Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Depression II

KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P12 / Gen
27.02.2021
27.02.2021
1
627
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
27.02.2021 627
 
Mehr zum Thema Depression:
Depression




Depression II


An manchen Tagen wusste sie nicht mehr so genau, wann die Welt zu einem Würfel geworden war und seit wann Würfel keine Ecken mehr hatten, sondern rund erschienen. Als würde man Mensch–Ärger–Dich–Nicht spielen und in einer Zeitschleife des immer währenden ersten Wurfes festhängen, da dieser niemals zu Ende ging.
An diesen Tagen war sie sich nicht mehr sicher, wie ihr Verstand funktionierte, ob er noch arbeitete und wie es sich anfühlte, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen.

Ja, an diesen Tagen war der runde Würfel eine Art Wackelpudding. Nur viel nebliger. Eine neblige Hüpfburg ohne Hüpfeigenschaft. Schwankend und wankend. Sie wusste nicht, wie sie es erklären sollte. Dieses Gefühl, als wäre man zu lang Rollschuh gefahren und hätte sich im dunklen Wald verlaufen. Die Sonne seit vielen Wintern nicht mehr aufgegangen.

An diesen Tagen war Sauerstoff schneidend scharf und die inneren Organe permanent und unrettbar verknotet. Organtwister. Alles in ihr schmerzte so sehr, dass sie keine Worte mehr hatte, den Weg zur Tür nicht schaffte.
An diesen Tagen blieb sie am liebsten liegen und wenn nicht im Bett, dann auf der Couch. Krümmte sich zusammen wie ein Embryo und wünschte sich vielleicht in dieses Stadium zurück. Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht wünschte sie sich an diesen Tagen auch nur, dass Cola wieder süß schmecken würde.

An diesen Tagen würde sie sich am liebsten das Herz aus der Brust reißen, es für einige Stunden in den Gefrierschrank legen, um es sich dann operativ wieder einzusetzen. Anspannung konnte sie bekanntlich gut mit Kälte minimieren, warum also nicht den Übeltäter direkt schockgefrieren und auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

An diesen Tagen konnte sie sich nicht vorstellen, dass die Sonne jemals wieder aufgehen würde, dass sich die Welt weiterdrehte und das alles nur in ihrem Kopf war. Wie war es möglich, dass all die Menschen dort draußen weiter lebten, sich bewegten, manchmal drehten. Dass sie lachten, liebten, tanzten, weinten, hassten ... Dass sie waren, wie sie sind, und das noch dreimal mehr.
An diesen Tagen war der Parasit in ihrem Kopf so real, wie das Monster unter dem Bett und der Dementor vor der Tür.

An diesen Tagen gab es nur jene Hüpfburg ohne Hüpfeigenschaft bei Nacht und jenen grauen Brei aus einer frühen Fernsehwerbung, zu der ihr die Marke nicht mehr einfiel.
An diesen Tagen war ihr Kindergeburtstag dunkelgrau und kunterschwarz in Horizontalstreifen. Horizontalstreifen machten dick, hatten sie ihr in der Kindheit immer gesagt. Sie sollte keine Horizontalstreifen tragen, hatte man ihr gesagt.
An diesen Tagen war ihr Leben ein einziger, großer Horizontalstreifen. Dabei konnte der Horizontalstreifen auch nichts dafür und mittlerweile mochte sie Horizontalstreifen eigentlich auch ganz gern.

Wenn sie solch einen Tag, der Wochen dauern konnte, überstanden hatte, versicherten ihr all die lieben Menschen, dass sie etwas hätte sagen können. Dass sie sich hätte melden können. Aber wie sollte sie einen Tag beschreiben, der sich anfühlte, wie ein einziger, großer Horizontalstreifen, den sie doch eigentlich mochte, der aber an diesen Tagen wie eine Hüpfburg ohne Hüpfeigenschaft war.

Wie sollte sie Menschen, die so etwas nie erlebt hatten, erklären, wie sich so etwas anfühlte? Wie sollte sie an solchen Tagen mit Menschen kommunizieren, wenn selbst Atmen wie der Endgegner bei Super Mario Bros. erschien?
An diesen Tagen war das Ziel nur diesen Tag zu schaffen.
An diesen Tagen hätte sie lieber Längsstreifen getragen und schief Querflöte gespielt.
An diesen Tagen drehte sich die Welt auf eine Weise zu langsam, die ihr das Leben nahm. All die Liebe und die Farben.
An diesen Tagen gab es Haferbrei mit Banane und Salzozeanen.


Und manchmal gingen diese Tage auch vorüber.
Und manchmal ist manchmal ganz schön oft.
Und manchmal ist manchmal auch einfach alles, was zählt.
Versprochen.



.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast