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Vakkert zapleteno - Wunderschön kompliziert

von NiLoVi
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Cene Prevc Domen Prevc Halvor Egner Granerud Peter Prevc Robert Johansson
03.03.2021
15.09.2021
23
75.911
12
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
15.09.2021 3.323
 
23 Leichtsinn


Oh, lights go down
In
the moment we’re lost and found
I just
wanna be by your side
If
these wings could fly
For
the rest of our lifes
- Birdy, Wings


Halvor Egner Granerud
Wisla, 19. November 2017

    „Granerud, mach zackig, der zweite Durchgang beginnt gleich!“
    Halvor verdrehte die Augen - er war doch schon so gut wie auf dem Weg zur Schanze! Ohne eine Antwort abzugeben, stapfte er weiter durch den festgetrampelten Schnee zum Norwegischen Container, um seine Skier einzusacken.
    Dieses Wochenende läutete den Start in die neue Weltcupsaison ein. Endlich wieder richtig Skispringen! Halvor hätte kaum beschreiben können, wie sehr er sich darüber freute, abermals im Norwegischen Team zu sein. Noch mehr freute er sich aber selbstverständlich darüber, Cene endlich wieder in seiner Nähe zu wissen. Die vier Monate, die sie nun schon zusammen waren, kamen ihm wie ein Traum vor. Zwar hatten ihnen die langen räumlichen und zeitlichen Trennungen arg zugesetzt, doch hatte es ihre Beziehung eher gestärkt als beschädigt. Da sie sich ohnehin nahezu blind verstanden, verwunderte das nicht.
    Seit Donnerstag verweilten die Teams bereits in Wisla, doch einen zweisamen Moment hatten die beiden hier noch nicht gehabt. Sich, wie im Sommer, vor dem Frühstück zu verabreden, kam ihnen gemessen an den strengen Minusgraden, die draußen herrschten, etwas zu riskant vor.  
    Also wartete Halvor auf seinen Moment, nun schon seit knappen drei Tagen. Immer wieder liefen sie sich über den Weg, so wie gerade, und Halvor spürte sowohl bei sich selbst als auch bei seinem Gegenüber die übermächtige Sehnsucht, die sie zusammenzog wie zwei Magnete, derer Kraft sie sich nur schwer erwehren konnten. Wie bei den letzten Malen warf er Cene einen teils traurigen, teils verliebten Blick zu und zog weiter seiner Wege.
    Es gab jedoch noch eine andere Begebenheit, die sich hier in Wisla anders verhielt als im Sommer-Grand Prix: Cenes Eltern befanden sich an der Schanze, um ihre Söhne anzufeuern. Peter gehörte momentan nicht zum Slowenischen Weltcupteam, doch Domen und Cene hielten die Familienflagge hoch und wurden tatkräftig unterstützt. Vielleicht waren Dare und Julijana (Halvor hatte mittlerweile erfahren, dass Cenes Eltern so hießen, und dass sie ein Möbelhaus besaßen) der eigentlich Grund dafür, dass sich Halvor nicht so recht in Cenes Nähe traute. Nicht, dass er Angst vor den Eltern gehabt hätte. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, vor diesen intoleranten Sturköpfen auch noch im Schmutz zu kriechen. Nein, er hatte Angst um Cene, weil er das Donnerwetter abbekommen würde, sollten sie gemeinsam erwischt werden. Bisher hielt sich der Kreis der Eingeweihten stark in Grenzen und hatte sich seit dem Sommer-Grand Prix kaum verändert. Domen und Peter waren von Cenes Seite die einzigen geblieben, die Bescheid wussten. Robert aus Halvors Team hatte, wie erwartet, seine Schlüsse gezogen, doch bisher auch nichts verraten. Neu war, dass Halvors Familie eingeweiht war. Dies war nun auch schon seit einigen Wochen der Fall, seit Halvor sichergehen konnte, dass die Beziehung wenigstens in seiner Familie Akzeptanz finden würde.

