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FIfty Shades of Grey - Meine Sicht des Buches

SammlungErotik / P16 / Gen
Anastasia Steele Christian Grey
28.02.2021
15.09.2021
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28.02.2021 7.950
 
Wie immer um fünf Uhr früh stieg Christian Grey, CEO von Grey Enterprises, aus dem Bett, schlüpfte in seine graue Jogginghose und zog nach einem kurzen Blick aus dem Fenster seiner Penthouse Wohnung einen farblich passenden Sweater über sein schwarzes Trainingsshirt. Heute musste er einige Runden durch Seattle drehen, das stand auf seinem streng durchorganisierten Tagesplan. Er musste sich selbst beweisen, jeden Tag aufs Neue, dass er niemals den Halt in seinem Leben verlieren würde, wie einst seine Mutter, seine biologische Mutter, um genau zu sein. Seine Herkunft klebte an ihm wie schlieriger, übelriechender Teer, doch er bewies jedem in seinem Umfeld und an meisten sich selbst, jeden Tag, dass er ganz anders war als die Crack-Hure, die ihm das Leben geschenkt hatte.
Eine Stunde später, nach einer heißen Dusche und einer Tasse Kaffee, machte er sich auf den Weg zu seinem Büro in Seattles Innenstadt. Das Grey House war sein ganzer Stolz und noch immer spürte er Demut und große Dankbarkeit, als er die gläsernen Türen des Eingangs durchschritt. Ohne seine Adopti-veltern, die es ihm ermöglicht hatten zu dem Mann zu werden, der er geworden war, wäre Greys Enter-prises ein weit entfernter und unerreichbarer Traum für ihn geblieben.
Viele Büros lagen noch im Dunkeln, als er durch verschiedene Etagen schritt, wie er es gerne zu Beginn seines Arbeitstages tat, auch seine Assistentin, Andrea, war noch nicht im Haus. Er durfte nicht verges-sen der neuen Praktikantin, Olivia, wenn er sich nicht irrte, einen Willkommensblumenstrauß zukommen zu lassen. Natürlich war Andrea für derlei Dinge zuständig, doch für Neuankömmlinge, besonders in der Chefetage, übernahm er solch kleine Gesten gerne selbst.
Als Andrea um kurz nach acht sachte an seine Tür klopfte, eine dampfende Tasse starken Kaffees, schwarz, in der Hand, saß er schon knapp zwei Stunden an seinem Schreibtisch. „Guten Morgen, Andre-a. Ist unsere Praktikantin schon im Haus?“ begrüßte er seine Angestellte knapp und in geschäftsmäßi-gem Ton. Er pflegte einen Respektvollen Umgang zu allen seinen Angestellten, dennoch wahrte er die gesunde Distanz zwischen Angestelltem und Chef und seine Mitarbeiter dankten es ihm. „Sie wird jeden Moment erwartet, Mr. Grey. Sie hätten doch nicht den Blumenstrauß für Olivia besorgen müssen, dafür bin ich doch hier!“ Andreas Äußerung entlockte ihm ein Lächeln. Sie war ein altes Spiel zwischen ihnen, dass beiden Seiten Spaß machte. „Andrea, was wäre ich nur für ein Mann, der eine Frau beauftragt Blumen für eine andere Dame zu kaufen?“ „Ein Schuft, das wären Sie!“ „Sehen Sie, deshalb kaufe ich die Blumen für meine weiblichen Angestellten auf dieser Etage selbst. Damit Sie mich nicht einen Schuft schimpfen müssen.“ Andreas Lachen perlte durch den Raum und entspannt lehnte sich Christian in sei-nem Chefsessel zurück.
„Nun, welche Termine stehen heute an, Andrea?“ Sofort wurde seine Assistentin geschäftsmäßig, zück-te ihr Tablet und öffnete seinen Terminkalender. Selbstverständlich hatte er seine Termine im Kopf, doch das kurze Meeting mit seiner Assistentin ermöglichte ihm morgens sich ganz auf seine Tätigkeit zu konzentrieren. Hinzu kam, dass Andrea immer noch Details in Erfahrung brachte, die ihm oftmals ver-borgen blieben. „Um Neun hat Mr. Hastings um ein Gespräch gebeten, es geht wohl um die Kündi-gungswelle der dritten Etage.“ Merkte Andrea an und Christian bat sie mit einer Handbewegung weiter zu sprechen. „Es scheint mir hier eine Mitarbeiterin zu geben, die sagen wir mal, ihre Vorgesetztenrolle zu sehr auslebt, wenn Sie verstehen was ich meine!“ Andrea hatte diskret ihre Stimme gesenkt, auch wenn außer Ihnen beiden kein Mensch mehr im Raum war. Christians Gesichtszüge wurden hart. Solch ein Verhalten duldete er nicht gegenüber seinen Mitarbeitern. „Okay, bitte bloggen Sie uns drei Stunden für den Termin und sorgen Sie dafür, dass diese Vorgesetzte von dem Termin erfährt und sich bereithal-ten soll. Ich möchte mit ihr sprechen.“
Andrea nickte und schrieb mit ihrem Tochpen eilig die Anweisungen ihres Chefs mit. „Um Zwölf Uhr wird Arthur Mennings erwartet.“ Christian unterdrückte ein Stöhnen. Mennings war ein äußerst passionierter Golfspieler, der seine Geschäftsabschlüsse auf einem Caddy, während er über den Golfplatz fuhr, meis-terhaft beherrschte, aber in Geschäftsmeetings sehr ausschweifend und anstrengend werden konnte. „Im Anschluss an Mr. Mennings findet das Interview mit Miss Kavanagh von der Vancouver State Uni-versity statt. Hierfür haben Sie eine Stunde eingeplant.“ „Ach ja, das ist das junge Ding, das unsere PR-Abteilung in die Verzweiflung getrieben hat, nicht wahr?“ hakte Christian nach und Andrea nickte belus-tigt. Sie mochte es für Mr. Grey zu arbeiten und konnte viele ihrer Kolleginnen nicht verstehen, die be-haupteten ein Eisklotz habe mehr Herz als ihr Boss.
„Stimmt, Sir. Sie scheint ihre Arbeit bei der Zeitung der Universität sehr ernst zu nehmen.“ Christian nick-te und Andrea fuhr, nach einem diskreten Blick auf die Uhr, ein wenig eiliger fort: „Um 15:00 Uhr sind Sie zu einer Eröffnung hier im Geschäftsviertel geladen.“ Christian trommelte nervös mit den Fingern auf der Schreibtischkante herum und Andrea hielt inne. Ihr Chef wirkte sonst überaus kühl und effizient, eine solche Geste passte überhaupt nicht zu ihm. „Mr. Grey, Sir? Geht es Ihnen gut?“ Christian runzelte die Stirn, bemerkte seinen Tick, zwang sich damit aufzuhören und lächelte Andrea beruhigend an. „Na-türlich. Alles Bestens. Wo waren wir stehen geblieben?“ Andrea bemühte sich um Fassung und leierte weiter Termine hinunter. „Um 16:30….“

Frustriert betrachtete Anastasia Steele ihr Erscheinungsbild im Spiegel, drehte sich ein wenig hin und her, hob ihre rechte Hand, fasste in die Spitzen und fluchte leise vor sich hin. Diese verdammten Haare wollten nicht so wie sie sich das vorstellte und zugleich verfluchte sie auch ihre beste Freundin, Kate Kavanagh, die ihr diese Stylingtortur überhaupt erst eingebrockt hatte. Eigentlich hätte sie genau jetzt für ihre Abschlussprüfung die nächste Woche stattfand, lernen müssen. In Anastasias Magen bildete sich ein harter Knoten aus Angst und Aufregung, als sie daran dachte und schob den Gedanken an ihren Abschluss schnell zur Seite. Seufzend fuhr sie mit ihrer Haarbürste durch das struppige und verknotete Haar und schimpfte mit sich selbst, weil sie die Nacht zuvor mit nassen Haaren zu Bett gegangen war. Sie hielt in ihren Bemühungen ihre verfilzten Haare zu entwirren inne und betrachtete sich erneut in ihrem Spiegel, den sie an der Innentür ihres Schlafzimmers befestigt hatte. Sie sah darin eine blasse junge Frau, mit langen, braunen Haaren und viel zu großen Augen. Es half alles nichts, sie würde sich auf den guten alten Pferdeschwanz, als Klassische Frisur, verlassen müssen. Energisch packte sie ihren wi-derspenstigen Haarschopf, fasste diesen zusammen und schlang routiniert das Haargummi darum. A-nastasia fuhr noch mal mit ihren Fingern durch den Pferdeschwanz und hoffte, dass sie damit halbwegs passabel aussah.
