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Being bad has never felt so good

KurzgeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
26.02.2021
26.02.2021
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Ich wünsche Euch viel Vergnügen mal wieder mit einer spontanen Kurz-Hannigram. :-)

Hier könnt Ihr meinen Banner zur Story anschauen:
https://www.bilder-upload.eu/bild-cdcf58-1614439973.jpg.html

Und diese beiden genialen Songs habe ich während des Schreibens gehört:
https://www.youtube.com/watch?v=84EEjgSEOFM
https://www.youtube.com/watch?v=DbPsIWto5PY


♥ BEING BAD HAS NEVER FELT SO GOOD ♥



Will war wieder hier.
Eigentlich hatte er die Praxis von Dr. Lecter nicht mehr aufsuchen wollen, denn er machte ihn für die zunehmenden Halluzinationen, den steigenden Stresslevel, die vermehrte Schlaflosigkeit sowie das ansteigende Gefühlswirrwarr in seinem Kopf verantwortlich. Normalerweise hätten sich die, einst harmlos begonnenen, Symptome durch die regelmäßigen Sitzungen bessern sollen, doch das Gegenteil war der Fall. Sein Chef beim FBI, Jack Crawford, hatte Dr. Lecter eigenhändig aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten ausgesucht, um ihm die Last, mit der er als Profiler jeden Tag konfrontiert war, zu lindern.
Jack hatte ein schlechtes Gewissen dem jungen Mann gegenüber, dessen Fähigkeit, sich bei der Aufklärung von Mordfällen tief in die Psyche der Täter hineinversetzen zu können, er für seine Zwecke missbrauchte. Will machte ihm keine Vorwürfe deswegen, hatte er doch selbst in die Mitarbeit zugestimmt. Als die Alpträume begonnen hatten und er schließlich bei Dr. Lecter vorstellig wurde, war seine Hoffnung groß gewesen, dass er ihn heilen konnte. Nein, vielmehr hatte Will dies vorausgesetzt, denn er wollte sich mit diesen lästigen Nebenwirkungen nicht auseinandersetzen, er war besessen davon, jeden Fall mit Hilfe seiner Fähigkeiten aufklären zu können. Er wollte eine hundertprozentige Erfolgsquote.

Während er im Wartezimmer ausharrte, bis der Psychiater ihn hereinbat, schloss er die Augen. Das tat er stets, wenn er einer Situation geistig entrücken wollte. Doch hier, an diesem Ort, gelang ihm das nicht. Die Aura des Psychologen war zu stark, sie streckte ihre unsichtbaren, fast magischen Finger durch die Wände nach ihm aus und Will spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und seine Handflächen feucht wurden. Inzwischen war er nicht mehr sicher, warum er den Doktor weiterhin aufsuchte.

„Will?“ erklang die freundliche, tiefe Stimme des Arztes und Angesprochener öffnete die Augen. Offenbar war er doch kurz abgedriftet, jedenfalls machte sich seine Schlaflosigkeit jetzt wieder verstärkt durch ein dumpfes, watteartiges Gefühl in seinem Kopf bemerkbar.
Dr. Lecter bat ihn herein und Will ging zu seinem gewohnten Sessel. Der Arzt nahm ihm gegenüber Platz. Wie stets steckte sein perfekter Körper in einem teuren Anzug, das aschblonde Haar ordentlich frisiert und das Gesicht glatt rasiert. Die penibel gepflegten Hände ruhten auf den Lehnen des Sessels und in gewohnter Manier hatte er das linke Bein über das rechte geschlagen. Ein minimalistisches Lächeln, fernab jeglicher Deutungsfähigkeit, lag auf seinen Lippen. „Wie geht es Ihnen, Will?"
Der Profiler antwortete nicht sofort, seine Augen wanderten unruhig hin und her, fixierten weder sein Gegenüber, noch irgendeinen anderen Gegenstand im Raum. Er spürte nur, wie Nervosität in ihm aufstieg und sein Körper zunehmend unter Spannung geriet, obwohl es an der Zeit war, tief und ruhig durchzuatmen und sein Schicksal in die Hände dieses Mannes zu legen.
Was bei den letzten, unzähligen Besuchen in dieser Praxis jedoch auch nicht funktioniert hatte.

