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Michel kommt zurück nach Hause

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P6 / Gen
Alfred Alma Svensson Anton Svensson Ida "Kleid Ida" Svensson Lina Michel Svensson
26.02.2021
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Endlich! dachte Michel, als das schwedische Festland am Horizont erschien.Endlich bin ich wieder zu Hause.
Zehn Jahre war er jetzt in Amerika gewesen. Zehn endlose Jahre, wie es ihm vorkam. Nicht, dass er nicht gerne in Amerika gewesen wäre. Ganz im Gegenteil! Die Zeit dort würde nie vergessen. Hatte er doch auch großes Glück gehabt, dass er dort überhaupt zur Schule hatte gehen dürfen.

Er erinnerte sich gern an damals, als er in der Schule saß und plötzlich dieser Amerikaner aufgetaucht war und mit seiner Lehrerin hatte sprechen wollen. Er war auf der Reise durch Europa gewesen, um vielversprechende Schüler zu suchen, die auf ein Internat in New York gehen sollten. Diese Kinder erhielten die einmalige Chance auf eine großartige Zukunft fern ihrer Heimat. Und Michelsollte einer von ihnen werden.

Es war ein ganzes Stück Arbeit gewesen, Michels Eltern zu überreden, dass er nach Amerika durfte. Doch schließlich hatten sie eingewilligt (Anton Svensson hatte sich immer wieder vergewissert, ob dies auch wirklich ein Stipendium war und er definitiv mit keinen hohen Schulkosten zu rechnen hatte). Alma hatte ihren Mann überreden können. So eine Chance konnten sie ihrem Jungen doch nicht verbauen. Oh ja, Michels Vater hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt. Als er sich um die Kosten keine Sorgen mehr zu machen brauchte, stellte er die Frage, wer denn später den Hof übernehmen sollte. Erst als Michel ihm hoch und heilig schwor, wieder nach Hause zurückzukehren, warsein Vaterzufrieden. „Aber dass du dich auch ja daran hältst mein Junge. Einen Schwur sollte man nicht brechen, dass weisst du, nicht wahr?“ Ja, Michel wusste das.

Und ich habe michan den Schwurgehalten,dachte er stolz, als dass Schiff im Hafen von Göteborg anlegte.
Seine erste Sorge, als er, mit einem Seesack und einem riesigen Reisekoffer bepackt, an der Reling stand, um dass Schiff zu verlassen, war, wie er jetzt schnellstmöglich nach Lönneberga kommen sollte. Zu Fuß gehen, kam nicht in Frage, der Weg war viel zu weit. Er musste jemanden finden, der ihn mitnahm. So eilte durch die Menschenmengen und sah sich nach einer Mitfahrgelegenheit um. Irgendwann entdeckte er tatsächlich jemanden, der gerade seinen Kutschwagen anspannte.
„Entschuldigung!“, rief er auf Schwedisch und ärgerte sich über den leichten amerikanischen Akzent, den er nicht verbergen konnte. Der Mann drehte sich um und sah ihn misstrauisch an. „Fahren sie zufällig RichtungBoras?“Boras war die nächste große Stadt in Richtung Mariannelund.
„Ja, ich muss nach Jönköping“, sagte der Mann, wenn auch recht widerwillig.
„Da muss ich auch hin“, rief Michel begeistert. Hoffentlich hielt seine Glücksträhne an. „Könnten Sie mich mitnehmen? Ich kann Sie auch bezahlen.“
Der Mann runzelte die Stirn.
„Bezahlen klingt gut. Aber ich weiss nicht, ob dein ganzes Zeug auf meine Kutsche passt. Du siehst es ja, wie voll die schon ist.“
Michel besah sich die Ladung genau und überlegte. Der Mann hatte mehrere schwere Kisten geladen, aber für seinen Reisekoffer war noch Platz und den Seesack konnteermit nach vorne auf den Kutschbock nehmen. Als Michel dem Kutscher diese Möglichkeit eröffnete,willigtedieserschließlich laut seufzend ein. Ein bisschen Geld war immer gut, und er hatte nicht die Zeit endlos lange rum zu diskutieren.
Und so fuhren die beiden tatsächlich(mit einer Übernachtung in Boras) in zwei Tagen nach Jönköping. Der Fahrer war auf der Fahrt sehr still gewesen und Michel hatte ihn in Ruhe gelassen. Er war einfach nur froh, dass er so unkompliziert (auch wenn ihn diese Fahrt ganze zwei Kronen gekostet hatte) bis nach Jönköping kam. Dort würde er bestimmt jemanden finden, der ihn bis nach Mariannelund mitnehmen konnte.

