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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Emilie Hofer Katharina Strasser Markus Kofler Mia Steiner Michael Dörfler Simon Plattner
28.02.2021
17.10.2021
33
98.637
27
Alle Kapitel
276 Reviews
Dieses Kapitel
12 Reviews
 
14.10.2021 4.418
 
Hallo Zusammen,

ich weiß heute ist nicht Sonntag aber dennoch folgt endlich ein neues Kapitel für euch. Ich habe momentan einfach viel zu tun und es deswegen nicht rechtzeitig geschafft. Aber dafür ist es jetzt wieder schön lang geworden :)
Eines könnt ihr mir aber glauben in jedem Kapitel steckt stundenlange Arbeit, wie viele hier ebenfalls wissen.
An dieser Stelle auch ein dickes Dankeschön für die zwei neuen Empfehlungen!
Ich habe mitbekommen, dass gerade viele die stillen Leser zum Reviewen animieren, weshalb ich mich dem nun auch mal anschließe. Die Aufrufzahlen sind wirklich krass aber im Vergleich dazu bekomme ich leider doch recht wenige Reviews. Also traut euch gerne und lasst mir etwas Feedback da. Es würde mich sehr freuen und spornt einen auch immer enorm an.
Jetzt wünsche ich wie immer viel Spaß:

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Verena Auerbach saß entspannt an ihrem Schreibtisch, die Hände hatte sie hinter dem Kopf verschränkt und die Beine lässig überschlagen. Zufrieden sah sie aus der großen Glasscheibe nach draußen und beobachtete ein paar Vögel, die in Scharen vorbeizogen. Es sollte ein sonniger Tag werden und bereits zu dieser frühen Uhrzeit fand sich keine einzige Wolke am Himmel.
Ihre Lippen formten sich zu einem zufriedenen Lächeln. Nicht nur das gute Wetter nach einer, für den Sommer ungewöhnlich langen Regenperiode, war für sie ein Grund zur Freude.
Bereits vor der Visite war sie bei Markus gewesen, um nach ihm zu sehen. Noch am gestrigen Abend hatte sie ihr Kollege von der Bereitschaft über die Ergebnisse der Lumbalpunktion sowie des zweiten Bluttests informiert. Und zusammen mit dem, was der Bergretter ihr gebeichtet hatte, konnte sie sich nun sicher sein. Markus hatte Borreliose.
Die Ärztin konnte noch immer kaum glauben, dass es wirklich eine winzige Zecke gewesen war, die den sonst so unverwundbaren Mann so mitgenommen hatte. Ein solcher Fall war durchaus ungewöhnlich. Und ohne Michis Hilfe hätte es vermutlich noch um einiges länger gedauert, bis sie auf die richtige Diagnose gekommen wäre.
Aber letzten Endes war alles noch einmal gut gegangen. Schon nach wenigen Stunden schien das Antibiotikum Wirkung zu zeigen. Das Gefühl kehrte wieder in Markus Bein zurück und auch das Fieber war über Nacht verschwunden. Sie war durchaus zufrieden mit dieser Entwicklung und mittlerweile auch fest davon überzeugt, dass er schon ganz bald wieder Symptomfrei sein würde.
Triumphierend schnipste sie einen Papierschnipseln vom Tisch direkt in den Mülleimer, als es plötzlich an ihrer Tür klopfte. Sofort rutschte die Ärztin auf dem Stuhl nach hinten und setzte sich gerade hin.
„Herein“, rief sie freundlich und faltete die Hände vor dem Körper.
Langsam wurde die Tür geöffnet und ein blonder Haarschopf erschien. Kurz darauf stand Katharina vor ihr und schenkte ihrer Freundin ein warmes Lächeln.
„Ach du bist es!“, schon beinahe erleichtert entspannte sich Verena wieder. „Ist etwas mit Markus?“, besorgt weiteten sich ihre Augen.
„Nein alles gut“, beruhigte Katharina sie.
„Fast schon zu gut.“ Seufzend lehnte sich die Bergretterin gegen die Tischplatte und sah hilfesuchend zu ihrer Freundin.
