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Heimkehrer

von Lerrex
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Obi-Wan Kenobi
27.02.2021
14.09.2021
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„Wie sieht’s aus, hast du es dir überlegt?“, sprach Hella ihren Mann verhalten an.

Obi-Wan lauschte dem Gespräch kaum, sondern döste auf der Couch. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen und hatten ihm verraten, warum sein jüngerer Bruder so kräftig war. Jeden Tag hatte er harte, körperliche Arbeit auf den Feldern verrichtet, wo ein ganzes Dorf an Aufgaben gewartet hatte. Hatte er die Landwirtschaft in den Jahren seiner Jugend noch als eine nutzlose Beschäftigung angesehen, bei der es darum ging, Maschinen zu bedienen, hatte er nun endgültig den Beweis, dass dem nicht so war. Was er mit Muskelkraft alles erledigte, erinnerte ihn daran, dass Stewjon aller Modernisierung zum Trotz ein Planet im Outer Rim war.

Nach dieser kräftezehrenden Zeit war Obi-Wan froh, Gawein wieder wohlauf und genesen zu sehen. Jetzt da dieser wieder zupacken durfte, befand sich der Jedi nicht weiter in der Position sich als Farmer zu versuchen. Glaubte man seinem Bruder, hatte er sich zwar nicht ungeschickt angestellt, doch fühlte er sich deutlich wohler bei dem Gedanken, die Arbeit an den Fachmann zurückzugeben.  

Grund dafür war nicht zuletzt der Mann gewesen, der rein biologisch sein Vater sein sollte und dem er zwangsläufig öfter zur Hand hatte gehen müssen. Die Situation zwischen ihnen war unverändert angespannt. Beverin hatte ihn während der Arbeit auf dem Feld immer öfter zurückgedrängt. Nicht im bildlichen Sinne, sondern mit dieser steten Ablehnung, die beinahe in Missgunst gipfelte. Sein Vater wich einem Gespräch kontinuierlich aus. In dem Bestreben ihm nicht zu nahe zu treten, ließ er ihn gewähren. Beverin war weit weniger nachsichtig als der Jedi Qui-Gon Jinn, dafür aber um Einiges grimmiger.

Obi-Wan beachtete den leisen Nachrichten-Report, der vom Holoprojektor zu ihm herüberdrang nur mit halben Ohr, denn was dort gesagt wurde, war ihm längst bekannt. Ein Gouverneur hatte sich in Agram niedergelassen und dort begonnen eine Sicherheitsschranke um die Hauptstadt zu errichten. Jeglicher Verkehr wurde kontrolliert und auf Legalität geprüft. Die Zölle stiegen, die Wohnungen wurden teurer und lukrative Arbeitsplätze waren schwerer zu finden. Der planeteninternen Regierung hatte man per Dekret beinahe sämtliche Befugnisse entzogen, sodass nun der Gouverneur alle Entscheidungsgewalt in sich vereinte. Darüber hinaus zeichneten sich keine schädlichen Maßnahmen ab, denn dem Gouverneur fehlte augenscheinlich die Intelligenz, das Wesen des Planeten zu erfassen. Bevor dieser Mann auch nur einen Fuß auf das wirkliche Stewjon setzte, würden noch viele Felder wachsen und gedeihen.    

So weit draußen in der Wildnis Stewjons waren keine imperialen Aktivitäten zu erwarten, um das zu erkennen, war Obi-Wan Politiker genug. Laroon hatte keine profitversprechende Wirtschaft zu bieten und selbst die größte Stadt der Region, Reodon, versprach keine attraktive Ausbeute. Schaden konnte es jedoch nicht, diese Entwicklungen im Auge zu behalten. So naiv, die Gefahr völlig zu leugnen, war Obi-Wan nicht. Ein geächteter Jedi blieb auch hier draußen ein Gesuchter.

„Ich werde hierbleiben. Ich möchte nicht stören, wenn Irina sich einen schönen Tag macht“, erklärte Beverin, was Obi-Wan schon durch die Macht vernommen hatte.

Zwar waren seine Augen geschlossen, doch er glaubte einen mitleidigen Blick seiner Mutter zu spüren Sie versuchte schon seit geraumer Zeit zwischen ihnen zu vermitteln und Obi-Wan bedauerte es, sie darunter leiden zu sehen.