Als er nicht antwortete, sprach Hannibal seine Gedanken aus: „Gestatten Sie mir die Aussage, dass es scheint, als würden die Alpträume Sie noch immer nicht in Ruhe lassen.“ Der unruhige gehetzte Blick, der leichte Schweißfilm auf der Haut, das minimale Zittern der Hände, das alles nahm Dr. Lecter sehr genau zur Kenntnis. Wills Haar lag durcheinander, als hätte er sich nicht einmal die Mühe gemacht, die dunklen Locken zu zähmen und in eine alltagstaugliche Form zu bringen. Er war unrasiert und trug ein kariertes Holzfällerhemd über einer alten, ockergelben Cordhose. Die braunen, halbhohen Stiefel waren an den Spitzen abgewetzt und unter Wills Fingernägeln erkannte er dunkle Reste seiner letzten Arbeit im Freien.
Dr. Lecter analysierte seinen Patienten genau, bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen war seinem aufmerksamen Geist ein tiefer Einblick hinter Wills fragile Fassade gelungen und längst hatte er sich ein Bild dieser Person gemacht. Bis ins letzte Detail wusste er über Will Bescheid, was er aber weder ihm, noch Jack Crawford gegenüber äußerte. Vielmehr nutzte er diesen Vorteil für sich, denn es bereitete ihm ein nicht von der Hand zu weisendes Vergnügen, den Profiler am Rande seiner psychischen Stabilität wandeln zu lassen, wenn er die Fäden dazu in der Hand hielt. Will war seine Marionette, jedoch lag dem Doktor nichts ferner, als ihm Schaden zuzufügen.
Er ließ ihn nur so viel Kraft aufbauen, dass er als sein Psychologe nicht überflüssig wurde, aber sein Können auch nicht angezweifelt wurde. Jack schwor auf seine Reputation sowie seine Fähigkeiten und dieses Privileg würde Hannibal keinesfalls aufs Spiel setzen.

Als Will noch immer nichts sagte, sondern wieder einmal geistig entrückt und nicht wirklich anwesend wirkte, sagte er: „Ich möchte, dass Sie die Augen schließen und jeweils fünf Sekunden lang ein- und fünf Sekunden ausatmen.“
Der Psychiater sah seinem Patienten an, wie übermüdet und geistig kaum noch aufnahmefähig er war. Die Augen leer, ohne Glanz oder Ausdruck. Dennoch war da diese Spannung, die durch seinen Körper lief wie ein steter Stromfluss.
„Will, wenn Sie nicht mitarbeiten, kann ich Ihnen leider nicht helfen und Ihre Tage beim FBI wären gezählt.“ Hannibal sprach mit sanfter, ruhiger Stimme, welche Zuversicht vermitteln sollte. Er wollte ihn ermutigen, sich ihm gegenüber wieder mehr zu öffnen. Doch etwas in Will sträubte sich heute dagegen, obwohl er eine Behandlung mehr denn je nötig hatte.
Der Profiler schluckte trocken, bevor er die spröden Lippen zu einer Antwort öffnete. Seine Augen flatterten unruhig hin und her, obwohl er sich nun bemühte, Hannibal zu fixieren. „Die… die Alpträume werden schlimmer. Jede Nacht wache ich schweißgebadet auf und… kann nicht mehr einschlafen. Tagsüber… fehlt mir… die Konzentration… meine Hände zittern ständig, mein Herz rast und… ich kann nicht.. mehr arbeiten…“

Die abgehackte Sprechweise verriet Hannibal, wie gestresst sein Gehirn war und wie dringend es Ruhe und Schlaf benötigte. Wenn er seinen Patienten noch länger bei sich in ambulanter Betreuung behalten wollte, musste er ihm die nötige Entspannung verschaffen.
Und er hatte da auch schon eine Idee…
Zunächst reichte er ihm ein Glas Wasser, welches Will gierig austrank. Ein weiteres folgte und beiden wurde klar, wie lange er seinem Körper schon dringend benötigte Flüssigkeit vorenthalten hatte. Mit Nahrung sah es ähnlich aus, denn seine Hose wurde mit einem Gürtel in Form gehalten und sein Körper hatte das Hemd, in dem er steckte, sicher auch schon einmal besser ausgefüllt.
„Stehen Sie auf, Will“ bat der Doktor. Das Wasser schien seine Lebensgeister und Reaktionsfähigkeit ein wenig zum Leben erweckt zu haben, denn der Profiler erhob sich, ohne die Anweisung in Frage zu stellen.
„Drehen Sie sich zum Fenster“ wies Hannibal weiter an, während auch er sich erhob. Als Will in der gewünschten Position im 45Grad-Winkel zu ihm stand, sagte der Doktor, ohne ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. „Und jetzt schließen Sie die Augen und atmen langsam ein und aus.“
Seine Stimme hatte einen beschwörerischen Unterton - denn er war ebenso in Hypnose geschult. Sie war außerdem tief und sanft, fand mit ihrer Frequenz durch Wills Gehörgänge direkten Zugang zu seinem Gehirn. Langsam senkte er die Lider und holte tief Luft, zunächst zittrig und kurz, dann immer länger und gleichmäßiger.

Da war sie wieder, die Magie, mit der Hannibal ihn jedes Mal für sich gewann, auch wenn es nicht von Dauer war. Das war dem Arzt durchaus bewusst und erforderte in seinen Augen eine ganz neue Richtung in seiner Therapie. Er ging näher an Will heran, umrundete ihn auf leisen Sohlen und neigte den Kopf etwas, um das wahrzunehmen, was der Jüngere ihm unbewusst durch seine Körpersprache und seinem Geruch mitteilte.
Will bemerkte es nicht, er konzentrierte sich auf seine Atemzüge, denn es war das erste Mal seit Wochen, dass er sich überhaupt wieder auf etwas konzentrieren und einlassen konnte.
Dr. Lecter wanderte von rechts nach links, seine ganze Aufmerksamkeit lag bei seinem Patienten, der nun zwar deutlich gefasster wirkte, aber dennoch weiterhin unter dieser Anspannung stand, die er gerade zu analysieren versuchte.
Nach einer weiteren tiefen Einströmung durch sein sensibles Geruchsorgan wusste er es.
Hannibal wusste es!
Er hatte es gerochen.
Jetzt hatte er die Bestätigung, was er die ganze Zeit über vermutet hatte…Will begehrte ihn.

Ob er es bewusst tat oder unbewusst, konnte der Doktor nicht sagen. Wenn bewusst, dann hatte er die ganze Zeit über versucht, es vor ihm zu verbergen und war letztendlich aufgrund seiner aufgewühlten Empfindungen selbst überfordert gewesen. Die Symptome würden es erklären und auch, dass sie während der Therapie nicht besser, sondern noch stärker wurden.
Jetzt konnte Dr. Lecter seinen Plan anwenden… ein ganz besonderer Plan für einen ganz besonderen Patienten.
„Sind Sie bereit für eine neue Therapiemaßnahme, Will?“ raunte er ihm mit tiefer, eindringlicher Stimme ins Ohr und Will spürte, wie seine Nackenhaare aufgrund der Nähe vibrierten. „Ja“ hauchte er beinah tonlos und hob die schweren Lider ein Stück. Trotz allem vertraute er diesem Mann noch immer. Wenn seine Therapie so erfolgreich war, musste sie doch auch bei ihm anschlagen,
irgendwann…
Kurz darauf verdunkelte sich seine Sicht, als ihm ein Stück Stoff über die Augen gelegt und hinter seinem Kopf zusammengebunden wurde. Es war für Will nichts Ungewöhnliches, auf dieses Sinnesorgan zu verzichten. An einem Tatort schloss er stets die Augen, um sich besser in den Mörder und dessen Tatverlauf hineinversetzen zu können. Sein Sehsinn half ihm dabei weit weniger als die übrigen Sinne.

Hannibal führte ihn in einen kleinen Raum, ein Nebenzimmer, von dessen Existenz er erst jetzt erfuhr. Es besaß kein Fenster, das konnte Will sofort am Geruch erkennen. Dieser war nicht unangenehm oder abgestanden, jedoch kühl und mit festgesetzten Geruchsparametern, die er mit Leder und Metall in Verbindung brachte.
Widerstandslos ließ er sich in die Mitte führen und vernahm, wie die Tür geschlossen und von innen verriegelt wurde. Anhand dieses Klangs schätzte er die Größe auf vier mal vier Meter. Sein Vertrauen zu dem Arzt war inzwischen so groß, dass er nicht fragte, was es damit auf sich hatte. Einen Sinn hatte es ganz sicher.
„Was riecchen Sie?“ wollte dieser nun wissen und Will musste nicht lange überlegen. „Leder… altes Leder und… Metall.“
Seltsamerweise war sein Puls gerade völlig ruhig, er zitterte und schwitzte nicht mehr, sondern konzentrierte sich auf das, was Dr. Lecter von ihm wissen wollte.

„Nehmen Sie noch etwas anderes wahr?“ hörte er seine Stimme. Der Arzt wusste, dass Will sich am besten fokussieren konnte, wenn kein optischer Reiz vorhanden war.  All die Nervosität war auf einmal wie weggeblasen und Will konzentrierte sich auf das, was er hörte, roch und fühlte. Der Hauch eines kühlen Luftzuges streifte ihn, was ihm verriet, dass Dr. Lecter seine Position im Raum wechselte, auch wenn er dabei kein Geräusch verursachte. Überhaupt schien jeder Laut von den Wänden absorbiert und er war sicher, dass nichts davon nach außen drang.
Dem Profiler war die Neigung zum Töten, die dem Psychiater selbst zu Eigen war, durchaus bekannt, dennoch fürchtete er nicht um sein Leben. Zu vertraut war ihre Beziehung inzwischen, als dass Lecter ihn in einen Raum sperren würde, um ihn umzubringen. Zu viel Zeit hatten sie bereits miteinander verbracht, viel mehr Zeit, als je einem von seinen Opfern auch nur ansatzweise zuteil kam. Was mit ein Grund dafür war, dass Will ihn für seine Neigung nicht an das FBI verriet.
Und Will spürte noch etwas… dass er ihm wichtig war. Noch deutlicher als bisher spürte er das in diesen vier Wänden, alleine mit ihm…
Sein Puls stieg erneut ein wenig an, doch nicht aus Panik oder innerer Zerrissenheit, sondern aus einem Fokus heraus, dem Fokus auf diesen Mann, dessen Anwesenheit er nun wie feine Nadelstiche auf seiner Haut wahrnahm.
Hannibal…
Plötzlich ahnte Will, was er hier sollte… sich seiner Empfindungen bewusst werden, die ihm bislang mit ihrem Chaos immer weiter in den Wahnsinn getrieben hatten. Und auf einmal schien alles so klar. Will hörte in sich hinein, das Chaos ordnete sich, das Wirrwarr sortierte sich und gab ihm den Blick vor seinem geistigen Auge frei… auf die Person, welche die Lösung zu seinem Problem war… die Person, die er so tief begehrte.
Lecters Frage schien bereits vor einer Ewigkeit gestellt worden zu sein, als die Antwort als leiser Hauch der Erkenntnis über seine Lippen kam: „Dich.“
Hannibal lächelte. Will konnte es nicht sehen, aber er spürte es.
Er wusste es.

In diesem Moment fühlte er etwas Kaltes auf der Haut, das sich zwischen zwei Knöpfen unter sein Hemd schob und mit einem Ruck das Kleidungsstück zerteilte, so dass es ihm zu beiden Seiten von den Schultern rutschte.
Will stieß ein Zischen aus, als er vor seinem geistigen Auge eine Waffe aufblitzen sah, die dazu fähig war. Ein Säbel vielleicht? Dennoch fragte er nicht, was Hannibal tat, denn er tat nichts aus dem Bauch heraus. Jede seiner Handlungen und seiner Worte waren wohlüberlegt und besaßen einen tiefen Sinn, auch wenn dieser nicht jedem ersichtlich war.
Deshalb war er so erfolgreich in allem, sei es bei der Therapie oder dem Morden…
Wills Hemd hing nur noch um seine Handgelenke und als die schmale, kalte Klinge sich auf die Haut unterhalb seines Kehlkopfes legte, schnappte er ein weiteres Mal nach Luft. Aber seine Sinne waren völlig klar, seine ganze Aufmerksamkeit lag auf Hannibal und seinen unvorhersehbaren Handlungen.
Er wurde von ihm ein Stück weiter in den Raum hineingeschoben und Will fürchtete aufgrund der geringen Größe mit dem Fuß gegen etwas zu stoßen. Doch auch hier gab der Ältere auf ihn Acht, führte ihn mit einer hauchzarten Berührung in die richtige Richtung und sagte schließlich: „Stopp!“
Will verharrte und wagte kaum zu atmen. Was hatte der Psychiater mit ihm vor? Seitdem er ihm die Augen verbunden hatte, fokussierten sich Wills Gedanken zu einem einzigen, das Gewitter im Kopf war verschwunden. Der Sturm hatte es fort geweht und vor seinem geistigen Auge tat sich eine frische, ruhige Umgebung auf, die ihn wieder jeden einzelnen Sinn wahrnehmen ließ. Er öffnete die Lippen ein Stück und konzentrierte sich, fühlte in sich hinein.

Das Blau des Himmels und die Wärme auf seiner Haut wurden plötzlich von einem blutigen Schmerz durchzogen, der das Blau sprenkelte und ihn aufkeuchen ließ. Das scharfe Messer hatte die dünne Haut über seinem Schlüsselbein durchtrennt und der Schmerz breitete sich wellenförmig in seinem gesamten Rumpf aus.
Was tun Sie da, verdammt wollte er sagen, doch er war nicht in der Lage zu sprechen, sein Verstand pendelte zwischen Schmerz und einer undefinierbaren Form von Lust, nein… es war schon fast eine Art von Gier.
Er wollte die Arme hochreißen und Hannibal von sich stoßen, doch er erstarrte, als er dessen Lippen an der Verletzung spürte. Eine warme Zunge leckte das austretende Blut auf und die Lippen schlossen sich um seine Wunde, als wollten sie diese verschließen.
Will entwich ein Wimmern, die Situation überforderte ihn, aber sein Verstand war weiterhin nur auf diese eine Sache fixiert.
Hannibal hielt ihn bei sich, auf seine eigene, unkonventionelle Weise.
Der Herzschlag und die Atmung des Jüngeren steigerten sich, als der Doktor sich von der Wunde wegbewegte und seinen Hals emporkroch. Langsam, Zentimeter für Zentimeter glitt seine heiße Zunge über die dünne Haut. Will nahm den metallischen Geruch seines eigenen Blutes wahr und stieß keuchend die Luft aus. Wenn er keine Augenbinde getragen hätte, würde er spätestens jetzt die Augen schließen. Ein leichter Stromstoß jagte durch seinen Körper.

Kurz darauf hörte er ein Klicken und zwei kühle Metallringe schlossen sich in seinem Rücken um seine Handgelenke. Sein Hemd musste irgendwann zu Boden gefallen sein, jedenfalls hing es nicht mehr dort, wo jetzt die Handschellen zuschnappten.
„Was…“ drang es schwach aus seinem Mund, er war nicht in der Lage, eine vernünftige Frage zu formulieren. Sein Verstand schwankte zwischen einem Fluchtversuch aus der Situation, doch ein anderer, stärkerer Teil in ihm hielt ihn an Ort und Stelle.
Die Zunge des Doktors war zurück an seinem Hals und besänftige sein aufgewühltes Gemüt. Ein zweiter Stromstoß fuhr ihm durch die Glieder und Hannibal nahm wohlwollend das leise Keuchen zur Kenntnis. Er kannte ihn gut, er kannte ihn lange, Will konnte ihm nichts vormachen, was seinem innersten Wunsch betraf.
Für eine Sekunde labte er sich an dem Anblick, dass Will seinen Berührungen offenbar mehr Aufmerksamkeit schenkte als der zugefügten Wunde. Seine Lippen waren geöffnet, er atmete schwer und schien auf den nächsten Schachzug des Psychiaters zu warten. Längst hatte dieser die feine Note im Schweiß des Jüngeren wahrgenommen, welcher inzwischen als hauchfeiner Film auf seiner Haut lag. Hannibal sah das Pochen der Halsschlagader, packte Will grob am Kinn und drehte seinen Kopf zu sich. Im gleichen Moment verschloss er Wills Mund mit seinen blutigen Lippen und begann ihn zu küssen.
Will schmeckte Blut und er schmeckte ihn, Hannibal. Erst in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, wie lange das tiefe Begehren für diesen Mann bereits in ihm schlummerte. Er schnappte nach Luft, verdrängte den Blutgeschmack und konzentrierte sich auf die herbe Note des anderen Mannes. Schwindel breitete sich in seinem Kopf aus. Er konnte sich nicht bewegen, mit gefesselten Händen nur auf beiden Beinen verharren und sich von Hannibal führen lassen.

Ob der Kuss Sekunden oder Minuten andauerte, konnte er nicht sagen, sein Verstand begann sich erneut auf eine andere Ebene zu verabschieden, jedoch auf eine fernab von Verwirrtheit, Überforderung oder Panik, wie er es bisher erlebt hatte.
Ein enttäuschtes Wimmern entfuhr ihm, als sich die Lippen des Doktors von seinen lösten und sich stattdessen wieder um seine Wunde kümmerten. Ein Schauer der Lust überkam ihn und er wollte ihn noch einmal schmecken. „Bitte…“ wisperte er beinahe lautlos, doch Hannibal hörte ihn. Er ließ von der Wunde ab, blickte ihm mit prüfenden Augen in das Gesicht. Will konnte den Blick aufgrund der Augenbinde nicht erwidern, aber er spürte ihn, seine Sinne waren sensibel genug.
Der Doktor leckte sich das Blut von den Lippen und senkte sie noch einmal auf die von Will. Ein weiterer Kuss entfachte, der ihm signalisierte, dass der Jüngere für die nächste Stufe bereit war. Mit beiden Händen packte er erneut das Messer, die Klinge zeigte nach unten, und stieß es in den Hosenbund.
Unvermittelt schrie Will auf, sein Atem stockte und seine Lippen bebten. Der erwartete Schmerz blieb jedoch aus und so setzte sich seine Atmung keuchend wieder in Gang. Schweiß brach ihm aus, er konnte spüren, wie er ihm an Wirbelsäule und Brustbein hinab rann.

Mit geschickten Fingern löste Hannibal den Gürtel, öffnete den Knopf und schob ihm die Cordhose bis zu den Knöcheln hinab. Die Shorts, welche er darunter trug, war durch das Messer in zwei Teile getrennt worden und fiel nun lautlos zu Boden.
Will war unverletzt.
Er keuchte auf und seine Beine zitterten, als er nun völlig entblößt, blind und gefesselt vor seinem Psychiater stand. Dieser erhob sich langsam, nahm den Geruch jedes Quadratzentimeters von Will dabei in sich auf. Die Erregung des Jüngeren war mit jedem Sinnesorgan wahrnehmbar und er labte sich sekundenlang an diesem Anblick, als er vor ihm stand, ohne ihn zu berühren. Die Hitze, welche der jüngere Körper ausstrahlte, erwärmte auch ihn.
Das war es wieder, das Lebensgefühl, welches er so selten verspürte… bislang nur wenn er tötete, doch Will verschaffte ihm eine andere Art von Befriedigung, welche über die rein körperliche weit hinausging. Das war der Grund, warum er Will so sehr schätzte und so wertvoll für ihn war. Niemals würde er diesem Mann ernsthaften Schaden zufügen… sein kostbarer Diamant. Es war keine gewöhnliche Liebe, die er für ihn empfand, es war viel mehr und ging viel tiefer.
„Hannibal…“ Das drängende Flüstern von Will ließ ihn aus der Gedankenwelt zu seiner Mission zurückkehren. Er legte beide Arme um den entblößten Körper, um den Schlüssel in das Schloss der Handschellen zu schieben. Dabei vermied er die direkte Berührung, aber die Nähe zueinander ließ Will aufkeuchen und Hannibal schloss in einem ähnlichen Empfinden für zwei Sekunden die Augen. Dann löste er die Handschellen, packte Will jedoch an den Handgelenken und hob sie ihm über den Kopf. Dann fesselte er ihn erneut und befestigte die Kette der Handschellen an einem Metallring an der Decke.

„Oh Gott, was tust du…“ hauchte Will. Er wollte die Hände frei haben, wollte Hannibal die Kleidung vom Leib und sich die Binde von den Augen reißen. Er wollte ihn überall berühren, ihn ansehen, schmecken und ihm so nah sein wie niemals zuvor.
Aber noch immer war er dem Verlauf der Therapiesitzung seines Psychiaters hilflos ausgeliefert. Er spürte die Spannung in seinem Körper, ebenso wie Hannibals Blicke auf sich. Seine Körpermitte pochte inzwischen verlangend, doch es fand kaum eine Berührung statt.
„Bitte Hannibal“ flehte er noch einmal und schluckte trocken. Seine Kehle war wieder rau und der Raum gefühlsmäßig auf dreißig Grad aufgeheizt.
Der Doktor setzte ihm ein Glas an die Lippen und Will trank es gierig aus, spülte damit den Blutgeschmack, aber auch den des Doktors fort. „Komm her“ zischte er danach ungeduldig, „komm her und küss mich noch einmal.“
Seiner Aufforderung wurde tatsächlich Folge geleistet, Hannibal verwickelte ihn abermals in einen atemberaubenden Kuss und endlich spürte er anstelle einer kalten Klinge dessen warme Hände auf seiner Haut. Der Schwindel verstärkte sich gleichermaßen mit seinem rasenden Herzschlag und die Lust jagte heiße Wellen durch seinen Körper.
„Ich will… dich… berühren“ raunte er atemlos und zerrte ungeduldig an den Fesseln, deren Metall ihm dabei schmerzhaft in die Haut schnitt.
„Du musst dich leiten lassen“ vernahm er die tiefe, leicht raue Stimme dicht an seinem Ohr, was ihm ein enttäuschtes Keuchen entlockte. Sein Körper war bis zum Äußersten erregt und dieser Mann ließ ihn wie immer zappeln, servierte ihm die Lösung stets nur häppchenweise.

Hannibals Hände fuhren tiefer, die Nägel glitten scharfkantig über sein Fleisch und Will stöhnte ungehalten auf. Doch die langen Finger des Doktors erreichten nicht das ersehnte Ziel. Will wollte die Enttäuschung hinausschreien, sein Körper brannte und seine Geduld war am Ende, als sich das Blatt unvermittelt wendete.
Die Handschellen über seinem Kopf wurden gelöst und er mit einem Ruck nach vorne gestoßen. Will prallte mit dem Oberkörper auf einen halbrunden, mit Leder überzogenen Gegenstand und kaum wollte er sich erheben, da drückte ihn Hannibals Hand unmissverständlich nieder und er vernahm seine kalte, befehlende Stimme: „BLEIB LIEGEN!“
Will erstarrte. Nie zuvor hatte Hannibal so zu ihm gesprochen. Er verharrte in seiner Haltung und vernahm ein Geräusch, das wie das Öffnen eines Gürtels klang, was seinen Atem und seinen Herzschlag noch einmal steigerte.
Hannibal würde doch nicht…
Doch das Unerwartete brach über Will herein wie ein Wirbelsturm aus dem Nichts.
Die Hände des Doktors packten ihn an der Hüfte und zerrten ihn zu sich heran. Die Daumen krallten sich in sein Hinterteil und schoben es auseinander. Kurz darauf explodierte in Wills Körper eine Bombe aus Schmerz und Lust, die ihm den Atem raubte.
Er schrie auf und die Bewegungen brachten ihn zurück an den Rand des Wahnsinns.
Wie schaffte es Hannibal, keinen Ton von sich zu geben? Seine Hüfte stieß in einem harten, unerbittlichen Rhythmus gegen seine und Will musste jeden Atemzug keuchen, wimmern oder gar schreien. Sein Körper stand komplett unter Strom.

Er spürte Hannibal. Seine Sinne waren unabwendbar auf diesen Mann gerichtet, der ihn gerade schweben ließ und Gefühle in ihm auslöste, die er niemals zuvor verspürt hatte. Er fühlte das kühle, glatte Leder unter sich, die Reibung an seinem Körper und bereits Sekunden brach der Höhepunkt über ihn herein. Mit einem Aufschrei empfing er die Wogen der Befriedigung, die über ihm zusammenschlugen und ihm die Sinne raubten.
Sein Körper krümmte sich zusammen und kurz darauf spürte er, wie auch Hannibal kam, in ihm. Dieses Gefühl war unglaublich. Als Will ein wenig zu Atem kam, riss er sich die Augenbinde ab und sein seltenes Lachen erfüllte den Raum, es entfuhr ihm einfach und er griff nach hinten, um die Hände des Psychiaters zu suchen. Als er sie fand, verschlangen sie sich in stummer Übereinkunft ineinander.
Diese Therapiestunde war über alles, was sich Will jemals hätte vorstellen können, hinausgegangen, sie hatte ihm den Horizont erweitert und den Fokus geschärft. Hannibal hatte etwas in ihm ausgelöst, was niemand sonst vermochte und es war seinem Feingefühl zu verdanken, dass ihm noch vor Will klar geworden war, was er wollte und brauchte.

