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Fuchsgesicht - Hoffnung ist kein guter Freund

von -someone-
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Fuchsgesicht
03.03.2021
30.04.2021
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03.03.2021 1.073
 
Ihre Haare sind zerzaust, sie steht auf dem Felsen und blickt über das Feld. Der Wind hat die Halme durcheinandergewirbelt und die Bäume wiegen sich sanft hin und her. In ihrem Distrikt leben nicht viele Leute, doch er ist sehr groß, verwildert, geht scheinbar ins unendliche. Ganz hinten am Horizont erkennt sie einen Wald und unter ihrem Felsen plätschert ein Fluss. Sie fühlt sich frei, weiß jedoch, dass dem nicht so ist. Als sie einmal auf einem Streifzug am Fluss entlang gegangen ist und versucht hat, die Weite ihres Distrikts zu erkunden, stieß sie auf einen hohen Zaun, der ab und an von merkwürdigen Blitzen durchzuckt wurde. Da wurde ihr klar, dass sie nicht frei war, im Gegenteil: alles was sie tat, wurde vom Präsidenten vorgeschrieben und jede ihrer Bewegungen kontrolliert. Das überrascht sie nicht, in einem Land in dem jedes Jahr unschuldige Kinder in den Tod geschickt werden. Sie hat Snow schon immer gehasst, hat Panem verachtet und kann nicht begreifen, wie die Distrikte sich das gefallen lassen. Sie kann die Rebellen zu gut verstehen. Und trotzdem kann man nichts machen, Snow ist stark, er hat Anhänger und er hat Mittel gegen Feinde. Sie selbst ist nicht mutig genug, sich gegen ihn zu widersetzen.
Aber sollte sie heute gezogen werden, denkt sie grimmig, würde sie nicht dem schrecklichen Regime von Snow verfallen, sie würde sie selber bleiben und den Leuten zeigen, dass sie das Zeug zum Gewinnen hatte. Aber wollte sie das überhaupt, gewinnen? Denn so müsste sie Leute töten, die kaum älter waren, als sie. Aber es gab ja auch noch andere Möglichkeiten, zu gewinnen. Sie lächelt, wahrscheinlich wird sie sowieso nicht gezogen werden und der Tag wird sein wie jeder andere.
Mit einem Seufzen steigt sie von ihrem Lieblingsplatz herunter, der raue Felsen fühlt sich warm von der Sonne an und glitzert in der Sonne. Sie läuft den hell erleuchteten Waldweg entlang und gibt sich dem Zwitschern der Vögel und dem Rauschen des Bachs hin. Wieder verspürt sie Sorge, was, wenn das Glück nicht mit ihr ist? Doch sie verdrängt das Gefühl und läuft weiter.
Angekommen in ihrem kleinen Haus am Rande von Distrikt 5 geht sie in ihre kleine Kammer und schlüpft in das Kleid, dass ihre Schwester ihr für die Erntezeremonie herausgelegt hat. Grün mit kleinen Rüschen, es ist das Kleid, dass ihre Schwester an ihrer Hochzeitsfeier getragen hatte. Ihre rotblonden Haare bindet sie nach oben. Sie weiß, dass sie nicht hübsch ist, ihr Gesicht ist zu lang, ihre Augen zu groß und ihre Proportionen sind auch nicht gut aufgeteilt. Viel Oberweite hat sie nicht, dafür eine schmale Taille und breite Schultern. Aber trotzdem lächelt sie, als sie sich im Spiegel betrachtet.
Wenn Phil sich für sie entschieden hat, dann wird er wahrscheinlich einen Grund dazu haben.
Ihre Schwester ist gegen die Beziehung von ihr und Phil. Aber es ist dieses Gefühl, dass sie immer im Bauch hat, wenn sie Phil sieht, das sie einfach nicht auf ihre große Schwester hören lassen will.
Sie ist nun seit einem Jahr mit Phil zusammen und er war davor auch schon lange ihr bester und auch einziger Freund.