Er gab sich schlafend, die Stimme von Hella drang trotz des gedämpften Tons an seine gespitzten Ohren. „Du kannst dich nicht ewig drücken. Wie oft habe ich versucht …“

„Hella, ich bitte dich. Du versuchst mich zu zwingen und das obwohl du genau weißt, wie wenig …“

„Du könntest es versuchen. Dann würdest du dein Unrecht einsehen …“

„Das Unrecht ist nicht auf meiner Seite. Hast du noch gar nicht über die Möglichkeit nachgedacht …“

„Hör auf damit! Er ist dein Sohn.“  

Es folgte Stille, die darauf für eine Weile lang durch sehr leises Geflüster unterbrochen wurde. Die Stimmen der beiden Kenobis ließen auf einen friedlichen Disput schließen. Es machte bald den Eindruck, dass sie sich einig würden.

„Hella! Er ist ja wohl alt genug, schließlich ist er die letzten dreißig Jahre auch gut alleine zurechtgekommen!“

Die im Zorn gesprochenen Worte Beverins sorgten für einen Stich in seinem Herzen. Obi-Wan verdrängte das Gefühl und rettete sich in eine Meditation, die ihm erlaubte nur noch die Schwingungen der Macht um ihn herum wahrzunehmen. Die Stimmen verstummten ganz, wodurch er endlich keine Enge mehr im Hals spürte. Beverin war noch nie laut geworden, zumindest nicht so. Der Jedi wollte sich nicht vorstellen, was nun werden würde. Er mochte es nicht, auf so primitive Art sentimental zu werden. Es war falsch, das wusste er. Nur ein Mittel dagegen, das kannte er nicht.

Mitten in seiner Meditation spürte er plötzlich eine Schwingung in der Macht, die ihn schlagartig aufspringen ließ. Obi-Wan eilte durch die Zimmer, traf auf Hella und Beverin, die er verwirrt zurückließ und strebte den Hintereingang an.

Sie hatte kaum den Hof betreten, da öffnete Obi-Wan schon die Tür. Sie sah gut aus in ihrem hellen Universitäts-Anzug und den offenen Haaren. Offenbar hatte man sie mit einem Taxi-Bus direkt bis vor die Haustür gebracht. Beim ersten Aufeinandertreffen hatte sich Irina noch sehr reserviert gezeigt, doch nun kam sie, kaum hatte sie Obi-Wan entdeckt, strahlend auf ihn zu.

„Du bist da“, sagte sie.

„Ich bin da. Habe ich zwischenzeitlich angekündigt zu verreisen? Komisch, daran erinnere ich mich gar nicht“, erwiderte er ironisch.

„Das ist nicht lustig, ich freue mich dich … sehr lustig, wirklich sehr lustig“, unterbrach sie sich.

Obi-Wan hatte sich bemüht seine harten Gesichtszüge zurückzunehmen und hatte offenbar Erfolg, denn Irina erkannte, dass er lange nicht so ernst war, wie seine Stimme ihr hatte weismachen wollen. Er hob den Arm, um ihr die Reisetasche abzunehmen und geleitete sie dann hinein.

„Na komm rein, ich freue mich auch“, sagte er schließlich und trat zur Seite, damit Irina an ihm vorbei konnte.

„Irina! Schön dich zu sehen.“ Sowohl Hella als auch Beverin umarmten die Enkelin zur Begrüßung.

„Beverin!“, rief Irina in die Umarmung hinein. „Ich habe euch alle so vermisst.“ Sie löste sich von Beverin und fragte: „Kommst du heute mit? Ein bisschen wandern so wie früher?“

„Ach, geht ihr ohne mich. Ich bin zu alt für diese halsbrecherischen Pfade“, lehnte der Mann freundlich ab.

Obi-Wan kam nicht umhin, sich darüber zu wundern. Ziemlich sicher hatte sein Vater noch nie freundlich gesprochen. Selten zuvor hatte Obi-Wan seinen Vater so erlebt. Er wirkte beinahe wie ausgewechselt.

„Opa …“

„Lass gut sein, Große. Ich wünsche dir viel Spaß.“

„Du hast deine Abenteuerlust nicht verloren. Du bist ein super Bergsteiger“, hielt Irina dagegen. Aus irgendeinem Grund wollte sie ihren Großvater unbedingt zum Mitkommen bewegen.

