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Halt still, Sherlock!

GeschichteSchmerz/Trost, Erotik / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
26.02.2021
07.05.2021
24
72.153
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04.05.2021 1.955
 
Nein war alles, was er dachte.

Nein. Nein, nein, nein!

Das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein. Das war genau das, wovor Mycroft ihn immer gewarnt hatte. Mycroft - mit seinem mahnenden Blick, mit dem überlegenen Zucken seiner Augenbrauen, mit seiner belehrenden Stimme. Über Tage, Wochen, Monate. Über eine schier endlose Zeit, in der Sherlock nicht gewusst hatte, ob er weiter leben konnte und wollte.

Liebe war gefährlich, das hatte er schon lange gewusst. Aber jetzt spürte er es am eigenen Leibe – diese Macht, dieses Allumfassende, diesen Kontrollverlust. Liebe verzerrte die Wahrnehmung. Sie war viel zu irrational und zu einnehmend. Und zu wenig Sherlock Holmes. Sie behinderte ihm im Denken, im Analysieren, in seiner Objektivität. In seinem Sein. Und sie machte ihn angreifbar, so fürchterlich angreifbar.

John, John, John.

Sein Hirn, sein Körper beschäftigte sich offenbar mit nichts anderem mehr. Er hätte es merken müssen, als er vor seiner Tür geheult hatte wie eine Frau. Als Panik seinen Körper ergriffen hatte, er könnte das alles wieder verlieren. Als ihm bewusst geworden war, wie sehr er dieses Arrangement mittlerweile brauchte. Wie abhängig er davon war.

Er wollte nicht abhängig sein. Und er wollte sich nicht so verloren fühlen. Nie wieder.

Schreie, laut und markdurchdringend. Verzweifelt, jämmerlich. Der Blick voller Angst, Todesangst, Panik. Ein Flehen, Betteln, Wimmern. Und Ohnmacht. Alles lähmende Ohnmacht - Hilflosigkeit gepaart mit machtlosen Tränen. So viele heiße Tränen, die seine Wangen hinabliefen. Aufhören! Aufhören! Aufhören!

Sherlock presste sich die Hände auf die Ohren, raufte sich die Haare, schüttelte den Kopf.

Ein viel zu schnell pumpendes Herz, zitternde Hände, Bilder, die sich drehten. Wirre, zerstreute Schritte ohne Ziel. Und keine Idee. Keine einzige, rettende Idee. Und immer wieder diese Schreie, die ihm geradewegs ins Fleisch und ins Herz schnitten. Und diese flehenden Blicke, die ihn lähmten. Die so weh taten. Tief drinnen. Weil er machtlos war, absolut machtlos.

Fuck, Fuck, Fuck! Das musste aufhören. Sofort! Er drehte durch. Er drehte sonst einfach durch, wenn diese Wunden wieder aufbrachen. Oder neue entstanden, weil John etwas passierte. Das würde er nicht ertragen. Kein zweites Mal.

Es war so ruhig, als die Schreie schließlich erstarben. Sie waren so furchtbar gewesen. So unerträglich. Und doch um so vieles schöner als diese dröhnende, allumfassende Stille. Als die Erkenntnis, dass sie endgültig war. Als die Gewissheit, dass er diese Stimme nie wieder hören und in diese Augen nie wieder sehen würde. Augen, die ihn immer noch eisblau, aber so leer anstarrten. So leblos.

Johns Augen waren auch blau. Nicht eisblau, aber mit ihrer grauen Nuance nicht weniger kalt. Dennoch schaffte er es regelmäßig, Sherlock so warm und einfühlsam anzulächeln. Und so unschuldig auszusehen wenn sie vor Freude funkelten. Oder fasziniert, wenn der Lockenkopf ihn verblüffte. Aber heute würde er John nicht verblüffen. Nicht auf diese Weise. Sherlock würde ihm weh tun. Ganz sicher. Und doch...

Ein Abgrund. Ein riesiger, tiefer Abgrund. Verlockend. Und ebenso endgültig. Einfach fallen lassen. Fallen lassen und ertrinken. Er verdiente es. Er hatte versagt. Da unten war Ruhe. Da unten war Erlösung. Wie schön. So wunderschön. Er trat näher, sah noch tiefer hinab, nahm einen tiefen Atemzug. Dann beugte er sich nach vorn und schloss die Augen. Finger, die sich um seinen Arm legten. Ein fester Griff, der ihn zurückhielt. Mycroft.

Stimmengewirr im Flur, dass das Drehen des Schlüssels im Schloss gekonnt übertönte. Ein Blick in den Spiegel. Fingerspitzen, die auffällig ruhig und kontrolliert die Knöpfe seines Hemdes öffneten und es gegen ein T-Shirt und einen Hoodie ersetzten. Die Hose, die seine schlanken Beine hinabfloss und wenig später ordentlich gefaltet auf seiner Matratze lag bevor er elegant in eine lässige Jogpants schlüpfte. Dazu: Sneakers und Mütze. Letztere war besonders wichtig, wenn man keinen Bart trug und wenigstens die auffallenden Locken vertuschen wollte. Und Geld. Er brauchte Geld. Aber auf keinen Fall ein Handy. Nicht, wenn er nicht gefunden werden wollte.

Und das wollte er nicht. Er wollte weg. Nicht für immer. Nein, auf keinen Fall für immer. Die Baker Street war sein Leben. John war sein Leben. Der Mensch an seiner Seite. Irgendwie. Sie waren ein unzertrennliches Duo - auf ihre ganz eigene Weise.

Außer jetzt.

Jetzt war akuter Notstand in seinem Kopf. So akut, dass er ihn ausschalten musste. Dringend. Er wusste keine andere Alternative, hatte nie eine gelernt. Aber er konnte nicht zulassen, dass er von ihnen übermannt wurde. Von den Erinnerungen, den Gefühlen, diesem Monster in ihm drin.

Das wäre gefährlich, verheerend, unkontrollierbar.

Sherlock öffnete das Fenster, betrachtete die Vorsprünge in der Außenwand, die Regenrinne, das Buschwerk auf dem Boden.

Safe.

Er warf einen Blick zurück. Auf sein Bett, auf den Kleiderschrank, auf die Kommode. Ignorierte die Zweifel und Warnungen, die aus irgendeiner Gehirnwindung gekrochen kamen. Und die Bilder von Johns enttäuschtem Gesicht. Die Worte, die er ihm an den Kopf knallen würde. Sie waren zerstörerisch.

Funktionieren.

Er atmete tief ein und setzte schließlich einen Fuß auf das Fensterbrett. Dann den zweiten.

Und dann war er verschwunden.

***

John starrte immer noch fassungslos das Türblatt an. Er hatte recht behalten. Sherlock hatte sich wirklich und wahrhaftig in ihn verliebt. In ihn - einen ehemaligen mittellosen Soldaten, dessen Intellekt bei weitem nicht an den des Detektiven heran reichte und der damals vermutlich allenfalls gut genug gewesen war, um die Kosten der Miete zu halbieren. Und der eigentlich so fürchterlich hetero war.

John wusste nicht, was ihn mehr erstaunte: dass er genau das Gleiche empfand oder dass Sherlock überhaupt zu so etwas fähig war. Der Doktor hatte den Lockenkopf lange für einen emotionalen Eisklotz gehalten. Aber er war nie ein solcher gewesen. Er hatte nur Wege gefunden, sich von Emotionen zu distanzieren. Mithilfe von Mycroft.

Hinter der Tür schien es absolut still zu sein. John hatte nicht einen Laut wahrgenommen, seit er hier saß. Lag Sherlock auf seinem Bett und hypnotisierte die Decke? War er immer noch so fürchterlich apathisch und gelähmt? John wollte zu ihm. Er musste zu ihm. Es ging gar nicht anders. Es hatte schon viel zu lange gedauert Dank dem Überfall der viel zu hilfsbereiten Landlady.

John rappelte sich auf und lief über den Flur. Sein Hintern schmerzte von dem harten Untergrund und sein Herz schlug heftig in seiner Brust. Er fühlte sich ein bisschen wie ein Teenager. Wie damals, als er mit Kribbeln im Bauch den ersten Liebesbrief seines Lebens in Sarahs Spind geworfen hatte. Gott, wie lange das schon her war! Und wie viele Erfahrungen er zwischenzeitlich gesammelt hatte. Dennoch war er gerade fürchterlich verunsichert. Dennoch wusste er nicht, wie er auf Sherlock zugehen sollte, ohne dass es irgendwie aus den Fugen geriet.

Er hob die Hand und klopfte vorsichtig an die Tür. Keine Regung. Kein mürrisches „Komm rein“, aber auch kein entschlossenes „Geh weg!“

Hmmm.

Sherlock?“, versuchte er es noch einmal und klopfte energischer. Nichts. Er lauschte. Und runzelte die Stirn. Stille. Immer noch. Er drückte die Türklinke nach unten. Mehrfach.

Was zum...?

Sherlock?“, rief er erneut obwohl er wusste, dass er keine Antwort zu erwarten hatte. Der Detektiv hatte sich verbarrikadiert, zurückgezogen, von der Welt verschlossen. Abgeschottet - von ihm.

Mach die Tür auf, Sherlock. Bitte. Ich will mit dir reden“, sagte John etwas sanfter, aber auf der anderen Seite blieb es immer noch still. Hatte John ihn tatsächlich so sehr verschreckt? Konnten Gefühle der Zuneigung so eine Angst auslösen? So einen Fluchtgedanken - den unbändigen Wunsch nach Rückzug?

Aber Sherlock hatte nicht umsonst abgesperrt. Es gab kein deutlicheres Zeichen als dieses, allein sein zu wollen. John machte sich Sorgen und wurde von dem Verlangen getrieben, die Dinge zu klären statt sie ungelöst im Raum stehen zu lassen, aber wer sich derart abschottete, war vermutlich mit keinem Gesprächsversuch dieser Welt zu erreichen.