Die anderen ihres Distrikts finden sie seltsam, wissen nicht, was sie mit ihr anfangen sollen und schauen sie immer so komisch an. Doch mit Phil war es immer anders gewesen, es ist ganz einfach, mit ihm zu reden und ihm zu vertrauen.
Sie war zu lange in Gedanken gewesen, es ist schon sehr spät, die Ernte würde gleich beginnen. Sie läuft hinüber ins Nebenzimmer, wo Cara schon wartet. Ihre Schwester ist in rosa gekleidet und gerade dabei, ihrer Mutter die Knöpfe ihres Kleides zu verschließen.
Zwei Männer betreten gleichzeitig das Zimmer, ihr Freund Phil, mit einer Leinenhose und einem dunklen Hemd bekleidet und ihr Vater, der neben ihm steht und seine Töchter und seine Frau anlächelt.
Zusammen machen sie sich auf den Weg zum Hauptplatz auf welchem die Ernte stattfinden wird.
Es ist Finchs dritte Ernte und ihr Name ist dieses Mal fünf mal in der Lostrommel. Ein ungutes Gefühl überkommt sie, Angst um sich, Angst um Phil.
Auf dem Platz sieht man, wo man auch hinschaut, in angstvolle Gesichter und mitleidsvolle Mienen.
Auf dem Podium vorne steht die Betreuerin der diesjährigen Tribute und redet auf zwei Friedenswächter ein.
Einer der Scheinwerfer blendet sie und sie wendet sich ab von der Bühne, lässt sich ihr Blut abnehmen und stellt sich in die Reihe unter einem Sonnensegel zu den anderen Fünfzehnjährigen. Sie schaut nach oben, eigentlich um nach Vögeln Ausschau zu halten, doch ein Spiegel, angebracht an einem Pfosten versperrt ihr den Blick zum Himmel. Sie sieht blass aus, so blass, dass man ihre Sommersprossen nicht sehen kann, in ihrem Gesicht liegt Anspannung und aus ihrem Dutt haben sich einige Strähnen gelöst. Man erkennt Angst in ihren Augen. Sie schüttelt leicht den Kopf und reißt sich zusammen, sie wird nicht gezogen werden. Sich an ein paar Mädchen vorbeischiebend steht sie schließlich wieder unter freiem Himmel und betrachtet einen Vogel, der federleicht und mit gleichmäßigen und eleganten Bewegungen über ihr kreist. Vögel hat sie schon immer geliebt, ganz besonders die Finken, nach denen sie benannt worden ist. Eigentlich ist der Name seltsam, doch sie mag ihn und würde ihn für nichts auf der Welt ändern wollen. Eine dröhnende Stimme schallt über den Platz, die aufgetakelte Frau auf der Bühne schreit ins Mikrofon und begrüßt die Bürger aus Distrikt 5 zu den diesjährigen 74. Hungerspielen.
Finch schenkt der Rede der Lady jedoch keine Aufmerksamkeit, sie schaut den Vögeln zu, so frei, wie sie es niemals war, es niemals sein wird. So schön, so anmutig und so gleichgültig wirken diese Vögel.
Sie zuckt zusammen, als ein Name über den Platz gerufen wird, Finch Crossley. Ihr Name.
Wie in Trance und ferngesteuert bewegt sie sich auf die Bühne zu und bekommt um sich herum nichts mit. Alles fühlt sich dumpf an, leer, ihr wird schwindelig. Sie wurde gezogen. Sie.
Warum? Als hätte sie Watte in den Ohren (nicht, dass sie jemals ausprobiert  hätte) hört sie die Stimme der Betreuerin, vernimmt nun auch den Jubel der Menge und hört mitleidsvolle und erleichterte Seufzer.
Sie kann es nicht glauben, das durfte einfach nicht sein.
Jetzt zählt nur noch eins: Gewinnen und zurück zu ihrer Familie kommen.
Die Ernte ihres Mittributen bekommt sie nicht mit, sie ist viel zu sehr beschäftigt damit, sich eine Strategie zurechtzulegen. Sie ist entschlossen. Sie kann es schaffen. Möge das Glück mit ihr sein.
 
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