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Halt still, Sherlock!

GeschichteSchmerz/Trost, Erotik / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
26.02.2021
16.06.2021
36
104.059
26
Alle Kapitel
119 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
01.05.2021 2.285
 
Anmerkung: Jetzt habe ich euch aber vergleichsweise lange warten lassen :D Ich hoffe ihr seid noch da! Ich kann noch nicht ganz sagen, wie schnell ich zukünftig sein werde, das ist jetzt erstmal das letzte Kapitel, das ich in der Pipeline hatte. Aber ich verspreche mindestens ein Update pro Woche. Und jetzt viel Spaß!
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Sherlock war schweigsam - jeden Tag ein bisschen mehr. Er sprach nie besonders viel wenn es nicht gerade um einen Fall ging - Nebensächlichkeiten und Smalltalk waren zu irrelevant, als dass sie in seiner Welt einer Erwähnung bedürften. Aber diese Stille war dann doch ein wenig auffällig.

John hatte nicht den Eindruck, dass ein neuer Konflikt zwischen ihnen stand – Gott sei Dank – und es war auch nicht so, dass der Lockenkopf gar nicht mit ihm redete. Aber seit dem Abend, an dem der Doktor ihn gefesselt hatte, schien ihn irgendetwas zu beschäftigen.

John wagte nicht, danach zu fragen. Nicht nach Sherlocks Offenbarung, er würde sein Innenleben selbst nicht verstehen. Er konnte nichts von ihm verlangen, wozu er nicht imstande war - und wollte doch für ihn da sein ohne recht zu wissen wie.

Ich brauche deinen ärztlichen Rat“, sagte Sherlock dann völlig unvermittelt, als sie gemeinsam zu Abend aßen.

John war sofort alarmiert.

Ein Sherlock Holmes brauchte keinen ärztlichen Rat. Er kannte sich selbst ganz gut mit Knochenbrüchen aus, mit drogenindizierten Entzugserscheinungen, mit Fleischwunden, mit Kopfschmerzen jedweder Art, mit Erkältungssymptomen, mit Bluthochdruck oder Blutdruckabfall. Mit Schwindel, Erbrechen, Durchfall. Mit Prellungen und Zerrungen und Bänderrissen. Das umfangreiche Wissen in Anatomie und Pathologie war für ihn essentiell. Außerdem behandelte sich Sherlock vorzugsweise selbst, was John jedes Mal dazu nötigte, verständnislos mit den Augen zu rollen und den Kopf zu schütteln. Dass der Detektiv ihn um Rat bat, war mehr als außergewöhnlich.

Oh Gott, konnte es vielleicht etwas mit dem... nun ja… neuartigen Experiment von vor wenigen Tagen zu tun haben? War er doch irgendwie… kaputt gegangen? Hatte John ihn doch verletzt? Scheiße, er war kein Proktologe.

Okay... Verdammter Mist! Ähm... und nun? Erst einmal ruhig bleiben. Durchatmen. Räuspern.

Als erstes kam die Anamnese. Immer. Danach konnte er immer noch in Panik verfallen.

Meinen ärztlichen Rat? Inwiefern?“, fragte John schließlich und lenkte von seiner Anspannung ab, indem er mit der Gabel eine Nudel erdolchte. Sherlock wirkte zerstreut und ein bisschen derangiert mit seinen wilden Locken und dem leger übergeworfenen Morgenmantel. Und dem unsteten Blick.

Ich weiß nicht, ich fühle mich so… flattrig? Aufgeregt? Unruhig? Aber trotzdem... gut“, versuchte er in Worte zu fassen, was er nicht in Worte fassen konnte. John war überrascht, ja regelrecht erstaunt. Sherlock Holmes fühlte etwas? Und sprach auch noch darüber? Zumindest schien er keine Probleme mit seinem Rektum zu haben. Das war schon mal erleichternd.

Ich kann in diesem Zustand kaum essen. Ich tue es nur, weil du es mir aufgetragen hast. Damals. Aber ich habe keinen Appetit“, erklärte er dann. John legte die Gabel auf seinen Teller, lehnte sich zurück, schaute Sherlock geduldig an.

Ach was. Das war interessant.

"Du bist also appetitlos und hast ein kribbliges Gefühl in der Magengegend?", fragte John so professionell er konnte.

