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Lächeln

von Caelena
GedichtSchmerz/Trost / P16 / Gen
03.03.2021
03.03.2021
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Lächeln


Ich lächle viel.

Wenn ich glücklich bin, wenn ich mit meinen Freunden telefoniere, wenn mir jemand einen Witz erzählt. Da sind so viele Momente, in denen meine Augen strahlen vor Glück. Es ist gesund zu lächeln, es macht andere fröhlich.

Ich lächle viel.

Manchmal lächle ich, obwohl alles in mir zerbrochen ist. Da ist ein Scherbenhaufen in meinem Inneren, der meine Seele zerfetzt. Es tut weh, so unendlich weh, doch ich lasse mir nichts anmerken. Ich darf nicht schwach sein, darf die Menschen die ich liebe nicht unglücklich machen. Sie sind wichtiger, wichtiger als ich.

Ich lächle.

Obwohl ich nicht mehr kann. Ich bin müde, so unendlich müde, doch ich darf nicht aufgeben. Ich muss weitermachen, muss durchhalten. Ich fühle mich leer. Mein Herz ist kalt, mein Kopf dafür umso voller. Es macht mir Angst, wie wenig ich fühle, wie wenig Kontrolle ich habe.

Ich lächle weiter.

Selbst wenn ich nicht mehr will, wenn ich keine Kraft mehr habe. Wenn mich jemand fragt: „Alles okay?“ grinse ich nur kurz und sage: „Klar!“ Es ist eine Lüge, eine Lüge, die ich so oft erzählt habe, dass ich nicht einmal mehr darüber nachdenken muss. Das Lächeln auf meinen Lippen ist eine Maske, ein Schild, das mich vor Fragen schützt, die ich nicht beantworten will. Meine Augen leuchten nicht mehr, das Glitzern ist verschwunden, doch das bemerkt niemand. Jeder, der mich ansieht, sieht nur meine Lippen. Lippen, die lächeln!

Ich lächle nicht mehr.

Ich sitze in meinem Zimmer und breche zusammen. Ich weine, bis ich nicht mehr weinen kann. Ich habe Angst vor mir selbst, habe Angst, was ich tun werde, wenn ich auch noch das letzte bisschen Kontrolle verliere. Ich habe meine Zimmertür verschlossen, versuche leise zu sein, damit mich niemand hört. Ich zerbreche und zerbreche und zerbreche, so lange, bis nichts mehr von mir übrig ist. Ich schaffe es nicht, die Scherben wieder zusammenzusetzten. Ich hab keine Kraft mehr, um mich zu heilen. Wenn keine Tränen mehr kommen, wenn die Leere in mir alles verschlungen hat, richte ich mich wieder auf. Ich wasche mir das Gesicht und verlasse mein Zimmer.

Ich lächle.
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