    „Danke für die Einladung, mein Großer!“, begrüßte Mama ihn sogleich, als er die Wohnungstür öffnete.
    Papa stand hinter ihr und hielt ihre Jacken über dem Arm, die sie schon im Flur ausgezogen hatten. „Ja, wir bedanken uns sehr. Seit du bei uns ausgezogen bist, ist es nicht oft vorgekommen, dass du uns zum Essen eingeladen hast.“

    „Das stimmt“, erwiderte Halvor und führte sie in die Küche, „ihr wisst ja, wie das mit dem Training ist. Man kommt nach Hause und möchte einfach tot ins Bett fallen
. Den Anblick wollte ich euch ersparen.“
    „Wie kommt es dann, dass wir heute hier sein dürfen?“

    „Ich hatte trainingsfrei. Außerdem sagte ich ja, dass ich euch etwas Wichtiges erzählen muss.“

    „Dann schieß los!“, forderte Mama sogleich, doch Halvor schüttelte den Kopf:

    „Erst beim Essen. Das braucht noch fünf Minuten, sehr euch ruhig die Wohnung an. Ich komme gleich.“

    Nachdem seine Eltern die Küche verlassen hatten, schrieb er eine Nachricht an Cene:


Sie sind jetzt da, und ich bin verdammt aufgeregt. Meinst du, es geht alles gut?


Du weißt, dass sie es akzeptieren werden! Wenn was ist, ruf an. Ich denke an dich.

Danke :*


    Also folgte er seinen Eltern ins Wohnzimmer. Just in dem Moment, als er eintrat, kommentierte Papa die Yuccapalme: „Wow, die hat sich aber gut entwickelt! Ich wusste nicht, dass du deinen grünen Daumen entdeckt hast.“
   „Habe ich auch nicht“, gab Halvor zu, „
mein Mitbewohnerbaum überlebt nur gerade so, aber immerhin.“ Er dachte zurück an den Moment, als er das Grünzeug vor seinen Eltern und dem Rest der Familie ausgepackt hatte. Die überraschten Gesichter würde er so schnell nicht vergessen. Mit diesem Geschenk war Cene wirklich ein Coup gelungen. Wer hätte damals gedacht, dass es einmal so weit kommen würde mit den beiden?
    „Da hat dein Springerkollege wirklich einen Glücksgriff gemacht“
, lobte nun auch Mama, und Halvor musste sich verkneifen, jetzt schon zu sagen, dass Cene viel mehr war als das.
    „Durchaus, aber wenn man bedenkt, dass das die einzige Pflanze in deinen vier Wänden ist, kann er gerne noch mehr schicken.“ Papa war
Raumgestalter und hatte deshalb selbstverständlich einen Blick für Halvors doch eher pflegeleichte Inneneinrichtung.
    „Sei froh, dass sie überhaupt da ist“, erwiderte er. „Das Essen ist jetzt fertig.“

    Sie zogen zurück in die Küche, wo Halvor bereits den Tisch gedeckt hatte und nun den Topf Chili
con Carne vom Herd nahm. Ein letztes Abschmecken hielt er nicht für nötig, er hatte vorhin schon gewürzt. Er verteilte die Speise auf den Tellern und wünschte einen guten Appetit.
    Während er sich ein Glas Wasser eingoss, tauchten seine Eltern bereits ihre Löffel in das Essen. Und begannen synchron, zu husten.

    Verwirrt betrachtete Halvor die Teller und suchte nach etwas, an dem sie
sich verschluckt haben konnten, doch da war nichts.  
    Unter Tränen brachte Papa hervor: „Himmel, ist das scharf.“

    Mama krächzte: „
Hali, ich will es dir ja nicht unterstellen, aber wenn du uns umbringen willst, hättest du dir einen humaneren Weg aussuchen können.
    Nun vollend
s verwundert probierte Halvor eine Löffelspitze von seinem Teller und musste einsehen, dass das Essen wirklich viel zu scharf war. Nicht versalzen, sondern schlimmer als das. Und nicht mehr zu retten.
    „Scheiße“, machte er
bedröppelt. Wieso hatte er denn so viel Chili hineingeschüttet?
    Seine Eltern husteten noch eine Weile, doch hatten sich danach wieder unter Kontrolle. Nach dem anfänglichen Schreck mussten sie nun doch über die kleine Katastrophe lachen. Hal
vor hingegen war die Aktion höchst unangenehm.     Mama kicherte: „Man könnte denken, du wärst verliebt, aber dann wäre das Essen versalzen und nicht viel zu scharf.“
    Halvor gab keine Antwort. Wenn sie das Thema schon anschnitt, war jetzt wohl der Moment gekommen.