"Ja. Und ich kann seit Tagen nicht schlafen“, fuhr der Lockenkopf fort. „Und bin doch irgendwie so… euphorisiert und energiegeladen, als wäre ich an einem raffinierten Fall dran. Aber das bin ich nicht. Ich weiß genau, wie lange mein Körper mit wie wenig Schlaf auskommt und wie er reagiert. Aber er verhält sich plötzlich anders. Er schläft einfach auf deiner Matratze ein und wirft sich auf meiner – auf die er eigentlich konditioniert ist – nur noch unruhig hin und her. Es sei denn, es riecht nach dir, aber dazu habe ich noch nicht ausreichend viele Daten gesammelt.“

John zog die Augenbrauen nach oben. Hatte er gerade richtig gehört? Und konnte es sein, dass Sherlock ihm gerade seine Gefühle gestand, ohne dass er es wusste? Du lieber Himmel, das war so herrlich unbedarft und goldig!

Mitspielen! Du musst mitspielen!

Es sei denn, es riecht nach mir?“, hakte er noch einmal nach und verschränkte die Arme vor der Brust. Davon wollte er gern noch mehr hören.

Ja, ich habe neulich aus Versehen dein Handtuch benutzt und auf mein Bett geworfen, als ich mich angezogen habe. In dieser Nacht habe ich besser geschlafen“, erklärte Sherlock fast schon beiläufig. „Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: mein Körper reagiert anders als sonst. Da läuft etwas falsch, John. Das sind Abweichungen, die ich bisher nicht verstehe und die mich stören. Verstehst du?“, sagte er dann schon etwas energischer. Dass er etwas nicht erklären konnte, musste ihn umbringen!

Hast du noch andere… Abweichungen festgestellt?“, fragte John vorsichtig.

Außer die, nur mit Luft und Liebe leben zu können? Und vor lauter Glückshormonen nicht mehr in den Schlaf zu finden?

Ja, ich… Ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Kannst du dir das vorstellen? Ich war vor vier Tagen im Yard und Anderson hat mich auf etwas hingewiesen, das ich übersehen habe. Anderson! Das ist eine Katastrophe!“, rief er und schien sich fast in Rage zu reden. "Meine Gedanken sind nicht einmal gradlinig, sie sind wirr. Gespickt mit so vielen Bildern, die einfach auftauchen, ohne dass ich sie kontrollieren kann. Überhaupt scheint mein Hirn nur noch ruhig zu werden, wenn ich... w-wenn wir..."

"Oben sind?", beendete John den Satz für ihn und Sherlock nickte stumm. Der Kontrollverlust machte ihm Angst, das stand ihm ins Gesicht geschrieben. Es musste ihn extrem verunsichern, nicht mehr Herr seines Körpers, seiner Emotionen, seines Hirns zu sein. Es machte ihn hilflos und Hilflosigkeit konnte er sich nicht erlauben. Nicht im Alltag. Nicht in seinem Job. Aber mit John. Im Privaten. Da ging es. Da brauchte er es. Weil er ihm vertraute. Weil er etwas zuließ, was er emotional gar nicht greifen konnte. Und was ihn gerade so wunderbar niedlich verwirrte.

"Was für Bilder sind das?", fragte John dann und konnte beobachten, wie Sherlock sich innerlich wand und dann versuchte, sich zu sammeln.

"Ich weiß nicht. Es sind zu viele. Es ist alles und nichts. Oft sind es Dinge, die wir miteinander getan haben. Vermutlich weil mich mein... Körper... immer noch daran erinnert. Aber auch andere, nichtige Sachen. Leere Teetassen auf dem Frühstückstisch, die zusammengefaltete Tageszeitung auf deinem Sessel, leere Shampooflaschen auf dem Wannenrand”, antwortete er. “Du musst dir übrigens neues besorgen.”

"Wieso? Hast du es genauso zufällig benutzt wie mein Handtuch?", konnte John sich nicht verkneifen zu fragen.

"Nein, meins war aufgebraucht und ich war zu faul, neues zu kaufen", erwiderte Sherlock nüchtern.

So so. Wirklich?

John nickte. “Ist dir noch mehr aufgefallen?”

Sherlock überlegte kurz und runzelte die Stirn.

Ich... wollte nach all meinen Terminen in den letzten Wochen wieder nach Hause. In die Baker Street. Vor allem abends, wenn draußen eigentlich die spannendsten Dinge passieren. Was ist mit dem Puls von London, dem Atem der Großstadt? Werde ich langsam alt, dass ich entspannte Abende vor dem Kamin bevorzuge?“, fragte er und strich sich nervös durch die Haare.

Nein, Sherlock. Ganz und gar nicht.

Und wenn ich dann hier bin, ertrage ich es kaum, allein zu sein. Das ist gravierend! Alleinsein war alles, was ich hatte, John. Alles, was ich brauchte. Alles, was mich geschützt hat. Und jetzt will ich es nicht mehr. Ich genieße Gesellschaft, hörst du? Ich genieße es-“

Mich um dich zu haben?“, fiel John ihm ins Wort und musste sich auf die Zunge beißen, um nicht breit zu grinsen. Das würde er nicht mehr lange durchhalten. Unmöglich!

Ja!“, rief Sherlock völlig entrückt und mit sich selbst überfordert. „Und dann mache ich auch noch so unsinnige Sachen wie... Summen unter der Dusche zum Beispiel. Oder den Tisch decken.“

Oh Gott, das war unfassbar süß. John wusste gar nicht was er sagen sollte. Er fühlte sich gerade selbst flattrig und unruhig und aufgeregt. Er versuchte sich so sachlich zu geben, wie er irgend konnte und räusperte sich.

Nun, Sherlock, das… So geht es vielen Menschen, ich kann dich beruhigen. Das… ist nichts Schlimmes“, versuchte er es und musste sich selbst in den Arm kneifen, um nicht vor Rührung zu zergehen.

Wirklich? Du musst dich irren! So kann ich nicht arbeiten, John. Das ist zu… einnehmend“, entgegnete Sherlock beinahe verzweifelt.

Ja, so ist das, mein Lieber. Genau so fühlt sich das an.

Es gibt nicht viel, was du dagegen tun kannst. Ich kenne nur eine Methode, die dir helfen könnte. Auf lange Sicht. Am Anfang wird sie jedoch sämtliche Symptomatiken verschlimmern“, erklärte John mit seiner Arztstimme und nippte an seinem Tee, bevor er dümmlich vor sich hin grinsen konnte.

Und die wäre?“, fragte Sherlock verzweifelt.

Räumliche Distanz“, entgegnete John stumpf.

Räumliche Distanz?“

Ja. Abstand. Von mir“, sagte John und grinste nun doch über das ganze Gesicht, als Sherlock ihn völlig verständnislos anstarrte. Dann stand John auf, ging zu dem Lockenkopf hinüber und küsste seine weichen und irritiert offenstehenden Lippen.

Diesen biochemischen Cocktail, der dich gerade so durcheinander bringt, nennt man gemeinhin Verliebtheit, Sherlock“, erklärte er dann und strich ihm zärtlich über die Wange.

Aber sein Gegenüber rührte sich nicht. Er blinzelte nicht einmal. Oder atmete. Er saß einfach da und schaute fassungslos in Johns Gesicht, unfähig, etwas zu sagen oder überhaupt irgendwie zu reagieren. Anaphylaktischer Schock? Vor Schreck gestorben? Medusa in die Augen geschaut?

Sherlock?“, fragte John, aber er erreichte den Mann vor sich nicht. Er war zu Eis erstarrt. Hatte er ihn jetzt wirklich und wahrhaftig kaputt gemacht? Musste er ihn gleich wiederbeleben? Aber dann blinzelte er. Und schluckte.

D-Differentialdiagnose? Hast du auch… andere Möglichkeiten in Betracht gezogen als… als…das?“, fragte er, schwach und mit zittriger Stimme. Er versuchte John in die Augen zu sehen, aber es gelang ihm nicht.

Das muss ich nicht“, sagte John fest aber sanft. Der Mann vor ihm wirkte absolut aufgelöst und starrte gebannt auf die Tischkante. Oder seinen Teller. Oder die Gabel. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt, als er in völlige Apathie verfiel. Kippte er gleich um?

Ist alles in Ordnung, Sherlock?“, fragte John besorgt. „Ich weiß, das ist ein beängstigendes-“

Oh Gott...”, sagte der Lockenkopf nur stumpf und erhob sich. Seine Bewegungen glichen denen eines Roboters, der Blick mindestens ebenso leer. Hatte er John überhaupt gehört?