Ausgerechnet heute kämpfte Kate mit einer Grippe, weshalb sie das geplante Interview, für die Studen-tenzeitung ihres Campus, mit einem DER Industriemagnaten nicht selbst wahrnehmen konnte. Anastasia hatte noch nie von diesem Mann gehört, aber als Kate sie mit kratziger Stimme darum gebeten hatte, diesen Termin für sie zu übernehmen, bemerkte sie wie wichtig dieses Interview für ihre Freundin war und noch bevor Kate mit ihrer Rede zum Ende kam, immer wieder unterbrochen von Husten- und Nies-anfällen, war Anastasia klar, dass sie Zweihundertfünfzig Kilometer nach Seattle fahren würde um die-sen mysteriösen CEO von Grey Enterprises Holdings, Inc. anstelle von Kate zu auf den Zahn zu fühlen. Kate wollte sie freudestrahlend umarmen, als Anastasia ihr diese Entscheidung mitteilte, doch sie war in ihr Zimmer geflüchtet, schließlich wollte sie nicht auch noch krank werden. Verfluchte Studentenzei-tung, aber selbst Anastasia sah ein, dass ein Unternehmer und spendabler Gönner der Universität nicht unbegrenzt Zeit zur Verfügung hatte, so dass eine Verschiebung des Termins wohl eher nicht in Frage kam.
Anastasia musterte sich erneut in ihrem Spiegel. Sie sah gut aus in ihrem Rock, den einzigen den sie be-saß, aus dunklem Denim, dem blauen Pullover und den bequemen, schwarzen Stiefeln, die ihr bis knapp unter das Knie reichten. Sie griff nach ihrer Marineblauen Jacke, die zwei Nuancen dunkler war als ihr Pullover. Sie öffnete forsch die Tür und betrat den kleinen Flur, der in den zentralen Raum der Woh-nung, das Wohnzimmer, führte und wo Kate es sich auf der Couch bequem machte. „Du siehst gut aus, Ana! Die Farbe steht dir, möchtest du dir noch einen meiner Blazer leihen?“ Anastasia drehte sich ein-mal um sich selbst und lachte ungläubig. „Wir wissen beide, dass du mehr Geschmack hast was Kleidung angeht als ich. Aber lass gut sein, ich fühle mich in meinen eigenen Kleidern am wohlsten und strahle damit sicher mehr Selbstvertrauen aus als in deinen Businessklamotten!“ Kate grinste und nickte zu-stimmend, Ana hatte in diesem Punkt mehr als nur Recht.
„Du weißt, ich hätte dich nie um diesen Gefallen gebeten, wenn der Termin nicht so verdammt wichtig wäre. Ich habe neun Monate gebraucht, um ihn zu bekommen und es würde nochmal sechs dauern, um einen neuen zu bekommen. Bis dahin haben wir unseren Abschluss längst in der Tasche. Als Herausgebe-rin der Studentenzeitung kann ich den Termin einfach nicht absagen.“ Anastasia seufzte. Ihre Freundin sah selbst noch mit wundgeputzter Nase und den grünen, fiebrig glänzenden Augen perfekt aus, selbst Kates rotblonde Haare fielen ordentlich frisiert um das blasse Gesicht. Anastasia spürte ein wenig Neid auf das, selbst in ihrem Kranken Zustand, lässige Aussehen ihrer Freundin. Sie seufzte erneut. „Für NIE-MANDEN sonst würde ich das tun, Kate.“ „Ich weiß meine allerliebste und beste Freundin auf der gan-zen Welt.“ Anastasia unterdrückte mühsam ein Lächeln. „Soll ich dir noch ein Aspirin holen?“ Kate nick-te. „Ja gerne. Sie setzte sich mühsam auf, ihr Atem rasselte, als sie sich nach vorne beugte. „Hier sind die Fragen für das Interview und ja, ich weiß, es ist altmodisch, aber nimm das Gespräch mit meinem Diktiergerät auf. Der Akku ist voll und die Speicherkarte habe ich ebenfalls schon eingelegt. Vergiss nicht, dir Notizen während des Gesprächs zu machen, ich lese sie mir später durch und werde deine Anmerkungen mit in den Artikel aufnehmen.“ Während Anastasia Kate ein Aspirin aus dem Medizin-schrank fischte und in der Küche eilig ein Glas Wasser für ihre Freundin füllte, flatterten ihre Hände vor Nervosität. „Ich weiß gar nichts über diesen Mann.“ Sie hasste das Zittern in ihrer Stimme. Die Panik vor dem bevorstehenden Termin trieb ihr die Tränen in die Augen und Anastasia blinzelte heftig, als sie auf dem Weg zu Kate ins Wohnzimmer ging. „Du wirst das super machen, ich weiß das!“ Kate wurde erneut von einer Hustenattacke geschüttelt und Anastasia stellte das Glas auf dem Couchtsich ab und legte das Aspirin daneben. „Geh wieder ins Bett und wenn das Aspirin wirkt, stehst du auf und machst dir die Sup-pe warm, die ich dir vorbereitet habe. Sie ist im Topf auf dem Herd. Du brauchst ihn nur auf Stufe eins zu langsam zu erwärmen.“ „Ja Mama.“ Presste Kate hervor, ein kläglicher Versuch witzig zu sein. Ein Blick auf die Uhr und sie keuchte erschrocken auf. „Du musst los, du darfst keinesfalls zu spät kommen. Am besten du nimmst meinen Wagen. Mit deiner Klapperkiste kommst du nicht weit!“ Energisch scheuchte Kate Anastasia zur Tür, wo sie den Autoschlüssel zu Kates Mercedes CLK griff und sich ihren Rucksack mit den heiligen Utensilien der Journalisten über die Schulter warf und verließ ihre gemeinsame Woh-nung.
Zum hundertsten Mal fragte Anastasia sich wie sie sich zu diesem Unterfangen hatte breitschlagen las-sen. Leise kichernd lief sie die Treppenstufen hinab und beantwortete sich ihre Frage selbst. „Weil Kate die Gabe hatte jeden so lange voll zuquatschen, bis er genau das machte was sie wollte. Sie würde eine großartige Journalistin abgeben. Mit ihrem Wortwitz, der Willenskraft, dem Selbstbewusstsein und ihrer Überzeugungskraft würde Kate es in dem Job weit bringen. Natürlich schadete ihrer Freundin ihr attrak-tives Äußeres und ihrem Mut keiner Konfrontation aus dem Weg zu gehen nicht im Geringsten.