*

Eine Weile später versorgte Hannibal die Wunde am Schlüsselbein und blickte Will dabei in die glasigen, abwesenden Augen. Er schien mit offenen Augen zu schlafen, während der Arzt einen fachmännischen Verband anlegte. Will wollte lächeln, sich bedanken, doch ihm fehlte die Kraft. Er war völlig ausgelaugt und kaum noch zu einem Wort, geschweige denn einer Bewegung fähig.
„Unten wartet ein Taxi, das Sie nach Hause bringt“ erklärte Hannibal mit sanfter Stimme und legte ihm vorsichtig seine Jacke um die Schultern. Er pflegte noch immer, beim Sie zu bleiben, um die Therapeut-Patienten-Basis nicht zu zerstören. Er würde es Will überlassen, ob er diese Barriere nach dem heutigen Tag fallen lassen würde.

Wie in Trance saß der Profiler kurz darauf im Fond des Taxis. Er hatte dem Fahrer kein Ziel genannt, doch dieser schien zu wissen, wohin er fahren musste. Die Häuserreihen flogen vor seinen Augen vorbei, ohne dass Will sie wahrnahm, machten bald der zunehmenden Natur von Wolf Trap Platz.
Eine tiefe, nie zuvor gefühlte Entspannung hatte sich in ihm ausgebreitet und der Taxifahrer musste ihn mehrmals ansprechen, bis Will die starren Augen von der Scheibe löste und sich bewusst wurde, dass sie vor seinem Haus standen. Ohne zu bezahlen stieg er aus, er wusste, dass Hannibal auch das für ihn erledigt hatte.
Das Taxi fuhr davon, er schloss die Haustür auf und nahm sein Rudel Hunde kaum wahr, das sich über seine Rückkehr freute. Will streifte Jacke und Schuhe ab und ließ sich auf sein Bett sinken, wo er in einen langen, tiefen und traumlosen Schlaf fiel.

*

Als Hannibal in der nächsten Woche zur gewohnten Zeit die Tür zu seinem Wartezimmer öffnete, war dieses leer. Will hatte seinen Termin nicht wahrgenommen.
Wochenlang hörte niemand etwas von ihm, er erschien nicht zur Arbeit und war auch telefonisch nicht erreichbar.
Mit einem wissenden Lächeln schloss Hannibal die Tür. Er akzeptierte es, er drängte ihn nicht, denn er wusste, dass er Zeit brauchte.
Als Jack und Alana ihn in den nächsten Tagen aufgebracht anriefen und fragten, ob er wüsste, was mit Will los war, blieb er gelassen und antwortete: „Lassen Sie ihm Zeit, er wird als neuer Mensch zurückkehren.“
Mit dieser Antwort konnten weder Jack, noch sie etwas anfangen, doch mehr hatte Dr. Lecter ihnen nicht zu sagen. Er wusste es, denn er kannte Will.
Jedes Mal, wenn sein Termin stattfinden sollte, saß Hannibal ruhig dem leeren Sessel gegenüber, hing seinen Gedanken nach und lächelte hin und wieder.
Er wusste, dass Will irgendwann soweit sein würde… dass es Zeit war, zurückzukehren… zu ihm.

Als er die Tür zu seinem Wartezimmer in der fünften Woche öffnete, saß Will auf seinem gewohnten Platz. Er wählte stets denselben Stuhl. Ganz langsam drehte er den Kopf und als sich ihre Blicke trafen, verzogen sich die Lippen des Doktors zu einem Lächeln. Ein sehr seltener Anblick, bei dem sogar seine markanten Zähne zum Vorschein kamen. „Hallo Will.“



E N D E

Ich hoffe, es hat gefallen, dann würde ich mich über ein kleines Feedback oder vielleicht eine Empfehlung sehr freuen. Bis zum nächsten Mal. Eure Dreamer
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