Als sie in Jönköping angekommen waren hatte Michel sein Gepäck an sich genommen und dem Fahrer nochmal gedankt, doch der entlud seine Kutsche und beachtete ihn nicht länger.
Wie erwartet fand Michel einen Fahrer, der bereit war ihn bis nach Mariannelund mitzunehmen, sogar ohne Bezahlung. Dieser Fahrer war viel netter und redseliger als der vorherige. Er fragte Michel, wo er den herkomme und warum er nach Mariannelund wollte. Michel erzählte ihm seine Geschichte. Der Fahrer kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Er ließ sich den ganzen Weg nach Mariannelund von Michel alles genau erzählen und fragte ihn regelrecht über Amerika und seine Schulzeit aus. Michel erzählte ihm gerne davon. Er hatte viele Freunde gehabt, gute Noten geschrieben und auch die Lehrer hatten ihn alle gemocht. Natürlich hatte er auch in Amerika den Hang, ständig in irgendein Missgeschick zu geraten. Doch dort war man wesentlich lockererdamitumgegangen, als in Lönneberga.
Als sie in Mariannelund angekommen waren, war es schon spät und Michel suchte sich einen Ort zum Übernachten.

Am nächsten Morgen machte er sich wieder mal auf die Suche nach jemanden, der ihn nach Lönneberga mitnahm. Je näher er seinem Heimatort kam, umso ungeduldiger wurde er. Richtig gespannt, war er auf die Mienen von seiner Familie und natürlich auch von Alfred und Lina, denn er hatte in keinem seiner Briefe erwähnt, dass er kommen wollte. Es sollte eine Überraschung werden.
Ein junger Mann, der ungefähr in seinem Alter zu sein schien, kam gerade aus einem Geschäft und bestieg seine Kutsche. Michel beeilte sich mit seiner schweren Last, ihn einzuholen.
„Verzeihung! Fahren sie Richtung Lönneberga?“
Der junge Mann drehte sich auf seinem Kutschbock um und sah ihn an.Er lachte, als er ihn sah, und Michel runzelte die Stirn.
„Was will denn jemand wie du in Lönneberga?“
Michel sah verdutzt an sich herunter.Jemand wie er?Er sah doch ganz normal aus. In seiner Hose war sogar ein Loch. Es war seine übliche Reisegarnitur, die er schon die letzten Tage angehabt hatte. Er verstand die Frage absolut nicht.
„Ähm…ich…also ich…“, dieser Bursche hatte in komplett aus dem Konzept gebracht und das passierte ihm wirklich selten. „Ich muss zum Hof Katthult.“
Jetzt bekam der Mann noch größere Augen, die er aber sogleich zu Schlitzen verengte und Michel misstrauisch ansah.
„Katthult? Willstedich da als Knecht bewerben? Würd ich nicht machen. Viel zahlen können die nicht.“
Nun hatte es Michel komplett die Sprache verschlagen. Er fand es überhaupt nicht lustig, wie der Bursche über sein zu Hause sprach.Aber er versuchte darüber hinwegzusehen, denn ihn beunruhigte noch etwas anderes.
„Wiesosuchen die auf Katthult einen Knecht? Ich dachte, die haben einen.“
Der Mann auf dem Kutschbock zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung. Hab ich nur gehört, dass die nen neuen brauchen.“
Michel schluckte. War etwas mit Alfred? War ihm was passiert? War er vielleicht krank? Oder…Schlimmeres?
Michel dachte an den Morgen, als er und Lukas, Alfred nach Mariannelund zum Doktor durch den tiefen Schnee gefahren hatten. Wie groß war seine Angst gewesen, Alfred für immer zu verlieren. Wenn Alfred etwas passiert war, würde Michel sich das niemals verzeihen können, dass er nicht bei ihm gewesen wäre.
Er schüttelte den Kopf,um seine Gedanken zu ordnen.
„Kannst du mich jetzt nach Katthult bringen oder nicht?“ Er sah es gar nicht ein, dem Mann zu sagen, wer er war und warum er nach Katthult wollte. Dieser nickte und lächelte nun freundlich.
„Klar, spring rauf!“
Michel verstaute Koffer und Seesack hinten auf der Kutsche und kletterte vorne auf den Kutschbock zu dem Burschen.Dieser ließ die Zügel knallen und das Pferd setzte sich in Bewegung.

„Also, wie schon gesagt, wenn du Arbeit suchst, solltest du nicht nach Katthult. Kannst auch auf unseren Hof kommen. Wir haben viel Arbeit und zahlen gut.“
Michel sah ihn an und versuchte seine Wut gegen diesen Mann runterzuschlucken.
„Wo ist der denn? Euer Hof meine ich?“
Der Mann lächelte siegessicher.
„Gleich der nächste Bauernhof hinter Katthult. Wenn du von Katthult gehört hast, kennste doch bestimmt auch den Bastefaller, oder?“
Michel nickte und musste sich beherrschen, nicht sofort vom Kutschbock zu springen. Jetzt war ihm alles klar. Vor allem, wer da neben ihm saß.Gut, dass er seinen Namen nicht genannt hatte.Warum, in Gottes Namen, musste er denn ausgerechnet beim Sohn vom Bastefaller gelandet sein? Ihm war ganz mulmig zumute. Hoffentlich würde sein Vater das nicht sehen, wie sein eigener Sohn vom Bastefallers Sprössling nach Hause kutschiert wurde. Auch wenn Michel schon zwanzig Jahre alt war, dafür würde er mindestens einen ganzen Monat Holzschuppen aufgedonnert bekommen.Wo sollte er die Holzmännchen denn noch unterbringen. Da passten doch jetzt schon keine mehr rein.
„Und wie sieht`s aus? Immer noch nach Katthult?“, fragte der junge Bastefaller hochnäsig.
„Ja“, antwortete Michel, ohne ihn anzusehen. „Ich muss ein Versprechen einhalten.“ Na gut, eigentlich einen Schwur, aber das brauchte der Sprössling vom Bastefaller ja nicht zu wissen.
Michel wunderte sich eh, dass sein Nachbar noch nicht erkannt hatte wer er war. Ein Schwede mit amerikanischem Akzent auf dem Weg nach Katthult. Das konnte doch nur Michel Svensson sein. Hatten die Leute aus Lönneberga ihn etwa völlig vergessen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Oder waren sie fest davon überzeugt, dass er nicht mehr nach Hause kam? Hoffentlich dachte seine Familie nicht dasselbe. Er hatte ihnen schließlich geschworen, wieder nach Hause zu kommen.

„Naja, du kannst es dir ja noch überlegen, wenn es dir auf Katthult nicht gefällt. Was ich mir übrigens gut vorstellen kann. Die haben doch nix da auf ihrem Hof.“
Ruhig, Michel, gaaaanz ruhig. Du bist in gleich los und dann musst du dich nicht mehr mit ihm abgeben. Bleib einfach ruhig sitzen und guck dir die Gegend an.
Der junge Bastefaller schien Michels Missfallen ihm gegenüber gar nicht zu bemerken, den Rest der Fahrt schwafelte er von dem tollen Hof den er uns sein Vater hatten und dann erwähnte er doch etwas, dass Michel aufhorchen ließ.
„Der Katthult Hof könnte uns bald auch noch gehören.Ich bin nämlich mit der Tochter vom Svensson, der Ida, verlobt. Und wenn sein Sohn in Amerika bleibt-“
Michel packte ihn am Arm und starrte ihn an.
„Mit wem bis du verlobt???“
„Ida Svensson. Die ist schon seit Jahren in mich verschossen. Aber ihr Vater stellt sich quer. Verstehe ich gar nicht. Wäre ein super Geschäft für den und-“
„Halt an!“, sagte Michel scharf und hatte sich in der fahrenden Kutsche bereits erhoben.
„Was? Wieso denn?“, fragte der junge Bastefaller verwirrt.
„Von hier aus kann ich laufen“, meinte Michel und sprang vom Kutschbock noch bevor die Kutsche ganz stehen geblieben war.
„Das versteh ich jetzt aber nicht“, meinte der junge Bastefaller.
„Musst du auch nicht. Ich gehe zu Fuß. Danke fürs Mitnehmen.“
„Ganz wie du willst“, murmelte der Bastefaller-Sprössling und fuhr wieder weiter.
Michel sah ihm nach. Am liebsten hätte er geschrien. Ida? Und der Bastefaller-Sohn? Niemals! Nicht in tausend Jahren! Auf keinen Fall!
Er musste nachHause,und zwar schnell. Den Seesack auf dem Rücken und den großen Reisekoffer hinter sich herziehend machte er sich auf den Weg Richtung Katthult.