    Mama deutete sein Schweigen: „Oder ist es das, worüber du mit uns sprechen wolltest?“

    Halvor schob den Teller beiseite und umklammerte sein Glas. Große Güte, er brauchte doch keine Angst haben! Mama und Papa hatten auf sein Outing vor einigen Jahren ebenfalls positiv reagiert. Doch solche Gespräche waren vermutlich automatisch mit Nervosität verbunden.

    Seine Eltern betrachteten ihn nun mit ungeteilter Aufmerksamkeit.
Und Halvor begann zu erzählen: „Du hast recht. Ich bin verliebt, in den Spender der Yuccapalme. Und nicht nur das - wir sind zusammen.“ Okay, das war einfacher gewesen als erwartet. Erwartungsvoll sah er zwischen Mama und Papa hin und her.
    Die warfen sie ebenfalls Blicke zu, dann ergriff Mama
nach einer Weile das Wort: „Ich denke, ich spreche in unserer beider Namen, wenn ich sage, dass wir uns sehr für dich freuen.“
    Papa nickte zustimmend.
Sein ernster Gesichtsausdruck verwandelte sich in einen zufriedenen.
    „Du siehst so nervös aus, dachtest du, wir würden es nicht gutheißen?“

    „Ihr kennt ihn ja nicht mal...“

    „Wir sehen, dass deine Augen strahlen, wenn du von ihm sprichst, das genügt uns“, ergänzte Papa.

    Nun strahlten nicht nur
Halvors Augen, sondern sein ganzes Gesicht. Seine Eltern nahmen es also gut auf. Ein Stein fiel ihm vom Herzen.
    „Ihr kennt euch also vom Skispringen?“, fragte Mama, und Halvor berichtete, wie sie sich kennengelernt hatten.

    Nach dem Bericht fragte Papa: „Und er heißt...?“

    Natürlich, das Wichtigste hatte Halv
or vergessen. „Er heißt Cene. Cene Prevc.“
    Mama machte große Augen. „Ist er der Bruder von Peter und Domen Prevc? Die in den letzten Jahren so gut waren?“

    Lachend bestätigte Halvor. „Und er wird auch eines Tages so gut sein.“ Er glaubte wirklich mit ganzem Herzen daran. Cene mit seinem übermenschlichen Ehrgeiz musste das einfach schaffen.

    „Du kannst uns gerne mehr von ihm erzählen“, bat Mama, „aber irgendetwas muss ich essen. Ich habe einen Bärenhunger.“ Papa stimmte zu.

    Erneut etwas peinlich berührt, schlug Halvor vor: „Wir könnten Pizza bestellen.“


    Das war vor etwa acht Wochen gewesen, und seitdem fragte sich Halvor, warum Cenes Eltern nicht auch sagen konnten Du bist glücklich mit ihm, und wir freuen uns für dich. Denn Cene und er waren wirklich glücklich miteinander. Halvor zumindest hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so gut gefühlt, auch wenn die Sehnsucht regelmäßig an ihm nagte.
    Er musste Cene heute sehen, egal, wer in der Nähe war. Die beiden würden eben aufpassen müssen. Bisher hatte das immer funktioniert. Dare und Julijana konnten immerhin auch Domen verhätscheln. Momentan waren die beiden im Tal bei den Zuschauern, doch da sie VIP-Pässe besaßen, durften sie nach dem Springen hier auftauchen. Halvor beschloss, Cene zu schreiben, in der Hoffnung, dass er irgendwann in der nächsten Stunde auf sein Handy sehen würde.

Können wir uns nach dem Springen sehen? Du fehlst mir so.


    Danach machte er sich endgültig auf den Weg zur Schanze, denn mittlerweile war er spät dran.

    Ein 21. Platz konnte sich sehen lassen, befand Alex etwa eine Stunde später. Auch Halvor war mit diesem Ergebnis im Großen und Ganzen zufrieden. Den zweiten Durchgang zu erreichen war ihm stets wichtig, und wenn alle zweiten Sprünge so solide wären wie der heutige, ließe sich gut darauf aufbauen. Ein ordentlicher Einstand in die neue Saison, und eine Leistung, die ihn im Norwegischen Team halten würde.
    Fröhlich wuselte Halvor also im Norwegischen Container umher, bevor er sich erinnerte, dass er ja auf eine Antwort von Cene wartete. Tatsächlich hatte er sie bekommen:

Du weißt, dass mir nicht wohl dabei ist, aber du fehlst mir auch. Müsst ihr euch auslaufen? Ich warte im Wald unterhalb der Schanze, da war die letzten Jahre nie jemand.

    Das stimmte. Die Schanze und das Springerdorf in Wisla befanden sich auf einer Erhebung, die man beinah schon als Buckel bezeichnen konnte. Ringsherum fiel das Gelände steil ab und war von Nadelbäumen dicht bewachsen. Nur ein breiterer Weg, der allgemein gern zum Ein- und Auslaufen genutzt wurde, führte von der Schanze weg. Ansonsten betrat kaum jemand den Wald, einfach weil das Gelände nahezu unzugänglich war. Zumindest bewies das die Erfahrung der letzten Jahre.
    Halvor beschloss, sofort loszulaufen. Würde er warten, müsste er sich vor seinem Team rechtfertigen, warum er eine andere Route laufen wollte, und das würde nur für Gerüchte sorgen. Also legte er sein Handy wieder zu seinen Sachen, zog die Laufschuhe an und verließ den Container, in dem er bis eben allein gewesen war.
    Draußen im Springerdorf war allerhand los, wie immer nach dem Wettbewerb. Alle versuchten, ihre Siebensachen einzusammeln, sich mit anderen auszutauschen oder einfach Glück beziehungsweise Misserfolg zu verarbeiten.
    Halvor blieb kurz vor der Tür stehen, weil er in einiger Entfernung das Ehepaar Prevc erspäht hatte. Und sie waren mit Domen beschäftigt, sogar sehr intensiv. Die drei schienen über etwas zu diskutieren - ob es mit dem Springen zu tun hatte, konnte Halvor nicht erahnen. Noch besser wurde die Lage, als sie geschlossen im Slowenischen Container verschwanden. Sehr gut, das würde vermutlich dauern, und da Cene eh beim „Auslaufen“ war, würden sie auch nicht nach ihm suchen.
    Beschwingt machte sich Halvor auf den Weg in den Wald. Mit laufen war hier nicht allzu viel los, denn der Untergrund war an manchen Stellen spiegelglatt, an anderen lag so viel Schnee, dass er einsank. Nur eine Fußspur führte hinab, also würden sie hier tatsächlich für einen Augenblick ungestört sein.
    Als er nur noch einen Hauch der Geräusche aus dem Springerdorf vernahm, erspähte er Cene, der mit verschränkten Armen und grüblerischem Blick an einem Baum lehnte. Halvors Gesicht erhellte sich, als er die letzten Schritte in seine Richtung zurücklegte.
    Erst kurz, bevor er ihn erreichte, sah Cene auf. Der Wald und der Schnee dämpften einen Großteil der Geräusche, die Halvors Kommen angekündigt hätten.
    „Hey, da bin ich“, stellte er fest.
