Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Halt still, Sherlock!

GeschichteSchmerz/Trost, Erotik / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
26.02.2021
16.06.2021
36
104.059
26
Alle Kapitel
119 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
26.02.2021 3.697
 
Wichtige Anmerkung:

Wenn ich es blumig beschreiben müsste, würde ich sagen, es wird ein bisschen "kinky". Aber das entspricht wohl nicht ganz der Wahrheit. Hier geht es (teilweise) um harten BDSM. Um Grenzen, um Schmerzen, um ein bisschen verbale Demütigung. Um Schläge und Strom und andere Formen, jemanden in die Schranken zu weisen.

Bitte nicht lesen, wenn das nicht Euer Ding ist. Wirklich. Mir folgen Leute, weil sie meinen Schreibstil mögen. Lest lieber weiter meine blumigen Sherlolly-Geschichten. Das hier ist ein ziemlicher Ausreißer und nichts für schwache Nerven! Es ist eigentlich nicht mal was für meine...

Ach ja, und bitte nicht nachmachen!

Ansonsten: Viel Spaß mit meiner ersten Johnlock-Story! Gebt mir gerne Feedback, ihr könnt auch Vorschläge einreichen, wenn ihr mögt. Aber bitte keine Grundsatzdiskussionen darüber, mit welchen Neigungen man in eine Sexualtherapie gehört und mit welchen nicht. Danke.

__________________________________________________________


Sherlock war schweigsam in den letzten Tagen. Aber es war nicht das Schweigen, dass er häufig an den Tag legte, wenn er über einen Fall nachgrübelte. Es war das Schweigen eines Mannes, der tief von sich selbst enttäuscht war, weil er sich hatte blenden lassen. Von einer Frau. Von Irene. Von Gefühlen. Sie hatte ihn vorgeführt und dafür gesorgt, dass er unbewusst seinem größten Feind in die Hände spielte. Und dass er sich vor seinem großen Bruder lächerlich machte. Es hatte ihn gedemütigt. Auf sehr tiefliegender Ebene.

Abend für Abend erlebte John ihn in sich gekehrt. Er aß unregelmäßig, sprach nicht und spielte auch nicht auf seiner Violine. Er checkte nicht einmal seine Mails, um zu sehen, ob ein neuer Fall auf ihn wartete.

Du warst ziemlich fasziniert von ihr, hm?“, fragte John vorsichtig die reglose Gestalt, die in dem Sessel ihm gegenüber saß. Er hatte noch nie mit Sherlock über schwierige Dinge gesprochen. Über Privates. Er wusste nicht recht, wie er ihn erreichen sollte. Wie er überhaupt anfangen sollte.

Das war auf jeden Fall nicht der richtige Weg. Sherlock war mit einem Satz in der Senkrechten und verließ das Zimmer. Das Einzige, was John noch hörte, war das Zuknallen der Schlafzimmertür. Er seufzte. Dann versuchte er sich wieder auf sein Buch zu konzentrieren.

~~~

Als John drei Tage später nach einem harten Arbeitstag in die Baker Street kam, platze ihm fast der Kragen. Er konnte förmlich riechen, dass nicht ein einziges Mal Frischluft in die Wohnung gekommen war. Mrs. Hudson war auf Kur (wie lange eigentlich?) und nun, da ihre wenigen Handgriffe auch noch wegfielen, wurde John mit aller Macht bewusst, wie stinkend faul Sherlock eigentlich war. Und John sah langsam nicht mehr ein, dass er nach einem langen Arbeitstag in der Praxis auch noch für Ordnung und Sauberkeit sorgen sollte, während Sherlock den ganzen Tag nichts anderes tat als still vor sich hin zu leiden.

John schluckte seinen Groll widerwillig hinunter, öffnete die Fenster und sammelte das benutzte Geschirr ein, während Sherlock wie ein Knäuel auf seiner Couch lag und ihn nicht einmal eines Blickes würdigte geschweige denn begrüßte. Dann ließ John Wasser in die Spüle laufen und setzte ihnen beiden einen Tee an. Nachdem er abgewaschen und noch den Müll heraus gebracht hatte, waren die schlimmsten Baustellen immerhin beseitigt.

Außer der, die immer noch auf dem Sofa lag.

Sherlock, das muss aufhören. Menschen machen Fehler - auch du“, begann er möglichst sanft und darum bemüht, Verständnis für seine Situation zu zeigen. „Du wurdest reingelegt von jemanden, der dir ebenbü-“

Und wieder das Knallen der Tür, bevor er überhaupt seinen Satz beenden konnte.

Puh. Das war schwerer als er dachte...

~~~

Nach weiteren zwei Tagen konnte John den Anblick nicht mehr ertragen. Sherlocks Haar war ungekämmt, seine Wangen mittlerweile von einem ungepflegten Bart geziert. Zwar trug er immer noch Hose und Shirt, aber der übergeworfene Morgenmantel war zerknittert und voller Flecken. Und seine Augen verrieten John, dass er Drogen genommen hatte – ein Zustand, den er nicht dulden konnte.

John lief ins Bad und drehte die Wasserhähne der Wanne auf. Dann legte er ein frisches Handtuch, einen Rasierer und Rasierschaum bereit und kehrte entschlossen ins Wohnzimmer zurück.

Sherlock William Scott Holmes, du nimmst jetzt ein verdammtes Bad, rasiert dieses… Fellgesicht… und ziehst dir frische Kleidung an! Und wenn du damit fertig bist, gehen wir an die frische Luft, denn dort bist du seit Urzeiten nicht gewesen!“

John wusste nicht, ob sein geänderter Tonfall funktionieren würde, aber er war nicht mehr gewillt, seinen Ärger zu vertuschen. Sein Bedürfnis, für Sherlock da zu sein und ihm aufmunternde Worte entgegenzubringen, hielt sich gerade absolut in Grenzen und wenn er auf die sanfte Tour nicht ansprang, dann konnte John es auch auf die harte.

Sherlock reagierte jedoch überhaupt nicht und starrte ihm nur gelangweilt ins Gesicht.

Ähm… ja, Mummy?“

Mummy? Sherlock, ich schwöre bei Gott, Irene hätte dich niemals dazu gebracht, um Gnade zu winseln, aber bei mir wirst du es tun, wenn du jetzt nicht sofort in die Wanne steigst!“

Johns Worte hingen in der Luft, schwer und dröhnend, während die Sekunden ungenutzt vorüber tickten. Er hatte es todernst gemeint und würde nichts davon zurücknehmen. Er war so wütend, dass er die Ader an seinem Hals pulsieren fühlte. Sherlock zog nun doch überrascht die Augenbrauen nach oben. Dann fing er an, überheblich zu lachen.

„Was ist nur los mit euch? Niemand bringt mich dazu, um Gnade zu winseln, John“, entgegnete er.

Lass. Mich. Besser. Nicht. Warten“, zischte John zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Sherlock rührte sich keinen Millimeter, während er seinen Mitbewohner mit einem herausfordernden Blick durchbohrte. Er blinzelte nicht ein einziges Mal, in einem stillen Duell vertieft. Erst als John einen Satz nach vorn machte, ihn am Kragen packte und auf die Beine zog, schluckte er.