Als der Hof in Sichtweite kam, atmete Michel erleichtert aus. Er war müde, verschwitzt und die Leute hatten ihn komisch angeguckt, von wegen, wie er seinen riesigen Koffer hinter sich herzog. Zweimal wurde er gefragt, ob man ihn mitnehmen soll, doch Michel hatte verneint. Er musste das jetzt alleine schaffen. Hoffentlich ging es Alfred gut. Und Ida konnte was erleben, wenn der Bastefaller-Sohn die Wahrheit gesagt hatte.
Auf Katthult angekommen, brachte er seine Sachen erstmal zum Tischlerschuppen. Er wollte sie dortvorerstunterbringen. Bei seinem Glück wurde sonst jemand darüber fallen und sich das Genick brechen oder sowas (schlimmstenfalls sein Vater, der dafür ja eine gewisse Vorliebe hatte, in Michels „Fallen“ zu laufen).
Auf dem Hof war es ruhig. Noch hatte ihn niemand bemerkt. Seine Mutter war wahrscheinlich mit Lina und Ida in der Küche, vermutete er. Und sein Vater war sicher (mit Alfred?) auf dem Feld.
Als Michel in den Tischlerschuppen trat, bekam er zum vierten Mal an diesem Tag einen Schreck. Heute war wirklich sein Unglückstag, dachte er.Wo sind meine Holzmännchen???
Kein einziges war mehr zu sehen. Alle waren weg!!! Es waren über hundert gewesen. Die konnten sich doch nicht in Luft auflösen! Hatte sein Vater sie weggeworfen? Nein. Das hätte seine Mutter niemals zugelassen. Oder doch! Da ist man nur mal kurz zehn Jahre in Amerika und dann das! Dafür würde jemand bluten! Und wenn es sein Vater sein würde. Er stelltesich vor, wie Anton Svensson ein großes Feuer machte und jedes von Michels Holzmännchen hineinwarf. Lieber Gott, bitte nicht!!!

Völlig verstört von seiner Entdeckung verlies er den Schuppen und ging zum Bauernhaus hinüber. Er öffnete die Tür, trat ein und als er sich umsah, strahlte er übers ganze Gesicht.
Da waren seine Holzmännchen!In Schränken und auf den Regalen verteilt. Einige standen sogar auf dem Tisch. Michel war sichtlich gerührt und schämte sich, dass er vorher so böse Gedanken gehabt hatte.