„Wie soll ich das jetzt verstehen?“, fragend zog die Ärztin eine Augenbraue nach oben.  
„Na ja ich habe Angst, dass er sich da gerade etwas überschätzt…“ Die Bergretterin redete um den heißen Brei herum, das spürte ihre Freundin sofort. Aber sie konnte sich nicht erklären, warum sie sich so merkwürdig verhielt. Noch immer ratlos schüttelte Verena schließlich den Kopf.
„Katharina was genau willst du mir sagen?“
„Markus möchte gerne nach Hause und das am Besten sofort.“ Verlegen presste Katharina die Kiefer zusammen und warf einen verstohlenen Blick zu der Blondine. Sie wusste ganz genau, dass ihrer Freundin das ganz und gar nicht gefallen würde. Immerhin hatte Verena eine große Verantwortung für Markus und wenn sie ihn zu früh entlassen würde, könnte sie das ihre Karriere kosten. Aber andererseits hatte sie Markus versprochen sich für ihn einzusetzen. Und sie wusste selbst, wie eintönig die Zeit im Krankenhaus sein konnte. Als sie vor einigen Jahren an diesem Ort ihr Kind verloren hatte, wollte sie ebenfalls nicht länger als nötig in der Klinik bleiben. Am Ende hatte sie sich sogar selbst entlassen, da sie das alles nicht mehr ausgehalten hatte. Damit es bei Markus gar nicht erst soweit kommen würde, versuchte sie sich nun für ihn stark zu machen.
Im Vorfeld hatte sie sich bereits einige Argumente zurechtgelegt, um Verena von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Doch bevor sie auch nur eines davon ausführen konnte kam Verena ihr zuvor.
Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe und musterte Katharina dabei mit einer Mischung aus Skepsis und Mitleid. Dann räusperte sie sich zögernd, bevor sie langsam zu sprechen begann.
„Als Ärztin kann ich das natürlich nicht einfach so gut heißen. Markus braucht Ruhe und hier im Krankenhaus können wir ihn am besten überwachen“, sie machte eine kurze Pause. „Aber als Freundin weiß ich was ihr beiden durchgemacht habt. Und ich glaube auch, dass er sich bei euch zu Hause vermutlich am besten erholen kann.“
„Außerdem will ich nicht, dass er mir ständig damit in den Ohren liegt, dass ich ihn nicht zu dir lasse“, sie grinste.
„Das heißt?“ Ein Hoffnungsschimmer machte sich in Katharina breit.
„Dass ich ihm jetzt erst einmal Blut abnehme. Und wenn seine Werte in Ordnung sind kannst du ihn meinetwegen mit nach Hause nehmen.“
„Danke Verena“, stürmisch fiel Katharina ihr um den Hals. Noch etwas perplex von der überraschenden Geste erwiderte die Ärztin die Umarmung schließlich. Und in diesem Moment hatte sie zum ersten Mal seit ihrer Entscheidung ein gutes Bauchgefühl. Bei Katharina war Markus in den besten Händen und nicht nur ihm würde es gut tun wieder nach Hause zu kommen. Auch Katharina profitierte sichtlich davon, ihren Freund wieder bei sich zu haben. So glücklich und gelöst hatte Verena sie schon lange nicht mehr erlebt. Die Ärztin hoffte nur, dass sie diese Entscheidung nicht doch noch bereuen würde. Denn dann hatte nicht nur sie ein großes Problem.

Wenig später fanden beide sich in Markus Patientenzimmer wieder. Die Blutprobe war bereits im Labor und nun warteten sie gebannt auf das Ergebnis. Markus hätte am liebsten gleich damit angefangen seine Tasche zu packen aber er wusste, dass das bei Verena keinen guten Eindruck gemacht hätte. Somit harrte er nun gebannt die Zeit aus, indem er mit Mia eine Runde Karten spielte. Katharina und Verena waren währenddessen in ein Gespräch vertieft, weshalb die Ärztin auch nicht bemerkte, als plötzlich eine Krankenschwester den Raum betrat. Erst als die Brünette sich räusperte und ihr ein Blatt Papier entgegenstreckte, drehte Verena sich um.