John machte keinen Spaß mehr, das spürte selbst der Detektiv. Wortlos löste er dessen Hand von seinem Kragen und ging Richtung Bad. John atmete erst erleichtert durch, als sich die Tür hinter ihm schloss.

~~~

Die Stimmung an diesem Abend war nicht gut, aber deutlich besser als die Abende zuvor. John hatte seine Wut wieder unter Kontrolle bekommen und stellte zufrieden fest, dass die erzwungene Therapie Sherlock geholfen hatte. Aber er wirkte unruhig, als würde ihm etwas auf der Zunge liegen, was er doch nicht aussprach.

Was ist, Sherlock?“, sprach John ihn daher an und nahm die Teetasse von seinem Beistelltisch.

Warum seid ihr beide so davon überzeugt, ihr könntet mich zum Winseln bringen?“, fragte er und John verschluckte sich beinahe an seinem Getränk. „Wobei ich vielleicht eher fragen sollte, warum ihr mich überhaupt in so einem Zustand sehen wollt...“ fügte Sherlock noch hinzu.

Oha, das war dünnes Eis. Was sollte John nur darauf sagen? Alles, was ihm durch den Kopf schoss, schien ihm irgendwie unangebracht...

„Nun, ich denke bei Irene war es wohl eine Art Berufskrankheit. Sie wusste genau, welche Knöpfe sie zu drücken hatte, darin besteht für mich kein Zweifel. Sie war von ihren Fähigkeiten genauso überzeugt wie du von deinen. Aus mir sprach eher das Bedürfnis, dich ab und zu in deine Schranken zu weisen. Du hast es erlebt. Als du mich darum gebeten hast, dir ins Gesicht zu schlagen.“

Oh, das hatte wirklich etwas in ihm freigesetzt. Diese Genugtuung…

Sherlock lachte brummend und nickte. Auf verschrobene Art hatten sie es wohl beide genossen.

Du sagtest, sie hätte es niemals geschafft…“, setzte er erneut an und John bedachte ihn nun doch mit einem aufmerksamen Blick.

Hätte sie auch nicht. Dazu war sie dir körperlich schon viel zu sehr unterlegen. Du hättest sie einfach schultern und in die nächste Ecke stellen können, hätte sie versucht, dich zu dominieren. Nein, du brauchtest schon immer etwas, was dich fordert, was dich reizt. Du brauchst den Nervenkitzel. Die Gefahr. Sie war nicht gefährlich. Nicht in dem Sinne. Außerdem warst du von ihr angezogen, fasziniert. Aber du hast ihr nicht vertraut. Du vertraust so gut wie keinem, aber das muss man bei solcherlei Spielchen...“, führte John mit weit mehr Worten aus, als er beabsichtigt hatte.

Sherlock schaute ihm nur stumm ins Gesicht.

„Außerdem wärst du viel zu stolz, um auch nur die kleinsten Anweisungen auszuführen...“, schob John nach, weil er es einfach nicht lassen konnte. Er lächelte in sich hinein, dann stand er auf und verabschiedete sich in die Nacht, bevor es unangenehm werden konnte. Oder bevor Sherlock auf die Idee kam, ihn zu fragen, weswegen es bei ihm anders sein würde...

~~~

Die Bemerkung, Sherlock wäre zu stolz, um auch nur die kleinste Anweisung auszuführen, hatte offenbar etwas in seinem Hirn in Gang gesetzt, was sich so leicht nicht mehr abstellen ließ. Es war aber immerhin auch ein Gedanke, der ihn weit genug ablenkte, um nicht wieder in Selbstmitleid über sein Versagen zu versinken. Ein Gedanke, der ihn beschäftigte.

So schien es zumindest, als Sherlock zwei Abende später an Johns Tür zu seinem Schlafzimmer klopfte und zögerlich eintrat. Das hatte er noch nie getan.

Sherlock?“, fragte John daher verwundert und legte sein Handy zur Seite, mit dem er gerade noch beschäftigt gewesen war.

Was meintest du damit, als du sagtest, ich könne nicht einmal die kleinsten Anweisungen ausführen?“

John war völlig perplex. Deswegen war er zu ihm gekommen? Das ließ ihm keine Ruhe? Wirklich?

Bitte was?“, fragte er daher im ersten Moment seiner Verblüffung.

Was meintest du damit, als du sagtest, ich könne nicht einmal die kleinsten Anweisungen ausführen?“, wiederholte der Detektiv seine Frage. Eigentlich hasste er es, Dinge zu wiederholen. Aber jetzt ging es schließlich um ihn. Da war das natürlich etwas anderes. Wie angewurzelt blieb er an der Tür stehen, als würde er es nicht wagen, weiter in Johns Privatsphäre zu dringen.

Gott, das war unerwartet. Und irgendwie unangenehm. Oder? John räusperte sich.

Nun, du bist immer überlegen und anderen einen Schritt voraus – zumindest glaubst du das. Du behältst gern die Kontrolle und stehst über den Dingen. Du ordnest dich nicht freiwillig unter“, erklärte John und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Du sagtest, selbst die kleinsten Anweisungen.“

Oh. Daher wehte also der Wind. Er hatte Sherlock offenbar in seiner Ehre gekränkt.

Ja, selbst die kleinsten...“, bestätigte John und fühlte sich aus unerfindlichen Gründen herausgefordert. Seine Aussage war absolut faktisch und in keiner Weise angreifend gemeint gewesen. In diesem Spiel gab es nun einmal zwei Rollen und die eine war nicht besser als die andere. Er scannte Sherlocks Erscheinung, die irgendwie so fehl am Platze wirkte.

Gib mir eine“, sagte Sherlock leise, die Wangen plötzlich etwas gerötet. War das sein Ernst? Fragte er wirklich ihn, John Watson, nach einer Aufgabe? Bat er ihn tatsächlich darum, ihm eine Anweisung zu erteilen? Ihm etwas aufzutragen, das er für ihn erledigen musste?

John hatte Skrupel. Irenes Aussage hatte ausschließlich auf ein sexuelles Spiel abgezielt, aber Johns Intention war eine völlig andere gewesen. Er hatte Sherlock die Richtung weisen, ihn disziplinieren wollen. Wie ein Soldat seine rangniederen Kameraden. Oder wie ein Freund, der ab und zu die Nase voll davon hatte, sich auf eben dieser herumtanzen zu lassen.

John war sich nicht sicher, was Sherlock gerade wirklich bezweckte. Ob er diese unterschwellig mitschwingende sexuelle Dynamik des Ganzen überhaupt wahrnahm oder gar bewusst provozierte.

Sherlock, so funktioniert das nicht. So etwas tut man nicht, um jemanden was zu beweisen“, erklärte er leise.

Gib mir eine“, forderte er jedoch noch einmal und war so unnachgiebig wie John es von ihm gewohnt war. Und John war sich plötzlich ziemlich sicher, dass Sherlock nicht eher das Zimmer verlassen würde, bevor er nicht das bekam, wonach er verlangte. Wie ein Geist, dessen Seele keine Ruhe fand, wenn er nicht noch eine letzte Sache erledigte.

John wägte ab. Sollte er das wirklich tun? Vielleicht war es ja mal ganz interessant zu sehen, wie sich Sherlock bei so etwas schlug. Ob er wirklich fähig war, sich unterzuordnen. Ob er mit sich selbst hadern würde. Seinen Widerstand niederkämpfte. Sich wand - zur Abwechslung einmal gar nicht mehr arrogant und überheblich.

Und dann lachte John. Das war schräg. Bizarr. Und irgendwie… reizvoll.

Er rutschte an die vordere Kante seines Bettes und sah dem Detektiven lange ins Gesicht. Er wirkte irritiert. Und verunsichert.

Zuallerallererst wirst du damit aufhören müssen, mir Befehle zu erteilen, Sherlock“, sagte John weit bedrohlicher als noch wenige Momente zuvor und wartete darauf, dass Sherlock reagierte. Der stand jedoch immer noch unbeweglich an der Zimmertür, ohne etwas zu sagen. Aber er war angespannt. Immerhin.

Hast du mich verstanden?“, hakte John nach und fixierte den Mann an der gegenüberliegenden Wand mit seinen Augen. Dieser nickte knapp.

Gut, dann komm näher.“

Sherlock setzte sich in Bewegung, und obwohl sein Gesicht ein wenig Nervosität verriet, waren seine Bewegungen immer noch viel zu selbstgefällig und souverän. John musste nach oben schauen, um ihn anzusehen. So ging das nicht.

Knie dich hin“, forderte er.

Sherlock hob überrascht die Augenbrauen. „Bitte was?“

John grinste triumphierend.

Was zu beweisen war…“, sagte er nur und lehnte sich zurück. Sherlocks Gesicht entgleiste. Dass er so schnell scheitern würde, hatte wohl selbst er nicht gedacht. Und dabei war das bisher alles nicht mehr als Vorgeplänkel.

Er unterbrach den Blickkontakt und ging schließlich wie gefordert auf die Knie, nicht bereit, seine Niederlage so schnell einzugestehen.

Wenn du das hier machen möchtest, dann musst du deine Rolle akzeptieren, Sherlock. Du musst nicht über das nachdenken, was ich sage. Du musst nur danach handeln und darauf vertrauen, dass ich weiß, was ich tue“, erklärte John.

Ein stummes Nicken. Sherlock musste bereits jetzt mit sich hadern. Sehr wahrscheinlich missfiel ihm der Gedanke, Kontrolle abzugeben. Regeln zu befolgen. Nicht Herr der Dinge zu sein.

Eine simple Aufgabe: Bleib so sitzen. Hände auf die Oberschenkel, Blick zum Boden. Und nicht bewegen. Ich möchte einfach, dass du da sitzt und still bleibst, okay?“

Mehr nicht? Enttäuschend“, entgegnete Sherlock arrogant und John fühlte Ärger in sich aufsteigen. Dieser Lockenkopf würde es ihm nicht einfach machen, so viel stand fest.

Wir werden sehen“, erwiderte er nur und wartete ab. Er kannte Sherlock und der war nur ruhig, wenn er auf Drogen war. Und wenn er an einem Fall arbeitete. Ansonsten langweilte er sich, konnte die Stille nicht ertragen, war hibbelig und unerträglich. Er wollte immer etwas zu tun haben – vor allem geistig.

Und es dauerte auch nicht einmal eine Minute, bis sich Sherlocks schlanke Finger in sein Hosenbein krallten. Sich seine Kieferknochen anspannten und seine Augenlider unkontrolliert zuckten.

Ich sagte: Nicht bewegen. Kannst du das für mich tun?“, fragte John sanft, aber nicht ohne einen Hauch von Nachdruck in der Stimme. Sherlock atmete tief durch und versuchte sich zu entkrampfen. Aber schon nach wenigen Sekunden ballte er die Hände zu Fäusten.

„Hände hinter den Kopf“, forderte John. Wenn er dieses Spiel schon spielte, dann richtig.

Sherlock tat wie befohlen und erfüllte seine Aufgabe mit Bravour – für satte fünfzehn Sekunden. Danach fing er an, unruhig an seinen Haaren zu zupfen und sich an Stellen zu kratzen, die wahrscheinlich nur psychosomatisch juckten.

Sherlock, wenn du nicht tust, was ich dir sage, wird das Konsequenzen haben“, ermahnte John ihn und fand so langsam wieder in seine Rolle. Es war schon so lange her, dass er diese Seite an sich ausgelebt hatte... Fast hatte er vergessen, wie sehr sie ihm gefiel.

Sherlock schloss für einen Moment die Augen. Die Anspannung ließ seinen Körper erzittern, seine Atmung hatte sich merklich beschleunigt. Er versuchte verkrampft Folge zu leisten, aber je mehr er sich anstrengte, desto unruhiger wurde er.

John sah sich im Zimmer um. Auf Dinge wie diese war er nicht vorbereitet. Nicht mehr. Er ging hinüber zu seinem Fenster und entfernte den schmalen Plastikstab seines Rollos, mit dem er den Lichteinfall regulieren konnte. Ein wenig zu starr, aber zur Not würde es gehen. Dann zog er seinen kleinen Beistelltisch näher zum Bett.

„Nun, stimmst du mit mir überein, dass das wenig zufriedenstellend war? Weder für dich noch für mich?“, sagte John im Begriff, Sherlock von seiner Aufgabe zu entbinden. Es war aussichtslos – zumindest für heute. Er nickte widerwillig.