Dafür, dass sie sonst ruhig und sehr zurückhaltend war, legte sie ein enormes Engagement an den Tag. Vielleicht kannte Obi-Wan sie aber auch einfach nicht gut genug, um das beurteilen zu können. Für ihn bedeutete es jedoch einen ganzen Tag mit Irina und Luke allein. Wie ein normaler Mensch, was eine völlig neue Erfahrung für den Jedi darstellte. Für solche sinnfreien Aktivitäten hatte er nie Verständnis aufgebracht. Doch so würde Luke mehr Eindrücke von seinem Zuhause gewinnen, was ihn letztlich überzeugt hatte. Ein Comlink-Gespräch später war dieser kleine Tagestripp mit Irina beschlossene Sache gewesen.

„Mach dir keine Gedanken, ich verpasse nichts“, lehnte Beverin die Fahrt ab und legte seinen Arm um Hella, die ihr Gespräch wortlos verfolgt hatte.

Den Vormittag nutzten sie, um die Rucksäcke zu packen und den Speeder vorzubereiten, den Owen den beiden freundlicherweise überlassen hatte. Irinas Stimmung war getrübt, doch sie ließ sich davon nur wenig anmerken. Bis sie aufbrachen, war sie ganz die Alte und setzte Luke fröhlich in den Speeder. Fast wäre Obi-Wan entgangen, wie Beverin ihnen wehmütig nachsah, nachdem sie losgefahren waren. Ihn beschlich der leise Verdacht, dass er der Grund war, warum Beverin sich vor dem Ausflug gescheut hatte.

War er nicht einmal dann bereit einen Tag mit seinem Sohn zu verbringen, wenn das hieß, seine Enkelin begleiten zu können?

Diese Vermutung verstieß er aus seinem Denken und sorgte lieber für ihren dritten Passagier, der eng an Obi-Wan geschmiegt mit großen blauen Augen den Worten des Jedi lauschte, der ihm von der Landschaft rundherum berichtete.



Sie drosselten das Tempo und kamen an einem abgelegenen Hang zum Stehen. Obi-Wan sah sich ehrfürchtig um. Um sie herum ragten vom Sonnenlicht zum Leuchten gebrachte Berge auf und direkt vor ihnen erstreckte sich eine mehrere hundert Meter hohe Felswand, sodass deren Ende mit bloßem Auge nicht zu erkennen war.

„Ich hoffe, du hast keine Höhenangst?“ Irina zurrte an den Riemen ihres Wanderrucksacks, den sie auf den Rücken nahm.

„Nicht solange ich festen Boden unter den Füßen habe.“ Obi-Wan wickelte Luke in das Tragetuch, selber ebenfalls einen Rucksack mit Proviant auf dem Rücken.

„Oh, das kenne ich. Du magst das Fliegen wohl auch nicht?“ Sie schnürte ihre Schuhe fest. Ihre Handgriffe zeugte von reichlich Routine.

„Ich kann mir bessere Beschäftigungen vorstellen“, sagte Obi-Wan ohne die Miene zu verziehen.

Irina lachte herzlich und trieb dann zum Aufbruch. Ein gut verborgener Pfad führte am Fuß der Felswand sanft bergauf, was ein gemütliches Gehen erlaubte.

„Wie bist du in den Genuss gekommen?“, knüpfte er an ihr Thema an.

„Oh, eine Exkursion zu einem medizinischen Notfall. Wir haben von der Behörde ein Raumschiff bekommen und sind dann runter auf die Südhalbkugel. Dann ist ein Unwetter aufgezogen und hat uns ganz schöne Schwierigkeiten bereitet. Aber es ist alles gut gegangen“, erklärte Irina, doch ihr Lächeln wirkte nicht mehr unbeschwert.

„Das war das einzige Mal?“, fragte er.

„Nachdem … nach dem Unfall wollte ich auch nicht mehr“, meinte sie stockend.