„Dankeschön“, nuschelte sie und war gedanklich bereits bei den Ergebnissen. Rasch überflog sie die Werte und sah anschließend wieder auf.
Die anderen drei hingen gebannt an ihren Lippen, während Verena langsam eine Einschätzung abgab.
„Es sieht soweit alles gut aus“, sagte sie schließlich lächelnd.
„Ich kann also gehen?“ Hoffnungsvoll sah Markus zu ihr auf.
„Ja, meinetwegen kannst du nach Hause.“ Es war ihr deutlich anzusehen, dass Verena das ganz und gar nicht Recht war. Am liebsten hätte sie den Bergretter noch für mindestens eine weitere Nacht zur Überwachung dabehalten. Aber sie wusste auch, wie sehr er sein zu Hause vermisste. Und vermutlich war es nicht nur für Markus gut wieder zurück auf den Hof zu kommen. Verena erhoffte sich, dass auch Mia und Katharina sich dadurch wieder beruhigen würden. Immerhin konnte sie den beiden ansehen, dass auch ihnen die Sorge um Markus einige schlaflose Nächte beschert hatte.
„Aber sollte ich mitbekommen, dass du dich nicht an die Absprache hältst komme ich persönlich bei euch vorbei!“, fügte sie schließlich ernst hinzu.
„Verstanden Chefin.“
„Markus ich mein das Ernst. Du musst dich ausruhen und wenn ich zu Ohren bekomme, dass du das nicht tust dann haben wir zwei ein Problem miteinander!“, mahnend hob sie einen Zeigefinger in die Luft.
„Geht klar ich schone mich“, antwortete dieser voller Glaubwürdigkeit.
„Also schön. Hier hast du das Antibiotikum, jeden Tag musst du zwei davon nehmen. Eine gleich nach dem Aufstehen und die andere am besten zum Abendessen.“ Die Ärztin hielt ihm eine blaue Schachtel entgegen.
„Und in zwei Tagen will ich dich zur Kontrolle hier sehen.“
„Wenn es weiter nichts ist“, frech grinsend nahm er ihr die Tabletten aus der Hand.
„Herr Kofler. Nimm das nicht schon wieder auf die leichte Schulter. Du weißt, was sonst passiert…“ Die letzten Worte flüsterte sie ihm leise zu, sodass Mia davon nichts mitbekam.
„Ich pass schon auf ihn auf.“ Katharina griff nach Markus Hand und drückte diese fest. Keine Sekunde später hatte der Bergretter seiner Freundin einen Kuss auf die Stirn gehaucht was auch Verena ein sanftes Lächeln auf die Lippen zauberte.
„Ich mache dir schon mal deine Entlassungspapiere fertig. Wir sehen uns gleich nochmal!“ Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Patientenzimmer und ließ die Familie wieder alleine zurück.
Markus Augen glänzten und er grinste von einem Ohr zum anderen.
„Ich darf nach Hause. Ich darf wirklich nach Hause“, flüsterte er, noch immer fassungslos über Verenas unerwartete Entscheidung.
„Du darfst nach Hause“, wiederholte Katharina lächelnd und legte ihm eine Hand an die Wange.
Vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden war er kurz davor gewesen sich selbst aufzugeben. Und nun konnte er endlich raus aus diesem Gebäude, mit dem er hauptsächlich negative Erinnerungen verband. Es schien ganz so, als hätte sein Albtraum nun endlich ein Ende.

Keine Stunde später trat Markus fröhlich aus der großen Eingangstüre der Klinik ins Freie. Wenige Schritte neben dem Gebäude blieb er stehen und nahm einen tiefen Atemzug der frischen Luft. Auch, wenn er nur zwei Tage lang in der Klinik gewesen war, so hatte er die Natur doch mehr als alles andere vermisst. Sehnsüchtig ließ er seinen Blick über die Berggipfel schweifen und genoss seine wieder gewonnene Freiheit. Seine Augen glänzten bei dem imposanten Schauspiel, dass sich ihm bot und er konnte es kaum noch abwarten, schon bald wieder eigenständig einen Gipfel zu erklimmen.
„Papa kommst du?“ Mia stand mitsamt Markus Kliniktasche bereits auf dem Parkplatz und sah ungeduldig zu ihrem Vater nach oben. Dieser zuckte erschrocken zusammen und wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln Katharina zu. Seine Freundin stand schweigend neben ihm und hatte den Bergretter schmunzelnd bei seinem Tagtraum beobachtet.
„Ich glaube da kann es wohl jemand nicht mehr abwarten“, sagte sie lächelnd während sie einen flüchtigen Blick zu Mia warf.
„Soll ich dir helfen?“, fragte sie während Markus mit seinen Gehhilfen bereits einen Schritt auf die Treppen zumachte. Natürlich hatte er auch bei seiner Entlassung einen Rollstuhl strikt verweigert. Und das obwohl Verena ihm diesen dringend angeraten hatte. Aber der Bergretter war stur geblieben und wollte unter keinen Umständen in einem solchen Gefährt sitzen. Genauso wenig wollte er andere Hilfe annehmen, weshalb er auch Katharinas Angebot dankend ablehnte.
Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er sich Stufe für Stufe nach unten. Auch wenn er kaum noch Schmerzen hatte, so machten sich die vergangenen Tage dennoch bemerkbar. Er war noch immer stark geschwächt und sein Bein fühlte sich an einigen Stellen noch ein wenig Taub an. Doch Markus schlug sich durch, wollte sich das alles nicht anmerken lassen.
Nichtsdestotrotz entwich ihm ein leises Stöhnen, als er sich einige Minuten später auf den Beifahrersitz in Katharinas Wagen sinken ließ. Erst in diesem Moment wurde ihm so langsam bewusst, dass es noch ein langer Weg werden würde, bis er wieder vollständig gesund war. Aber der Bergretter ließ sich nicht entmutigen. Die kommenden Wochen würden ein leichtes werden im Gegensatz zu dem, was er bereits hinter sich hatte. Da war er sich sicher. Vielleicht auch ein bisschen zu sicher.

Der Weg nach Hause hatte sich für Katharina schon lange nicht mehr so kurz angefühlt wie an diesem Tag. Etwa fünfzehn Minuten, nachdem sie den Klinikparkplatz verlassen hatten, rollte sie mit dem Auto bereits auf den schmalen Schotterweg, der direkt zum Hof führte. Vor ihrem kleinen Wohnhaus kam sie schließlich zum Stehen und Mia sprang freudig aus dem Auto. Inzwischen stand die Sonne bereits hoch am Himmel und das Mädchen wollte an diesem Tag noch mit einer Freundin an den See fahren. Zuerst hatte sie das Treffen absagen wollen, schließlich wollte sie nun so viel Zeit mit ihrem Vater verbringen wie nur möglich. Doch Markus und Katharina hatten ihr gut zugeredet und ihr versichert, dass der Bergretter noch viel Ruhe benötigte. Das Argument, dass sie immerhin noch ganze fünf Wochen in der Ramsau bleiben würde und somit noch genug Zeit für die Familie wäre, hatte sie schließlich überzeugt.
Somit verschwand Mia als Erste in dem kleinen Häuschen, um ihre Badetasche zu packen. Wesentlich langsamer als seine Tochter stieg Markus aus dem Wagen seiner Freundin. Diese stand schon hilfsbereit an seiner Tür und beobachtete ihn kritisch dabei, wie er sich mühsam vom Sitz erhob. Auch wenn sie es am liebsten getan hätte griff sie nicht ein und ließ Markus sein Ding machen. Sie wusste wie eigensinnig er war und wollte jegliche Konflikte vermeiden.  
Nach einigen, quälenden Minuten war es Markus schlussendlich gelungen sich aus dem Auto zu schälen. Selbstsicher stand er nun neben Katharina, die mit einem lauten Knall die Autotüre zuwarf.