„Antworte mir.“

„Ja, John, ich stimme dir zu“, sagte Sherlock darum bemüht, wenigstens diesen Teil der Anweisung anständig zu erfüllen.

„Gut. Ich werde dafür sorgen, dass wir deine Hände unter Kontrolle kriegen. Leg sie flach auf den Tisch“, sagte er und Sherlock folgte.

„Drei Schläge auf jede Seite“, verkündete John knapp und Sherlock hob den Blick. Hatte er sich das Ganze vielleicht anders vorgestellt? Bewegte sich John bereits jetzt schon gefährlich nah an der Grenze? Gut möglich. Sherlock war ein Meister darin, Gefühlsregungen zu verbergen, aber auch als Sieger vom Platz zu gehen. Es würde sicherlich nicht einfach sein, zu erkennen, wann er am Limit war. Aber Gott sei Dank machte John die Regeln – und konnte diese jederzeit abändern. Oder Variationen anbieten.

„Und du wirst jeden einzelnen von mir erbitten“, fügte er daher nicht ohne Grund hinzu. Das war zwar einerseits ein bisschen demütigend, gab Sherlock allerdings auch die Möglichkeit, die Pausen zwischen den Schlägen selbst zu bestimmen. Und diese würde er brauchen. Ganz sicher.

Bereit, wenn du es bist...“, sagte John und drehte den dünnen Stab in seiner Hand. Sherlock beobachtete die Bewegungen, fixierte regelrecht den Gegenstand vor seinen Augen. Und war sichtlich nervös. Sherlock Holmes war nervös wegen Dr. John Watson und wegen dem, was dieser für ihn im Sinn hatte. Das war reizvoller als erwartet.

Dann räusperte sich Sherlock und sagte: „Schlag zu.“

John lehnte sich leicht frustriert zurück. Diesem Schlaukopf entging sonst kein einziges Detail, aber seine eingangs gestellte Forderung hatte er anscheinend schon vergessen.

„Das gibt einen extra. Ich hatte gesagt, du sollst mir keine Befehle erteilen und jeden einzelnen Schlag erbitten.“

Sherlock schien mindestens ebenso frustriert. Er war mit seiner Leistung alles andere als zufrieden, aber jetzt mussten sie mit dem arbeiten, was sie hatten.

„Bitte, schlag zu“, korrigierte er sich. Nicht perfekt, aber besser.

John ließ den Stab auf Sherlocks rechte Hand niedersausen. Eins.

„Fuck!“, rief er vor Schmerz, zog die Hand vom Tisch, schüttelte und rieb sie.

„Zurück auf den Tisch! Kein Fluchen, kein Wegziehen. Wenn ich nett bin höchstens ein Zucken“, sagte John und wartete, dass Sherlock Folge leistete. Zögerlich legte er die Hand dorthin zurück, wo sie hingehörte. Dann atmete er tief durch.

„Bitte noch einmal“, sagte er, die Kiefermuskeln angespannt. John schlug zu. Sherlock stöhnte auf und wand sich, ließ die Hände jedoch wo sie waren. Zwei.

„Bitte noch einmal“, sagte er kurz darauf und darum bemüht, es schnell hinter sich zu bringen. Klatsch! Wieder zog er die Hand ein Stück zurück, ließ sie jedoch gerade noch auf der Platte. Er biss sich auf die Unterlippe, um einen Schrei zu unterdrücken, dann atmete er stoßweise aus.

„Scheiße, willst du sie mir brechen?“, fragte er schneidend und sah John ungläubig ins Gesicht. Seine Hand musste glühen wie Feuer. Rote Striemen bildeten sich dort, wo der Stab seine Finger getroffen hatte. Und Finger waren empfindlich. Sehr empfindlich, da beweglich. Der Schmerz würde mindestens noch bis morgen nachhallen.

„Nein. Aber hör lieber auf zu fluchen“, sagte John streng.

Sherlock senkte den Kopf, darauf wartend, dass das Stechen endlich ein wenig nachließ. Er zitterte. Resignierte er? Das war ein Spiel, ein Experiment. Weiter nichts. John überlegte. Er durfte es nicht zu weit treiben. Wirklich nicht.

