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A double-edged arrow in my heart

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Mix
Atsushi Nakajima Chuya Nakahara OC (Own Character) Osamu Dazai
27.02.2021
06.06.2021
7
25.397
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
27.02.2021 3.941
 
Hallö und herzlich willkommen!

Zu Anfang möchte ich euch darauf hinweisen, dass dies die Fortsetzung meiner Geschichte > A double-edged sword under my skin < ist und ihr den ersten Teil unbedingt gelesen haben solltet, bevor ihr mit dieser Geschichte beginnt.
Des Weiteren wollte ich euch gleich mitteilen, dass ich zwar versuchen werde wöchentlich ein neues Kapitel hochzuladen, aber ich kann es nicht versprechen. Also kann es gut sein, dass der Upload etwas unregelmäßig sein wird.
Zu guter letzt möchte ich euch viel Spaß wünschen und hoffe, dass euch diese Geschichte gefallen wird. :)



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Es waren nun beinahe drei Monate seit dem Vorfall in dem Labor und dem Ableben dessen Leiters vergangen. Misaki war mittlerweile wieder vollkommen genesen und hatte sich größtenteils von den Geschehnissen erholt. Auch wenn sie immer noch nicht ganz verarbeiten konnte, dass der Mann, der ihr so viel Leid, Qual und Schmerz zugefügt hatte, ihr Vater gewesen war. Sie hatte seinem Leben ein schnelles Ende gesetzt und war damit weitaus gnädiger gewesen, als er es verdient gehabt hätte. Die meisten Menschen hätten an Misakis Stelle wohl anders gehandelt und diesen Mann höllische Qualen durchleiden lassen. Anfangs hatte sie dies auch vorgehabt, doch schlussendlich hatte sie sich dagegen entschieden. Auch wenn sie sich sicher gewesen war, dass niemand sie dafür verurteilt hätte, hatte sie es dennoch nicht gewollt. Denn dann wäre Misaki genau zu dem geworden, was er aus ihr machen wollte. Ein Monster, so wie er eines gewesen war. Skrupellos und ohne jegliche Empathie, nur auf die eigenen, egoistischen und grausamen Ziele fixiert. Doch so wollte Misaki nicht sein und sie wusste, dass sie ohne Atsushi, Chuuya und Dazai niemals aus dieser Dunkelheit entkommen wäre. Ohne diese Drei hätte sie sich weiterhin blind der Rache und Vergeltung hingegeben, bis sie sich schließlich selbst verloren hätte und zu dem geworden wäre, was sie so verabscheute. Misaki war jedoch auch froh, dass dieser Tag nicht bloß mit negativen Erinnerungen verbunden war. Denn es war ebenfalls der Tag gewesen, an dem sie und Atsushi sich etwas nähergekommen waren. Auch wenn es nur dieser eine Kuss war, hatten sie all ihre Gefühle in diesen gelegt und zum Ausdruck gebracht. Immer dann, wenn sie an diesen Moment dachte, schlich sich ein wehmütiges Lächeln auf ihre Lippen. Denn seitdem hatte Misaki Atsushi nicht mehr wiedergesehen, da sie sich zuerst erholen musste und strikte Bettruhe verordnet bekommen hatte. Anschließend hatte sie dann immer so viele Aufträge gehabt und war sogar eine Weile nicht in der Stadt gewesen, sodass sie keine Gelegenheit gefunden hatte, ihn zu besuchen. Wobei sie da ohnehin vorsichtig sein müsste, denn Chuuya hatte ihr jeglichen Kontakt strengstens verboten, da sie nun wieder verfeindet waren und es einem Verrat an der Port Mafia gleichkäme. So ungern Misaki dem Rothaarigen auch etwas verheimlichen und ihn belügen wollte, wusste sie dennoch, dass sie sich nicht gänzlich von Atsushi fernhalten konnte. Es war das erste Mal, dass sie auf diese Art und Weise etwas für einen anderem Menschen empfand und das wollte sie sich auch nicht nehmen lassen, selbst wenn sie dadurch ein hohes Risiko einging. Misaki hatte auch ein klein wenig Hoffnung gehabt, dass es gar nicht erst soweit kommen würde, aber da man ihr keine andere Möglichkeit ließ, würde es sich wohl nicht vermeiden lassen. Sie würden sich dadurch zwar bloß selten sehen und es wäre alles andere als ideal, aber für sie war diese Option dennoch allemal besser, als ihn überhaupt nicht mehr sehen zu können. Denn Misaki liebte Atsushi und sie wusste, dass er ebenso fühlte, auch wenn keiner von ihnen es bislang ausgesprochen hatte.