Von den Geräuschen auf dem Hof wurden nun auch Emilie und Franz angelockt. Der Senior trat ein wenig hinter der Blondine aus dem Haupthaus und beide steuerten das gerade eingetroffene Pärchen an.
„Markus, schön dich zu sehen!“ Lächelnd kam Emilie auf den Bergretter zu und drückte ihn vorsichtig, soweit es mit seinen Gehhilfen möglich war.
„Wie geht es dir?“
Gerade als dieser antworten wollte, war auch Franz bei der kleinen Gruppe angelangt.
„Mensch Markus was machstn du für Sachen?“ Gutmütig klopfte er dem hochgewachsenen Mann auf die Schulter.
„Du weißt doch bei mir ist immer was los!“ Markus rang sich zu einem gequältem Lächeln ab von dem einzig Katharina wusste, dass es nicht ernst gemeint war. Sie konnte ihm ansehen, wie sehr ihn allein das Stehen anstrengte. Von sich aus hätte der Bergretter bestimmt nichts gesagt, doch die Ärztin wusste, dass er das nicht mehr lange aushalten würde. Kopfschüttelnd machte Katharina einen Schritt auf ihren Freund zu und legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Das war aber erst einmal genug Action. Du ruhst dich jetzt aus!“ Ihre Worte waren liebevoll aber dennoch direkt, sodass Markus dem nichts entgegensetzen konnte.
„Ihr habt es gehört“, entschuldigend zuckte er mit den Schultern, bevor er Katharina folgte, die bereits an der Haustüre angelangt war.
Verständnisvoll hob Franz die Hand und verschwand in die gegenüberliegende Scheune.
„Aber zum Essen kommts ihr später rüber ich hab doch extra eingekauft!“, rief Emilie den beiden noch hinterher, bevor sie ganz außer Sichtweite waren.

Ein wenig schwerfällig folgte der Bergretter seiner Freundin in das kleine Häuschen und blieb im Flur für einen kurzen Moment stehen. Und das nicht in erster Linie, weil er erschöpft war. Markus genoss es sichtlich wieder zu Hause zu sein und sog alles in sich auf. Plötzlich schätzte er seine eigenen vier Wände noch mehr als er es bisher getan hatte.
Auf einmal spürte er eine sanfte Berührung an seinem Arm und Katharina erschien an seiner Seite.
„Schaffst du das?“, fragte sie mit einem skeptischen Blick auf die alte Holztreppe, die vor ihnen lag.
„Natürlich“, mit gespielt beleidigtem Gesichtsausdruck machte Markus einen großen Schritt nach vorne. Er wollte seiner Freundin gleich beweisen wie gut er sich doch fühlte.
Als er allerdings einige Minuten später am oberen Treppenabsatz angekommen war musste er sich eingestehen, dass er sich das Ganze deutlich einfacher vorgestellt hatte. Und dabei hatte er noch Glück, dass er als Bergretter so durchtrainiert war. Andernfalls hätte er es vermutlich gar nicht erst bis ganz nach oben geschafft. So war er zumindest im Obergeschoss angelangt, auch wenn ihn die Prozedur einiges an Kraft und Nerven gekostet hatte.
Katharina sah die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten und seufzte kaum hörbar in sich hinein. Trotz seines sturen Verhaltens hatte sie Mitleid mit ihm und hoffte, dass er sich schnellstmöglich wieder erholen würde.
Mühsam kämpfte Markus sich nun noch die letzten Meter bis zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer  durch. Kaum hatte er die Türschwelle erreicht stand er auch schon vor dem großen Bett und ließ sich erschöpft darauf sinken, die Krücken fielen dabei achtlos zu Boden.
„Endlich! Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses alte Bett einmal so vermissen werde.“
„Hey und was ist mit mir?“ Katharina löste sich von dem kleinen Fenster, an dem sie gerade noch gestanden und Mia beim davonfahren beobachtet hatte, und kam auf Markus zu.
„Dich natürlich auch.“ Er streckte eine Hand nach seiner Freundin aus und zog sie schwungvoll zu sich aufs Bett. Kichernd ließ Katharina sich mitreißen und fiel sanft auf die große Decke. Mit letzter Kraft zog Markus seine Freundin eng an sich heran. Bereitwillig schmiegte Katharina sich an dessen Seite und legte ihren Kopf auf dessen Brust ab. So ähnlich hatten sie bereits im Krankenhaus nebeneinander gelegen, doch hier in ihrem eigenen zu Hause war das plötzlich etwas völlig anderes. Hier waren sie ungestört, hier fühlten beide sich wohl.
Langsam fuhr Markus mit seiner Hand unter ihr T-Shirt und begann damit ihr sanft über den Rücken zu streicheln. Wie sehr hatte er genau das vermisst. Diese Nähe, die ungestörte Zweisamkeit.
„Ich liebe dich“, flüsterte er ihr ins Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Allein diese Worte sorgten bei Katharina schon für Gänsehaut. Lustvoll drehte sie sich ihm zu. Sie wollte mehr und das verstand auch Markus sofort. Ihre Lippen näherten sich einander bis sie schließlich gierig miteinander verschmolzen. Der Kuss gewann schnell an Leidenschaft und Intensität. Schwer atmend löste Markus sich nach einigen Minuten wieder von ihren Lippen und wanderte nach unten. Zaghaft bedeckte er ihren Hals mit unzähligen Küssen, was Katharina leise aufstöhnen ließ. In Markus Anwesenheit fühlte sie sich so wohl und geborgen wie schon lange nicht mehr. Er gab ihr das Gefühl von Begierde und es war so stark wie bei keinem Mann bisher.
„Du solltest dich doch schonen“, sagte sie besorgt und hielt seinen Arm fest.
„Mir geht es gut“, raunte er und zog ihr das T-Shirt schließlich ganz über den Kopf.

Die kommenden Stunden waren so sinnlich und voller Leidenschaft wie schon lange nicht mehr. Trotz seines geschwächten Zustandes gab Markus alles, um die gemeinsame Zeit vollständig auszukosten. Sie liebten sich heiß und innig, bis beide am frühen Nachmittag völlig verschwitzt in die Kissen fielen. Obwohl es so gar nicht seine Art war, dauerte es anschließend nicht lange, bis Markus wegdämmerte. Doch Katharina nahm ihm das ganz und gar nicht übel. Sie wusste was er in den letzten Tagen alles über sich hatte ergehen lassen müssen und wie erschöpft er sein musste. Als sie sich sicher war, dass er tief und fest schlief schälte sie sich verstohlen aus seinem Arm und nahm eine kalte Dusche. Das kühle Nass auf ihrer Haut tat gut und sie fühlte sich gleich wieder erfrischt, als sie aus der Dusche trat. Mit nur wenigen Handgriffen trocknete sie sich ab, zog sich frische Kleidung an und kämmte sich anschließend die nassen Haare durch. Dann schlich sie leise nach unten in die Küche, um ein wenig Hausarbeit zu erledigen. Schließlich war in den vergangenen Tagen einiges liegen geblieben und sie wollte die Gelegenheit nutzen, um wieder etwas Ordnung zu schaffen.
Eine knappe Stunde später betrachtete sie stolz ihr Werk. Der Flur und die Küche glänzten wieder wie neu und von dem Chaos, welches bis vor kurzem herrschte, war nichts mehr übrig geblieben. Zufrieden legte die Bergretterin das Handtuch bei Seite und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag machte sich ihr Kreislauf bemerkbar. Aber wie bisher schob sie es auch dieses Mal auf die Anstrengung und den Schlafmangel. Mit zitternden fingern griff sie nach einer Wasserflasche und schenkte sich ein Glas ein. Gierig nahm sie einen Schluck und spürte sogleich, wie sehr ihr Körper nach der Flüssigkeit lechzte. Gerade als sie wieder zum trinken ansetzten wollte, vibrierte plötzlich ihr Handy. Rasch zog sie sich das Mobiltelefon aus der Hosentasche und starrte auf das Display. Als sie sah von wem die neue Nachricht war huschte ihr ein Lächeln über die Lippen und sie ging schließlich wieder zurück nach oben in das gemeinsame Schlafzimmer. Dort angekommen steckte sie leise ihren Kopf durch den Türspalt und stellte schmunzelnd fest, dass Markus noch immer schlief. Geräuschlos tapste sie auf das Bett zu und legte sich vorsichtig neben ihren Freund. Sanft kuschelte sie sich an ihn und legte den Kopf auf seiner Brust ab. Von der sachten Berührung wurde Markus allerdings wieder wach. Langsam öffnete er die Augen und blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht an.
„Na gut geschlafen?“, flüsterte Katharina verführerisch.
„Ist etwas passiert?“ Markus, der noch ein wenig verwirrt nach sein Schläfchen mitten am Tag war, sah sich verwundert um.
„Nein es ist alles gut.“ Beruhigend strich Katharina ihm über die Wange. Sie gab ihm die Zeit die er brauchte, um sich wieder zu orientieren.
„Die Mia fragt nur wann sie wieder zu Hause sein muss“, sagte sie schließlich, als Markus wieder klarer war. Nachdenklich drehte der Bergretter sich auf die Seite und musterte seine Freundin.
„Entscheide du“, antwortete er ohne mit der Wimper zu zucken.
„Wirklich?“ Katharina wusste wie ungern Markus die Verantwortung für seine Tochter abgab. Seitdem er Carola versprochen hatte die Vormundschaft zu übernehmen, nahm er seine Aufgabe besonders ernst. Doch in letzter Zeit bezog er sie immer mehr in die Erziehung mit ein. Und obwohl Katharina nicht Mias leibliche Mutter war fühlte es sich für sie genau deswegen manchmal so an als wäre sie es doch.
„Klar. Du hast das so toll mit ihr gemacht in den letzten Tagen. Obwohl so viel passiert ist hat sie heute echt fröhlich gewirkt. Und das ist dein Verdienst.“ Verliebt stricht Markus eine Strähne aus dem Gesicht seiner Freundin und schob sie ihr hinter das Ohr.
„Sie schlägt sich eben tapfer. Kennst sie doch“, antwortete Katharina verlegen um ein wenig von sich abzulenken. Die Bergretterin zählte zu der Sorte Menschen, die nicht mit Komplimenten umzugehen wussten. Nicht, dass sie sich nicht darüber freute. Aber sie mochte es nicht im Mittelpunkt zu stehen.
„Danke, dass du so für sie da bist.“ Markus sah seiner Freundin tief in die rehbraunen Augen.
Katharinas Wangen röteten sich und sie war peinlich berührt von seinen Worten.
„Ist doch selbstverständlich“, sagte sie geschmeichelt.
„Nein das ist es nicht. Du hast sie von Anfang an akzeptiert. Hast nie etwas an uns als Familie in Frage gestellt. Und das obwohl…“ Markus stockte. Er hatte nicht darüber nachgedacht, auf welches Thema er gerade anspielte. Und nun hatte er den Salat. Doch Katharina reagierte unerwartet gefasst.
„Obwohl ich meine eigene Tochter verloren habe“, beendete sie den Satz mit fester Stimme.
„Es tut mir leid.“ Betroffen starrte der Bergretter an das Bettende. Er wollte die angenehme Stimmung nicht zerstören, doch nun war es schon zu spät.
„Wir waren nie eine richtige Familie und wir wären es auch nie geworden. Das habe ich schon vor seinem Tod gewusst.“ Nachdenklich folgte Katharina seinem Blick und starrte auf ihre Fußspitzen.
„Auf der Hütte damals, am Abend davor. Thomas hat gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich konnte mich in diesem Urlaub von Anfang an nicht auf ihn einlassen. Und letzten Endes wusste er es genau so gut wie ich“, fuhr sie fort. Die letzten Worte sprach sie dabei allerdings so leise aus, dass Markus Mühe hatte sie zu verstehen.
