun, um ihm zu helfen? Er wollte keinesfalls auf illegalem Weg aus dieser Situation heraus. Doch seine Schuld war mit seinem Geständnis bewiesen.
"Wie willst du das anstellen? Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Spätestens übermorgen bei Sonnenaufgang wird meine Zeit kommen. Du wirst mich also gehen lassen müssen, Liddy."
Ein kaum sichtbares Lächeln umspielte die Lippen der älteren, aber noch immer gut aussehenden Frau. "Wie ich schon sagte... Ich habe eine Position inne, die mir gewisse Vorteile schafft. Ich bin seit einigen Jahren Großverzauberin im Ostwicker Zirkel. Ich habe viele Schüler und Schülerinnen ausgebildet. Unter Anderem auch Runa. Ich kenne wichtige Leute, die mir noch einen Gefallen schulden. Und auch Runa wird alles in ihrer Macht stehende tun, dich hier lebendig heraus zu holen."

Wieder ertönte das Rascheln am Ende des Ganges. "Zeit ist um." rief der Wachmann nur knapp.
Doch ohne auch nur einen Blick in die Richtung des armen Mannes zu werfen, fror ihn Lydia mit einer sanften Geste ein. "Ich bin noch nicht fertig." antwortete sie ihm, wohl wissend, dass er sie noch gut hören konnte.
Als sie Thoms leicht entsetztes Gesicht sah, bemerkte sie mit einem Achselzucken: "Das ist der Grund, weshalb sie dir erzählt haben, ich sei tot. Magie weckt Ängste."
Die Ereignisse dieses Tages waren so überwältigend, dass Rainier kaum in der Lage war einen klaren Gedanken zu fassen. Genau genommen hatte er schon vor ein paar Tagen beschlossen sich zu stellen, als er hörte, dass ein anderer für seine Vergehen sterben sollte. Er hatte mit sich und der Welt abgeschlossen und da tauchte seine totgeglaubte Schwester auf. Er schluckte hart.
"Ich... ich denke nicht, dass ihr es schafft mir hier heraus zu holen. Und ich möchte nicht, dass auch nur eine Person wegen mir zu Schaden kommt." Ohne es zu beabsichtigen schlüpfte er in die Rolle des großen Bruders. Mit strengem Blick wartete er die Antwort, dass sie ihn verstanden hatte, ab.
"Beim Erbauer, du siehst jetzt gerade aus wie Vater." Das war nicht die Antwort, die er hören wollte. Aber wider Willen musste er doch etwas schmunzeln.
Hinter ihr knisterte es leise. Ein Zeichen, dass ihr Kältezauber langsam nachließ. Sie hätte die Wache noch einmal einfrieren können, aber vorerst war alles Wichtige gesagt.
Sie griff durch die Gitterstäbe, um seine Hände noch einmal zu halten. "Wir sehen uns auf der Himmelsfeste, Thomie. Runa und ich sorgen dafür, dass du diese Sache hier überlebst."
Dann nickte sie ihm noch einmal aufmunternd zu und verließ ihren Bruder. Als sie an dem Wächter vorbei kam, tätschelte sie seinen Arm und raunte: "Verzeiht, bitte nehmt es mir nicht übel, doch das war leider nötig."
In ein paar Tagen würde sie hoffentlich erfahren, ob es möglich wäre Thom zu retten. Sie hoffte inständig, dass Runa es schaffen würde. Und dass sie es überhaupt wollte, denn so wie ihre einstige Schülerin an ihr vorbei gerauscht war, sah es fast aus, als würde sie ihn am liebsten persönlich einen Kopf kürzer machen... Als sie in den Vorraum des Gefängnisses kam, war nur noch Cullen anwesend, der einen eiligen Brief schrieb. "Großverzauberin Lydia, der Inquisitor ist noch in einer dringenden Angelegenheit unterwegs, doch wenn Ihr mit uns schon zur Himmelsfeste reisen wollt, könnt Ihr euch unserem kleinen Trupp gerne anschließen. Wir werden in Kürze hier aufbrechen." Cullens Worte waren knapp aber freundlich. Lydia sah ihm deutlich die Enttäuschung über ihren Bruder an.
"Gern, Kommandant, ich werde mit Euch reisen. Und wäre es möglich, dass ich eine kurze Notiz an den Zirkel schicke, dass ich mich verspäten werde?"
Cullen nickte freundlich. "Natürlich. Ich werde die Notiz selbst verfassen und auf den Weg bringen."
Lydia bedankte sich und begab sich zu ihrem gemieteten Zimmer in der Taverne, um ihre Sachen zu packen. Ihre Geschäfte, die sie ursprünglich nach Val Royeaux geführt hatten, waren seit heute Morgen bereits erledigt. Eigentlich wollte sie schon längst auf dem Rückweg nach Ostwick sein, doch dann kam ja alles anders.
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