Misaki schüttelte ihren Kopf und versuchte damit all die Gedanken zu vertreiben, um sich auf ihre Mission konzentrieren zu können. Sie hatte nämlich von Mori den Auftrag bekommen, zwei bestimmte Männer zu ihm zu bringen. Die Wahl war deswegen auf sie gefallen, da Chuuya etwas anderes erledigen musste und sie ansonsten die Einzige war, die diese beiden kannte. Doch abgesehen davon war ihr Boss auch der festen Überzeugung, dass Misaki geeigneter für diese Aufgabe war und sie ohne Probleme erledigen konnte. Und aus diesem Grund stand sie nun hier, vor diesem alten und verlassen wirkenden Wohnhaus, dessen Fassade und Fenster größtenteils von Graffiti bedeckt war, und welches sich etwas außerhalb von Yokohama befand. Es waren zwar einige von Chuuyas Untergebenen ebenfalls bei ihr, doch sie befahl den Männern, draußen auf sie zu warten. Denn es war definitiv besser, wenn Misaki alleine mit ihnen sprechen und keine bewaffneten Personen mitbringen würde. Auch aus dem Grund, weil sie sich sicher war, dass sie vor ihnen nichts zu befürchten hätte. Und da der Rothaarige ihnen befohlen hatte, bei dieser Mission Misakis Befehlen genauestens Folge zu leisten, widersprach ihr auch niemand.
Als Misaki die Eingangstür öffnete und das Gebäude betrat, war es darin ihrer Meinung nach viel zu still. Jedoch ergab dies auch Sinn, denn sie würde auch keine Geräusche von sich geben, wenn jemand in den Ort eindringen würde, an dem sie sich versteckt hielt. Keigo und Touya hatten damals in dem Labor ein ähnliches Training durchlaufen, wie sie selbst und daher hatte sie eine ungefähre Ahnung, wie sie agieren würden. Wobei Misaki sich auch irgendwie sicher war, dass die beiden bereits wussten, wer ihnen einen Besuch abstattete. Andernfalls hätte Keigo sie schon längst mit seinen Federn angreifen oder festsetzen können, da viele dagegen machtlos waren und nicht einmal schnell genug reagieren konnten. Misaki machte sich darüber jedoch keine Sorgen und sah sich seelenruhig im unteren Teil des Wohnhauses um. Von außen hatte dieses zwar schäbig ausgesehen, aber im Inneren war es eigentlich gar nicht so schlimm, obwohl es ziemlich unordentlich und bloß spärlich möbliert war. In der Küche stand einiges an benutztem und dreckigem Geschirr herum, während das Wohnzimmer so wirkte, als ob es gar nicht benutzt werden würde. Vermutlich hielten die beiden Männer sich die meiste Zeit im Obergeschoss auf, wenn sie hier waren. Zumindest deutete für Misaki alles darauf hin und wenn sie genau darüber nachdachte, würde sie es wohl auch so machen. Denn man konnte sie dort oben schwerer entdecken, da die Fenster höher lagen und der Einblick ohnehin größtenteils von Graffiti blockiert wurde. Keigo und Touya hatten das definitiv gut durchdacht und waren bestimmt auch auf alles vorbereitet, so wie sie es von den beiden erwartet hatte.