„Hast du mit Owen darüber gesprochen? Er hat mir davon erzählt, aber ich hatte das Gefühl, dass er dich mehr gebraucht hat als mich.“

„Dad hat gesagt, dass du ihn geschickt hättest und er sich allein niemals dazu aufgerafft hätte. Du warst für ihn da. Dafür sind wir beide sehr dankbar, denke ich.“

Für Obi-Wan klang das wie einstudiert, doch die Macht bestätigte ihm Irinas Ehrlichkeit. Merkwürdig, im Nachhinein war er sich in Bezug auf Owen vollkommen nutzlos vorgekommen. Vielleicht hatten seine Worte ja doch so etwas wie … Trost gespendet?

„Und wie geht es dir?“, wollte er wissen, damit seine Nachdenklichkeit nicht weiter auffiel.

„Ich komme zurecht. Es ist schwer, aber ich habe allmählich verstanden, was passiert ist. Dass es ein Zurück nicht gibt.“

„Verstehe“, sagte Obi-Wan und war sich nicht sicher, ob er das wirklich tat.

Die Tierspuren, die er auf dem Boden entdeckte, sorgte für eine willkommene Ablenkung. Die Abdrücke waren ihm gänzlich unbekannt, doch ihn störte diese Wissenslücke nicht. Die planetaren Geschöpfe, die zweifellos hier entlang gekommen waren, würden sich von ihm nicht identifizieren lassen.

Nicht lange und sein Kopf löste sich vom Boden und betrachtete stattdessen die Landschaft. Hohe Fichten säumten dieses Gebiet und reckten sich mit ihren Nadeln majestätisch gen Himmel. Es war möglich, viele Klicks weit über die Bäume in die Grasebenen Stewjons zu blicken, die in der Ferne jenseits der Berge lagen. Bislang hatte Obi-Wan nur die weiten Wiesen kennengelernt, die die Landschaft beherrschten und typische Motive des Planeten waren.

Stewjon hatte weitaus mehr zu bieten, wie der Jedi dabei war zu erfahren. Da er nie so etwas wie eine simple Wanderung unternommen hatte, ohne in potenzieller Gefahr zu schweben, war auch dieses Erlebnis neu. Eine Faszination für atemberaubende Natur lastete ihm jedoch seit jeher an, nur hatte er auf Missionen stets andere Prioritäten gehabt. An das Leben eines Normalsterblichen musste er sich erst gewöhnen. Genießerisch zog er die frische Luft ein, dabei stieg ihm der unverwechselbare Geruch von Harz in die Nase.

Irina hatte das bemerkt. „Dir gefällt es hier, stimmt’s?“

„Man hat mir nie gesagt, dass Exilaufenthalte so erholsam sind“, sagte er mit einem angedeuteten Schmunzeln.

„Exil, ja? So nennst du es also, wenn es jeden Morgen Frühstück gibt, ein warmes Bett und eine Unterkunft?“

„Soll ich in die Einöde umziehen?“, fragte Obi-Wan.

„Damit du dich von irgendwelchen Raubtieren fressen lässt? Auf keinen Fall.“

„Ich kann ganz gut mit Tieren, weißt du? Außerdem … von dir hätte ich erwartet, dass du deine Patienten verteidigst. Schließlich willst du die Tierärztin werden.“

Irina zog daraufhin die Stirn in Falten. „Du und Tiere? Es würde mich nicht wundern, wenn du neben einem ausgewachsenem Blutwolf schlafen würdest“, meinte Irina.

„Warum nicht gleich ein Acklay?“ Obi-Wan gefiel die Vorstellung eines menschenfressenden Blutwolfs gar nicht, doch gegen Acklays hatte er eine ganz persönliche Abneigung.

„Hattest du sowas als Haustier?“ Sie verzog misstrauisch das Gesicht und verabschiedete sich offenbar von der Vorstellung eines Jedi, der mit einem Blutwolf befreundet war.

„Acklays sind die einzigen, mit denen ich mich nicht verstehe. Nicht mehr seit mich eins von denen zum Mittag verspeisen wollte.“ Entrüstet hob er die Arme. Dieses Erlebnis war ganz sicher keines von den schönen.

„Dann ist ja gut, dass ihnen das Klima auf Stewjon nicht bekommen würde. Wie kommst du überhaupt in den Genuss, Bekanntschaft mit denen geschlossen zu haben?“ Es war Irina hoch anzurechnen über so ein fremdes, in eher tropischem Klima beheimatetes, Tier Bescheid zu wissen.