Aus der Küche hörte er Geräusche. Er war noch nicht bemerkt worden. Leise schlich er durch den Flur und wartete auf den perfekten Moment.
„Lina bringst du mir das Hackfleisch, endlich? Sonst werden wir nie rechtzeitig mit dem Mittagessen fertig!“, hörte Michel seine Mutter durch die Küche rufen. Ihre Stimme hörte sich an wie früher. Er musste lächeln.
„Komme schon“, sagte Lina und trug die Schüssel mit dem Hackfleisch rüber zum Esstisch.
„Überraschung!“, rief Michel in diesem Moment und sprang in die Küche.
Lina schrie entsetzt auf und ließ die Schüssel fallen (glücklicherweise blieb sie unversehrt, genau wie das Hackfleisch).
Michel schaute betreten drein und bückte sich, um die Schüssel aufzuheben. Leider tat Lina genau das Gleiche und ihre Köpfe stießen aneinander.
„Aua“, jammerte Lina. „Was fällt Ihnen überhaupt ein, hier einfach reinzuspringen! Wer sind sie denn überhaupt?“
Alma saß nach wie vor am Esstisch und starrte Michel an, der sich den Kopf rieb und sie entschuldigend anblickte. Allein dieser Blick reichte um sich klar zu machen, wer dort vor ihr stand.
„Michel! Oh,mein Michel“Sie lief zu ihm und schloss ihn in ihre Arme. „Mein lieber Junge! Bist du es wirklich? Das kann doch nicht wahr sein!“
Michel lachte.
„Doch Mama, ich bin es. Ich freu mich auch dich zu sehen.“
Alma küsste und herzte ihren Sohn ohne Unterlass. Michel ließ es glücklich zu. Jetzt war endlich wieder zu Hause! Erst jetzt wurde ihm klar, wie sehr er seine Mutter vermisst hatte.
Lina stand noch an derselben Stelle und starrte Michel verdutzt an.
„Achje, jetzt geht alles wieder von vorne los. Es war so schön ruhig hier, die letzten zehn Jahre“, sagte sie.
Michels Mutter starrte sie wütend an.
„Form die Hackfleischbällchen, in einer Stunde gibt es Mittag!“
Lina nickte demütig, wenn auch ein wenig eingeschnappt und machte sich an die Arbeit.
Alma zog ihren Sohn derweil ins Wohnzimmer und platzierte ihn neben sich auf dem Sofa.
Ach, Michel, dass ist eine Freude! Ich kann es nicht in Worte fassen! Und du bist so groß geworden. Ich erkenn dich gar nicht wieder, meinen kleinen Michel!“
Michel grinste. Nein, der kleine Michel war er wirklich nicht mehr.
„Die anderen werden so froh sein, wenn sie dich sehen“, meinte Alma und wischte sich eine Freudenträne aus dem Auge.
Plötzlich wurde Michel wieder ernst.
„Mama, ist Alfred irgendwas passiert?“
Seine Muttersah ihn verdutzt an.
„Nein, mein Junge, wie kommst du da drauf? Er ist mit deinem Vater auf dem Feld.“
Michel atmete erleichtert auf.
„Auf dem Weg hierher, habe ich gehört, dass ihr einen neuen Knecht sucht.“
Alma lachte.
„Ach so ist das. Nein, mein Schatz. Wie gesagt, Alfred geht es gut. Und im Moment suchen wir auch keinen Knecht. Dein Vater hat nur darüber nachgedacht, einen zweiten Knecht einzustellen. Aber entschieden hat er sich noch nicht. Du weisst ja, wegen der Kosten.“
„Verstehe. Ich war nur besorgt, dass Alfred, was passiert wäre, und dann wäre ich nicht da gewesen und-“
Alma hob die Hand.
„Beruhige dich, Michel. Alfred geht es sehr gut. Und er wird sich sicher freuen, wenn er dich sieht! Wie kommt es denn, dass du hier bist. Nicht, dass mir das was ausmachen würde.“
Alma und Michel lachten.
„Ich habe meinen Schulabschluss und wollte meinen Schwur, den ich Vater gegeben habe, einhalten. Ich habe doch gesagt, ich komme zurück.“
„Daran habe ich nie gezweifelt. Und dein Vater bestimmt auch nicht. Wir haben nur gedachtdu würdest noch länger wegbleiben.Dann bist du mit der Schule schon fertig, ja? Undwas ist mitdeinemStudium?“
Michel schüttelte den Kopf.
„Ich habe mich gegen das Studium entschieden. Nach all der Zeit wollte ich wieder nach Hause. Ich habe euch furchtbar vermisst.“
„Und wir dich, mein Schatz! Egal was Lina sagt. Ohne dich war es hier nicht so schön wie früher. Da ist wenigstens immer was passiert. Heute passiert nur was, wenn der Bastefaller meint, sich mit deinem Vater anzulegen.“
Michel wurde mulmig zumute.
„Wo ist eigentlich Ida?“, fragte er vorsichtig.
„Die bringt deinem Vater und Alfred den Kaffee. Wieso?“
„Ist sie wirklich mit dem Sohn vom Bastefaller verlobt?“
Alma riss entsetzt die Augen auf.
„Meine Ida? Mit dem Sohn vom Bastefaller??? Definitiv nicht! Wie kommst du denn auf so etwas!“
Wieder atmete Michel erleichtert aus.
„Weil er mir das höchstpersönlich erzählt. Er wusste natürlich nicht wer ich bin, aber er schien fest davon überzeugt. Ich war kurz davor, ihn zu verdreschen.“
Alma nickte.
„Kann ich mir vorstellen. Nein, nein, da hat er die eine Lüge aufgetischt, mein Junge. Ida würde sich nie mit dem Sohn vom Bastefaller treffen. Sie kann ihn nicht ausstehen! Aber er versucht es immer wieder bei ihr.“
„Ja, weil die unseren Hof wollen!“
Alma und Michel drehten sich um und entdeckten Ida, die in der Tür stand.
„Aber wenn der glaubt, dass ich da rauf reinfalle, hat er sich geschnitten!“, sagte Ida und stellte ihren Korb auf den Tisch und nahm ihr Kopftuch ab. „Ich wusste gar nicht, dass wir noch Besuch bekommen. Mama, warum hast du nichts gesagt?“
Alma grinste.
„Weil ich nicht wusste, dass dein Bruder jetzt schon nach Hause zurückkehrt“, sagte sie.
Ida erstarrte. Sie drehte sich langsam und sah zu ihrem Bruder.
„Michel?“
Michel nickte, stand auf und breitete die Arme aus. Ida flog glücklich hinein.
„Michel! Du bist wieder da! Ich hab dich so vermisst!“
„Ich habe dich auch vermisst, Ida“
Ida starrte ihn an und prustete los. Michel war verwirrt.
„Was ist?“
„Dein Akzent! Der ist ja echt zum Totlachen, Michel!“
Michel verzog das Gesicht.
„Haha. Sehr witzig“
Alma ging dazwischen.
„Ida, dass ist nicht fair. Michel hat schließlich zehn Jahr lang nur Englisch gesprochen. Wir sollten froh sein, dass er überhaupt noch Schwedisch kann“
„Mutter!“, rief Michel entrüstet.
„Entschuldige. Das ist mir so rausgerutscht“