Misaki steuerte direkt auf die Treppe zu, welche sie in das obere Stockwerk führen würde. Langsam erklomm sie diese, Stufe für Stufe und ließ dabei ihren Blick über die Umgebung schweifen. Es war nirgends jemand zu sehen, geschweige denn zu hören und es gab auch kein Anzeichen, dass sich jemand hier befand. Dennoch hatte Misaki das starke Gefühl, dass sie beobachtet wurde und das schon eine ganze Weile. Vor allem dann, als sie oben angekommen war. Skeptisch betrachtete sie den Flur, der sich vor ihr erstreckte und nicht besonders einladend aussah. Der Rest der Tapete, der noch nicht abgefallen und auf dem hellen Parkettboden gelandet war, war ausgebleicht und löste sich ebenfalls von den kargen Wänden. Hier und da waren auch hellere, rechteckige Stellen zu sehen, an denen wohl einmal Bilder gehangen haben mussten. Misaki wollte ihren Weg gerade fortsetzen, als sie plötzlich etwas am Ohr kitzelte. Erschrocken wich sie zur Seite und sah sich fragend um, bis sie eine kleine, rote Feder erblickte, die nun unweit vor ihr in der Luft schwebte. Sie entspannte sich und hielt auffordernd ihre Hand auf, woraufhin die Feder auf dieser landete. Doch noch bevor Misaki sie näher betrachten konnte, flog sie bereits wieder langsam los. Sie verstand, dass es wohl eine Aufforderung war und sie ihr folgen sollte. Jeder andere wäre in dieser Situation wohl von einer Falle ausgegangen, doch sie nahm es einfach hin und schritt über den Boden, der leise unter ihren Füßen knarzte. Die Feder führte sie zu der Tür, die sich am Ende des Flurs befand und glitt schließlich unter dem Türspalt hindurch. Misaki hob eine Augenbraue, zuckte dann aber bloß mit den Schultern und öffnete nonchalant die Tür. Hinter dieser befand sich ein großer Raum, dessen Wände wohl einmal weiß gewesen, aber nun vergilbt waren. In diesem befand sich nur ein großes Bett und eine dunkle Couch, auf der die beiden Männer saßen, nach denen sie gesucht hatte.
»Das hat aber lange gedauert, also ich hatte euch früher erwartet«, sagte Keigo mit einem süffisanten Grinsen.
»Nun ja, ich war ziemlich beschäftigt... abgesehen davon mussten auch all meine inneren und äußeren Wunden heilen, die ich im Labor und von meinem “Vater” zugefügt bekommen hatte«, erwiderte Misaki trocken, während sie den Raum betrat und sich gegenüber von ihnen an die Wand lehnte.
»Sie hätten auch einfach jemand anderes und kompetentes schicken können«, mischte sich Touya tonlos ein, der sie mit seinen türkisen Augen musterte.
»Wenn ich die Wahl gehabt hätte, dann wäre ich auch nicht hier. Auf deine reizende Art kann ich nämlich gut und gerne verzichten, Touya.«
Misaki verschränkte die Arme vor ihrer Brust und seufzte langgezogen. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass diese Mission anstrengend und nervenaufreibend werden würde. Denn sie wusste, dass diese beiden - ähnlich wie Akutagawa – nicht besonders umgänglich waren. Wobei Keigo für sie noch weitaus angenehmer und sympathischer war, als Touya.
»Ich nehme mal an, dass es mit deinem Vater gut gelaufen ist?«, fragte der Blondhaarige interessiert.
»So gerne ich auch einfach mit euch plaudern würde, deswegen bin ich nicht hier und das weißt du bestimmt. Immerhin hast du erwartet, dass jemand kommen würde«, sagte Misaki ruhig, »Um direkt auf den Punkt zu kommen: mein Boss möchte mit euch sprechen und es wäre außerordentlich nett, wenn ihr mich einfach begleiten würdet, damit wir das schnell hinter uns bringen können. Was sagt ihr dazu?«
Touya wollte gerade etwas erwidern, als Keigo ihm schnell die Hand vor den Mund hielt und stattdessen antwortete.
»Wenn du mir danach meine Fragen beantwortest und mir Chicken Nuggets oder irgendetwas anderes mit Hühnchen besorgst, dann gern!«
»Du denkst auch immer nur ans essen, Spatzenhirn«, murrte Touya genervt, nachdem er die Hand des Blondhaarigen von seinem Mund entfernt hatte.
