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Die Nebelmaid und die Jungfer

OneshotFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
28.02.2021
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Lauscht ihr gerne dem Regen, der sein leises Lied spielt? Seht die Tropfen beim Tanzen zu, im Takt des Windes? Taucht in den Dunst der Regentropfen ein, der sich wie Mantel um euch legt?
Dann könntet ihr Glück haben und eine Nebelmaid erblicken.

Eine Nebelmaid ist ein zartes Wesen. In Gestalt eines jungen Mädchens sitzen sie an Gewässer und singen ihre geheimnisvollen Lieder. Sie sind freundlich, auch wenn ihr Gesicht stets von einem Schleier verdeckt wird. Nähre dich ihnen nur, wenn sie es dir gestatten.
Tust du es nicht, wirst du vom Unglück verfolgt. Der Wahnsinn könnte dich befallen und sogar der ewige Schlaf dich heimsuchen.


Dies ist die Geschichte einer Jungfer und wie sie ihr Schicksal selbst bestimmte.
Ihr erstes Treffen mit einer Nebelmaid war an einem regnerischen Sonntagmorgen. Statt zur heiligen Messe zu gehen, wanderte sie durch Wiesen und Felder. An einem See erblickte sie die singende Gestalt. Ehrfürchtig blieb die junge Frau stehen. Sie faltete die Hände und betete ein stummes Gebet.
Bis die melodiöse Stimme der Nebelmaid sie aus ihrem Gebet riss. „Setz dich zu mir hin.“

Ab diesem Tag schlich sich die Jungfer jeden Morgen, wenn der Regen den Tag begrüsste, zum See. Freundete sich mit der geheimnisvollen Erscheinung an. Erzählte von ihren Träumen und Hoffnungen. Klagte ihr Leid. Die Nebelmaid schien emotionslos der Jungfer zu lauschen, allerdings empfand sie eine gewisse Zuneigung für die junge Frau.


Der Sommer kam. Rar waren die Regentage. Unglücklich blickte die Jungfer zum Himmel. Jedoch konnte sie sich der Trauer nicht hingeben. Musste sich um ihr geliebtes Mütterchen kümmern.
Eines Tages hörte sie, wie ein Reiter näher kam. Ein fein gekleideter Bote überreichte ihr ein Geschmeide. „Unser Herr möchte Euch Bitten, diese Kostbarkeit bei Eure morgendlichen Spaziergänge zu tragen.“ Geehrt bedankte sie sich und träumte davon, eine Adlige zu sein. Auf Bällen zu tanzen und edle Speisen zu essen. Und wie ihr Mütterlein mit Arznei geheilt werden konnte.
Der Sohn des Herzogs war eine edle Erscheinung. Gebildet und freundlich.
Doch das Unglück verschonte die Jungfer nicht.


Der Tod holte das Mütterlein zu sich. Hoffnungslos versuchte die Jungfer alles, um es zu verhindern. Fast hätte sie das Geschenk des Herzogs verkauft, aus Ehrfurcht tat sie dies nicht. Alleine und einsam vergrub die Jungfer ihre Mutter. Dachte an die letzten Worte, die sie tief in ihrem Herz bewahrte.

In Hoffnung ihr Glück im Schloss zu finden, klopfte die Jungfer an das Tor. Der Herzog nahm sie lächelnd auf. Kleidete sie in feine Kleider. Gab ihr Speisen, die sie noch nie sah. Doch seine Güte war nicht echt. Geblendet von der Schönheit der Jungfer wollte er sie besitzen. Seine Liebe bestand aus reiner Begierde. Zu spät bemerkte die Jungfer dies.



Am Abend vor der Vermählung sass sie in ihrem Gemach. Traurig blickte sie aus dem Fenster und dachte an die Nebelmaid. Seufzend schloss sie die Augen. Was würde sie geben, um sich von ihr zu verabschieden.
Der Bote, welcher ihr das Geschmeide überreichte, bemerkte ihre Veränderung. Jeden Tag wurde die Jungfer kränklicher. Um ihr eine Freude zu machen, erlaubte er ihr, alleine zu dem See zu gehen. Sie musste versprechen, vor dem Morgengrauen zurück sein.


Summend blickte die Jungfer in das Wasser. Hier war sie glücklich. Was würde sie geben, um ewig hier verweilen zu können. Erinnerungen kamen in ihr hoch. Die glückliche Zeit mit ihrem Mütterlein und der Nebelmaid. In ihren Gedanken vertieft bemerkte die Jungfer den feinen Regen nicht, die ihren seidenen Umhang benetzte.
Erst die melodische Stimme der Nebelmaid holte die Jungfer aus ihren Gedanken. Die Jungfer konnte ihr Glück nicht fassen. Dankbar darüber, sich von ihrer Freundin verabschieden zu können, versuchte sie ihren Kummer zu verbergen. Die Nebelmaid spürte die Verzweiflung der Sterblichen.

Tief in ihrem Inneren empfand sie Mitgefühl. Sanft griff die Nebelmaid die Hände der Jungfer. Sprach mit ihr und bot der Jungfer an, ihr zu helfen. Jedoch würde dies ein grosses Opfer von der Jungfer verlangen.



Der Bote kniete sich hing. Was soll er jetzt seinen Herren berichten?
Das Geschmeide und der seidene, verzierte Umhang lagen in der ärmlichen Hütte. Jedoch keine Spur von der Jungfer. Er sprach zu sich: „Weilt die junge Braut noch am See?“

In der Nähe des Sees wieherte sein Pferd ängstlich. Der Bote konnte es sich nicht erlauben, ohne die Jungfer zurückzukehren. Da vernahm er eine sanfte Stimme. Sie sprach zu ihm: „Hab keine Angst, komm näher.“ In der Hoffnung, die Braut seines Herrn zu sehen, schritt er näher.

Er erblickte die Nebelmaid, die ihm freundlich anlächelte. Auf ihrem Schoss ruhte unverhüllt die Jungfer.
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