Michel und Ida halfen ihrer Mutter und Lina bei der Vorbereitung des Mittagessens, damit dieses noch rechtzeitig fertig wurde, sobald der Vater und Alfred nach Hause kamen.
Als Alma sie vom Fenster aus erblickte, sagte sie.
„Michel, da sind sie. Schnell, geh raus und überrasch sie.“
Michel nickte grinsend und lief nach draußen.

Anton und Alfred hatten einen Bärenhunger und freuten sich nichtsahnend auf das Mittagessen, als plötzlich die Tür aufging und ein flachsblonder Jüngling die Treppe hinunter und ihnen entgegenlief.
„Papa, Alfred! Ich bin wieder zu Hause!“
Die beiden stoppten und starrten Michel an. Alfred fing sich als Erster.
„Michel? Bist du es wirklich? Komm her!“
Er packte Michel um die Hüfte, hob ihn hoch und drehte ihn herum. Michel lachte.
„Alfred lass mich runter! Ich bin doch kein Kind mehr!“
Alfred ließ ihn wieder runter und strahlte seinen jungen Freund an. Und Michel strahlte zurück.
„Du und ich, Alfred!“
„Du und ich, Michel! Wir sind schon zwei“
Sie lachten und umarmten. Es fühlte sich an, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen!
Anton Svensson stand immer noch wie angewurzelt da und starrte seinen Sohn an.
„Michel?“
Michel drehte sich zu seinem Vater um.
„Ja, Papa?“
Anton schluckte. Doch er schwieg. Sagte kein Wort.
„Was ist denn los, Papa? Freust du dich nicht?“
Sein Vater löste sich aus seiner Starre.
„Doch, doch. Natürlich. Ich bin nur überrascht. Du hast uns nicht geschrieben, dass du kommen wolltest.“
„Ich wollte euch überraschen“
„Na das ist dir gelungen“, meinte Alfred.
In diesem Moment erschien Alma in der Tür.
„Kommt ihr endlich, dass Essen wird kalt.“
Sie machten sie auf den Weg in die Küche.

„Das ist so schön“, sagte Michels Mutter, als sie alle beim Essen waren. „Die ganze Familie wieder zusammen. Wie früher“
Michel nickte.
„Jetzt weiss ich, was ich all die Jahre vermisst habe.“
„Was denn, Michel?“, fragte Ida.
„Mamas Fleischklösschen!“
Alle lachten.
„Haben die in Amerika keinen Fleischklösschen, Michel?“, fragte Alfred.
„Doch“, meinte Michel „aber die sind nicht mal halb so gut, wie die von Mama!“
Alma strahlte über das ganze Gesicht und wurde knallrot.
„Jetzt ist aber genug“, meinte sie.
Michels Vater war sehr still gewesen, beim Essen. Er hing seinen eigenen Gedanken nach.
„Anton, was ist denn? Hast du irgendwas?“
Anton Svensson hob den Kopf und sah seine Frau an.
„Nein, ich…es ist nur…“ Er zögerte und dann sprach er doch. „Wie lange bleibst du denn, Michel?“
Michel sah ihn erstaunt an.
„Wie lange? Wieso? Ich… ich wollte eigentlich, hierbleiben. Hast du etwa was dagegen?“
Nun war es Anton der erstaunt aussah.
„Nein. Nein ich habe nichts dagegen. Ich dachte nur… Ist ja auch egal. Wenn du bleibst ist es ja gut“
„Dachtest du etwa, ich geh wieder weg? Papa, ich habe dir doch geschworen-“
„-das du wiederkommst. Aber nicht das du bleibst“, meinte sein Vater.
Michel stand auf und ging zu seinem Vater. Er schloss ihn in die Arme.
„Papa. Ich hätte euch doch nie für immer verlassen. Ich gehöre hierher. Katthult ist mein zu Hause! Und das wird sich nie ändern!“
Anton legte sanft eine Hand auf den Arm seines Sohnes.
„Michel, dass bedeutet mir sehr viel! Ich danke dir!“
Michel nickte und wollte sich gerade wieder setzen, als sie draussen jemand rufen hörten.

„Svensson! Mein Vater möchte Ihnen ein neues Angebot für den Hof machen!“
Es war der junge Bastefaller. Ida stand auf.
„Na warte. Der kann von mir jetzt was erleben. Von wegen, verlobt und so weiter!“
Entschlossen marschierte sie nach draussen, während die anderen das Geschehen vom Küchenfenster beobachteten.

„Nils!“
Der Bastefaller sah zur Tür und grinste.
„Hallo Ida! Na, hast du es dir anders überlegt?“
„Träum weiter! Wie kommst du dazu überall zu erzählen, wir wären verlobt!“
„Ach komm schon Ida. Das wäre die bequemste Lösung für deinen Vater. Den Hof kann er so oder so nicht halten.“
„Kann er wohl. Du wirst dich wundern!“
Nils lachte.
„Ja klar. Als ob. Da müsste schon ein Wunder geschehen.“ Er griff nach Idas Arm. „Schluss jetzt! Entweder dein Vater geht auf das Kaufangebot meines Vaters ein oder du hörst endlich auf dich zu zieren und wirst meine Frau! Auf die Hochzeitsnacht freu ich mich schon!“
Ida starrte ihn entsetzt an. Doch bevor sie reagieren konnte, war schon jemand an ihr vorbeigeflitzt und hatte Nils Bastefaller in auf die Nase geschlagen. Der junge Bastefaller ging zu Boden und starrte entsetzt in Michels Gesicht.
„Fass nie wieder meine Schwester an! Sonst breche ich dir jeden einzelnen Knochen im Leib du Hund!“
Nils starrte ihn an. Er wollte etwas sagen, aber Michel war noch nicht fertig. Er packte Nils am Kragen und donnerte ihn gegen den Tischlerschuppen.
„Und deinem Vater kannst du einen schönen Gruß von mir bestellen. Wenn er den Hof haben will, muss er erst an Michel Svensson vorbei. Mal sehen, ob er sich das traut.“
Er schleuderte ihn von sich weg auf den Boden.
„Und jetzt verschwinde! Du und deine Familie haben auf unserem Grundstück nichts verloren. Ist das klar!“
Der junge Bastefaller nickte hektisch, stand auf und stolperte über seine eigenen Füße, als er sich beeilte, den Hof zu verlassen.
Michel sah ihm nach und beobachtete, wie er am Horizont immer kleiner wurde. Der würde bestimmt nicht wieder kommen, dachte er lächelnd.
Ida sprang ihrem Bruder um den Hals.
„Michel! Du warst großartig! Du bist der beste Bruder der Welt!“
Michel grinste.
„Und du bist die beste Schwester der Welt“
Ida lächelte ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Komm, wir gehen wieder rein, sonst sind alle Fleischklösschen weg!“
Michel nickte und folgte ihr ins Haus. Als er mit seiner Familie zusammensaß, fühlte er sich so vollkommen wie schon lange nicht mehr. Ja, dies war sein zu Hause! Hier gehörte er hin!
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