Seufzend nickte Misaki und wies die beiden an, ihr zu folgen. Indessen sie das Haus verließen, tätigte sie noch einen kurzen Anruf, um Mori Bescheid zu sagen, dass sie nun mit den beiden Männern auf dem Weg zu ihm war.

Als die Drei vor der Tür angekommen waren, welche zu Moris Büro führte, hielt Misaki noch kurz inne. Sie drehte sich zu Keigo und Touya, um ihnen noch einen letzten Tipp zu geben, denn immerhin wusste sie selbst nur zu gut, wie ungemütlich ihr Boss werden konnte und wollte daher jegliche Probleme vermeiden.
»Ich bin mir zwar sicher, dass ihr schlau genug seid, aber ich möchte es dennoch ausdrücklich betonen: benehmt euch und sprecht nur dann, wenn ihr etwas gefragt werdet. Denn ihr steht gleich dem Boss der Port Mafia gegenüber und nicht irgendeinem unbedeutenden Mann, verstanden? Ich bitte euch, macht keinen Ärger...«
Misaki wartete nicht einmal auf eine Antwort oder Reaktion, sondern wendete sich von ihnen ab und klopfte dreimal an die Tür. Kurz darauf erklang auch schon Moris Stimme, der sie hereinbat. Sie atmete tief durch, ehe sie der Aufforderung nachkam und gefolgt von Keigo und Touya das Büro betrat. Still und schnellen Schrittes gingen die Drei auf den Mann zu, der hinter seinem großen Mahagonischreibtisch saß und die Neuankömmlinge bereits grinsend musterte. Sie hielten unweit vor diesem an, Misaki kniete sich hin und senkte ihren Kopf. So verharrte sie, bis Mori schließlich zu sprechen begann und sie dazu aufforderte, sich wieder zu erheben.
»Das sind also die zwei Männer, von denen du mir so ausführlich erzählt hast, Misaki-kun?«
»Ja, Boss. Das sind Keigo Takami und Touya Todoroki.«
»Ich habe schon viel über euch beide gehört und eure Fähigkeiten klingen... interessant und nützlich«, sagte Mori und wandte sich den beiden zu, »Misaki-kun bürgt sogar dafür, dass ihr zwei außerordentlich fähige Männer seid. Ihr wisst bestimmt schon, weshalb ich euch zu mir bringen ließ, richtig?«
Keigo und Touya tauschten einen überraschten Blick untereinander aus und sahen anschließend kurz zu Misaki, ehe der Blondhaarige zu sprechen begann.
»Du willst, dass wir uns deiner Organisation anschließen und damit hatten wir auch schon vor Monaten gerechnet«, antwortete er gelassen lächelnd.
»Ach, ist das so? Dann kann ich wohl davon ausgehen, dass ihr eure Entscheidung schon längst getroffen habt und ich die Antwort bereits kenne. Allzu viele Alternativen habt ihr ohnehin nicht, da ihr von der Regierung wegen Verrats gesucht und gejagt werdet«, erwiderte Mori belustigt und wandte sich erneut Misaki zu, »Wie lauten die drei Regeln der Port Mafia? Erkläre sie ihnen.«
»Den Befehlen des Bosses muss, egal unter welchen Umständen, immer Folge geleistet werden. Die Organisation darf nicht verraten werden. Wir schlagen immer doppelt so hart zurück, wie unsere Gegner«, sagte sie ruhig und richtete ihren Blick dabei auf Keigo und Touya.
»Sehr gut, damit wäre wohl alles gesagt und ich werde Chuuya-kun darüber in Kenntnis setzten, dass er nun zwei neue Untergebene hat. Willkommen bei der Port Mafia, Keigo-kun und Touya-kun. Ihr könnt jetzt gehen, ich habe noch zu tun«, befahl er grinsend und machte dabei eine ausladende Handbewegung.
Misaki verbeugte sich, dirigierte die beiden Männer anschließend aus dem Raum und schloss die Tür hinter ihnen, ehe sie erleichtert ausatmete. Sie hatte schon befürchtet, dass Keigo oder Touya etwas Falsches sagen oder tun würden, doch glücklicherweise hatten sie ihren Rat befolgt. Wobei sie sich auch vorstellen konnte, dass die beiden etwas überrumpelt gewesen waren, denn Mori hatte sie kaum zu Wort kommen lassen. Wobei er das auch nicht musste, da er der Boss war.
