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I am thou, thou art mine

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P16 / Gen
Goro Akechi Morgana Protagonist
01.03.2021
14.12.2022
8
29.119
3
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Dieses Kapitel
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01.04.2021 2.370
 
Es war nicht so, dass sich Ren nie Gedanken darüber gemacht hätte, was passieren würde, wäre er mit einer solchen Situation konfrontiert. Ein Teil von ihm hatte sich die ganze Zeit geweigert, Goros Tod hinzunehmen, und ein weiterer, noch kleinerer Teil hatte sich auch vorgestellt, wie sie sich wiedersehen könnten. Zufällig, irgendwann an einem Zeitpunkt, der so weit in der Zukunft lag, dass er sich nicht einmal die Mühe machen brauchte, wirklich nach einer Sinnhaftigkeit hinter diesen Gedankenspielen zu suchen. Im Leblanc, wenn er seine Freunde und Sojiro besuchte, auf der Universität, vielleicht auch einfach nur auf der Straße.

Aber egal, wie oft und lange er darüber nachgedacht hatte, dieses Szenario war ihm an keinem Punkt in den Sinn gekommen. Vielleicht war das auch der Grund, warum nichts mehr sagte. Die Situation war so schräg und- verdammt, plötzlich in ihrer Gesamtheit, dass er diese kurze Zeit brauchte, um zu begreifen, was hier gerade passierte, und wie es in irgendetwas von dem passte, was er die ganze Zeit über geglaubt hatte.

Nein, viel mehr war das die Frage danach, welches Detail an dieser Szene am wenigsten Sinn machte. Goro war tot. Er war im Maschinenraum gestorben, der einzige Grund, warum er ihn je wieder gesehen hatte, war die falsche Realität von Maruki gewesen- die Realität, die sie doch eigentlich zerstört hatten…

Aber das war nicht einmal der seltsamste Teil der Sache. Es stimmte, Ren hatte nie wirklich akzeptiert, dass Goro nicht mehr hier war. Aber egal, welche Erklärungen er dafür gefunden hatte, dass Goro noch am Leben war; dass er hier in Inaba auftauchte, mitten in der Nacht, und anscheinend zu ihm, Ren, wollte, passte in keine davon.

„E-es tut mir leid…“ Goros Stimme riss Ren sofort aus seinen Gedanken, obwohl- oder vielleicht gerade, weil- sie kaum hörbar war. Nichts von dem, was Ren von seinem Rivalen in Erinnerung hatte, war noch darin zu finden, so sehr er auch danach suchte. Goro klang abwesend, erschöpft- verdammt, Ren würde diesen Tonfall als gebrochen bezeichnen. Seine Stimme wackelte und klang rau, als hätte er schon eine Zeit lang nicht mehr gesprochen. „Ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte…“

Bevor Ren die Möglichkeit hatte, zu begreifen, was gerade geschah, machte Goro einen kurzen Schritt auf ihn zu. Einen Sekundenbruchteil lang blieb er in seiner neuen Position stehen, dann schien er das Gleichgewicht zu verlieren. Aus einem Instinkt heraus fing Ren ihn auf, zuckte jedoch fast im gleichen Moment wieder zurück, als er etwas Kaltes, Nasses auf seiner Haut spürte. Ganz automatisch zog er seine rechte Hand zurück, nur, um den nächsten kalten Blitz durch seinen Körper schießen zu fühlen, als er erkannte, was die Quelle dieses Gefühls gewesen war.

Seine Handfläche war mit einer dunklen, roten Substanz verschmiert, da, wo er Goro berührt hatte. „Wa-“ Er drückte Goro, der an seiner Schulter lehnte, vorsichtig ein Stück von sich weg, sodass er ihn besser ansehen konnte, und-

Rens Herz setzte einen Schlag aus. Wie um alles in der Welt war ihm das nicht aufgefallen?

Goros Kleidung sah aus, als wäre sie in dieser Flüssigkeit getränkt worden. Es… war viel zu viel Blut, um nicht sein eigenes zu sein, aber-

Ren brachte seinen Gedanken nicht zu Ende. „W-was…“ Seine Stimme versagte. Abgesehen davon hatte er den Verdacht, dass Goro ihm nicht mehr antworten würde, selbst, wenn er eine Frage aussprechen könnte.