„Du musst mir nichts beweisen“, sagte er ruhig, als Sherlock nach einigen Sekunden immer noch nicht aufblickte. „Du kannst jederzeit gehen. Ich werde dich nicht aufhalten.“

Grenzen austesten war das eine, aber Sherlock neigte dazu, seine eigenen zu ignorieren, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Das war nicht gut. Das war ungesund. Das war nicht das, was es sein sollte. John musste achtsam sein.

„Bitte noch einmal“, war das Einzige, was Sherlock darauf erwiderte. Schwächer, als noch bei ersten Mal, aber immer noch gut hörbar.

Der Stab sauste auf die andere Hand hinab und entlockte Sherlock so etwas wie ein animalisches Grunzen. Vier.

„Bittenocheinmal, bittenocheinmal, bittenocheinmal“, presste er in schneller Sequenz hervor und John ließ die Schläge in ebenso schneller Sequenz folgen.

Dann legte er den Stab aus der Hand und betrachtete den Mann vor seinen Augen, der nicht mehr nur an den Händen zitterte, sondern am ganzen Körper. Er versuchte angestrengt seine Fassung zu wahren und sah John nicht einziges Mal ins Gesicht. Dann zog er die Hände vom Tisch und obwohl der Schmerz immer noch durch seine Finger pochen musste, widerstand er dem Drang, ihn weg zu reiben.

„Sieh mich an“, sagte John und wartete. Keine Reaktion. „Sherlock, sieh mich an“, wiederholte er noch einmal. Langsam hob der Detektiv den Kopf, die Lippen aufeinander gepresst. Seine Augen glänzten. Er kämpfte verzweifelt darum, die Kontrolle über sich zu behalten.

„Wie fühlst du dich?“, fragte John, aber er erhoffte nicht wirklich eine Antwort. So eine Frage konnte man einer Frau stellen. Frauen wussten so etwas instinktiv und ohne darüber nachzudenken, aber für Männer war das nicht ganz so simpel. Erst recht nicht für jemanden wie Sherlock. Nein, John wollte vielmehr signalisieren, dass ihm der Zustand des Lockenkopfs nicht egal war. Dass er wusste, wie anstrengend das für ihn gewesen war.

Aber Sherlock blieb stumm und wandte wieder den Blick ab. Er schämte sich für das, was er getan hatte. Für die Tränen, die der Schmerz in seine Augen getrieben hatte. Vielleicht fragte er sich auch, warum er überhaupt so weit gegangen war. Oder er war verwirrt und konnte seine Emotionen gerade nicht einordnen. Aber John würde nicht weiter in ihn dringen. Das war nicht seine Aufgabe.

„Es ist okay, Sherlock. Alles was du fühlst, ist okay. Die Verwirrung, die Scham, die Verwundbarkeit. Der Schmerz. Das Ganze ist eher eine psychische Herausforderung denn eine physische. Du muss nicht stark sein. Du musst ehrlich sein“, erklärte John und schien ihn dieses Mal sogar mit seinem Feingefühl zu erreichen, statt ihn davon zu jagen. Auch wenn er nichts erwiderte. Aber er hörte immerhin zu.

„Zeig mir deine Hände“, sagte er und Sherlock reichte sie ihm zögerlich. John nahm sie in seine und war überrascht, wie zerbrechlich sie sich anfühlten. Er hatte diese zierlich-eleganten Finger noch nie berührt. Sie waren gerötet und leicht geschwollen, aber mehr auch nicht. John massierte sie ein wenig, um den Schmerz zu lindern und überraschenderweise ließ Sherlock ihn gewähren.

„Bleib noch hier, okay? Ich will dich so nicht alleine lassen“, sagte er sanft. Als Sherlock ihn etwas verwundert ansah, aber dann knapp nickte, hatte John das Gefühl, dass er aufgegeben hatte, sich zu wehren. Er wusste nicht, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Aber er würde sich um Sherlock kümmern.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast