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Halt still, Sherlock!

GeschichteSchmerz/Trost, Erotik / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
26.02.2021
16.06.2021
36
104.059
26
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
07.05.2021 2.425
 
Anmerkung: Und nun eine Szene, die wir schon kennen - nur neu interpretiert. Und ein Auftritt von Mycroft, den sich einige gewünscht haben ;)
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Okay... Ruhig, ganz ruhig. Durchatmen. Er brauchte einen Plan, er könnte nicht weiter wie ein Irrer hier draußen herumrennen. Die Kälte kroch ihm mittlerweile tatsächlich in die Glieder und wenn er so weiter machte, dann würde Mrs Hudson Recht behalten und John sich eine Lungenentzündung holen.

„Er ist abgehauen“, erklärte er nur knapp und huschte wieder an der Landlady vorbei nach oben. Die Dame starrte ihm nach, schien allerdings nicht sonderlich beeindruckt. Nach dem Akt mit dem harpunierten Schwein und dem Elefanten im Wohnzimmer wunderte sie offenbar nichts mehr. Wahrscheinlich wirkte Sherlocks Verschwinden sogar wie eine regelrechte Bagatelle.

Aber es war keine, dessen war sich John sicher.

Er ging ins Bad und sprang unter die heiße Dusche, dann zog er sich saubere Kleidung an und machte sich ein schnelles Frühstück. So viel Zeit musste sein. Sherlock war kein kleiner Junge mehr (auch wenn er sich wie ein solcher benahm). Er war freiwillig aus diesem Fenster geklettert - wenn auch aus Gründen, die sich John nicht erschlossen - und konnte sich sehr gut selbst verteidigen, wenn es die Situation erforderte. Das hier war kein Verbrechen. Es war nur absolut...

John fiel gar keine passende Bezeichnung für dieses Verhalten ein. Aber so wenig nachvollziehbar das Ganze für ihn auch sein mochte, er wusste, dass der Lockenkopf nur Opfer seiner Umstände geworden war. Dass er es nicht besser gewusst hatte.

John fragte sich, wie oft er diese Ausbrüche noch würde abfangen müssen und wie lange seine Geduld dafür noch ausreichte. Das war anstrengend und ungesund und so gar nicht zielführend. Aber gerade brachte es nichts, darüber nachzusinnen. Er musste Sherlock finden, bevor er irgendwelche Dummheiten anstellen konnte. Wenn es dafür nicht schon zu spät war.

Noch während er aß, fischte er sein Handy aus der Hosentasche und wählte Sherlocks Nummer. Er rechnete nicht damit, dass er abnehmen und ihm freudig einen Guten Morgen wünschen würde, aber irgendwo musste John schließlich anfangen. Es rief und rief und rief - ein Rufton, der völlig ins Leere verlief. Und ein Klingeln, das er hörte. Ganz leise, auf der anderen Seite der Schlafzimmertür.

Der Detektiv hatte also sogar sein Telefon zurückgelassen. Bewusst, damit ihn niemand orten konnte. Zu einfach, zu schlicht, zu wenig raffiniert. Natürlich.

John legte auf und rieb sich über das Gesicht. Und jetzt? Wo sollte er anfangen? Was waren seine nächsten Schritte? Wenn ein Sherlock Holmes nicht gefunden werden wollte, dann fand man ihn auch nicht. Zumindest nicht so einfach...

Er seufzte, dann kratzte er seine Schüssel aus und stellte sie in die Spüle.

„Heilige...!“, rief er erschrocken, als er sich wieder umdrehte und Mrs. Hudson erblickte. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er ihre Schritte gar nicht gehört hatte. Die Landlady lächelte nur milde, dann hob sie ihre Hand, an dessen Zeigefinger ein Schlüssel hing. Ein Autoschlüssel.

„Fangen Sie ihn wieder ein, John. Was wäre die Baker Street ohne Sherlock Holmes?“, sagte sie mit hoffnungsvollen Augen.

John lächelte.

Ja, er würde Sherlock einfangen. Er wollte. Er musste. Auch wenn er noch nicht wusste wie.

Er schnappte sich den Schlüssel und lief erneut die Treppe nach unten.

***

Der Wagen war Gold wert und um so vieles flexibler als die U-Bahn, auch wenn der Londoner Stadtverkehr ein bisschen nervte. Aber so frei und flexibel er auch war - Johns Vorhaben waren bisher nicht von Erfolg gekrönt. Die Orte, die er anfuhr, waren viel zu offensichtlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Lockenkopf im Barts an einem der Mikroskope saß und halbherzige Floskeln mit Molly austauschte oder durch die Forensik des Yards tigerte, um an einem Fall mitzuarbeiten, ging gegen Null. Trotzdem waren genau das Johns erste Anlaufstellen gewesen. Weil die Ideen in seinem Kopf viel zu spärlich waren. Weil er wenigstens irgendetwas tun wollte, statt einfach grübelnd in der Ecke zu sitzen.

