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Lay Lady Lay

KurzgeschichteKrimi, Schmerz/Trost / P12 / FemSlash
Kriminalhauptkommissarin Johanna Stern Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal
01.03.2021
01.03.2021
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1.956
 
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01.03.2021 1.956
 
Hallo Freunde der Sonne,

nach dem wiederholten Ansehen von "Tod im Häcksler" und "Die Pfalz von oben" musste ich diese beiden Folgen irgendwie emotional verarbeiten, herausgekommen ist schlussendlich ein alternatives Ende zu "Die Pfalz von oben" - es wäre also von Vorteil diese Folge gesehen zu haben, aber natürlich ist es kein Muss. Falls allerdings doch Interesse besteht: Die Folge ist zur Zeit in der ARD Mediathek zu finden.
Kleiner Disclaimer vorneweg: Ich weiß, dass Ulrike Folkerts die Figur der Lena Odenthal nicht als homosexuell sieht und ich verstehe wieso. Ich persönlich sehe die Figur eher als bisexuell (let's talk about 'fette krieger' at this point...) , daher kennzeichne ich die Geschichte dennoch als FemSlash.
Klassischer Disclaimer: Die Figuren gehören nicht mir und ich verdiene mit ihnen kein Geld. (Obwohl ich mich nicht beschweren würde, wenn Lena Odenthal mir gehören würde... :p)



Lay, Lady, Lay
Lay across my big brass bed
Stay, Lady, Stay
Stay with your man awhile
- Bob Dylan


Wie in Zeitlupe nahm Lena wahr, wie Stefan die Waffe hob und in Richtung seines Mundes führte. In diesem Moment legte sich ein Schalter in ihrem Kopf um und sie tat das wohl unschlauste, was sie in dieser Situation hätte tun können viele Kolleginnen und Kollegen hätten sie dafür wahrscheinlich gelyncht. Mit einer enormen Geschwindigkeit, von der sie nicht wusste, wie sie die aufbringen konnte, hechtete sie noch vorn und überbrückte auf diese Weise die Distanz zwischen ihr und Stefan. Zu ihrem Glück war er von ihrer Harakiri Situation so irritiert, dass er einen kurzen Augenblick zögerte. Für sein Vorhaben einen Augenblick zu lang, denn Lena hatte ihm bereits in einem Anflug von Panik die Waffe aus der Hand geschlagen. Ein Schuss löste sich, verschwand in der Nacht und es war nichts mehr zu hören, außer Johanna, die ihre eigene Waffe sicherte und leise murmelte: "Lena, ich glaube du bist doch befangen."