»Und das ist der Boss der Mafia? Der Kerl sieht doch auch so aus, als ob er kleine Kinder entführen würde...«, merkte Touya abschätzig an.
»Kennst du den Spruch, dass man ein Buch niemals nach seinem Einband beurteilen sollte? Also wenn es nur ums Aussehen ginge...«, begann Misaki mit hochgezogener Augenbraue, während sie ihn von oben bis unten musterte, »Ach, lassen wir das lieber. Kommt einfach mit, immerhin schulde ich Keigo noch Antworten und etwas essbares. Ich weiß auch schon, wohin wir gehen werden.«

Misaki führte Keigo und Touya – nachdem sie unterwegs etwas gegessen hatten – zu einer Bar, in der sie schon einige Male mit Chuuya gewesen war. Sie hieß Diamant und wurde eigentlich nur von Mitgliedern der Port Mafia besucht, da sie in ihrem Territorium lag und der Eigentümer ein alter Bekannter von Mori war. Es kam nur außerordentlich selten vor, dass sich der ein oder andere Tourist hierher verirrte, doch die meisten verließen das Etablissement schnellstmöglich, sobald sie die anderen Gäste sahen.
Während sie zusammen durch die breite, gläserne Tür schritten, wurde es plötzlich ganz still und die Augen aller Anwesenden richteten sich kurzzeitig auf sie. Doch als sie Misaki sahen, wandten sie ihren Blick sogleich ab und widmeten sich wieder ihren Gesprächen. Denn da sie immer mit Chuuya, einem der Executives, zusammen hier gewesen war, kannte man sie bereits und verlor auch kein Wort über ihre Begleiter. Sie selbst belächelte diese typische Reaktion bloß, da es bei ihrem ersten Besuch auch nicht anders gewesen war, während Keigo und Touya etwas irritiert wirkten. Zielstrebig und lächelnd ging Misaki mit den beiden auf eine der abgelegenen Sitzecken zu, nebenbei begrüßte sie im Vorbeigehen das ein oder andere bekannte Gesicht. Dort angekommen setzte sie sich in den mit Leder überzogenen Ohrensessel, während ihre Begleiter auf der kleinen Ledercouch gegenüber Platz nahmen. Kurz darauf kam bereits eine blonde Kellnerin, deren Name Miyu war und begrüßte sie schon beinahe zu herzlich. Misaki wusste genau, dass sie das nur tat, um sich bei ihr einzuschleimen, da sie ein Auge auf Chuuya geworfen hatte und gut dastehen wollte – selbst wenn der Rothaarige nicht anwesend war. Sie konnte das scheinheilige Getue dieser Frau einfach nicht ertragen, blieb aber dennoch immer weitestgehend freundlich, um keinen unnötigen Stress zu verursachen. Doch allein die quietschige Stimme der Blondine trieb Misakis Puls vor Abneigung gewaltig in die Höhe, sodass sie der Frau am liebsten ihre ehrliche Meinung um die Ohren geworfen hätte.
»Misaki-chan, schön dich zu sehen und wie ich sehe bringst du zwei hübsche, neue Gesichter mit. Chuuya-san arbeitet wohl noch, nehme ich an?«, fragte Miyu lächelnd und neigte dabei ihren Kopf ein wenig zur Seite.
»Richtig, das hast du gut erkannt. Bring mir einfach das Übliche, ja?«
»Natürlich und was darf ich den beiden gutaussehenden Herren bringen?«, wandte die Kellnerin sich zwinkernd an Keigo und Touya.
»Also er nimmt einen Whisky und ich hätte gerne ein Bier. Oh und falls es nicht zu viel verlangt ist, könnten Sie diese scheinheilige Scharade auch einfach sein lassen, denn davon wird einem übel«, erwiderte Keigo unschuldig lächelnd.