Er fuhr sogar zu Mollys Wohnung für den Fall, dass sie Sherlock deckte. John wusste, dass der Detektiv ihre vier Wände in der Vergangenheit hin und wieder als Unterschlupf benutzt hatte, aber auch dort entdeckte er keine Spur von ihm. Genauso wenig wie bei Angelos und in dem Park, in dem sie sich neulich so zufällig begegnet waren und zumindest im Ansatz miteinander geredet hatten.

Hmm. Das war schwierig. London war groß. Und Sherlock clever. Wie zur Hölle sollte er ihn bitte unter Millionen von Menschen finden?

John stand irgendwo im Nirgendwo und starrte ratlos aus dem Fenster dieses verboten luxuriösen Fahrzeugs, als sein Handy klingelte. Sofort griff er nach dem Gerät und nahm den Anruf entgegen, ohne auf das Display zu schauen.

„Sherlock?“, fragte er, weil es sonst so ziemlich niemanden gab, der ihn anrief.

„Dr. Watson“, tönte es allerdings eisig vom anderen Ende der Leitung. John schluckte.

Scheiße, so eine verdammte Scheiße!

„Hallo Mycroft. Wie schön, von Ihnen zu hören“, sagte er so sarkastisch er konnte. Warum rief ihn dieser Hochstapler ausrechnet jetzt an? Mycroft wäre von allen seine letzte Anlaufstelle gewesen. Wirklich die allerletzte.

„Bitte, Höflichkeitsfloskeln verschwenden nur unsere Zeit“, erwiderte der Regierungsbeamte süffisant. „Sagen Sie mir lieber, wo mein Bruder ist.“

Selbst wenn ich das wüsste, ginge es dich einen feuchten Dreck an…

„Ich bin sein Mitbewohner, nicht sein Kindermädchen“ sagte John nur und presste die Zähne aufeinander. Am liebsten hätte er sie gefletscht.

„Wo. Ist. Sherlock?“, fragte Mycroft mit deutlich hörbarem Missmut in der Stimme. Machte er sich etwa „Sorgen“?

„Bei Ihnen offensichtlich nicht“, antwortete John so fest, wie es ihm möglich war.

„Nein. Und bei Ihnen auch nicht, Dr. Watson. Das ist beunruhigend, nicht wahr? Oder warum sonst fahren Sie ziellos durch die Stadt mit einem Fahrzeug, das nicht Ihres ist?“

John war für einen Moment absolut sprachlos. Dass Mycroft seinen kleinen Bruder kontrollierte, wo er nur konnte, war hinlänglich bekannt. Dass er John jedoch ebenfalls so akribisch zu überwachen schien, stieß ihm sauer auf. Mehr als das. Er hätte kotzen können. Wie sehr er diesen Mann mittlerweise hasste, ließ sich kaum noch in Worte fassen.

„Wenn Sie mit ihren kleinen niedlichen Kameras die ganze Stadt überwachen, warum fragen Sie dann ausgerechnet mich, wo sich Ihr Bruder aufhält?“, fragte John dann mindestens genauso eisig wie die ganze Konversation begonnen hatte.

„Was haben Sie angestellt?“, kam die prompte Gegenfrage. Natürlich, wer war auch Mycroft, dass er sich rechtfertigte!

„Bei allem Respekt, Mycroft, aber irgendetwas sagt mir, dass ich derjenige sein sollte, der diese Frage stellt“ schnappte John und war fast ein bisschen stolz auf sich. Von diesem Gockel ließ er sich nicht so einfach einschüchtern. Im Krieg hatte er eindrucksvoll gelernt, dass Hunde, die so laut bellten wie Mycroft Holmes, selten bissen. Und tatsächlich wurde es kurz still am anderen Ende der Leitung.

John lächelte gewinnend, auch wenn er kein Stück weiter gekommen war.

„Finden Sie ihn“, sagte Mycroft nur, dann war die Verbindung tot. Und wieder hatte John den Eindruck, als hätte ihm der ältere Holmes gerade gedroht. Er warf sein Telefon achtlos auf den Beifahrersitz und seufzte.