"Lena, wach auf!"
Jemand berührte sie sanft an der Schulter und schüttelte sie leicht. Ein warmer und wohliger Geruch nach Kaffee empfing sie, als sie die Augen aufschlug.
"Du siehst scheiße aus." Johanna hielt ihr eine Tasse vor die Nase und lächelte sie an. Lena schnaubte. Natürlich sah sie scheiße aus. Sie hatte die letzten Stunden von Alpträumen geplagt auf einer Luftmatratze in einer nicht belegten Ausnüchterungszelle verbracht,  während eine Zelle weiter Stefan Tries darauf wartete verhört zu werden. Der Stefan Tries, den sie gestern vom Suizid abgehalten hatte, nachdem er selbst zum Mörder geworden war.
Dankend nahm sie ihrer Kollegin die Tasse ab und nahm einen Schluck, in der Hoffnung danach würde die Welt weniger zerknautscht aussehen.
„Soll ich Tries eigentlich alleine verhören?“, fiel Johanna gleich mit der Tür ins Haus, nachdem Lena sich aufgesetzt hatte.
„Lass mich doch erstmal in der Welt der Lebenden ankommen…“, murrte sie und zog frische Kleidung aus einer Sporttasche. Und dann: „Nein, ich leite das Verhör. Ich will wissen, was er sich dabei gedacht hat. Und ich bin nicht befangen.“
Ohne auf Johanna zu achten zog Lena sich aus, schlüpfte in eine neue Hose und ein frisches T-Shirt.
„Darf ich dich etwas fragen?“
Lena nickte.
„Was genau ist damals zwischen euch passiert?“
„Damals?“
„1991.“
„Gut, dass du das genaue Jahr kennst…“
„Ich habe die Akte gesehen.“
„Ich war ein paar Tage hier und habe in dem Fall ermittelt, er war hier zuständig.“ Lena wartete kurz und lächelte ein wenig, als sie sich erinnerte, wie sie und Stefan sich zum ersten Mal gesehen hatten. Dann fuhr sie fort: „Das erste, was er zu mir sagte, war, dass er für den gehobenen Dienst vorgeschlagen wurde. Als würde mich das beeindrucken.“
Johanna sah aus als wollte sie etwas fragen, doch Lena kam ihr zuvor: „Da war so eine Stimmung zwischen uns, die ganze Zeit über, kurz bevor ich nach Ludwigshafen zurück bin, haben wir miteinander geschlafen und ich glaube ich war auch ein bisschen verliebt.“
„Und dieses Mal habt ihr miteinander gekokst.“, stellte Johanna fest.
„Nicht nur.“
„Machst du das öfter?“
„Hm?“
„Mit hochgradig Tatverdächtigen schlafen?“
„Ich dachte du meinst ob ich öfter mit hochgradig Tatverdächtigen kokse.“, entgegnete Lena schnippisch. Nur weil sie und Johanna sich mittlerweile ganz gut verstanden, musste sie nicht ihr Privatleben kommentieren. „Außerdem hat er Benny gar nicht umgebracht.“, fügte sie in versöhnlichem Ton hinzu, als Johanna ein wenig pikiert schaute.
„Bist du fertig?“ Johanna ging nicht weiter auf das Thema ein und akzeptierte so, dass Lena es nicht weiter vertiefen wollte. Motiviert streckte sie ihr ihre Hand entgegen und zog sie hoch, als Lena sie ergriff.
Als sie zusammen zu Stefan in die Zelle gingen, wurde ihr bewusst, wie nervös sie eigentlich war. Das war neu für sie. Über die letzten Jahre hatte sie sich zu einer Person entwickelt, der belastende Situationen in ihrem Job nicht mehr so zusetzten, wie es früher der Fall gewesen war und darauf war sie sehr stolz, doch heute fühlte sie sich wieder wie Ende 20. Sie hatte schon die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass Stefan in die ganze Sache irgendwie involviert war und wie sich herausgestellt hatte, konnte sie sich auf ihr Gefühl verlassen. Stefan war zumindest in einem hohen Maße korrupt, das hatte sie im Laufe der Zeit hier verstanden und akzeptiert, aber dass er vor ihren Augen einen Mord beging, war eine Tatsache die sie nicht fassen und verstehen konnte. Nicht verstehen wollte. Er hätte sich für seine Fehler vor Gericht verantworten können, vielleicht hätte sie bei den zuständigen Behörden ein gutes Wort für ihn einlegen können, wenn er genug Selbstreflexion besaß und seine Taten aufrichtig bereute, aber bei Mord konnte sie kein Auge zudrücken und erst Recht nicht von Verzeihung sprechen.
Etwas zu rabiat stieß sie die Tür der Zelle auf, in der Stefan die Nacht verbracht hatte. Johanna folgte dicht hinter ihr, mit mehreren Ordnern in der Hand. Stefan lag auf dem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und zeigte keinerlei Reaktion, als er die beiden Frauen erblickte. Er sah übernächtigt aus, sein rotblondes Haar klebte ihm im Gesicht, sein Hemd war zerrissen und schmutzig und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Diese Augen, die Lena früher so fasziniert und in ihren Bann gezogen hatten, starrten sie nun völlig leer und ausdruckslos an und Lena hätte nicht mit Sicherheit sagen können, ob er sie überhaupt erkannte.
„Was wollt ihr hier?“, fragte er leise, aber dennoch deutlich vernehmbar.
„Das ist ein Verhör, Herr Tries. Die leitende Ermittlern Frau Odenthal wird sich dessen annehmen.“ Sie ruckte mit dem Kopf in Lenas Richtung, so als müssten sie einander noch vorgestellt werden.
Stefan hatte es nicht gehört oder tat wenigstens so. Langsam stand er auf und ging auf die beiden Frauen zu. Lena schaute ihn an, bis er direkt vor ihr stand. Dieser Mann hätte unter anderem Umständen ihr Partner werden können, beruflich, wie privat, doch nun war er einer derjenigen, wie sie in ihrem Leben schon viele getroffen hatte. Er war von einem guten Polizisten zu jemandem geworden, der ihr nun auf der anderen Seite des Tisches gegenüber saß und von nun an im Polizeiauto hinten sitzen würde, dort, wo man die Türen nicht eigenständig öffnen konnte, weil einem kein Vertrauen entgegen gebracht wurde, weil man ein schlechter Mensch war.
Lena räusperte sich und versuchte all diese Emotionen hinter sich zu lassen und so zu tun, als sei dies ein Verhör und ein Geständnis wie jedes andere in den letzten 30 Jahren. Routine eben.
„Du weißt, dass ich dich liebe?“
So schnell war sie auch wieder verschwunden, ihre geliebte Routine. Lena starrte Stefan an, als hätte er gerade verkündet Batman höchstpersönlich zu sein. Sie wollte ein Mord - kein Liebesgeständnis! Sie spürte, wie Johanna neben ihr jegliche professionelle Zurückhaltung verlor und anfing breit zu grinsen.
„Red keinen Stuss!“
„Das ist die Wahrheit.“
„Wo wir gerade beim Thema Wahrheit sind…“ Lena wusste sich nicht anders zu helfen, als diese Äußerung einfach zu übergehen und sie als Nichtigkeit abzutun. „Wieso hast du Ludger Trump erschossen?“
„Wieso nicht?“
„Niemand tötet ohne Motiv. Selbst Langeweile oder Lust am Töten ist ein Motiv.“
„Ich weiß.“
„Wieso hast du Ludger Trump erschossen?“
Stefan seufzte und schwieg. Nach einer Pause, in der man nichts hörte, außer vereinzelte Autos, die am Gebäude vorbeifuhren und Johanna, die sich eifrig Notizen machte, antwortete er so leise, dass es kaum mehr war als ein Flüstern: „Weil er mir den Mord an Benny in die Schuhe schieben wollte.“
„Der immerhin auch mit ihrer Dienstwaffe getötet wurde.“, meldete sich Johanna zu Wort, womit sie Stefans Aufmerksamkeit auf sie lenkte.
„Weil er sie mir gestohlen hat!“, rief er erbost aus und fuchtelte mit den Händen hektisch in der Luft zwischen ihnen herum, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen. „Ich hätte Benny nie etwas antun können. Auch, wenn ich - im Anbetracht der Fakten - allen Grund dazu gehabt hätte.“, fügte er in einem Anflug von Selbstreflexion hinzu. Im Stillen pflichtete Lena ihm bei. Im Laufe der Ermittlungen hatte sie oft genug Zweifel an der Unschuld Stefans gehabt und als herausgekommen war, dass Benny mit Stefans Dienstwaffe getötet worden war, verhärtete sich ihr Verdacht gegen ihn nur noch mehr.
„Was Sollre er für einen Grund gehabt haben Benny zu töten?“
Stefan seufzte erneut, tiefer und länger dieses Mal und Lena hatte das Gefühl er versuchte alles Leid dieser Welt, welches er auf seinen Schultern tragen musste, in diesem einen Seufzer auszudrücken.
„Er hatte das Motiv, welches ihr mir von Beginn an unterstellt habt. Ludger wollte verhindern, dass Benny tatsächlich versetzt wird und mit der ganzen Korruption an die Öffentlichkeit geht, sobald er andere Kolleginnen und Kollegen um sich hat.“
Wieder machte er eine Pause, dieses mal allerdings, um Johanna die Möglichkeit zu geben ihre Notizen zu seiner Antwort zu beenden.
Als sie den Stift absetze, fuhr er fort: „Ich kann es Benny nicht verübeln, ich war genauso als junger Polizist.“
Plötzlich sah Lena wieder den jungen Stefan vor sich, den sie vor 28 Jahren kennengelernt hatte. Jung, schön, charmant, witzig, motiviert, mit dem naiven Glauben er könne die Welt verändern und dem Wunsch, sie beiden würden dies gemeinsam tun. Nach ihrer gemeinsamen Zeit verließ Lena die Pfalz und ging zurück in die Stadt. Sie hatte Stefan sogar zu sich nach Ludwigshafen eingeladen, nur um sich kurz danach in jemand anderen zu verlieben. Sie und Stefan hatten sich nie wieder gesehen.
„Vielleicht wäre die ganze Sache mit der Korruption nie gewesen, wenn wir damals zusammen fortgegangen wären.“
Mit seiner Mutmaßung holte Stefan sie aus ihren Gedanken. Sie lächelte leicht, als sie ihm direkt in die Augen sah. Sie würde ihn hier behalten müssen, er würde in Ludwigshafen wegen Mordes angeklagt werden und einen großen Teil, wenn nicht sogar sein ganzes restliches Leben, im Gefängnis verbringen müssen; sie sollte ihm die Wahrheit sagen. Sie hatte das Gefühl ihm eine Erklärung schuldig zu sein, obwohl er derjenige war, der sich erklären müsste.
„Hör zu, Stefan“, begann sie, nahm seine Hände in ihre und hielt sie fest. „Vor 28 Jahren war ich ein bisschen in dich verliebt und insgeheim hatte ich gehofft, dass wir beide irgendwo ein gemeinsames Leben anfangen, aber die Realität sah anders aus. Wir sind einfach zu verschieden und ohne diesen Mord hätten wir uns nie kennengelernt.“ Nun war es an ihr zu pausieren und ihre Gedanken zu ordnen. Mit festerer Stimme ergänzte sie: „Als ich zurück in Ludwigshafen war, trat eine andere Person in mein Leben, gegen die du nie angekommen wärst, egal wie viel ich für dich empfunden habe damals.“
Er nickte. Erst zögerlich, dann überzeugter. „Hoffentlich war er es wenigstens wert.“
„Das war sie.“
Bestimmt und kontrolliert ließ Lena die Bombe platzen, konnte Stefan aber nicht ansehen, wollte seine Reaktion nicht sehen und verließ fluchtartig die Zelle. Johanna hatte Recht, sie war befangen.
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