Miyus Lächeln verschwand augenblicklich und sie schnaubte beleidigt, ehe sie sich umdrehte und ging. Einen kurzen Moment später begann Misaki bereits zu lachen, während sie sich eine Hand auf den Mund und die andere auf den Bauch legte. Sie hatte zwar damit gerechnet, dass Keigo etwas darauf erwidert, aber nicht, dass er so direkt sein würde. Und wenn sie ehrlich war, amüsierte es sie dadurch umso mehr und sie fand ihn allmählich doch etwas sympathisch. Denn Misaki hatte der Kellnerin schon lange etwas dergleichen sagen wollen, doch sie hatte es unterlassen, um Chuuya keine unnötigen Schwierigkeiten zu bereiten.
Als dann schließlich eine andere Kellnerin die Getränke zu ihnen brachte und diese zwischen sie auf den kleinen Tisch aus dunklem Holz stellte, begannen Misaki und Keigo leise zu kichern, während Touya einfach still dasaß und einen kräftigen Schluck seines Whiskys trank. Der Schwarzhaarige hatte jetzt schon das Gefühl, dass das ein langer Abend werden könnte und er einige Drinks brauchen würde, um die anderen um sich herum zu ertragen. Indessen nippte auch Misaki an ihrem Rotwein, der in einem langstieligen Kristallglas gebracht worden war. Ihr gefielen die kleinen Muster und Verzierungen, die von Hand in diese graviert wurden und jedes der Gläser irgendwie einzigartig machte. Das war eines der Markenzeichen dieser Bar, genau wie die exquisite und vielfältige Auswahl an Getränken.
»Also... du wolltest doch Antworten haben, dann sag mir mal, was du wissen möchtest, Keigo«, begann Misaki das Gespräch, welches sie so schnell wie möglich hinter sich haben wollte.
»Was ist an jenem Tag passiert, nachdem ich dir den Zettel mit der Adresse gegeben habe?«, fragte er ernst und interessiert.
»Nun ja, dass er tot ist, muss ich euch wohl kaum sagen. Das wisst ihr bestimmt schon«, sagte sie und atmete tief durch, »Ich fasse die Geschehnisse mal kurz zusammen: Als wir die Lagerhalle betreten haben, wurde ich plötzlich zu meinem Vater in eine gläserne Zelle gesperrt. Während die anderen dann versucht haben diese Zelle zu zerstören, hat er mir offenbart, dass er mein Vater ist und was damals mit meiner Mutter geschehen ist. Danach hat er mich mit seiner Fähigkeit gequält... und er meinte auch, dass er auf euren Verrat vorbereitet war. Als Chuuya dann Corruption eingesetzt hat, hat er ihn schwer verletzt und den Gnadenstoß habe ich ihm mit Bloodlust verpasst. Tja und mehr ist auch nicht passiert.«
Nach Misakis Antwort herrschte eine unangenehme und erdrückende Stille, in der die Drei bloß tranken und sich neue Getränke bestellten. Sie war überzeugt davon, dass Keigo und Touya nicht gewusst hatten, was ihr Vater genau vorgehabt hatte. Und dennoch konnte sie das Unbehagen und einen Anflug von Schuld in den goldenen Augen des Blonden erkennen, als sich ihre Blicke trafen. Misaki ließ hörbar die Luft aus ihren Lungen weichen und atmete tief ein, ehe sie die Stille durchbrach.
»Hör auf dir Vorwürfe zu machen, Keigo. Ihr konntet es nicht wissen und es ist nun mal passiert, daran kann man nichts ändern. Du solltest im Hier und Jetzt leben, nicht in der Vergangenheit«, sagte sie ruhig und lächelte sanft.
Daraufhin hellte sich auch seine Miene und die allgemeine Stimmung schnell wieder etwas auf. Keigo war ihr für diese Aussage dankbar, denn er und Touya hatten nicht vorgehabt, sie in eine Falle oder etwas dergleichen zu führen. Ganz im Gegenteil sogar, denn sie hatten Misaki bloß helfen wollen – auf ihre eigene Art und Weise. Die beiden hatten auch nie persönlich etwas gegen sie oder Chuuya gehabt, aber hatten nun einmal die Befehle ihres einstigen Bosses befolgen müssen. Er war froh, dass Misaki dies offensichtlich verstand und keinen Groll mehr gegen sie hegte. Und er hatte schon eine Idee, wie er ihr das deutlich machen könnte. Keigo lächelte breit, als sich eine seiner Federn von seinen prachtvollen Schwingen löste und vor ihr in der Luft schwebte. Misaki sah ihn bloß fragend an, ehe sie die Hand geöffnet ausstreckte und die rote Feder auf dieser landete. Sie betrachtete sie einige Momente und tastete sie vorsichtig mit ihrem Zeigefinger ab. Denn sie wollte wissen, ob die Feder wirklich so weich war, wie sie aussah und tatsächlich fühlte sie sich irgendwie flauschig an.