„Ich wurde bei der Entscheidung übergangen“, erklärte Obi-Wan recht unbekümmert. Irina brauchte nicht wissen, dass er ohne die Hilfe der Jedi auf Geonosis gestorben wäre. Er war jetzt hier und das war alles, was zählte.

Kurz darauf versperrten ihnen einige herabgestürzte Felsbrocken den Weg, sodass sie vorsichtig drüber hinweg kletterten. Für seine Maßstäbe bewegte Obi-Wan sich äußerst langsam, denn sollte er mit dem Fuß abrutschen, würde er Luke mit sich reißen, der ihm einen Sturz sehr übel nehmen würde. Nebenbei konnte er bestaunen, wie geschickt Irina das Hindernis meisterte und immer einen festen Tritt fand.

Kaum waren die Felsen überwunden, fragte er: „Bist du oft in den Bergen?“

„Ja, früher sogar noch mehr, da war ich auch ein paar Mal bergsteigen, meistens bin ich bei meinem Großvater mit“, erklärte sie ihm.

„Das hast du mir noch gar nicht erzählt“, meinte er.

„Wäre doch langweilig so ganz ohne Geheimnisse, oder?“ Fröhlich lächelte sie und nahm dadurch dem kurzen Moment der Anspannung den Wind aus den Segeln.

„Du hast Geheimnisse vor mir?“, versuchte Obi-Wan sich an seinem typisch ironischen Ton aus den Klonkriegen. Er wollte nicht so recht gelingen.

„Du doch auch.“ Sie klang schüchtern, beinahe vorwurfsvoll, denn dass Obi-Wan Geheimnisse hatte, war allen in seiner Familie klar. Aber es gab weiterhin Pflichten, die er zu erfüllen hatte, gut gehütete Informationen, die er bewahren musste und einiges verschwieg er auch zum Schutz. Es gab Dinge, die sollte seine Familie lieber nicht erfahren, allen voran die erlebten Verbrechen, aber auch was die Separatisten mit ihm gemacht hatten. Er hütete er sich davor, darüber zu viele Worte zu verlieren.

Er räusperte sich und versuchte schnellstmöglich vom Thema wegzukommen. „Sag mal … Beverin, der war mal so richtig klettern? Wie man sich das vorstellt, mit Sicherung und Karabiner?“

„Er hat das jahrelang jedes Wochenende gemacht. Ich weiß noch, wie ich ihn angefleht habe, mich mitzunehmen, bis er das eines Tages tatsächlich gemacht hat. Oh … und ich musste mich immer dreifach sichern, weil er sonst immer fürchterliche Angst um mich hatte. Aber das war bevor das mit den Knieproblemen anfing.“ Irina war Feuer und Flamme, während Obi-Wans sich den ernsten Mann kaum fürsorglich vorstellen konnte, doch Irina war wohl sein kleiner Engel.

„Dir hat es also gefallen.“

„Siehst du doch. Ich ziehe immer noch los und erklimme Gipfel.“ Sie hakte die Hände hinter die Träger des Rucksacks, während sie genussvoll den Blick schleifen ließ.

„Wenn es nach mir ginge, bräuchtest du vier Sicherungen“, erklärte Obi-Wan, worauf er einen viele Male erprobten Seitenblick erhielt, der ihn zu zwingen schien, die Worte zurückzunehmen.

„Deine Sorge in allen Ehren, Obi-Wan, aber mit fünfzehn Jahren Erfahrung im Berg muss ich mir deine ängstlichen Predigten nicht mehr anhören.“

„Routine ist das Gefährlichste, das sollte selbst im Outer Rim bekannt sein“, erklärte er nüchtern.

„Achte du lieber auf den Weg, bevor du dir beim Wandern noch den Knöchel verknackst“, hielt seine Nichte dagegen.

Es war ihm nicht vergönnt zurückzuschlagen, denn er vergaß augenblicklich, was Irina gesagt hatte, als er bemerkt, dass Lukes eben noch so aufmerksame Augen erschöpft zugefallen waren. Obi-Wan tätschelte ihn in einer behütenden Geste und erlaubte sich die Zuneigung, die in ihm aufstieg, denn was immer seine Vernunft dagegen einwandte, es fühlte sich gut an. Es fiel ihm auch nicht auf, dass er eigentlich noch mehr von seinem Vater hatte erfahren wollen.

„Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hätte ich nie für möglich gehalten, dass du ihn jemals so dicht an dich heranlässt“, sagte Irina in diesem Augenblick.

„Was?“

„Sieh mich nicht so schockiert an! Damals hast du ihn weggedrückt, nur weil er sich an dich gekuschelt hat. Ich hoffe ich muss dir nicht erklären, wie wichtig es für Kinder in dem Alter ist Nähe zu …“

„Damals? Ist es nicht eher so, dass seitdem erst wenige Monate vergangen sind?“, unterbrach er sie und fuhr wesentlich trübseliger fort: „Seit seiner Erkrankung … seit es ihm so schlecht ging, kann ich ihm das nicht mehr verbieten. Ich habe gefühlt, wie es ihm ging. Beinahe hätte meine undurchdachte Nacht und Nebel Aktion ihn umgebracht …“

„So schlimm war es am Ende nicht. Auch wenn dein Verhalten mich wirklich entsetzt hat. Aber du hast ihn ja wieder hinbekommen.“ Irina versuchte ihn aufzuheitern. Sie hatte schnell durchschaut, dass seine akkurate, beinahe aristokratische Ausdrucksweise meist dann verschwand, wenn ihn etwas Belastete.

„Ich hätte mir nie verziehen, wenn ihm was passiert wäre. Mir ist da klar geworden, was ich eigentlich auf mich genommen habe und dass ich mehr tun muss, als ihn vor Gewalt zu schützen. Unsere Bindung ist intensiver geworden, obwohl ich versucht habe, es nicht dazu kommen zu lassen. Eigentlich müsste ich …“

„Lass solche Überlegungen. Damit schadest du dir nur.“

„Ich habe mich gebessert“, versicherte er. „Tut mir leid, dass ich so empfindlich reagiere.“

Empört protestierte Irina. „Du bist fast wie Opa, weißt du das? Der meint auch, sich immer stark und unantastbar zeigen zu müssen. Du kannst Gefühle nicht einfach abstellen!“

Irgendwoher kannte er diese Diskussion, aber sowohl er selbst als auch Irina würden ihre Meinung nicht ändern. Seine Nichte war wohl zu dem gleichen Schluss gekommen. Sie machte einen Schritt zur Seite und kam ihm so überraschend nahe. Obi-Wan verhinderte eine Berührung, indem er beschleunigte und wunderte sich noch im gleichen Moment darüber.

Sie seufzte. „Haben eigentlich alle Jedi Berührungsängste?“

Obwohl sie es sicher als rhetorische Frage formuliert hatte, gestand Obi-Wan ihr die Wahrheit zu. „Kaum einer so stark ausgeprägt wie ich. Aber ich glaube nicht, dass sich jemand getraut hätte, die Ratsmitglieder anzufassen. Die können mitunter ganz schön einschüchternd sein.“

„Du auch“, erklärte sie fest.

Woher sollte sie auch von Obi-Wans Mitgliedschaft in diesem hohen Gremium wissen? Er beließ es dabei. Seine Familie reagierte für seinen Geschmack viel zu allergisch auf Jedi. Ihnen da noch zusätzlich unter die Nase zu reiben, dass er nicht nur ein Jedi-Meister, sondern gleichzeitig auch Mitglied des letzten Jedi-Rates gewesen war, musste er sie nicht wissen lassen. Ganz abgesehen davon, dass er ungewollt den Titel eines hervorragenden Lichtschwertkämpfers, den eines ausgezeichneten Diplomaten – was ihm ganz nebenbei den Namen der Unterhändler eingebracht hatte – und den eines Generals innehatte.

„Ich hoffe stark, du verzeihst mir mein Verhalten. Es ist nicht einfach sich an diese Welt zu gewöhnen. Für mich waren immer andere Werte prägend. Aber ich glaube, selbst Luke ist schon dabei mich zu erziehen.“

„Mehr als wir alle. Ist dir aufgefallen, wie er seine Hand immer in dein Hemd krallt? Ich glaube er hat Angst um dich. Dass du ihn verlässt oder weggehst“, merkte Irina an.