„Was?“, fragte er nach, als er sah, dass sie keinerlei Anstalten machte weiter zu reden.
Katharina schluckte traurig. Die Erinnerung an diesen Abend saß noch immer tief. Doch Markus hatte die Wahrheit verdient und irgendwie tat es ihr gut, diese Gedanken mit jemandem zu teilen. Es war das erste Mal, dass sie über diese Zeit sprach. Und Markus rechnete es ihr hoch an, dass sie sich  ihm anvertraute.
„Er hat erkannt, dass ich dich noch liebe“, begann Katharina leise zu erzählen.
„Und er hatte recht. Ich habe nie damit aufgehört dich zu lieben Markus. Auch, wenn ich das selbst eine lange Zeit nicht wahrhaben wollte.“
Seufzend schloss Katharina die Augen und versuchte gegen die Trauer anzukämpfen. Auf einmal spürte die Bergretterin eine Hand an ihrer Wange. Ohne, dass sie es bemerkt hatte, hatte sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel gelöst und lief nun ungehalten über ihr Kinn. Bevor sie allerdings nach unten tropfen und in ihrem Oberteil versinken konnte, wischte Markus ihr den Tropfen mit seinem Daumen weg. Zaghaft zog er sie an sich heran und Katharina presste den Kopf auf seinen Oberkörper. Und dann gab es für sie kein Halten mehr. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und weinte sich an Markus Schulter aus. Dieser tat nicht viel mehr als ihr dabei beruhigend über den Rücken zu streichen, und damit tat er genau das richtige. Katharinas Schluchzen wurde immer lauter und die Tränen immer mehr. Es tat so unfassbar gut endlich wieder in den Armen ihres Freundes zu liegen und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Sie wusste nicht, ob es die Trauer war, die ihr die Tränen in die Augen trieb oder einfach die Erleichterung diese nun endlich zu teilen. Minutenlang saßen sie so schweigend auf dem Bett und genossen die Nähe des anderen. Erst, als Katharina sich wieder beruhigt hatte, löste Markus seine Arme und legte ihr die Hände an die Wange.
„Danke, dass du mir das erzählt hast.“ Intensiv suchte er nach ihrem Blick bis beide sich trafen.
„Und weißt du was? Mir ging es die ganze Zeit über genau so“, gestand er ihr schmunzelnd. Mit großen Augen sah Katharina ihn an.
„Und was war dann das mit Jessi?“, fragte sie mit brüchiger Stimme. Eine Frage die ihr lange auf der Zunge gebrannt aber irgendwann einfach keine Rolle mehr gespielt hatte. Markus hatte sich für sie entschieden, damit hatte sich alles andere erübrigt. Und dennoch interessierte sie plötzlich, weshalb er das damals getan hatte.
„Das war nur ein One Night Stand. Nicht mehr und nicht weniger“, wiederholte er die Worte, die er schon damals genau so zu der Polizistin gesagt hatte.
„Meine Gefühlte galten schon immer dir.“ Bei diesen Worten lief Katharina ein erneuter Schauer über den Rücken. Wie sehr sie diesen Mann doch für seine Ehrlichkeit liebte. Sicherlich war es ihm nicht leicht gefallen so offen über seine Gefühle zu sprechen. Aber er hatte es getan. Genau wie sie.
Die beiden hatten einen schweren Weg hinter sich, doch nun hatten sie sich endlich gefunden. Und es gab nichts und niemanden, der sie wieder trennen konnte. Das nahm Markus zumindest zu diesem Zeitpunkt noch an. Denn er ahnte nicht, wie schnell sich das auch wieder ändern konnte.


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Hoffentlich war das jetzt nicht zu viel Kitsch ;)
Lasst mir gerne eure Meinung dazu da. Ich sitze schon an der Fortsetzung und wenn ihr fleißig seid, geht es wahrscheinlich auch Sonntag schon weiter.

Bis dahin liebe Grüße
Emmi
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