»Deine Federn sind echt viel weicher, als ich dachte, aber... wofür gibst du mir eine davon?«
»Sieh es einfach als ein kleines Geschenk«, sagte Keigo und zuckte lächelnd mit den Schultern.
Misaki musterte ihn kurz skeptisch, bedankte sich dann aber kichernd und steckte die Feder vorsichtig in ihre Jackentasche. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich zumindest mit Keigo ganz gut verstehen würde, doch bei Touya war sie sich da nicht so sicher. Er ähnelte irgendwie Akutagawa, mit dem sie auch nur gerade so auskam und zu dem sie den Kontakt größtenteils vermied, sofern es möglich war. Kurz kam Misaki der Gedanke, dass die beiden sich eventuell gut verstehen würden, doch es könnte auch genau in die andere Richtung laufen. Das konnte man im Vorhinein bloß schwer sagen, aber irgendwann würden sich Touya und Akutagawa bestimmt über den Weg laufen und dann blieb nur zu hoffen, dass es anders ablief, als bei ihr selbst.

Einige Stunden und viel zu viele Drinks später, waren Keigo und Misaki bereits ziemlich angetrunken, wohingegen Touya noch nüchtern war und die beiden ertragen musste. Genervt beobachtete er sie dabei, wie sie sich unterhielten und lauthals über jede Kleinigkeit lachten. Währenddessen klebte der Blonde auch noch wie eine Klette an ihm, sodass er schon annahm, dass sein Trommelfell alsbald platzen würde. Und als die zwei sich ein weiteres Getränk bestellen wollten, reichte es ihm endgültig und er wandte sich seufzend an Keigo.
»Spatzenhirn, ihr habt genug getrunken und wir gehen jetzt, sofort!«, knurrte er genervt.
»Aber Touya, es ist doch gerade so lustig...«, schmollte der Blonde und sah seinen Partner bittend an.
»Nein, wir gehen jetzt!«, erwiderte Touya mit Nachdruck in seiner Stimme.
»Na schön...«, lallte er beleidigt, »Aber wir müssen Misaki noch nach Hause bringen!«
»Wozu? Sie ist alt genug und braucht keinen Babysitter, der sie ins Bett bringt«, schnaubte der Schwarzhaarige genervt.
»Du kannst doch eine betrunkene Frau nicht alleine draußen herumlaufen lassen, so etwas macht man nicht! Und wenn du nicht mitkommst, dann bringe ich sie eben alleine nach Hause!«, beschloss Keigo stur und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
»Na gut, aber dafür schuldest du mir was!«
Lächelnd umarmte Keigo Touya und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Danach standen sie auf und gingen zu der Theke, wo Misaki mit ihrer Kreditkarte bezahlte. Anschließend verließen sie die Bar, wobei ihnen der kalte Wind förmlich ins Gesicht schlug. Jedoch wirkte das auf Keigo und Misaki auch nicht sonderlich ernüchternd, da sie schräg singend einfach den Gehweg entlang schwankten. Touya bereute bereits sehr, dass er die beiden nicht vom Trinken abgehalten hatte und fragte sich ebenso, womit er das bloß verdient hatte. Zum Glück wussten er und Keigo, wo Misaki wohnte und somit konnte er das schnell hinter sich bringen. Danach mussten er und sein Partner zurück zum Hauptquartier der Port Mafia, da sie vorerst dort wohnen würden. Zumindest hatte Misaki ihnen das gesagt und wenn er ehrlich war, dann wollte er einfach nur ins Bett.
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