    „Offensichtlich“, antwortete Cene und drehte sich in seine Richtung, um ihn anzusehen. In der Winterjacke mit dem Slowenischen Schriftzug sah Cene niedlich aus und ein bisschen wie ein Michelinmännchen. Er lächelte nur schwach, doch er lächelte immerhin. Auf Halvor hatte er das ganze Wochenende bereits einen verunsicherten Eindruck gemacht und es war offensichtlich, warum. Doch Halvor würde nicht zulassen, dass er sich das Hirn zermarterte. Natürlich, Cenes Sorgen waren berechtigt. Doch sie sollten nicht sein gesamtes Handeln überschatten.  
    Vorsichtig trat er einen Schritt näher. Unmerklich wich Cene zurück, und Halvor konnte es nicht ertragen, wenn er das tat. Cene würde niemals einen Grund haben, vor ihm zurückzuweichen. „Du brauchst keine Angst haben. Sie sind nicht hier. Sie sind mit Domen beschäftigt.“
    Cenes Mine entspannte sich minimal. „Trotzdem. Mich nervt allgemein, dass sie da sind.“ Als hätte er etwas ausgesprochen, was er nicht durfte, ergänzte er: „Natürlich sind sie meine Eltern und ich habe sie sehr lieb. Aber es ist bedrückend, sich entscheiden zu müssen.“
    „Zwischen was?“
    „Zwischen ihnen und dir.“ Cene knubberte etwas Rinde von der Fichte neben ihm.
    „Du wirst dich nie entscheiden müssen“, beteuerte Halvor, obwohl er sich selbst nicht ganz glaubte. „Jetzt bist du bei mir, und nachher bist du wieder bei ihnen.“
    „Ich werde aber nie vor ihnen über dich sprechen können. Und anders herum eigentlich auch nicht, weil sie dir Unrecht tun und ich dir das nicht immer wieder auf die Nase binden möchte.“  
    „Ce, ich halte eine ganze Menge aus und das weißt du. Übrigens - möchtest du unsere gesamte gemeinsame Zeit dafür aufwenden, über deine Eltern herzuziehen? Ich wäre ja dabei, aber es gibt auch weitaus bessere Dinge, die wir tun könnten.“
    Mit diesem Satz wandelte sich Cenes Körpersprache tatsächlich. Er wirkte jetzt offener und weniger bedrückt, als er antwortete: „Du hast ja so recht. Oh Mann, tut mir leid.“ Nun ohne jedes Zögern fiel er in Halvors Arme, der dankbar darüber war, dass er Cene für den Moment von seinen Sorgen hatte abbringen können.
    „Ich freu mich, dich zu sehen“, seufzte er.
    „Ich freue mich, dich aus der Nähe zu sehen“, präzisierte Cene.  
    Halvor musste lachen. „Das stimmt. Hat nochmal etwas ganz anderes, als so zu tun, als würden wir uns nicht kennen.“ Seine Hände strichen behutsam über Cenes Rücken und er genoss es schlichtweg, in seiner Nähe zu sein. „Mein Herz wird das vermutlich eine ganze Weile aushalten“, ergänzte er, „aber nicht ewig.“
    „Ich weiß. Meins auch nicht“, erwiderte Cene ehrlich und drückte seine Stirn an Halvors Wange. „Trotzdem glaube ich, dass es noch eine sehr lange Zeit so weitergehen wird.“
    Halvor seufzte, weil er mit dieser Antwort gerechnet hatte. Es war ja auch richtig so, wie es momentan war. Trotzdem kam er nicht dagegen an, sich immer wieder vorzustellen, wie die beiden Hand in Hand durch eine Stadt schlenderten. Oder an einem Geländer wie dem in Leipzig standen, jedoch im Tageslicht, und jeder sie sehen konnte. Hirngespinste. Selbst, wenn Cenes Eltern irgendwann ihre Meinung über Homosexualität ändern würden (was sehr unwahrscheinlich war) - Cene selbst würde es vermutlich niemals über sich bringen, sich mit Halvor auf diese Weise zu zeigen.
    „Was hast du?“, fragte Cene.
    Halvor schob den Gedanken von sich. Er war dankbar für das, was er gerade hatte. „Wir müssen jetzt nicht darüber reden. Es ist nichts Wichtiges.“
