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Der Tag. Mein Tag. Ihr Tag. Unser Tag.

von LPRB
GeschichteAllgemein / P16 / Het
Effie Trinket Gale Hawthorne Haymitch Abernathy OC (Own Character)
04.03.2021
07.05.2021
12
29.973
 
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04.03.2021 1.572
 
Für alle Einwohner Panems ist es kein normaler Tag – so viel steht fest -, aber so anders wie er Jahr für Jahr für mich ist, fühlt er sich für niemanden an. Obwohl auch das vermutlich ein wenig übertrieben ist. Zumindest kenne ich niemanden, dem es genauso geht und eigentlich doch unzählige.  Ich weiß, das hört sich vielleicht verrückt an und noch dazu bin ich nicht betrunken, aber ich sollte vielleicht etwas genauer werden (nicht mit der Sache mit dem Nüchternsein. Dazu gibt es nicht viel zu sagen, aber auch dazu ein anderes Mal).

Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass es mein Fehler ist. Mein verdammter Fehler und dass niemand außer mir schuld an dem was mir heute passieren könnte und höchstwahrscheinlich auch wird ist. Das Kapitol hat tatsächlich einen Weg gefunden, mir noch schlimmeres anzutun als mich in die Spiele zu schicken. Sie zerstören die Existenz, die ich mir mühsam aufgebaut habe mit einem Namen, den Effie, aufgedonnert und schrill wie immer, vorlesen wird, als wäre er ein Hauptgewinn. Es wird nicht meiner sein, das rede ich mir Jahr für Jahr wieder ein, da ich am Vorabend noch immer nicht ruhig schlafen kann. Ich bin zu alt. Früher habe ich ironischerweise immer wieder Panik gehabt erneut ins Rennen geschickt werden zu können, doch heute gilt meine Angst längst nicht mehr nur mir selbst.

Manchmal würde ich dieses Kind am liebsten umbringen für all das, was es mir in den vergangenen zwölf Jahren angetan hat. Ja, allein für diesen Moment der hellen Panik, könnte ich ihm das Genick brechen und dann meines gleich mit, weil ich es nicht eine Sekunde aushalten würde, ohne sie zu leben.  Ich weiß nicht, wie ich es ganze zwölf Jahre ohne sie ausgehalten habe (gut, ich muss zugeben, dass ich von diesen zwölf Jahren eigentlich acht Jahre ein wenig verblasst in Erinnerung habe, denn da hatte ich es noch nicht so mit dem Nüchternsein)



Ich weiß, dass es nicht sonderlich höflich ist, die anderen verzweifelten Idioten, die sich um mich herum drängeln, um besser sehen zu können, dabei zu beobachten, wie sie sich an ihre Kinder klammern und sich insgeheim alle wünschen, es würde doch jemand anderes sterben, solange es nicht ihre Sally, ihr Ryan oder der kleine Tommy ist.

Kann ich verstehen. Geht mir nicht anders. Ich würde alles dafür geben, um jemanden dazu zu bringen sich freiwillig zu melden, doch ich weiß, dass das nicht passieren wird. Alle wissen das. Es ist nicht so, als hätte sie gerade viele Freunde. Als hätte ich gerade viele Freunde. Um genau zu sein, haben wir nicht einmal einen gemeinsamen Freund. Nur uns. Was schließlich auch kein Wunder ist, immerhin sind wir die abgehobene Elite, die wie die auf Hochglanz polierte Nadel aus dem Heuhaufen in das Dorf der Sieger verbannt wurde und dort vermutlich allein verrotten wird, weil ich keinen Schimmer Hoffnung in mir trage, dass 12 jemals wieder einen Sieger hervorbringt. Nicht, weil ich einfach unschlagbar bin. Nein, weil sie es lieben, mich verrotten zu sehen. Und weil sie es noch mehr lieben, den ganzen Distrikt scheitern zu sehen. Jahr für Jahr.

Ich weiß, dass ich eigentlich nicht so viel nachdenken sollte, sondern mich mehr auf meinen Gefühlshaushalt konzentrieren sollte, aber der ist gerade alles andere als am Laufen. Vollkommen leer, alles schon vor Tagen verbraucht, die ich mir Sorgen gemacht habe. Die ich nicht geschlafen oder gegessen habe. Jetzt trage ich fast so etwas wie eine mich von innen zerfressende Ruhe, die mich, wenn ich nicht aufpasse, zu einem willenlosen Trottel machen wird. Zu genau dem Trottel, den die gern in mir sehen würden.

Immerhin ist es besser, dass ich ruhig bin. Zumindest für sie, weil sie es auch weiß. Dass ich also keinen Anfall kriege habe ich inzwischen kapiert, aber warum sie kein Wort mit mir redet, verstehe ich immer noch nicht. Sollte nicht wenigstens sie das Recht haben, durchzudrehen? Immerhin kann sie sich ziemlich sicher sein, dass ihr Leben bald vorbei sein wird und sie nichts daran ändern kann? Hat sie das etwa schon so schnell akzeptiert und findet sich einfach so damit ab? Gibt mir nicht einmal die Schuld? Das habe ich vermutlich schon zu Genüge getan. Das war tatsächlich alles, was ich getan habe, anstatt für sie da zu sein und mich um sie zu kümmern.
Ich hätte sie anlügen sollen, schoss es mir durch den Kopf, dann hätte sie wenigstens noch etwas von ihren letzten Tagen mit mir gehabt und ich würde nicht jetzt schon das Gefühl haben, sie bereits verloren zu haben.
Heute bin ich nicht auf der Bühne. Nicht heute. Nicht, wenn mein Mädchen zum ersten und letzten Mal dabei ist. Ich will einfach nur der Vater sein, der bei seinem Kind steht und die Sekunden zählt bis hoffentlich jemand anderes zum Sterben verurteilt wird. Mehr will ich nicht. Nur, dass es jemand anderen trifft, doch das wird es nicht. Die Show, die sie damit aufziehen können, ist viel zu wichtig, als dass sie sich darum scheren würden, was ein einstiger Sieger davon hält seine Tochter live sterben zu sehen. Als das erste Kind beginnt zu schreien, weil es die Ernsthaftigkeit dieses Tages erkennt, reißt mich dieses Brüllen zurück in das Hier und Jetzt. Zurück in die Menschenmasse in der ich mich befinde. Wie ein schwarzes Schaf in einer Herde voller unwissender hohlköpfiger weißer Schafe.