Anastasia lief an ihrem geliebten VW-Käfer, den sie zärtlich Wanda nannte, vorbei zu Kates schnittigem Mercedes und entriegelte über die Fernbedienung in ihrer Hand die Autotüren. Weich sank sie in den mit Leder bezogenen Sitz ein und drehte den Zündschlüssel. Leise schnurrend erwachte der Motor des Mer-cedes zum Leben. Kein Vergleich zu ihrem VW, wo sich die Federn des Sitzes in ihren Po drückten und der Motor klappernd und hustend protestierte, wenn sie Wanda startete. Auf dem Weg von Vancouver, Washington, zur Interstate 5 war kaum Verkehr und so trat Anastasia das Gaspedal durch und genoss die Fahrt in dem Luxusauto in vollen Zügen.
Das Ziel war die Zentrale von Mr. Greys weltweit operierendem Unternehmen. „Mr. Grey.“ Anastasia wiederholte den Namen mehrmals, in dem sie ihn leise vor sich hinmurmelte. Der kurze, kultivierte Na-me war wie gemacht für einen CEO eines Unternehmens in dieser Größenordnung.
Schließlich verkündete das Navigationsgerät „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Anastasia manövrierte den Mercedes in eine Parklücke, unweit von Grey Enterprises. Es war viertel vor zwei, sie atmete auf, kei-nesfalls würde sie zu dem Termin zu spät kommen. Mit weichen Knien stieg sie aus dem Wagen und steuerte auf das zwanzigstöckige Bürogebäude, das nur aus Glas und Stahl zu bestehen schien, die ulti-mative Fantasie eines Architekten von einem Zweckbau. Über den gläsernen Eingangstüren zog sich ein edler, diskreter Schriftzug in Stahllettern entlang und kennzeichnete das Bürogebäude als „GREY HOUSE“.
Anastasia atmete tief ein, öffnete eine der Glastüren und betrat ein riesiges beeindruckendes Foyer, das hauptsächlich aus Glas, Stahl und weißem Sandstein zu bestehen schien.
Hinter einem eleganten Empfangstresen, dessen Naturbelassene Oberfläche vom einfallenden Licht zartrosa gefärbt wurde, lächelte sie eine ausgesprochen attraktive, gepflegte und junge Blondine an.
„Ich habe einen Termin mit Mr. Grey um 14:00 Uhr. Anastasia Steele für Katherine Kavanagh.“ „Einen Moment bitte, Miss Steele.“ Anastasia spürte die kurze, eindringliche Musterung der Frau und verfluchte sich, nicht doch einen von Kates sündhaft teuren Business-Blazern angezogen zu haben. Ihr Gegenüber selbst war in einen sehr schicken anthrazitfarbenen Blazer und in eine makellose, blütenweiße Bluse gekleidet. Anastasia hatte von Mode keine Ahnung und auch nie das nötige Kleingeld gehabt sich damit auseinander zu setzen, aber selbst sie sah den Unterschied zu ihrer eigenen Kleidung. Nervös schob sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, blickte der Blondine offen ins Gesicht und versuchte sich nicht einschüchtern zu lassen.
„Mr. Grey erwartet Sie. Bitte unterzeichnen Sie hier, Miss Steele.“ Ihr wurde ein Klemmbrett, natürlich Grau, über den Tresen gereicht, auf dem ein Formular befestigt war. Anastasia griff nach dem Kugel-schreiber und unterschrieb hastig. Sie schob der jungen Frau das Klemmbrett über den Tresen zu. „Vie-len Dank. Nehmen Sie den Aufzug auf der rechten Seite und fahren Sie in den zwanzigsten Stock. Ihr Besucherausweis.“ Mit einem freundlichen und für Anastasia auch belustigtem Lächeln wurde ihr der Ausweis gereicht und zum Aufzug durchgeschleust.
Ein wehmütiges Lächeln umspielte Anastasias Lippen. Während sie sich abmühte den Besucherausweis an ihrer Jacke zu befestigen, kam ihr der Gedanke, dass sie ständig und überall nur zu Besuch war, wie hier im Grey House. Das Gefühl hatte sie in der Vergangenheit schon oft gehabt und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als in ihrem Leben ankommen zu dürfen.
Anastasia huschte an zwei Sicherheitsleuten vorbei und eilte zu den Aufzügen.
Endlich öffneten sich die silbernen Schiebetüren mit einem unaufdringlichem „Pling“ und gaben den Blick in die mit schimmerndem Holz verkleidete Fahrerkabine frei. Anastasia trat in die Kabine und die Türen schlossen sich leise. Die Fahrt war schnell vorbei und die Türen glitten erneut auf und gaben den Blick auf einen großen Vorraum, ähnlich dem des Foyers, frei. Erneut trat Anastasia an einen Tresen aus Sandstein, an der ebenfalls eine auffällig hübsche Blondine, gekleidet in edlem Schwarz und Weiß, sie begrüßte. Anscheinend gab es bei Grey Enterprices einen Dresscode. Unauffällig strich Anastasia ihren Rock glatt. „Miss Steele, würden Sie bitte hier warten?“ Die junge Frau deutete auf eine weiße Leder-sitzgruppe, die Anastasia in ihrer Aufregung gar nicht aufgefallen war. Hinter der Sitzgruppe befindet sich eine riesige Glaswand, die den Eingangsbereich von einem Konferenzzimmer abgrenzte, dass mit einem riesigen dunklen Holztisch und zwanzig dazu passenden Stühlen ausgestattet war. Anastasias Blick wanderte über den Holztisch des Sitzungszimmers zur dahinter liegenden Fensterfont, die ungehin-dert den Blick auf die Skyline von Seattle und dem Sund freigab. Die Aussicht war atemberaubend und Anastasia beneidete die Empfangsdame um ihren Arbeitsplatz. Mit dieser Aussicht war es sicher ein leichtes jeden Tag zur Arbeit zu gehen.
Nachdem Anastasia sich auf einen der Sessel niedergelassen hatte, beschäftigte sie sich mit Kates Noti-zen und hätte heulen können. Da waren die Fragen für das Interview, aber keine Kurzvita ihres Ge-sprächspartners. War er dreißig oder neunzig Jahre alt? Die Unwissenheit darüber machte sie unsicher und fahrig. Mit Sicherheit hatte sie von Mr. Grey schon gehört, schließlich unterstützte er die Universi-tät, an der sie und Kate studierten, sehr großzügig, doch die Informationen und die dazugehörigen Bil-der waren ihr entfallen.
Anastasia teilte Kates Begeisterung für Interviews und Journalismus nur in geringem Maße. Sie fühlte sich in Gruppendiskussionen, wo sie sich meist im Hintergrund hielt, wohler.
Sehnsüchtig dachte sie an die Unibibliothek, wo sie sich mit einem britischen Klassiker sehr viel lieber aufgehalten hätte als in diesem modernen Monstrum, geschaffen aus Glas, Stahl und Stein.
Genervt verdrehte Anastasia die Augen. Wenn sie nach dem sterilen und modernen Gebäude urteilen musste, war dieser mysteriöse Mr. Grey mit Sicherheit über vierzig, durchtrainiert, braungebrannt und so blond wie seine Angestellten. Sie musste sich sehr zusammen nehmen, um nicht erneut die Augen zu verdrehen.
Als erneut eine elegante und makellos gekleidete Blondine durch eine Tür zu ihrer Rechten auf sie zu-kam, musste Anastasia einen hysterischen Lachkrampf unterdrücken. Was zum Teufel hatte es bloß mit diesen Blonden Frauen auf sich? War sie hier in den Roman „Die Frauen von Steford“ geraten?
„Miss Steele?“ sprach sie die Blondine an. „Ja“ krächzte sie, räusperte sich peinlicherweise und stand gleichzeitig auf. „Ja“ antwortete sie und registrierte, dass ihre Stimme fest und selbstbewusst klang.
„Mr. Grey wird Sie gleich empfangen. Darf ich Ihnen die Jacke abnehmen?“
Verblüfft zog Anastasia ihre Jacke aus, wobei sich ihr Linker Ärmel verhedderte und sie bemerkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Verdammter Mist, warum passierten ihr immer solche Dinge?
„Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Tee, Kaffee oder Wasser?“ Die Blondine warf der Kollegin am Tresen einen unfreundlichen Blick zu und runzelte die Stirn. „Ein Glas Wasser bitte“ erwiderte A-nastasia verschüchtert. „Olivia, wären Sie so nett und würden Miss Steele ein Glas Wasser bringen?!“ Der Strenge Ton der resoluten Blondine ließ sie zusammenzucken, während Olivia wie von der Tarantel gestochen aufsprang, um ihr ein Glas Wasser zu bringen.
„Bitte entschuldigen Sie, Olivia ist noch nicht lange bei uns, sie wird Ihnen das Wasser sofort bringen. Mr. Grey wird in fünf Minuten bei Ihnen sein, so lange können Sie Platz nehmen. Olivia eilte mit dem Wasser zu Anastasia und verschüttete beim Hinstellen ein wenig auf den makellos sauberen Beistelltisch aus Glas. „Bitte sehr, Miss Steele.“ Kamen die Worte schüchtern über die Lippen des jungen Mädchens und Anastasia fühlte mit ihr. Sie lächelte ihr aufmunternd zu, Olivia nickte und eilte zu ihrem Arbeitsplatz zurück.
Die resolute Blondine marschierte ebenfalls zu ihrem Arbeitsplatz zurück, dabei klackerten ihre Absätze laut auf dem Steinboden. Während sich die beiden Angestellten wieder ihrer Arbeit zuwendeten, senkte sich tiefe Stille, nur durch das Klappern der Tastaturen unterbrochen, über den Wartebereich.
Ob die blonde Haarfarbe ein Einstellungskriterium des Unternehmens war? Was würden die Gewerk-schaften wohl dazu sagen?
Plötzlich öffneten sich die Bürotüren, die von Olivas und der anderen Blondine ihrem Arbeitsplatz flan-kiert wurde.
Ein groß gewachsener, elegant gekleideter, attraktiver Afroamerikaner mit kurzen Dreadlocks verlässt das Büro und Anastasia wurde bewusst, dass sie sich eindeutig für das falsche Outfit entschieden hatte. Ihr Selbstbewusstsein verabschiedete sich ins Nirvana. Bevor er das Büro endgültig verließ wandte er sich nochmals um. „Spielen wir diese Woche eine Runde Golf, Grey?“ Die Antwort blieb Anastasias Oh-ren verborgen.
Er lächelte, verabschiedete sich von „Grey“ und Olivia schoss erneut von ihrem Platz hoch, um den Auf-zug für den Herrn per Knopfdruck in das Stockwerk zu befördern.
„Auf Wiedersehen, die Damen.“ Er lächelte, während er gemessenen Schrittes zum Aufzug schritt.
„Mr. Grey wird Sie jetzt empfangen, Miss Steele. Gehen Sie doch bitte hinein.“ Forderte Olivas Kollegin Anastasia auf. Ana stellte ihr Wasserglas hart auf dem Glastisch ab, etwas Flüssigkeit gesellte sich zu dem von Olivia verschütteten Wasser. Ihre Hände zitterten vor Nervosität, als sie nach dem Rucksack griff und Kates Notizen achtlos hineinstopfte.
Mit jedem Schritt auf die halboffene Tür nahm die Beklemmung zu und Anastasia hatte das unbestimm-te Gefühl, sie würde durch Sirup waten.
Schließlich war sie an dem Tor zur Hölle, so kam es ihr vor, angelangt und zögerte. „Sie müssen nicht klopfen, gehen Sie einfach hinein.“ Wurde sie freundlich, aber bestimmt von der Assistentin zum Eintre-ten gedrängt. Anastasia schöpfte, wie schon vor dem Haupteingang, tief Atem und öffnete die Tür. Was dann passierte, war eine peinliche Demonstration ihrer Tollpatschigkeit, die sich immer in den unpas-sendsten Momenten zeigte. Anastasia stolperte über die Türschwelle, ihre Füße verhedderten sich und sie fiel förmlich auf die Knie in Mr. Greys Büro. Verfluchter Mist. Anastasia spürte, wie sie hochrot anlief und griff nach ihrem Rucksack, als sich ein paar auf hochglanzpolierte Schuhe in ihr Gesichtsfeld scho-ben. Konnte ein Interview noch peinlicher beginnen? Anastasia glaubte nicht daran. „Miss Kavanagh. Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Sie spürte wie sanfte Hände ihren Oberarm umfassten und ihr wieder auf die Beine halfen. Endlich fand sie den Mut den Blick zu heben und sie stolperte zwei Schritte zurück. „Ich bin Christian Grey.“ Er streckte ihr die Hand zur Begrüßung hin. „Möchten Sie sich setzen?“
Heiliger Bimbam. Da hatte Kate ihr aber äußerst wichtige Informationen vorenthalten. Anastasia schluckte und musste sich beherrschen Christian Grey nicht anzustarren. Er sah umwerfend attraktiv und auch ein wenig gefährlich in seinem eleganten grauen Anzug, der schwarzen Krawatte und dem weißen Hemd aus. Seine Haare waren kupferfarben und sahen aus, als hätte er sie sich heftig gerauft. Sein Blick musterte sie besorgt und erwartungsvoll.
„Ich…also…eigentlich…“ stammelte Anastasia und legte benommen ihre Hand in die seine. Als sich die Finger der beiden berührten spürte sie einen leichten elektrischen Schlag und wartete verblüfft darauf, dass Funken aus ihrem Händedruck schlagen würden. Verlegen zog sie die Hand zurück, spürte noch immer die langen Finger von Mr. Grey auf ihrer Haut.
„Miss Kavanagh ist leider erkrankt und ich bin für sie eingesprungen, ich hoffe, Sie haben nicht dagegen, Mr. Grey.“
„Und wer sind Sie?“ Seine Stimme klang kultiviert, freundlich, ein wenig belustigt. Seine Haltung strahlte Autorität, Gelassenheit und höfliches Interesse aus, doch er konnte die Neugierde in seinem Blick nicht ganz verstecken, was Anastasia irritierte.

„Oh, natürlich. Ich bin Anastasia Steele. Ich studiere mit Kate, also Katherine, also Miss Kavanagh engli-sche Literatur an der Washington State University in Vancover.“
Dieses Gestammel tat Anastasia selbst in den Ohren weh und sie biss sich auf die Lippen. Sie musste sich ganz dringend zusammenreißen, sonst würde Kate ihr die Ohren langziehen.
„Aha.“ Lautete das Kommentar ihres Interviewpartners, dessen Lippen von einem Lächeln umspielt wurden. „Möchten Sie sich nicht setzen?“ Er dirigierte sie zu einer L-förmigen, weißen Ledercouch. Der Innenarchitekt war recht einfallslos mit der Farbgebung in diesem Gebäude gewesen. Das Büro war riesig, zu groß für einen einzelnen Menschen, um sich bei der Arbeit wohl zu fühlen. Die Wände, De-cken, der Boden, alles war in weißer Farbe gehalten. Der riesige, braun schimmernde Schreibtisch, der einem Esstisch von einer Großfamilie Ehre gemacht hätte, hatte seinen Platz am Panoramafenster ge-funden. Anastasias Blick wanderte weiter durch den Raum und blieb an der Wand hängen, wo sie durch die Tür getreten, pardon gestürzt, war. An dieser Wand war nichts neutral oder steril. Dort hingen kleine Gemälde, vielleicht drei Dutzend, die zu einem Mosaik zusammengefügt waren, jedes Einzigartig, bis ins kleinste Detail gemalt. Zusammen ergaben sie einen atemberaubenden Anblick. „Sie verstehen es das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches zu verwandeln.“ Kamen die Gedanken von Anastasia über ihre Lippen, bevor sie sich bremsen konnte. Mr. Grey warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Ich bin ganz ihrer Meinung, Miss Steele.“ Die Betonung auf ihrem Namen, den er so sanft hervorbrachte, ließ ihr erneut die Röte ins Gesicht steigen.