„Ren?“

Ren zuckte zusammen und fuhr herum; Goro, immer noch gegen Ren gelehnt, machte einen halben Schritt zur Seite, wohl mehr aus einem Reflex als einer bewussten Bewegung heraus. Ren bemerkte diese Entwicklung mit milder Erleichterung. Vielleicht ging es Goro doch nicht so schlecht, wie er angenommen hatte, vielleicht hatte er auch nur überreagiert…

Dieser Gedanke erlaubte es ihm, sich kurz von Goro abzuwenden und Morgana anzusehen, dem Ren anscheinend zu lange gebraucht hatte. Er war einige Meter vor ihnen stehen geblieben, in seinen geweiteten Augen stand ungefähr das Entsetzen, das Ren auch fühlte.

Er sagte nichts zu Morgana. Stattdessen, ohne darüber nachzudenken oder überhaupt richtig zu bemerken, was er tat, legte er Goros Arm über seine andere Schulter.  „Kannst du gehen?“ Es war Ren bewusst, dass es vermutlich unmöglich war, seine Worte zu verstehen; er sprach viel zu schnell, hektisch, und selbst durch das Rauschen in seinen Ohren konnte er hören, dass seine Stimme zitterte. Trotzdem hatte er gehofft, Goro würde antworten- ihm einfach irgendein Lebenszeichen geben, etwas, das ihm zeigte, dass er noch hier war, aber er erhielt keine Reaktion.

Rens Erleichterung von zuvor verschwand endgültig. An diesem Punkt würde Goro sterben, wenn er nichts tat, und…

Ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte…

Ren schüttelte den Kopf. In diesen wenigen Minuten war so viel passiert, aber Goro vertraute ihm. Er war zu ihm gegangen, weil er ihm vertraute. Damals im Metaverse hatten sie Seite an Seite gekämpft; sie waren Rivalen gewesen, Gegner, aber Ren hatte Goro oft genug sein Leben anvertraut, und umgekehrt war er sich auch sicher, dass… das hier nicht das erste Mal war, dass Goro es tat.

„Wehe, du stirbst hier, bevor du mir irgendetwas erklären kannst…“ Diese Worte waren mehr an Ren selbst gerichtet als an Goro; ein Teil von ihm hoffte, dass Goro sie einfach nur hörte. „E-ein drittes Mal werde ich nicht zulassen, dass…“ Er brach ab.

Mit Rens Hilfe schien Goro immerhin genug Kraft zu haben, um die paar Meter zum Badezimmer zu gehen, während Morgana mit großen Augen und in einiger Entfernung voraus lief. Zwar spürte Ren, wie er zitterte, und wie jeder Schritt ihm ein wenig schwerer zu fallen schien, doch er blieb nicht stehen, hielt nicht einmal kurz inne. Erst, als Ren ihn auf den Rand der Badewanne hinsetzen ließ, machte er ein ersticktes Geräusch und zeigte damit zum ersten Mal wieder ein wirkliches Lebenszeichen. Wenn auch eines aus der Kategorie, die Ren nicht wirklich beruhigten, im Gegenteil.

Ren wandte sich ab, um so schnell, wie es ihm mit seinen zitternden Händen möglich war, alles zusammenzusuchen, was er brauchen würde, um… was genau eigentlich zu verarzten? Jetzt fiel ihm zum ersten Mal auf, dass er nicht einmal wusste, wie schwer Goros Verletzungen wirklich waren, geschweige denn, wie sie aussehen würden.

Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass es Goro in diesen paar Sekunden gelang, sein Gleichgewicht ohne Rens Hilfe zu halten. „Gut…“, murmelte er, mehr zu sich selbst, als er sich vor Goro auf den Boden kniete. Ganz am Rand seines Verstandes, viel zu entfernt und verschwommen, als dass er es wirklich hätte erfassen können, bekam Ren ein seltsames Gefühl; der Gedanke, dass irgendetwas hier nicht stimmte, schoss ihm durch den Kopf und verschwand wieder, bevor er ihn begreifen konnte. Und spätestens in dem Moment, in dem er Goros Hemd ganz aufgeknöpft und von seinen Schultern gestreift hatte, waren alle Gedanken an irgendetwas anderes… sowieso vergessen.

Über Goros Brust, von seinem Hals aus bis hinunter zu seiner Hüfte, zogen sich mehrere tiefe Schnittwunden, die mit etwas Fantasie fast an Krallenspuren erinnern würden, hätte Ren in diesem Moment Nerven dafür gehabt, diesen Vergleich zu ziehen- abgesehen davon, dass es sowieso kein Tier gab, das solche Wunden hinterlassen hätte können. Sie bluteten nicht mehr wirklich, doch die tiefroten, klaffenden Spalten gaben Ren eine recht klare Vorstellung, warum das so war. Er hatte die beängstigende Theorie, dass Goro nicht mehr viel Blut hatte, das er verlieren könnte, ohne dabei zu sterben…

Woher solche Verletzungen kommen sollten, konnte er sich auch nicht erklären. Auf eine schräge Weise passte es in die Situation, insofern, dass nichts von alldem Sinn ergab, aber in diesem Moment war das ohnehin unwichtig. Was wichtig war, war, dass Goro eindeutig schon zu viel Blut verloren hatte, und dass Ren seinerseits so schnell wie möglich verarztete, was er konnte.

Mit einer Hand immer noch Goro stützend, öffnete Ren den Koffer. Im Metaverse war es zwar nie notwendig gewesen, aber er hatte sich dennoch sicherer gefühlt, wenn er wusste, wie er Verletzungen theoretisch behandeln konnte, falls sie einmal nicht die Zeit hätten, sich noch im Metaverse zu heilen. Wirklich gebraucht hatte Ren das, was Takemi ihm auf seinen Wunsch hin beigebracht hatte, in einer solchen Situation nie, aber es war beruhigend gewesen, zu wissen, dass er im Ernstfall wüsste, was er tun müsste.

Dass ihm dieses Wissen ausgerechnet jetzt zugute kam…

Ren hatte beide Hände gebraucht, um das Werkzeug zum Nähen vorzubereiten, und Goro zuckte zusammen, als er begann, seine Verletzungen zu desinfizieren. „Alles ist gut“, murmelte Ren, vermutlich viel zu leise, als dass Goro ihn überhaupt hören könnte, selbst unter normalen Umständen. „Nur ein bisschen länger. Du machst das gut.“

Goro machte ein leises Geräusch, Ren konnte spüren, wie er sich unter der Berührung anspannte, doch als er begann, die tiefste der Verletzungen zu nähen, reagierte er nicht mehr. Er zuckte nicht zusammen, bewegte sich nicht, blieb vollkommen still. Zwar sah Ren, dass er noch atmete, und vielleicht bildete er es sich auch nur ein, dass jeder Zug etwas schwächer wurde, aber die Augen seines Rivalen waren glasig und leer, und sein Blick ging irgendwo in die Ferne. Viel Zeit hatte Ren nicht mehr.

Wie in Trance fuhr er damit fort, sich um Goros Verletzungen zu kümmern, und jedes Mal, wenn er die zerfetzte Haut berührte, zog sich etwas in ihm zusammen. Die Angst um Goro nahm Überhand über seinen Verstand, doch in seinem Hinterkopf blieb die Frage, wer oder was solche Verletzungen hinterlassen hatte können, und was Goro getan hatte.

Als Ren alles verbunden hatte, so gut er konnte, richtete sich Goro, als hätte er nur darauf gewartet, plötzlich auf, nur, um fast in der gleichen Sekunde mit dem gleichen Geräusch wie zuvor in Rens Arme zu fallen. „R-ren…“ Seine Stimme klang tonlos und rau.

„Ganz ruhig“, antwortete Ren alarmiert, bevor Goro versuchen konnte, noch etwas zu sagen. „Es ist alles gut. Ich bin hier. Alles wird gut…“ Vollkommenes Vertrauen in diese Worte hatte er selbst nicht.

Falls er jedoch verstand, was Ren gesagt hatte, die Bedeutung seiner Worte begriffen, schien es Goro anders zu gehen, denn er schloss die Augen und lehnte sich etwas näher zu ihm. Vielleicht war das nicht beabsichtigt gewesen, vielleicht waren es einfach nur Zeichen seiner Erschöpfung, doch seine Worte schienen dieser Theorie zu widersprechen. „J-ja… ich weiß.“

Vorsichtig richtete Ren sich auf, Goros Arm um seine Schulter gelegt. Er konnte spüren, dass sein Rivale zitterte, ob vor Anstrengung oder Schmerz, wusste er nicht, aber es war ihm möglich, mit Rens Hilfe einige Schritte zu gehen.

„N-nur noch ein bisschen, Goro“, murmelte Ren, wobei er selbst nicht wusste, ob er mehr mit seinem Rivalen oder sich sprach. Er wusste nicht, ob seine Worte Goro überhaupt noch erreichten, oder ob er sich schon längst viel zu tief im Delirium befand, oder…

Er wagte es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu bringen.

Das einzige, was Ren in diesem Moment noch Hoffnung gab, war die Tatsache, dass Goro ihm dennoch folgte. Er wusste, dass seine Schmerzen bei jeder Bewegung schlimmer werden mussten, aber er hielt nicht inne, blieb nicht stehen, nichts. Ren wusste nicht, ob ihm das ein gutes oder ein schlechtes Gefühl gab. Sicher, Goro war ein Kämpfer, er würde nicht einfach so aufgeben…

Alles Worte, die sich in seinem Kopf plötzlich alle wie Lügen anhörten.

Als Ren etwas unbeholfen schließlich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, reagierte Goro zum ersten Mal wieder auf etwas, das in der Außenwelt geschah. Oder wenigstens nahm Ren an, dass es die Verlagerung seines Gewichts war, oder vielleicht auch das Geräusch der Tür, die ihn in die Gegenwart zurückholten, oder vielleicht half ihm die kurze Pause auch, sich etwas zu erholen und genug Kräfte zu sammeln, um etwas zu sagen, sei es auch nur ein einziges Wort. „Ren…“

„Shh. Nicht sprechen.“ Ren antwortete, ohne darüber nachzudenken, und hätte er dazu die Zeit gehabt, hätte er es vielleicht überhaupt nicht über sich gebracht, diese Worte auszusprechen. All seine Fragen, alles, was nur Goro ihm sagen konnte, vermischte sich jetzt mit dem Wunsch, seine Stimme zu hören. Eine Stimme, von der er sich so sicher gewesen war, ihr nie wieder zuzuhören…

„R-ren, ich…“ In der gleichen Sekunde, in der er sich mit Rens Hilfe vorsichtig aufs Bett setzte, verstummte Goro, als brächte ihm die Bewegung zu viel Schmerzen oder Anstrengung, um weiter sprechen zu können.

Durch Rens Brust fuhr ein kurzer Stich, als er sah, wie das Glänzen langsam aus Goros abwesendem Blick verschwand. Seine Augen waren halb geschlossen, seine Stimme brach bei jedem Wort, doch das hielt ihn nicht davon ab, seine Hand auf die von Ren zu legen, bevor dieser wieder aufstehen konnte. „Ren, i-ich…“, wiederholte er, deutlich leiser als zuvor, „es… ich wollte nur…“

Etwas in Ren stellte sich dagegen, Goro zu unterbrechen. Er wusste, dass er ihn beruhigen sollte, er bemerkte, dass ihn das Sprechen sichtlich anstrengte, aber etwas in ihm weigerte sich, das beste in dieser Situation zu tun. Alle Gefühle, die er seit Goros Auftauchen versucht hatte, zu ignorieren, kamen jetzt zurück, jede Verwirrung, Erleichterung, Angst, jeder Schmerz. Er wollte Goro zuhören, egal, ob er dabei Antworten bekommen würde oder nicht. Es reichte, ihn sprechen zu hören, ein Beweis, dass er hier bei ihm war, jetzt in diesem Moment.

Doch Goro brachte seinen Satz nicht zu Ende. Seine Augen schlossen sich jetzt ganz, er fiel zur Seite, so weit, wie Rens Griff es zuließ. Im ersten Moment setzte Rens Herz einen Schlag aus, bevor er bemerkte, dass Goro noch atmete; zwar flach, aber seine Brust hob und senkte sich relativ regelmäßig.

Und damit war Ren endgültig mit allen seinen Gefühlen und Gedanken allein gelassen.

Das erste, was er realisierte, war, dass sein Herz ihm bis zum Hals schlug. Als nächstes kam der Schmerz der kleinen Kratzer, die seine Fingernägel in seinen Handflächen hinterlassen hatten, ohne, dass er es gemerkt hatte.

Sein Kopf war vollkommen leer. Etwas in Ren weigerte sich, es sich einzugestehen, aber an dieser Stelle gab es wirklich nichts mehr, was er noch tun könnte. Wenn Goro hier starb, war es seine Schuld. Und er konnte absolut nichts mehr tun, außer darauf zu warten, dass Goro sich erholte, während er gleichzeitig wusste, dass es vielleicht nie passieren würde.

In diesem Augenblick wusste Ren nicht, ob er sich jemals schon so einsam und hilflos gefühlt hatte.
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