„Es is okay, wenn du Angst hast“, sage ich ihr, was ich schon seit Tagen sage, weil ich nicht weiß, was ich ihr sonst vermitteln soll. Aber ist das nicht offensichtlich? Jeder, der sich nicht fürchtet, wäre doch total irre. Sie schüttelt den Kopf und aus ihrer provisorischen, nicht gerade hässlichen von mir kreierten Hochsteckfrisur lösen sich einige blonde Strähnen. Weder ich noch sie machen uns die Mühe sie wieder zurückzustecken. Es ist scheiß egal. Trotzdem finde ich, dass wir das ganz gut hinbekommen haben. Das blaue Kleid mit den Blumen, das Effie mir für sie geschickt hat steht ihr ausgezeichnet und lässt die hellen Augen nur so strahlen. „Sie wird zauberhaft aussehen“, hat Effie am Telefon gesagt, aber mir war sofort klar, dass sie es nicht so gemeint hat. Sie macht sich genauso viele Sorgen wie ich und ist sich sicher bewusst, dass sie heute den besonderen Namen ziehen wird. Doch anders als ich, kann sie es sich nicht erlauben auch nur einen Funken von Mitleid über ihr Gesicht ziehen zu lassen, da die Kameras sie ständig im Blick haben werden.

Ich bin froh, dass das Kleid so überhaupt nicht ihrem Geschmack von Mode entspricht (eigentlich habe ich zuerst jegliche Unterstützung von ihr ablehnen wollen, doch dann hat sie mich doch überzeugt), denn obwohl es ein teurer Stoff ist und ein regelmäßiges hübsches Muster beinhaltet, sticht meine Kleine nicht aus der Menge hervor. Nur das würde noch fehlen. Ich will nur ein einziges Mal, dass wir normal sind und nicht die, um die sich alles hier dreht.



„Klar hab ich Angst, was denkst du denn, aber wie du immer sagst, bringt mich das nicht weit“, entgegnet sie und nimmt meine Hand. Ihre Finger sind eiskalt und es wundert mich, dass ich das überhaupt noch beurteilen kann, denn obwohl es ein sonniger Tag ist erstreckt sich eine unerschütterliche Gänsehaut über meinen gesamten Körper. Ich erwidere das Lächeln, das sie sich abgerungen hat, genauso falsch, wie sie es selbst über die Lippen gebracht hat. Niemand freut sich heute. Das ist doch Irrsinn. Immerhin bin ich der einzige Vater hier, der von sich sagen kann, dass er sein Kind bis zum bitteren Ende begleiten kann. Schließlich bin ich immer noch Mentor von Distrikt 12.

Und wieder einmal wäre ich einfach nur gerne einer von diesen anderen Vätern, die heute Glück haben werden. Zumindest bis auf einen weiteren. Ich weiß nicht wer es sein wird oder wer meine Kleine begleiten wird, doch eins ist sicher. Ich werde ihn oder sie nicht unterstützen und ihm dabei helfen meine Tochter umzubringen. Das kann ich nicht.

„Was hast du damals gemacht, bevor die dich gezogen haben?“, will sie nun von mir wissen und ich bin so froh, dass wir überhaupt miteinander sprechen, dass ich gar nicht sonderlich über meine Worte nachdenke, als sie mir auch schon unverhofft laut herausplatzen.

„Ich hab mir in die Hose geschissen. Die einzige wirklich annehmbare, die sich meine Mutter je leisten konnte und ich musste  mich umziehen, also hatte ich nich mehr viel Zeit, um drüber nachzudenken, als ich dann auch schon meinen Namen gehört hab“, sprudelt es aus mir heraus und zu meinem Glück hat mir niemand außer ihr zugehört. Ein richtiges Grinsen schleicht sich auf ihr unschuldiges Kindergesicht. Ja, die zwölf Jahre waren es wert. Egal, was jetzt passiert.

„Glaub ich sofort“, meint sie neckend und mustert mich von oben bis unten als würde sie nur darauf warten, dass ich es wieder tue, doch das habe ich bei bestem Willen nicht vor. Jetzt denke ich zum ersten Mal an den lang aufgegebenen Alkohol. Es ist insgesamt vier Jahre her und ich bin ziemlich stolz, doch im Moment kann ich mich für nichts, das ich je getan habe auch nur ansatzweise selbstbewusst fühlen.

Mit einer ungeschickten Geste streiche ich ihr über den Kopf und hoffe, dass sie das beruhigt, denn als ich meinen Blick auf die Bühne wende, sehe ich wie der Bürgermeister eintrudelt und sich mühsam auf einen der dort platzierten Stühle fallen lässt. Andere folgen.

Schließlich auch Effie und ich kriege beinahe einen Herzinfarkt, als ich sie sehe.
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