Schnell wandte Ana den Blick ab und ließ ihn erneut durch das Büro wandern. Sie fragte sich, ob es die Persönlichkeit des leibhaftigen Adonis, der sich anmutig und lässig in seinen Ledersessel sinken ließ, widerspiegelte.
Sie war entsetzt in welche Richtung sich ihre Gedanken bewegten und griff nach ihrem Rucksack, um sich selbst zu beruhigen. Anastasia fischte die mittlerweile sehr in Mitleidenschaft gezogenen Frageblät-ter und das Diktiergerät aus dem Rucksack, wobei sie sich so ungeschickt und fahrig anstellte, dass ihr das Gerät zweimal auf den Beistelltisch fiel, der in genau demselben Braun schimmerte wie der Schreib-tisch.
Sie wurde immer nervöser und verlegener. Sonst stellte sie sich doch nicht so dämlich dran! Als sie den Blick hob, bemerkte sie wie Mr. Grey sie ruhig beobachtete, das Kinn auf seine eine Hand gestützt, wäh-rend die andere locker in seinem Schoß verharrte. Sein langer Zeigefinger zeichnete gedankenverloren seine Lippen nach und Anastasia hatte den Eindruck, dass er nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte.
Na super, er hielt sie bestimmt für eine Superidiotin. „Tut mir leid, ich mache das nicht sehr häufig.“ „Lassen Sie sich Zeit, Miss Steele.“
„Lachte der Typ sie etwa aus?“
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Antworten aufzeichne?“
„Das fragen Sie mich jetzt, wo Sie sich solche Mühe gegeben haben, das Diktiergerät aufzustellen?“ Es gab keinen Zweifel, Mr. Grey machte sich lustig über sie.
„Aber nein, ich habe nichts dagegen.“
Anastasia straffte ihre Schultern, sollte er sie doch auslachen und in ihr das kleine Universitätsmäuschen sehen, sie würde Kates Fragebogen abarbeiten und würde diesen Kerl nie wieder sehen.“
Sie rückte den Papierstapel auf ihren Knien zurecht und legte eine Hand auf die Notizen. „Ich weiß nicht genau, ob Kate, Miss Kavenagh, mit Ihnen darüber gesprochen hat, für welche Zeitung Sie dieses Inter-view durchführt?“
„Das hat sie. Das Interview soll in der letzten Semesterausgabe der Studentenzeitung erscheinen, da ich dieses Jahr gebeten wurde, bei der Abschlussfeier die Zeugnisse an die Absolventen zu überreichen.“
Anastasia schluckte. Soviel zum Thema sie würde diesen Kerl nie wieder nach dem heutigen Tag sehen. Sie warf ihm verstohlen einen Blick zu. Er wirkte kaum älter als dreißig. Das würde seltsam werden, wenn ihr jemand ihr Zeugnis überreichen würde, der kaum zehn Jahre älter als sie selbst war und noch dazu sündhaft reich.
„Okay, dann fangen wir an Mr. Grey, ich habe einige Fragen an Sie.“ „Das habe ich mir gedacht.“ Erwi-derte er trocken und erneut kam ihr der Verdacht, dass er sich über sie lustig machte.
Anastasia überging seinen Einwand und drückte den Aufnahmeknopf des Diktiergerätes.

Sie überflog die erste Frage und biss sich auf die Lippen. Ehrlich Kate, was Besseres war ihrer Freundin nicht eingefallen? Diese Frage bekam er bestimmt ständig gestellt. Doch es half nichts, sie musste das Interview für Kate durchziehen. Sie räusperte sich und rutschte nervös auf ihrem Sessel herum. „Für ein Imperium im Volumen von Grey Enterprises sind Sie noch sehr jung. Worauf gründet sich Ihr Erfolg, Ihrer Ansicht nach?“
Anastasia bemerkte die Enttäuschung und auch ein wenig Wehmut in dem Blick von Christian Grey. „Im Geschäftsleben geht es um Menschen, Miss Steele, und ich bin ein guter Menschenkenner. Ich weiß, wie sie ticken, was ihren Erfolg und Misserfolg ausmachen, was sie antreibt und wie man sie motiviert. Ich beschäftige zudem ein außergewöhnliches und sehr kompetentes Team, das ich großzügig entloh-ne.“ Anastasia stimmte ihm besonders bei seiner letzten Äußerung zu. Wenn selbst Rezeptionistinnen sich in Designerfummel kleiden konnten, musste der Verdienst bei jedem Mitarbeiter von Greys Enter-prises immens sein. Sie bemerkte, wie Christian Grey sie mit seinem Blick fixierte und sie an Ort und Stelle festnagelte, während er fortfuhr. „Meiner Überzeugung nach lässt sich Erfolg auf einem be-stimmten Gebiet nur erzielen, wenn man dieses Gebiet voll und ganz beherrscht, es bis ins letzte Detail erforscht. Dafür arbeite ich hart. Ich treffe Entscheidungen, die auf Logik und Fakten basieren und be-sitze einen gesunden Instinkt, der gute, realistische Ideen und fähige Leute erkennt. Am Ende kommt es immer auf die fähigen Menschen an.“
Seine Arroganz war ätzend und greifbar, kaum auszuhalten. „Vielleicht haben Sie einfach nur Glück.“ Rutschte Anastasia heraus, dass stand zwar nicht in Kates Notizen, aber Mr. Greys dominantes Gehabe von oben herab provozierte sie und weckte ihren Widerspruchsgeist.
Anscheinend bekam er selten Widerworte, denn seine Augenbraue wölbte sich erstaunt nach oben. „Ich verlasse mich nicht auf Glück oder Zufall, Miss Steele. Meiner Meinung nach basiert Glück auf harter Arbeit, denn je härter ich arbeite, umso mehr „Glück“ scheine ich zu haben. Letztlich geht es nur darum, die richtigen Leute zu einem Team zu formen und ihre Kreativität und Leistungsfähigkeiten in die richti-gen Bahnen zu lenken. Ich glaube, Harvey Firestone hat einmal gesagt „Die Entwicklung und das Über-sich-Hinauswachsen von Menschen sind das höchste Ziel fähiger Führung.“
Ach du meine Güte, dieser Typ war viel zu sehr von sich überzeugt. Wahrscheinlich musste man das in solch einer Position von Christian Grey auch sein.
„Hört sich für mich eher so an, als seien Sie ein Kontrollfreak. Ich könnte alles Wetten was ich habe, wenn ich Ihre persönliche Assistentin interviewen würde, wäre dass das Ergebnis, natürlich in wohlge-wählten Worten formuliert“ Anastasia konnte sich nicht erklären, warum sie sich derart weit aus dem Fenster lehnte, Kate würde sie umbringen, doch etwas reizte sie an diesem Mann gänzlich zu widerspre-chen.
„In der Tat übe ich in ALLEN Bereichen des Lebens Kontrolle aus, Miss Steele.“ Anastasia stockte der Atem bei dieser Bemerkung, ihr wurde plötzlich sehr, sehr warm in ihrem dünnen Pullover. Die Luft schien vor elektrisierender Spannung zu dick zum Einatmen und Anas Blick blieb an Mr. Greys Zeigefin-ger hängen, der unablässig seine volle Unterlippe nachzeichnete. Ein Mund der zum Küssen verführte.

Warum nur verlor sie derart die Fassung gegenüber diesem Mann? Ja, er war attraktiv und sah unver-schämt gut aus, das musste sie zugeben. Doch seine Arroganz und das Wissen darüber, wie er auf das andere Geschlecht wirkte, oh ja, Mr. „Kontrollfreak“ Christian Grey wusste das sehr wohl, waren Punk-te, die sie bei jedem anderen Mann bisher als abstoßend empfunden hatte.
„Außerdem erwirbt man große Macht, in dem man seinen Traum von Kontrolle lebt.“ Fuhr er mit sanf-ter Stimme fort, die Anastasia ihre Sinne vernebelten und ungeahnte Empfindungen durch ihren Körper fluten ließen. Vor ihrem inneren Auge stiegen verruchte Bilder auf, wie sie sich unter Christian Grey nackt und wild aufbäumte…Entschlossen lehnte Anastasia sich zurück. „Haben Sie denn das Gefühl, gro-ße Macht zu besitzen?“ Ihre Stimme klingt in ihren Ohren fremd, heißer und sehr sinnlich.
„Miss Steele, ich beschäftige mehr als vierzigtausend Menschen. Das verleiht mir Macht, wenn Sie so wollen, jedoch nenne ich es eher ein Gefühl große Verantwortung zu tragen. Wenn ich beschließe, dass mich das Telekommunikationsgeschäft nicht mehr interessiert, und ich mich aus der Branche zurückzie-hen würde, hätten zwanzigtausend Menschen Probleme, ihre Hypothekenzahlungen zu leisten.“
Sein Mangel an Bescheidenheit fegte über Anastasia hinweg und es fehlte nicht sehr viel, da wäre ihr die Kinnlade auf den Tisch gefallen. „Sind Sie denn nicht dem Vorstand und dem Aufsichtsrat Rechenschaft über Ihre Entscheidungen schuldig?“
Christian Grey hob erneut eine Augenbraue, diesmal jedoch wirkte diese Geste sehr anmaßend. „Das Unternehmen gehört mir, ich muss niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen.“
Anastasia kam sich wie ein Schulmädchen vor, dass ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte und ertappt worden war. Es stimmte, hätte sie noch Zeit gehabt sich über die Unternehmensstruktur einzulesen, hätte sie diese Frage niemals gestellt.
Sie überflog den Fragenkatalog von Kate und pickte sich ein anderes Thema hinaus. „Haben Sie außer Ihrer Arbeit noch andere Interessen?“
„Eine ganze Menge, Miss Steele. Und sehr unterschiedliche.“ Der sinnliche Tonfall und sein eindringli-cher Blick, in dem dunkle Leidenschaft schimmernde, ließen sie erneut nervös auf ihrem Sitzplatz her-umrutschen.
„Was darf man sich darunter vorstellen? Was tun Sie konkret zum „Chillen“ nach der Arbeit?“
Christian Greys Mundwinkel zuckten und die Spannung, die sich zwischen den beiden aufgestaut hatte, verschwand.
„Zum CHILLEN, wie Sie es nennen, segle und fliege ich und genieße diverse körperliche Vergnügungen, wenn es die Zeit erlaubt. Ich bin ein wohlhabender Mann und ich genieße meine Hobbys und pflege diese, wenn sie auch sehr kostspielig sind.“ Entspannt schlug er die Beine übereinander. Erneut zog A-nastasia die Liste mit Kates Fragen zu Rate und wandte sich wieder dem Unternehmer Christian Grey zu. Das erschien ihr logischer, denn ihr Interviewpartner verunsicherte sie mit jeder Sekunde mehr.
„Sie investieren in die Produktion. Warum?“
Anastasia bemerkte, wie sie ihren Stift gegen die Spiralbindung an ihrem Block schlug, der auf ihren Knien lag. Immer wieder und wieder.
„Ich schaffe gerne Dinge. Mich interessiert nicht nur das Ergebnis, sondern auch wie sie funktionieren, wie man sie zusammensetzt und auseinanderbaut. Und ich liebe Boote.“
„Das klingt eher nach dem Herzen als nach der von Ihnen erwähnten Logik und den Fakten.“ Wider-sprach Anastasia und überflog ihre Notizen, so dass sie Christians leichtes Lächeln nicht bemerkte. „
Möglich. Obwohl Sie Menschen finden werden, die behaupten, dass ich kein Herz besitze.“
„Warum würden diese Menschen diese Äußerung über Sie tätigen?“ „Weil sie mich gut kennen.“ Das Lächeln von Christian veränderte sich wurde, hart, spröde und spöttisch.
„Würden Ihre Freunde sagen, dass Sie ein offener Mensch sind?“ Anastasia wich sehr von dem Frageka-talog von Kate ab, ließ sich jedoch von ihrem kaum vorhandenen Instinkt leiten.
Christian Grey lehnte sich verkrampft in seinen Sessel zurück und Anastasia fuhr erschreckt von der ab-weisenden Haltung des Industriemagnaten zurück.
„Ich lege Wert auf eine gesicherte Privatsphäre, Miss Steele. Ich gebe aus diesem Grund sehr selten Interviews.“
„Warum haben Sie sich auf gerade dieses eingelassen?“ Zu spät erkannte Anastasia wie anmaßend ihre Frage klang, doch es war zu spät.
„Weil ich die Universität finanziell unterstütze und Miss Kavanagh sich als äußerst hartnäckig erwies und sich auch von meinem PR-Beraterstab nicht abwimmeln ließ. Da ich die besten Berater des Landes be-schäftige…“ – „Natürlich, was sonst“ murmelte Anastasia. „…nötigte mir das doch eine gewisse Bewun-derung ab und ich wollte die Journalistin kennenlernen, die mit Sicherheit eine steile Karriere machen wird.“ Fuhr Christian fort, als hätte er Anastasias Einwand gar nicht gehört.
Anastasia verkniff sich nur mit Mühe ein Lächeln, als er Kate so treffend beschrieb. Sie wusste nur zu gut wie beharrlich ihre Freundin sein konnte. War sie nicht der beste Beweis dafür, sie saß hier und unter-hielt sich mit einem der einflussreichsten Unternehmer des Landes, anstatt für ihre Abschlussprüfung zu lernen.
„Sie investieren auch in landwirtschaftliche Technologie. Warum?“ wechselte Anastasia wieder auf das sicherste Terrain, Greys Enterprises.
„Geld kann man nicht essen, Miss Steele, und auf diesem Planeten gibt es zu viele Menschen die Hun-gern.“
„Ein wahrer Menschenfreund.“ Murmelte Anastasia leise vor sich hin und dann etwas lauter „Ist es Ihnen tatsächlich ein Anliegen, der Armen der Welt mit Nahrung zu versorgen?“ Nun war es an ihr fra-gend eine Augenbraue zu heben. Doch Christian Grey ließ sich durch eine sarkastische Bemerkung nicht aus der Ruhe bringen und zuckte mit den Achseln. „Es ist ein einträgliches Geschäft.“
Trotz der offensichtlichen Gelassenheit glaubte ihm Anastasia kein Wort. Dafür war die Antwort ihm zu glatt und schnell über die Lippen gekommen. Davon abgesehen ergab es keinen Sinn. Mit dem Versor-gen von den ärmsten der Armen mit Nahrung Geld verdienen? Damit konnte mit Sicherheit kein finanzi-eller Nutzen zu erwirtschaften sein, um das zu sehen musste sie nicht unbedingt Betriebswirtschaft stu-diert haben.
Hatte Anastasia mit ihren bescheidenen journalistischen Fähigkeiten tatsächlich die weiche Seite von Christian Grey offenbart? Verwirrt warf sie erneut einen Blick auf Kates Liste mit den Fragen. „Haben Sie eine Geschäftsphilosophie? Wenn ja, wie sieht diese aus?“
„Ich würde es nicht als Philosophie sehen, eher als Leitsatz, inspiriert von Carnegie „Wer die Fähigkeit erwirbt, seinen eigenen Geist voll und ganz zu beherrschen, wird auch alles andere beherrschen, auf das er ein Anrecht besitzt.“ Er schwieg kurz bevor er fortfuhr „Ich liebe die Kontrolle über mich selbst und auch über die Menschen in meiner Umgebung, sehr eigenen, ein Getriebener, wenn Sie wollen.“

Anastasia schluckte. Kontrolle war diesem Mann äußerst wichtig. Auf diesen Punkt kamen sie immer wieder zu sprechen. Vielleicht war dies letztlich das Geheimnis seines Erfolges als Geschäftsmann? „Dann besitzen Sie gerne Dinge?“ füllte sie die Stille, die sich zwischen Ihnen auszubreiten drohte. „Ich möchte ihrer würdig ein. Und ja, ich besitze gerne Dinge, wie Sie zutreffend erkannt haben.“
„Sie klingen wie der ideale Verbraucher.“ Lächelte Anastasia. „Der bin ich.“ Christian Grey erwiderte ihr Lächeln, doch es erreichte nicht seine Augen.

Anastasia kaufte ihm mit jeder Minute, die das Interview andauerte, immer weniger den eiskalten Ge-schäftsmann ab. Seine Äußerungen standen im krassen Widerspruch zueinander. Besonders der Wunsch den Hunger, der auf der Welt vorherrschte, zu lindern, stach dabei besonders hervor. Zudem drängte sich ihr die Erkenntnis auf, dass sie beide über ein ganz anderes Thema sprachen, als es den Anschein hatte, doch sie kam nicht drauf welches dies sein sollte.
Ihre Anspannung wuchs beständig und Ana sehnte mittlerweile das Ende des Interviews herbei. Erneut zog sie den Fragekatalog zu Rate. „Sie wurden adoptiert. Wie sehr, glauben Sie, hat das Ihre Persönlich-keit beeinflusst?“  Anastasia wurde übel vor Angst. Mr. Grey hatte zu Beginn des Interviews mehr als deutlich gemacht, dass er keine persönlichen Fragen wünschte.
Zu ihrer Überraschung runzelte er die Stirn, schien tatsächlich zu überlegen die Frage zu beantworten. „Das kann ich nicht beurteilen.“ Die Antwort war enttäuschend und gleichzeitig aufschlussreich. Er selbst schien keine allzu große Meinung von sich als Person zu haben, wenn er eine solche Frage nicht beantworten konnte. Oder wollte er nicht? Interessant war seine Reaktion allemal, fand sie. „Wie alt waren Sie, als Sie adoptiert wurden?“ „Das können Sie auf den zuständigen Behörden recherchieren, Miss Steele.“ Seine Stimme klang eisig, streng, als würde er mit einem ungezogenen Kind sprechen und nicht mit einer erwachsenen Frau.
Da er Recht hatte und sie sich im Vorfeld etwas mehr an Informationen über seine Person hätte be-schaffen sollen, wandte Ana sich eilig und sehr verlegen der nächsten Frage zu.

„Sie mussten das Familienleben der Arbeit opfern.“ „Das ist keine Frage!“ „Entschuldigung“ Anastasia rutschte mal wieder auf ihrem Sitzplatz unruhig hin und her. Ihr kam es vor, als würde sie von ihm we-gen einer Dummheit ausgeschimpft. Was war das für ein anstrengender Typ.
„Mussten Sie das Familienleben der Arbeit opfern?“ formulierte sie den Satz folgsam zu einer Frage um.
„Meine Familie besteht aus meinem Bruder, meiner Schwester und meinen Eltern, die mich alle lieben. Darüber hinaus habe ich keinerlei Interesse meine Familie zu vergrößern.“ Seine Antwort kam knapp und präzise, Anastasia war bewusst, dass sie selbst auf etwaige Nachfragen keinerlei Informationen mehr zu diesem Bereich bekommen würde. „Sind Sie schwul, Mr. Grey?“ Was zur Hölle? Anastasia riss selbst die Augen auf! Wie konnte Kate ihr das antun? Sie hätte wohl besser die Fragen vor Beginn des Interviews durchgehen sollen! Sie verfluchte sich selbst, dass sie es nicht getan hatte, aber die Zeit war so verdammt knapp gewesen.
Christian Grey nahm laut und vernehmlich Luft. Anastasia war sich sicher, dass sie noch nie in einer solch peinlichen Situation festgesteckt hatte, wie gerade, in genau diesem Augenblick.
„Nein, Anastasia, bin ich nicht.“ Lautete seine äußerst kühle Antwort und seine Augen schimmerten wie eisgraue Gletscher. Wie konnte sie ihm diese unfreundliche Antwort verübeln?

„Bitte entschuldigen Sie! Das steht hier…“ Konfus hielt sie die mittlerweile sehr in Mitleidenschaft gezo-genen Blätter hervor und hielt sie in die Luft. Herrje, zum ersten Mal hatte er sie in diesem Gespräch persönlich angesprochen und ihr Herz sprang ihr beinahe aus der Brust. Ihr Puls raste und nervös schob sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Das sind nicht Ihre eigenen Fragen?“

Anastasia wurde blass. Verdammt, sie waren aufgeflogen. „Nein. Kate- Miss Kavanagh – hat sie zu-sammengestellt und mir übergeben.“ Antwortete sie wahrheitsgemäß. Schließlich wollte sie nicht die Lorbeeren für die Arbeit ihrer Freundin einheimsen.
„Aber Sie sind doch bei der Studentenzeitung beschäftigt, Miss Steele?“ Mist, mist, mist. Wodurch hatte Anastasia sich nur verraten. Ihr Gesicht glühte. Sie hatte nichts, rein gar nichts mit der Zeitung des Cam-pus zu tun. Das war ganz allein Kates Baby.
Sie schöpfte tief Atem. „Nein, bin ich nicht! Ich lebe mit Kate zusammen in einer Wohngemeinschaft.“ Antwortete sie wahrheitsgemäß.

Nachdenklich rieb er sich über das Kinn und taxierte Anastasia mit seinen grauen Augen. „Haben Sie sich denn freiwillig bereit erklärt dieses Interview mit mir zu führen?“
Moment mal, wer stellte denn hier jetzt die Fragen? Wer interviewte hier wen? Sein Blick hielt Anastasia an Ort und Stelle, auch wenn sie am liebsten ihre Sachen gepackt und schnellst möglichst in das nächste Mauseloch verschwunden wäre. „Nein. Kate ist krank. Und nun ja, sie kann sehr überzeugend und hart-näckig sein, nicht wahr?“ lächelte sie schwach.
„Das erklärt so einiges.“
Es klopfte und eine der blonden Empfangsdamen, Anastasia vermutete die persönliche Assistentin von Mr. Grey, trat ein. Elegant und selbstbewusst, wie Ana neidig bemerkte, nicht so ungestüm und tollpat-schig wie sie selbst.
„Mr. Grey, Ihr nächster Termin beginnt in einigen Minuten…“
„Wir sind hier noch nicht fertig, Andrea. Bitte sagen Sie den Termin ab.“
Andrea, endlich hatte Anastasia einen Namen zu dem Gesicht, sah erst ihn und dann Anastasia erstaunt an. Er runzelte ungeduldig die Stirn und Andrea zog sich mit einem gemurmelten „Wie Sie meinen, Mr. Grey, zurück.
Oh nein, das durfte doch nicht wahr sein. Warum um alles in der Welt wurde sie nicht endlich von dieser peinlichen Episode ihres Lebens erlöst?
„Wo waren wir stehen geblieben, Miss Steele?“
Oh je, jetzt waren sie wieder bei der förmlichen Anrede gelandet. Sie und Kate würden solch einen Ärger bekommen, da war Anastasia sich sicher.
„Sie sin ein vielbeschäftigter Mann, Mr. Grey, ich habe Ihre knapp bemessene Zeit schon über Gebühr beansprucht und ich möchte Sie nicht aufhalten…“ Doch er beachtete ihren Einwand nicht und ging achtlos darüber hinweg.
„Ich möchte mehr über Sie erfahren.“ Seine Neugier verwirrte Anastasia sehr. Seine Hand fuhr wieder zu seinem Kinn, eine Geste, die er im Interview oft wiederholt hatte, und sein Zeigefinger fuhr über sei-ne Lippen. Unweigerlich folgte ihr Blick den Bewegungen seines Fingers und verwirrten Anas Sinne. Sie schluckte hart.
„Da gibt es nichts interessantes.“ Murmelte sie.
„Was haben Sie nach Ihrem Abschluss vor?“ Mr. Grey schien nicht gewillt sie vom Harken zu lassen, also dachte sie über seine Frage nach. Bisher hatte sie darüber noch keine großen Gedanken verschwendet. Sie wollte mit Kate nach Seattle ziehen, sich einen Job suchen. Ihr Ziel war zunächst der Abschluss.
„Ich habe noch keine konkreten Pläne, darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn ich die Abschluss-prüfung bestanden habe.“ Antwortete Anastasia, wahrheitsgemäß, wohlwissend, dass sie in der Unibib-liothek sitzen sollte, statt hier in diesem durch und durch machtdurchtränkten Büro.
„Falls Sie Interesse haben, mein Unternehmen offeriert ein ausgezeichnetes Praktikantenprogramm.“ Erklärte er, offenbar ihr Schweigen falsch deutend.
Sollte das etwa ein Jobangebot sein? Kam sie derart hilflos und hilfsbedürftig rüber?
„Vielen Dank, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich in das Erscheinungsbild von Grey Enterprises passen würde!“
„Was meinen Sie damit, Miss Steele?“
Das konnte nicht sein Ernst sein? War Christian Grey mit Blindheit geschlagen? Anastasia war tollpat-schig, stolperte über ihre eigenen Füße, hatte zwei linke Hände und ihre Haare waren von unauffälligem Braun. Noch dazu hatte sie keinen Sinn für Mode und haute Couture.
„Für mich nicht!“ entgegnete er und so sehr Anastasia auch nach einer Spur Ironie in seinen Worten suchte, fand sie keine.

Dieser Mann zog sie in seinen Bann und ungekannte Empfindungen überfluteten Anastasia wie ein Tsunami mit voller Wucht. In ihrem Unterleib zogen sich plötzlich ihr fremde Muskeln zusammen und sie spürte eine Sehnsucht in sich, die sie noch nie zuvor in ihrem Leben erlebt hatte. Anastasia betrachtete ihre Hände, deren Finger sich ineinander verkrampft hatten. Sie musste so schnell wie möglich aus die-sem Büro raus, weg von diesem Mann, der in jeder Hinsicht eine magische Anziehungskraft auf sie aus-übte. Sie beugte sich vor, um das Diktiergerät einzupacken. Mr. Grey missverstand ihre Bemühungen. „Darf ich Ihnen eine Führung durch Greys Enterprises anbieten?“
Anastasia verbarg ihre Überraschung über seine plötzliche kooperative Haltung ihr gegenüber. „Sie ha-ben sicher wichtigeres zu tun, Mr. Grey und ich, ich habe noch eine lange Heimfahrt vor mir.“ Sie lächel-te, was ihr erstaunlich leichtfiel, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Sie möchten heute noch zurück nach Vancouver?“ Hörte sie da etwa eine leichte Besorgnis aus seinen Worten? Ein warmes und wohliges Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus. Sein Blick wanderte zum imposanten Fenster seines Büros, an denen sich Regentropfen sammelten und wie eis-graue Diamanten an der Glasscheibe schimmerten. „Fahren Sie nicht so schnell und seien Sie vorsichtig.“ Anastasia runzelte angesichts des strengen Tonfalls, der keinen Widerspruch duldete, die Stirn. Was kümmerte ihn wie sie nach Hause fuhr? „Haben Sie alle Informationen, die Sie wollten?“ Seine Stimme gefiel Ana in dieser Tonlage, sam-tig weich und sanft, um einiges besser. „Ja, Sir.“ Beinahe hätte sie sich noch zum Salutieren hinreißen lassen, beherrschte sich aber gerade noch rechtzeitig und steckte stattdessen das Diktiergerät mit dem kostbaren Interview in den Rucksack.
„Danke für das Interview, Mr. Grey und das Sie sich die Zeit für mich genommen haben!“ mit diesen Worten erhob sich Anastasia und Christian Grey, ganz Gentleman, tat es ihr gleich. „Bis bald, Miss Stee-le.“ Verabschiedete er sich und streckte ihr die Hand hin.
Eine Drohung, Anspielung oder gar eine Herausforderung? Sie schlug ein, fest entschlossen diesem Mann nie wieder über den Weg zu laufen. Erneut spürte Anastasia das seltsame Knistern, als sich ihre Hände verschränken. Sie schrieb es ihren überreizten Nerven zu.
„Mr. Grey.!“ Sie nickte ihm zu und entzog sachte ihre Hand aus seinem erstaunlich festen Griff. Er lä-chelte und schritt mit geschmeidigen Schritten auf die Bürotür zu und öffnete ihr diese. „Nur um sicher zu gehen, dass Sie es auch durch die Tür schaffen, Miss Steele.“ In seinem Grinsen lag etwas Diaboli-sches als er an ihren alles andere als eleganten Auftritt zu Beginn des Interviews anspielte. Sie konnte nicht verhindern, wie ihr die verräterische Hitze in die Wangen stieg. „Sehr zuvorkommend, Mr. Grey.“ Anastasia konnte den schmollenden Unterton in ihrer Stimme nicht verhindern und hätte sich Ohrfeigen können, als sie sah, wie er sich beherrschen musste nicht laut loszulachen.
Mr. Grey begleitete Ana noch ins Vorzimmer zu Olivia und Andrea, die perplex ihre Arbeit ruhen ließen und sie beide anstarrten. „Hatten Sie einen Mantel bei sich, Miss Steele?“ erkundigte sich Christian Grey wieder ganz auf seine Manieren bedacht, während Olivia von ihrem Sitzplatz hochschoss, so langsam bekam sie darin richtig Übung, um ihre Jacke aus den Untiefen des Unternehmens aufzutreiben. Mit zitternden Händen übereichte die Praktikantin Christian Grey das Kleidungsstück, erleichtert bemerkte Anastasia, dass dieser Mann nicht nur auf sie eine solch heftige Anziehung ausübte. Sie schlüpfte in ihr vertrautes Kleidungsstück, dass er ihr bereithielt und erschauderte kurz, als sich Christians Hände kurz auf ihre Schultern senkten und einen Moment länger dort verweilten. Ihr stockte der Atem. Diese Geste strahlte solch eine Intimität aus, die sonst nur geliebten vorbehalten zu sein schienen.
Mühsam setzte Anastasia einen Fuß vor den anderen, auf dem kurzen Weg zum Aufzug ließ sich Christi-an Grey, ganz Pokerface, nicht anmerken, ob er ihre Reaktion wahrgenommen hatte. Endlich öffneten sich die silbrig glänzenden Aufzugtüren mit einem „Pling“ und sie floh regelrecht in die Kabine. Sein Blick hielt sie jedoch gefangen und er ließ sie auch nicht los, als sich die Türen zu schließen begannen. „A-nastasia!“ verabschiedete er sich. „Christian!“ erwiderte sie kühn und nannte ihn beim Vornamen, ob-wohl er ihr dies noch nicht angeboten hatte. Endlich schoss die Aufzugkabine nach unten und Anastasia sank erschöpft gegen die Wand.
 
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