John resignierte - und ließ von der Türklinke ab. Widerwillig trat er den Rückzug an, ging ins Wohnzimmer, setzte sich in seinen Sessel, wartete. Er wartete, während die Gedanken in seinem Kopf munter ihre Kreise zogen. Er wartete, während ihn der Smiley an der Wand höhnisch auszulachen schien. Er wartete, bis es draußen dunkel wurde und das spärliche Licht die Baker Street in dunklere Farben tauchte.

Sherlocks Schlafzimmertür öffnete sich selbst nach mehreren Stunden nicht. Als John auf seinem Sessel schließlich kurz weg nickte und wieder hoch schreckte, weil sein Kopf von seinen Schultern zu rollen drohte, beschloss er, sich bettfertig zu machen und in sein Zimmer zu gehen.

Warum nur? Warum musste alles so ein verdammtes Drama sein? Warum konnte Sherlock nicht einfach zulassen, fühlen, genießen? Wieso konnten sie sich nicht einfach gemeinsam freuen? Warum musste etwas wieder kompliziert werden, was gerade so unkompliziert gelaufen war?

John warf sich in seinem Bett von links nach rechts, hin und her, während ihn immer wieder die gleichen Fragen beschäftigen. Und während er lauschte, ob Geräusche aus dem unteren Geschoss zu ihm nach oben drangen. Aber da war nichts. Gar nichts. Musste denn der Meisterdetektiv nicht auch irgendwann einmal auf Toilette? Würde er das überhaupt hören?

John seufzte und drehte sich auf den Rücken. Er hätte gern Sherlock in seinem Bett gewusst, die Hand zu ihm hinüber geschoben und sie gehalten. Das war ein so schöner Gedanke. Einer, der ihn lächeln ließ. Sterne funkelten am Firmament, als er einen Blick zu seinem Fenster warf. Hatte er die Sterne überhaupt schon einmal beobachtet? Das war irgendwie beruhigend. Es ließ die eigenen Probleme so klein erscheinen.

Es war eine klare und kühle Nacht, der ganze Himmel glitzerte regelrecht. Es hätte so schön sein können. So unbeschwert. Aber gerade war es das nicht. Es brachte John fast um, mit diesem Gefühl der Ungewissheit schlafen zu müssen. Dennoch fielen ihm irgendwann vor Müdigkeit die Augen zu. Richtige Erholung fand er allerdings nicht.

***

John schöpfte erst Verdacht, dass etwas grundlegend nicht stimmte, als er sich am nächsten Morgen ins Bad schleppte und alles noch genau so vorfand wie am Abend zuvor.

Der Toilettendeckel war geschlossen, obwohl Sherlock ihn immer nach oben klappte und die Zahnpasta stand immer noch an der Stelle, die John für richtig und der Lockenkopf für falsch erachtete (und daher immer wieder umräumen musste). Es dauerte eine Weile, bis die Informationen in sein müdes Hirn drangen und dort verarbeitet wurden. Bis die Erkenntnis ihn einholte.

Sherlock war gar nicht in seinem Zimmer. Konnte es nicht sein. Die ganze Zeit über schon nicht.

Ohne überhaupt erst einmal seine Blase zu entleeren, lief John alarmiert über den Gang und hämmerte gegen das Türblatt. Es war mehr Instinkt als bewusste Entscheidung - was sollte von der anderen Seite schon kommen? Er rief irgendetwas, das er selber nicht verstand, aber Mrs. Hudson dazu brachte, ihn ängstlich anzustarren, als sie den Tee nach oben brachte.

Ist alles in Ordnung?“, fragte sie, aber John beachtete sie überhaupt nicht. Er huschte - immer noch im Schlafanzug - an ihr vorbei und nach draußen auf den Hof. Es war kalt und nass und er war barfuß, aber gerade interessierte ihn das nicht im Mindesten.

Viel wichtiger war die Fassade, an der er empor schaute und das Fenster auf ihrer Etage, das sperrangelweit offen stand. Der dunkle Vorhang wehte unschuldig im Wind, als würde er dem Schlafenden nur zärtlich ein paar Luftstöße zufächern.

Nur dass dahinter kein Schlafender mehr lag.

John, Sie holen sich noch den Tod!“, rief Mrs. Hudson, die ihm besorgt gefolgt war und fröstelnd ihr dünnes Jäckchen enger um die Schultern zog. Aber John betrachtete unbeirrt die Fensterbretter und die Regenrinne, lief an dem Gebäude entlang und ignorierte den stechenden Schmerz, den die Kälte in seinen Fußsohlen verursachte. Er versuchte Spuren zu finden, herauszubekommen, wo Sherlock nach seiner Klettertour gelandet war und welche Richtung er eingeschlagen haben könnte. Aber Fuck, er war kein Detektiv und ohnehin viel zu aufgewühlt, um sich anständig zu konzentrieren!

Dann trat er auch noch auf etwas Spitzes - irgendeinen Stachel oder einen scharfen Stein. Er fluchte. Er fluchte laut und verzweifelt.

Scheiße! Wo zum Teufel steckte Sherlock?

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