Zweifelnd betrachtete Obi-Wan den schlafenden Säugling. „Ich dachte, er macht das, weil er ja schon seine Mutter verloren hat. Er muss ihren Tod gespürt haben, anders konnte ich mir das nicht erklären …“

„Das Naheliegendste kommt dir wirklich immer zuletzt in den Sinn, kann das sein?" Kopfschüttelnd stieg sie über einen Ast, der den Weg blockierte.

Obi-Wan dachte über ihre Worte nach und musste ihr recht geben. Mitunter neigte er dazu, die Dinge vom kompliziertesten Ende anzugehen. „Ich hatte bisher immer jemanden in meiner Umgebung, der auch das berücksichtigen kann.“

„Damit willst du mich ja wohl nicht beleidigen, oder? Ich bin nämlich ganz froh, nicht an deinen komplexen Gedankengängen teilhaben zu müssen.“

„An meinen Kopf lasse ich niemanden, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

Irina hielt inne, als ihr etwas auffiel. „Moment … gespürt … du hast gesagt, Luke hat … Aber wie? Ist er ein Jedi?“

„Nur weil er machtsensitiv ist, macht ihn das noch nicht zum Jedi. Aber ja, er kann die Macht spüren“, gab er harsch zurück.

„Die Eltern …“

„Dazu werde ich nichts sagen und es ist auch besser, wenn du von nichts weißt. Bevor du auf die Idee kommst zu fragen: Ich werde ihn nicht ausbilden.“

Sie folgten einem kurzen, steilen Anstieg hinauf, bis sie schwer Luftholend die letzte Hürde überwanden und den Aussichtspunkt erreichten, den sie vom Speeder noch nicht hatten sehen können. Vor ihnen tat sich nun ein atemberaubender Anblick auf. Weit unter ihnen zog sich die Landschaft herrschaftlich dahin, überall säumten grüne Flächen die Ebene und nur ein schnell fließender Fluss, der sich seinen Weg jenseits der Berge suchte, unterbrach das Bild.

Die Landschaft war voller kleiner Miniaturwunder. Das Gras strahlte, das Wasser glitzerte und die Felsen zwischen all dem faszinierten mit ihren unterschiedlichen Umrissen. Rundherum stachen noch viel höhere Gipfel in den Himmel, dass ihr Aussichtspunkt wiederum klein erschien. In Anbetracht dieser Größenverhältnisse wirkten Irina und Obi-Wan unbedeutend. Die Natur interessierte sich nicht für sie, die anderen Menschen oder Regierungen. Die Botschaft war so klar wie eindeutig: Die Natur ließ sich nicht beherrschen.

Hier oben fühlte Obi-Wan die Macht herrlich klar pulsieren, als würden nicht gerade zwei Sith dabei sein, ein Imperium aufzubauen. Der Wind verwehte seine Haare, woraufhin ihm eine Strähne ins Gesicht fiel. Er störte sich nicht daran, sondern genoss das Gefühl von Lebendigkeit in sich.

Was für ein Betäubungsmittel ihm auch auf Mustafar zu Kopf gestiegen war, die Bergluft vermochte die Schatten zurückzudrängen, sodass sie in der Ecke lauerten, bereit ihn wieder anzufallen, sobald er diesen Ort verließ. Jedoch war nichts in der Lage, diese Erinnerung zu stehlen, die Obi-Wan mit ins Tal nehmen würde.

Tief atmete er die Luft ein, die er erst nach und nach wieder entweichen ließ, dabei schärfte sich sein Blick in der Macht, mit der er sich so fest verbannt, dass er fast in ihr verschwand. Deutlich zerrte der Wind nun auch an seiner Kleidung, die sich sanft wölbte und im Gesicht spürte er die Sonnenstrahlen. Diesen Augenblick wollte er ganz fest packen und aufheben.

Er spürte Irinas Nähe und fragte sich welche Gedanken sie hier oben umtrieben. Vielleicht Minna? Oder doch eher Beverin, der sich geweigert hatte, sie zu begleiten? Konnte es sogar Sorge um ihn, Obi-Wan, sein? Die Antwort auf diese Frage schien ihm gar nicht so wichtig, nur das Gefühl der Freiheit, das war wirklich von Bedeutung.

Nach einer Weile trat Irina einen Schritt an ihn heran. „Du hast noch viel Arbeit vor dir, das ist dir klar, oder?“
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