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Schatten der Vergangenheit

von Keekz
Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Levi Ackermann / Rivaille
05.03.2021
05.03.2021
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What will you do if no one hears your screams?
What will you do if you dont wake up from this dreams?


Ein dumpfes Grollen hallt durch den Wald, gefolgt von einem lauten Knall, welcher für einen kurzen Moment alle Geräusche der Menschen verschluckt. Dann geht kalter Regen auf die Welt nieder. Tausende und abertausende eiskalte Tropfen überziehen, einer plötzlichen Sturzflut gleich, die Erde.

Selbst der Himmel weint. Betrauert den Verlust, den die Menschheit hinnehmen musste.

Der junge Mann unterbricht sein Tun und blickt nach oben. Irgendwie hat dieser Gedanke fast schon etwas Tröstliches. Im nächsten Augenblick entfacht der Sturm, der um ihn herum wütet, erneut den Sturm in seinem Inneren. Lässt von Neuem die Wut in ihm aufkochen. Den unendlichen Zorn, der sich durch seinen ganzen Körper frisst und jede Faser seines Körpers unter Strom setzt.

Blaue Opale blitzen vor seinem inneren Auge auf. Opale, die sich tief in sein Hirn gebrannt haben. Die stets so viel Wärme in ihm auslösten und die ihm gleichzeitig die Luft zum Atmen raubten. Opale, die er niemals wieder sehen und die ihn doch den Rest seines Lebens verfolgen würden.

Verzweifelt schüttelt er den Kopf. Versucht das Gesicht des Mannes daraus zu verbannen. Seine sanfte Stimme, die noch immer in seinen Ohren widerhallt. Den Geruch seiner Haut, der in all den Jahren zu einem Teil von ihm selbst geworden war. Der stets das Gefühl von Heimat in ihm auslöste und dabei gleichzeitig so viel Geborgenheit versprach. Sicherheit, in diesem unbeständigen Leben.

Ein weiterer, lauter Donnerschlag reißt ihn schließlich aus seiner Starre. Abrupt senkt er den Kopf und stürzt sich dann mit einem lauten Aufschrei erneut auf den Baum. Lässt wieder und wieder seine Klingen auf diesen niedergehen und hackt dabei tiefe Kerben in das dunkle Holz. Wunden, die niemals wieder verheilen würden und die doch in ihrer Intensität nicht an die heranreichen konnten, die der Tod des blonden Mannes in seinem Herzen hinterlassen hat.

Keuchend hält er inne und löst die abgenutzten, stumpfen Klingen aus der Halterung.
Wertloser Abfall, mit einem missbilligenden Blick wandern sturmgraue Augen über den Berg aus zerbrochenem Silber am Boden. Sein Köcher ist leer. Alle Klingen verbraucht. Wie blanker Hohn liegen sie am Boden. Verspotten ihn ob seiner eigenen Unfähigkeit.

Bitte gib deinen Traum auf und stirb.

Der junge Mann schluckt. Hat das Gefühl, an dem Kloß, welcher sich in seinem Hals gebildet hat, ersticken zu müssen. Dieser eine Satz war es, der das Schicksal des Blondhaarigen hätte besiegeln sollen. Ein Satz, der niemals seine Lippen hätte verlassen dürfen. Er war nicht bereit gewesen, ihn sterben zu sehen. Ihn zu opfern, damit die Menschheit weiter leben könne. Und doch war es in diesem Moment der einzige Weg gewesen. Das Leben des Kommandanten und all der Rekruten im Austausch für eine winzige Chance, den Tiertitan zur Strecke zu bringen.

Dies war sein Versprechen gewesen. Ein Versprechen, dass er nicht halten konnte und welches ihn ebenfalls bis ans Ende seiner Tage verfolgen würde.

Tiefe Schuldgefühle mischen sich zu der Wut. Er hatte nichts erreicht. Der Titanenwandler lebte. War ihm ganz knapp entkommen und doch war der blonde Mann für sie alle gestorben.

Verzweifelt rauft er sich durch die nassen Haare. Die Muskeln in seinen Armen schmerzen. Sein ganzer Körper zittert vor Anstrengung.  Dennoch ist es nicht genug. Es reicht einfach nicht, um den Schmerz in seinem Inneren zu überschatten. Die Schuldgefühle zu überdecken.

Niemals hätte er damit gerechnet, dass sein Kommandant dieses Massaker hätte überleben können. Als einer, der neuen Rekruten ihn mit letzter Kraft auf seinem Rücken hinauf aufs Dach schleppte, hatte er einen Moment lang geglaubt, sein Herz würde einfach stehen bleiben. Tiefe Erleichterung hatte sich in ihm ausgebreitet, als er seine Atemzüge wahrgenommen hatte. Schwach, aber doch beständig. Er lebte und würde es auch weiterhin tun. Die Spritze, die sich in seinem Besitz befand, würde dem großen Mann ein zweites Leben einhauchen. Würde ihm die Gelegenheit geben, seinen sehnlichsten Traum doch noch zu verwirklichen. Und vielleicht auch den des Schwarzhaarigen. Hier und jetzt bekam er die Chance, seinen Fehler wieder gut zu machen und den Mann zu retten, den er …

Er schluckt.

Ja, den er was?

Niemals hatte er sich erlaubt, diesen Gedanken zu Ende zu verfolgen. Dieses eine Wort zuzulassen, welches all diese Gefühle hätte real werden lassen. Gefühle, denen er nicht bereit war, sich zu stellen. Die ihm Angst machten. Die ihm wahnsinnig unangemessen erschienen und die er stets zu verdrängen versuchte.

Und doch lässt sich nicht leugnen, dass da etwas war, flüstert eine Stimme in seinem Inneren. Etwas, was immer und immer wieder diesen winzigen Funken Hoffnung in ihm aufkeimen ließ.

Sehnsüchtig denkt er zurück an die Blicke, die zwischen ihnen niemals hätten sein dürfen und die es trotzdem gewesen waren. Blicke, die seinen Puls beschleunigten und ihm das Gefühl gaben, unter ihnen zerfließen zu müssen. Blicke, deren Bedeutung seinerseits er nun niemals mehr erfahren würde.

Mit einem weiteren wütenden Aufschrei lässt er die nutzlosen, leeren Halterungen fallen. Trommelt stattdessen mit bloßen Fäusten auf den nächsten Baum ein. Spürt, wie die Haut an seinen Knöcheln aufplatzt. Wie warmes Blut an seinen Händen hinabfließt. Die Splitter, die sich in sein wundes Fleisch bohren.

Der Schwarzhaarige schreit. Er tobt. Er flucht. Versteht nicht, wie alles nur so furchtbar schief laufen konnte. Kann nicht begreifen, wie sie den Mann verlieren konnten, der die Hoffnung der Menschheit war. Den Mann, der auch seine Hoffnung gewesen war. Der im Laufe der Jahre der Mittelpunkt seiner ganzen Existenz geworden war. Was blieb ihm noch, wenn die Hoffnung tot war? Was hatten sie im Austausch für dieses eine Leben bekommen, das wertvoller war, als es alle Leben des Aufklärungstrupps zusammen je sein könnten?

Ein gleißendes Licht zerreißt die Luft. Erhellt für einen kurzen Moment die Dunkelheit, die ihn umgibt, während der kalte Regen weiterhin unerbittlich auf ihn niedergeht. Jeder eisige Tropfen bohrt sich einem Nadelstich gleich in seine Haut. Das Wasser vermischt sich mit seinem Blut, welches an der Rinde klebt und lässt den Baum rote Tränen weinen. Tränen, die er sich selbst niemals erlauben würde.

Der Schmerz, der durch seine Hände zuckt, ist ebenso tröstlich wie das kalte Nass um ihn herum. All das lenkt ihn ab. Füllt zumindest für einen kurzen Moment die Leere, die sich in ihm aufgetan hat.

Das laute Grollen, welches dem Blitz folgt, übertönt seinen nächsten verzweifelten Aufschrei. Übertönt das Schluchzen, das sich nun doch durch seine Kehle bahnt. Niemals zuvor hatte er dermaßen die Beherrschung verloren. Er, der doch stets unnahbar wirkte. Kühl. Distanziert.

„Levi.“

Der junge Mann erstarrt. Dreht sich dann langsam um und blickt direkt in Hanjis fassungsloses Gesicht. In braune Opale, die ihn unendlich besorgt mustern.

„Was machst du denn hier? Und wie siehst du überhaupt aus?“

„Verschwinde, Vierauge!“, nichts an seinem Tonfall lässt einen Aufschluss darüber zu, wie es in seinem Inneren aussieht. Gibt etwas darüber Preis, wie zerrissen er sich fühlt. Wie ohnmächtig und hilflos.

Er will nicht, dass sie ihn so sieht. Will, dass sie zurück zum Hauptquartier geht und ihn alleine lässt mit all seinem Schmerz. All der Qual.

Langsam schüttelt die Braunhaarige den Kopf. Tritt näher an ihn heran und zieht ihn dann in eine feste Umarmung.

„Mir wird Erwin auch fehlen“, murmelt sie leise und streicht ihm dabei sanft über den Rücken.


_____

Für diejenigen, die es Interessiert, hier der Song, der mir beim Schreiben durch den Kopf geisterte: https://www.youtube.com/watch?v=zPVvcywTFrg (Shadows Of Our Yesterdays – Snow White Blood)
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