So lässt es sich doch gleich entspannter arbeiten…

John hatte keine Idee mehr. So gut er Sherlock auch kannte, er war wirklich nicht sein Aufpasser. Er wusste nicht, was der Lockenkopf den ganzen Tag über machte oder wo er sich aufhielt, wenn er sich zurückziehen wollte. Er wusste nicht, wo er untertauchte und was er tat, wenn alles zu viel wurde. Oder gefährlich. Über so etwas hatte der Detektiv nie gesprochen – und erst recht keine Rechenschaft abgelegt. John hatte mehr als einmal die Baker Street verlassen vorgefunden, als er nach Hause kam. Manchmal war Sherlock ganze Nächte lang unterwegs gewesen, ohne dass John wusste, wo er war und was er trieb.

Aber noch nie war er so alarmiert gewesen.

John starrte wieder aus dem Fenster und tippte mit den Fingern unruhig gegen das Lenkrad. Eine Radfahrerin fuhr an ihm vorbei. Sie trug nur ein kurzes T-Shirt trotz der Kälte und ihre roten langen Haare wehten im Fahrtwind. Ein weiterer Mensch unter Millionen, der nicht Sherlock war. Hinter der nächsten U-Bahn-Station verschwand sie, dafür ließ sich gerade ein Bettler direkt an der Treppe in den Untergrund nieder und stellte einen leeren Becher vor sich auf, der darauf wartete, mit Münzen gefüllt zu werden.

Ein Bettler.

Ein Bettler.

Sherlocks Untergrundnetzwerk! Die Straßenkinder! Würden sie John vielleicht weiterhelfen? Er kannte Orte, wo der Lockenkopf sie gern aufspürte. Er kannte sogar einige beim Namen!

John startete sofort den Motor und fädelte sich wieder in den Verkehr ein.

***

Gott, sein Kopf dröhnte und obwohl er schwitzte, zitterten seine Hände.

Ein Stöhnen. Seines oder das eines anderen?

Sherlock blinzelte. Dieses Loch war clean noch viel schwerer zu ertragen als zugedröhnt. Wenn er high war, wirkte dieses… dieses… Establishment fast wie eine bunte Blumenwiese. Manchmal konnte man sogar Schmetterlinge fliegen sehen. Aber jetzt… jetzt lag er hier auf dieser abgefuckten, dreckigen Matratze und litt stumm vor sich hin. Zusammen mit den anderen erbärmlichen Kreaturen, die mit ihrem Leben nicht zurecht kamen.

Armselig. Eigentlich nichts als armselig und doch so fürchterlich notwendig.

Schade, dass nach dem Hochmut immer der Fall kam. Dieser Mix von Wiggins gestern Abend war die Crème de la Crème all seiner bisherigen Trips gewesen. Sherlock hätte schwören können, dass Schweine blau waren und fliegen konnten. Mit ihren großen Dumbo-Ohren.

Diese verrückten, bunten Bilder waren immer noch besser als seine nervigen Gedanken. Und die Gründe, weswegen er überhaupt hier war. Diese verrückten Bilder machten immerhin Spaß und den Kopf so wunderbar leicht. Wollte er noch einmal? Eigentlich schon. Ja, doch, er wollte. Diese Abwärtsspirale so kurz nach dem Aufwachen war erst der Anfang. Und so unschön. Das musste er stoppen.

„Wiggins?“, rief Sherlock und konnte selber nicht sagen, ob die Worte überhaupt seine Lippen verlassen hatten. Wie spät war es eigentlich?

„Wiggins? Mach das nochmal“, versuchte er es etwas lauter und rieb sich über das Gesicht. Die Bilder in seinem Kopf begannen sich zu drehen. Ganz langsam, wie auf einem Kinderkarrussel. Und wo kam plötzlich dieser Gestank her? War er es selbst? Oder die Matratze? Oder die toten Mäuse in der Ecke gegenüber?

Es stöhnte gequält. Dieses Mal kam es von ihm. Kein Zweifel.

Sherlock hörte etwas vom Fuße der Treppe. Einen Tumult? Es klang nicht so, als würde Wiggins die Stufen nach oben kommen. So klangen keine menschlichen Schritte. Oder?

Langsam. Sein Hirn arbeitete viel  zu langsam.

Sollte er aufstehen? Hatte die Polizei das Versteck entdeckt? Kam Mami und brachte Kuchen? Oder war Wiggins einfach zu blöd zum Laufen?

Sherlock schüttelte seinen schmerzenden Kopf und als er das nächste Mal die Augen aufschlug, sah er graue Haare - auf einem Kopf, dessen Gesicht er viel zu gut kannte - die Stufen empor klettern. Im millitanten Stechschritt.

Halluzinierte er immer noch? War John wirklich so penetrant?

