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Nachtwanderung

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / MaleSlash
Agron Nasir
28.02.2021
28.02.2021
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Die Sonne hatte sich kaum aus dem Schattenreich erhoben, ihr goldenes Licht war noch schwach, nicht stark genug um die flaue Dämmerung vollständig zu vertreiben. Dunst lag über dem Wald, Nebelschwaden hingen wie kopflose Geiser zwischen den einzelnen Bäumen. Bis auf den zwei positionierten Wachen, die Rücken an Rücken kaum selbst die Augen offen halten konnten, war im Tempel alles ruhig und schläfrig gewesen, als Agron sich an diesem Morgen, nur mit einem Speer bewaffnet, weggeschlichen hatte. Wobei er eigentlich keinen Grund dazu hatte herumzuschleichen. Immerhin tat er nichts Verbotenes. Spartacus hatte ihm zwar keinen expliziten Auftrag gegeben, doch Agron war sich sicher, dass der Rebellenführer nichts Negatives darin sehen würde, wenn er sich freiwillig auf die Jagd begab.

Der Grund für seine frühmorgendliche Motivation lag dabei nicht wirklich darin, sich Anerkennung bei seinem Freund zu sichern, so etwas hatte er nicht nötig und er war auch gar nicht der Typ dafür. Nein. Vielmehr hatte es etwas damit zu tun, dass er in den letzten Nächten vermehrt schlecht geschlafen hatte, sich ständig unruhig von der einen auf die andere Seite wälzte. Oft verbunden mit skurrilen Träumen. Eigentlich nicht weiter ungewöhnlich, denn er war nicht der Einzige, dem es so ging. Auch Naevia schlief schlecht, seit sie von Spartacus‘ Trupp aus den Minen gerettet worden war. Agron wollte sich gar nicht vorstellen, was sie alles durchgemacht haben musste und nun der nächste Verlust: das Zurückbleiben von Crixus und sein ungewisses Schicksal.

Und genau darin lag auch die Sorge, die Agron nachts wachhielt. Nicht Crixus, der war ihm eigentlich ziemlich egal, dieser verfluchte Gallier. Aber ein anderes in Sternen geschriebenes Schicksal plagte seine Gedanken. Nasir. Spartacus hatte ihn zurückgebracht, lebend. Er hätte ihn zurücklassen können, mit seiner Wunde war er nur eine Last gewesen und laut den Erzählungen waren sie mehrmals von römischen Truppen attackiert worden. Doch er hatte ihn nicht aufgegeben. Er hatte ihn zurückgebracht. Auch Naevia hatte einen Teil dazu beigetragen. Nur durch ihre Idee mit dem Feuer war Schlimmeres verhindert worden – auch wenn sie dadurch die Aufmerksamkeit der Römer auf sich gezogen hatten. Sie hatten es riskiert, für ihn, Nasir. Er war ihr unheimlich dankbar dafür, ihnen beiden. – Und staunte über sich selbst, wieso dies so war. Klar, Nasir war sympathisch, auch wenn sein anfänglicher Anschlag auf Spartacus Agrons Misstrauen geweckt hatte. Schnell war jedoch klar gewesen, dass aus diesem kleinen Mann ein richtiger Rebell werden würde, dem Agron sein Leben anvertraute. Genau dieses Gefühl war es, dass ihn grübeln ließ. Das ihn wachhielt und wegen dem er oft in Gedanken abdriftete. Der Cherusker vertraute nicht so leicht – Duro war immer der Einzige gewesen, jetzt Spartacus und … Nasir. Der Syrer hatte etwas an sich, Agron konnte es nicht in Worte fassen.

Und jetzt lag er dort, in dem Tempel, den sie seit einiger Zeit nun schon ihren Zufluchtsort nannten, erholte sich nur schwer von der Verletzung, die sich zu allem Übel auf der Flucht leicht entzündet hatte. Seine Stirn brannte vom Fieber, sein Atem ging mal schnell und abgehackt, mal war er so schwach, dass Agron Angst hatte, seine Brust würde sich zum letzten Mal heben und senken. Die heilkundige Frau, die ihn versorgt hatte, beobachtete ihn fast durchgehend, war sie nicht da, dann saßen Naevia oder Mira an seiner Seite. Er selbst hielt diesen Anblick nie lange aus, genauso wenig wie die beengenden Mauern des Tempels. Es machte ihn nervös.

Deshalb hatte er wegmüssen. Raus aus der Ruine und hinein in den Wald. Luft schnappen, durchatmen, klaren Kopf bekommen. Noch nicht lange stapfte er durch das raschelnde Laub, leise knackten Äste unter seinen Füßen, seine Beine teilten Büsche und Farnwedel.

Immer wieder rief er sich ins Gedächtnis, wie verärgert und ja, irgendwie auch verletzt, er gewesen war, als Nasir ihn an Crixus verraten und sich dann auch noch dafür entschieden hatte, mit dem Rettungstrupp zu den Minen zu ziehen. In diesem Moment hatte er ihn verflucht und verwünscht und war froh gewesen, als sowohl er, als auch Crixus aus seinem Blickfeld verschwunden waren. Doch nach und nach hatte er realisiert, wie gefährlich die ganze Mission war. Und alles nur wegen Crixus! Agron hatte diese Aktion immer für egoistisch und verdammt gehalten, doch mittlerweile begann er zu verstehen, wieso der Gallier all das in Kauf genommen hatte, nur um Naevia wieder in seinen Armen halten zu können. Er selbst würde gegen die verfickten Götter kämpfen, könnte dies Nasir wieder heilen. Er war ihm wirklich wichtig, dass war ihm in dem Moment klargeworden, als er den schwerverletzten Syrer halb tot am Baum lehnend entdeckt hatte, gestützt von Naevia, die Augen kaum offen und dennoch … trotz der Schmerzen, die er gehabt haben musste, hatte er ihm ein Lächeln geschenkt. Ihm, Agron. Nur für ihn war es bestimmt gewesen. Noch nie war er so erleichtert gewesen, als in diesem Augenblick – und nun schien seine Welt erneut aus Sorgen zu bestehen. Agron wusste, er würde erst wieder aufatmen können, wenn Nasir vor ihm stand, breit lächelnd, mit strahlenden Augen, wie in seiner Erinnerung. Ihre Realität bestand aus Verstecken und Kämpfen. Aus Sorgen und Mühen. Ein Bruchteil herrschte Licht, im nächsten verschlang die allesumfassende Dunkelheit jeden, der nicht genug aufpasste. In dieser Realität, in diesem Leben, dass sie zurzeit führten, bedurfte es nach den kleinen, unbemerkten Freuden, die sich ganz langsam anbahnten und plötzlich da zu sein schienen. Nasir war so eine Freude in Agrons Dasein. Doch wer wusste, wie viel Zeit ihnen überhaupt noch bleiben würde.

>>Ich werde es ihm sagen.<<, nahm er sich im Stillen vor.

>>Sobald er wach ist, werde ich ihm sagen, wie viel er mir bedeutet und was für ein Scheiß-Kerl er doch war, mir so einen Schrecken einzujagen!<< Und in dem Moment gab es für Agron gar keine Zweifel mehr, dass Nasir gesund werden würde. So oft er die Götter auch verfluchte, diesen Verlust konnten sie ihm wirklich nicht antun. Er hatte schon einmal jemanden verloren, sein Herz war ein Zusammenspiel aus Splittern. Würde er Nasir verlieren, so würde er alles verlieren.
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