Jungs?”, drang die Stimme von Mrs. Hudson an Johns Ohr und er seufzte. Doch nicht jetzt! Nicht jetzt, wo er Sherlock gern um den Hals gefallen wäre, ihn in seine Arme gezogen und ihm zugeflüstert hätte, dass es ihm ganz genauso ging. Nicht jetzt, wo er

seine Fingerspitzen durch die dichten Locken gleiten lassen, seine Lippen auf die des Lockenkopfes legen und seinen Duft in sich aufsaugen wollte.

Er lief zur Tür während die Landlady für ihr Alter behände die Treppe nach oben stieg.

Ich hoffe, Sie haben noch nicht zu Abend gegessen, ich habe so viel Lasagne übrig”, plapperte sie drauf los und drückte John freudig erregt eine Auflaufform in die Hand.

Danke, wir haben gerade... Danke”, entgegnete er freundlich aber leicht überrumpelt. Er brachte das Essen in die Küche, die plötzlich leer war. Von Sherlock war keine Spur zu sehen.

John, dieses Chaos!”, schimpfte Mrs. Hudson und rümpfte wie immer die Nase als sie den Blick durch die Wohnung schweifen ließ. Wenigstens brach sie nicht in Gejammer darüber aus, dass John das Essen würde kalt stellen müssen.

Wissen Sie was? Den Anblick ertrage ich nicht. Ich helfe Ihnen”, verkündete sie kurzerhand und räumte das dreckige Geschirr in die Spüle. Dann ließ sie warmes Wasser einlaufen und warf den Lappen sofort angeekelt in den Müll.

Das müssen Sie nicht tun”, protestierte John und wunderte sich darüber, dass sie ihm nicht zum 37. Mal unter die Nase rieb, dass sie nicht ihre Haushälterin war. Außerdem saß da ein wichtigeres Problem der anderen Seite der verschlossenen Schlafzimmertür, dem er sich widmen wollte.

Offensichtlich sind Sie ohne mich verloren. Sie beide! Wo ist Sherlock überhaupt

? Und was ist das in letzter Zeit für ein Getrampel auf der Treppe? Nicht, dass es mich etwas angeht...” schwafelte sie weiter, während John ihr einen neuen Lappen reichte und das Geschirrtuch gleich in die Wäsche warf. “Ihnen fehlt eindeutig die ordnende Hand einer Frau! Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal gesaugt?”, schimpfte sie beinahe. Obwohl die Worte “saugen” und “Frau” ein beinahe kindisches Amüsement in ihm hervorriefen (wenn sie wüsste!), hatte John alle Mühe weiterhin freundlich zu lächeln.

Er wollte sich gerade viel lieber der Euphorie hingeben, dass Sherlock verliebt in ihn war und darüber sinnieren, wie es jetzt weiter ginge als aufzuräumen und zu putzen. Oder sollte es vielleicht gerade so sein? Wollte das Universum Sherlock gerade bewusst eine Rückzugsmöglichkeit und John eindrucksvoll zu verstehen geben, dass er diesen Wunsch zur Abwechslung einmal zu akzeptieren hatte?

Widerwillig holte er ein frisches Geschirrtuch aus dem Schrank, trocknete die Teller, die die alte Dame bereits gespült hatte und versuchte so unverfänglich wie möglich auf ihre ganzen neugierigen Fragen zu antworten.

Eine Stunde später glänzte die Küche, war der Müll vor die Tür gebracht und das Wohnzimmer halbwegs aufgeräumt. Sauber und ordentlich war immer noch etwas anderes, aber immerhin fühlte sich John gleich etwas wohler. Die Tür zu Sherlocks Zimmer war allerdings immer noch verschlossen.

Musste er sich Sorgen machen? Verliebtheit war etwas so Wunderbares. Warum hob es Sherlocks Welt gleich so aus den Angeln? Das Kind beim Namen zu nennen änderte doch nichts. Brauchte der Lockenkopf einfach Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen? Nach all der Nähe, der Wärme, der Intimität, des Vertrauens; nach allem, was sie durchgemacht und miteinander geteilt hatten? Immer noch?

John wusste nicht, ob oder was er tun sollte. Er starrte von der anderen Seite des Flurs auf das Türblatt und überlegte. Er überlegte lange. Dann rutschte er an der Wand zu Boden und schlang ein Arm um sein Knie.

Und schnaubte fassungslos.

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