„Wiggins!“, rief er noch einmal und tatsächlich stolperte der junge Mann einige Augenblicke später ebenso die Treppe hinauf. Er hielt sich den Arm. Warum hielt er sich den Arm? Und warum kam der imaginäre John so zielstrebig auf ihn zu und sah so böse aus? Ignorieren. Wie das blaue Schwein mit Dumbo-Ohren.

„Ich brauche einen Schuss“, sagte Sherlock, sich immer noch über die gequälte Haltung des schlacksigen Jungen wundernd.

„Tust du nicht“, sprach ihn der Kopf-John an und knirschte mit den Zähnen.

„Shezza, mein Arm ist gebrochen. Er hat ihn mir kaputt gemacht!“, schimpfte Wiggins und zeigte auf den Mann, der vielleicht doch gar nicht so imaginär war.

„Er ist nicht gebrochen. Glaub mir, ich bin Arzt“, entgegnete John genervt, packte Sherlock dann am Kragen und riss ihn auf die Beine.

Okay. Definitiv echt und nicht eingebildet.

Die Bilder vor Sherlocks Augen drehten sich immer schneller. Ihm wurde flau – mehr noch: ihm war übel. Kotzspeiübel um ganz genau zu sein.

Der Lockenkopf hatte Mühe aufrecht zu stehen und musste sich widerwillig an seinem äußerst verärgertem Gegenüber festhalten, der gerade die Ärmel seines Hoodies nach oben schob, um seine Armbeugen zu begutachten. John schluckte, dann warf er Sherlock einen langen, mahnenden Blick zu.

„Kannst du laufen?“, fragte er, obwohl der Detektiv schon damit gerechnet hatte, dass er gleich angeschrien würde.

Keine Ahnung. Konnte er? Sein Magen hatte gerade seine vollste Aufmerksamkeit, da war kein Platz mehr für Beine. Sherlock blinzelte.

„Au“, machte Wiggins und ließ sich auf die Matratze fallen, auf der der Lockenkopf gerade noch gelegen hatte. Dann rollte John mit den Augen und zog ihn einfach seufzend mit sich. Sherlock wusste nicht, wie er die Treppe nach unten gekommen oder durch die Tür getreten war. Aber er wusste sehr wohl, wie sein Magen rebellierte, als ihm der Duft von Regen gepaart mit dem Odeur von Unrat in die Nase stieg.

Er kotzte John direkt vor der Füße. Vermutlich half ihm dieser dabei, nicht vornüber und direkt in sein Erbrochenes zu kippen, anders konnte sich Sherlock nicht erklären, warum sich der gute Doktor nicht entfernte und wartete, bis auch der letzte Tropfen Galle aus ihm herausgeschossen kam.

Himmel, diese Geräusche! Dieser Gestank. Dieser Geschmack. Äußerst unsexy. Wirklich. Und so überhaupt nicht adrett und elegant.

„Fertig?“, fragte John, als Sherlock ohne weitere Magenkrämpfe ein paar Atemzüge nehmen konnte. Der Lockenkopf nickte und versuchte, das Kribbeln seiner Fingerspitzen zu ignorieren während er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Er wusste nicht einmal, wohin. Er vertraute einfach darauf, dass John ihn schon führen würde. Dass er ihn leiten würde.

John war Vertrauen. John war Sicherheit. John war Zuhause.

Wenige Momente später saß er in irgendeinem Auto. John drückte ihm eine Wasserflasche in die Hand und eine Papiertüte, wie man sie nur von einem Kiosk bekam, wenn man sich ein belegtes Brot besorgte. Nicht die beste Kotztüte, aber immerhin.

Dann startete er den Motor.

Sherlock betete, dass er die Fahrt nach Hause schaffte, ohne sich erneut zu übergeben. Die Bilder drehten sich noch immer, aber immerhin etwas langsamer. Er freute sich auf sein Bett. Auf die Wärme. Auf den Geruch der Baker Street. Aber sie fuhren nicht nach Hause. Sie fuhren irgendwo anders hin.

„Wohin…“, begann er, aber wurde sofort von John unterbrochen. Vielleicht hätte er es auch gar nicht bis zum Ende des Satzes geschafft.

„Zu Molly. Ins Barts“, erklärte John und warf Sherlock einen kurzen Blick zu. „Ich will, dass du in einen Becher pinkelst.“

Oh fuck.

Hätte Sherlock die Kraft gehabt, zu protestieren, hätte er es getan. Aber die hatte er nicht. Er fühlte sich gerade so schlecht wie noch nie. Mental und körperlich. Er hielt sich an dem Griff über seinem Kopf fest und starrte in die Ferne wie ein Kind, das auf dem Rücksitz übel wurde.

Und war froh, dass sie die Fahrt über wenigstens schwiegen.
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