    Cene ließ es darauf beruhen. Hauchzart küsste er Halvors Wange, dann fiel ihm ein: „Welcher Platz bist du eigentlich vorhin geworden?“
    Etwas angeberisch berichtete Halvor: „21., und du?“
    Cene prustete und ließ ihn los. „Da fühlt sich aber jemand sehr überlegen. Ich bin jedoch 20. geworden.“
    „Ernsthaft? Das gibt es nicht. Du verarscht mich! Du bist kleiner als ich, du kannst gar nicht weiter gesprungen sein!“
    „Hey, Eva, pass auf was du sagst!“
    Halvor graute noch immer vor diesem Spitznamen, und er bettelte: „Nenn mich nicht Eva, bitte!“
    „Was hielte mich denn davon ab? Du erinnerst dich doch: Wenn du dich nicht benimmst, wirst du so genannt. Und du benimmst dich ... genau, nie. Also beschwer dich nicht!“
    „Du bist so ... gemein und gehässig und frech und ...“ Halvor hatte keine Argumente, also begann er, Cene in die Seite zu pieken.
     „Hey! Wenn du weiter so machst, wird es noch schlimmer“, drohte Cene, doch Halvor war sich sicher:
    „Schlimmer geht sowieso nicht mehr.“
    Cene begann, leise zu quietschen. Er war der kitzeligste Mensch, den Halvor kannte, und er liebte es, diese Karte auszuspielen. Dass sie sich, trotz der Bäume um sie herum, möglichst unauffällig verhalten sollten, vergaßen beide in diesem Augenblick.
    „Halvor, hör sofort auf, mich zu kitzeln!“, befahl Cene, halb im Scherz, halb im Ernst, doch auch, als er Halvor den Rücken zudrehte, hielt dieser ihn fest.
    „Strafe muss sein, lite slovenia. Wir wollen doch nicht, dass du zu aufsässig wirst.“
    Cene versuchte lachend, aus Halvors Reichweite zu kommen, doch seine Füße rutschten über den Boden und übertönten das Knacken der Äste, das Besucher ankündigte.
    „Bevor ich aufhöre, musst du mir erst versprechen, dass du mich nicht mehr Eva nennst!“, sagte Halvor.
    „Ich denke nicht im Traum daran. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit - wie du mir, so ich dir, und jetzt hör auf, mich zu kitzeln!“
    „Niemals.“
    Mit einem Mal beendete Cene seine Abwehr und drehte sich in Halvors Armen, sodass sie sich ansahen. Er tat das vermutlich einzig Sinnvolle, um die Kitzelattacke effektvoll zu beenden - er drückte seine Lippen auf Halvors, weil er wusste, dass dann sowieso nichts mehr eine Rolle spielte.
    Höchstens noch die Schritte, die im Schnee knirschten und eilig auf sie zukamen.
    Und die Stimme von Cenes Mutter, die schrie: „Was ist denn hier los?“

***


Okay, mit diesem Cliffhanger würde ich als Leser es nicht zu tun haben wollen. Aber trotzdem seid ihr noch da (und dafür danke ich euch von Herzen).

Heute verschone ich euch mal wieder mit sämtlicher Selbstkritik und überlasse euch das Feld. Ich habe so meine Gedanken zum Kapitel, aber vielleicht fallen euch viele Dinge, an denen ich mich störe, gar nicht auf.

Ein großes Dankeschön an Athena, Annika, Kaja und Tinka für die Reviews! An letztere natürlich nochmal ein gesonderter Dank für die Hilfe mit dem Kapitel.
Ihr habt mir zusammen bereits ganze 100 Reviews geschrieben und darüber bin ich extrem glücklich! Ich könnte mir vermutlich keine besseren Leser wünschen.

Bis nächste Woche!

Eure NiLoVi


P.S. Schaut jemand von euch Dome? Wenn ja, könnte euch der letzte Satz getriggert haben. Es tut mir leid, mir ist kein besserer eingefallen bzw. denke ich, dass es keinen besseren gibt.

#esknistert #wasistdennhierlos
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