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Was alles während einer Pandemie passieren kann

KurzgeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne
25.02.2021
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Thiel war mal wieder spät dran. Eilig zog er sich seine Jacke über und beeilte sich aus der Wohnung zum Fahrrad zu gelangen. Gerade war er aus der Haustür raus und schloss sein Fahrrad auf, da kam Professor Boerne fröhlich summend aus dem Haus.

,,Na, ist der Kommissar spät dran?''

Amüsiert sah er dabei zu, wie Thiel hektisch versuchte, seinen klimpernden Schlüsselbund, an dem auch der Fahrradschlüssel hing, aus dem Fahrradschloss zu zerren. Mit rotem Kopf und einem gequälten Lächeln richtete sich Thiel wieder auf und steckte den Schlüsselbund in seine Jackentasche.

,,Moin. Sie etwa nicht?''

,,Mitnichten, Thiel. In der Rechtsmedizin herrscht tote Hose. Und das sollten Sie nicht wortwörtlich nehmen.''

Als er über seinen eigenen Witz leicht zu lachen begann, verdrehte Thiel die Augen. Typisch Boerne. Dann wurde er wieder ernst. Wenn er nicht zu spät kommen wollte, sollte er sich nun wirklich sputen. Er griff nach dem Fahrrad und wollte sich darauf schwingen, als Boerne ihn mal wieder mit seiner aufdringlichen Art aufhielt.

,,Sagen Sie, Thiel. Liegt ihr Mund-Nasenschutz überhaupt vernünftig an, mit ihrem, nennen wir es, Bart?''

Nicht, dass Boerne auch einen Bart hatte, wenn auch etwas kürzer und besser gestutzt als seiner. Aber Thiel wusste genau, dass Boerne nur wieder auf seinem Vollbart herumhacken wollte, den er seit Neustem trug. Doch das interessierte ihn nun weniger, da es ihm glühendheiß einfiel. Er hatte seine Maske vergessen. Mit einem genervten Stöhnen schubste er sein Fahrrad gegen die Hecke und rannte zurück zur Haustür. Hastig fingerte er den Schlüsselbund aus der Tasche, schloss die Tür auf und stürmte in die Wohnung. Die Packung mit den Masken fand er schließlich hinter den Töpfen im Küchenschrank. Schnell kramte Thiel eine hervor, schob sie sich in die Hosentasche und verließ eilig wieder das Haus.

Leider stand Boerne immer noch neben seinem Fahrrad und blickte Thiel nun tadelnd an.

,,Sie sollten mir dankbar sein, dass ich sie daran erinnert habe.''

,,Klar. Vielen Dank, Boerne.''

Thiels Antwort troff vor Ironie und bevor der Professor etwas antworten konnte, schnappte sich Thiel sein Fahrrad und ließ ihn einfach stehen. Zwar war er bereits zu spät dran, doch er brauchte von Boerne und seinem endlosen Geschwafel nicht weiter aufgehalten zu werden.

Im Büro angekommen klemmte sich Thiel mit einem Seufzen hinter den Schreibtisch, um den Bericht zu einem Kunstraub zu schreiben. Eine Truppe Kleinkrimineller hatte sich anscheinend die Einschränkungen der Pandemie zu Nutze machen wollen und aus einem Münsteraner Museum ein Exponat aus dem Osnabrücker Domschatz mitgehen lassen. Nach zwei Tagen Ermittlungen konnte das Exponat allerdings wieder heil und mitsamt den Gaunern ausfindig gemacht und festgenommen werden.  

Warum er als Kriminalhauptkommissar diesen Fall übernehmen und den Bericht tippen musste, war ihm zwar nicht ganz klar. Aber wahrscheinlich lag es daran, dass andere Kollegen bereits ins Homeoffice oder in die Kurzarbeit geschickt wurden.

Jetzt blieben alle möglichen Fälle an ihm hängen, da er als universell einsetzbare Notlösung im Büro bleiben musste. Es waren mehrere Stunden und viele Tassen Kaffee, der nebenbei bemerkt eine Zumutung war, vergangen, als er endlich triumphierend auf die Enter Taste drückte und damit den Bericht als vollständig betitelte.

Gerade wollte er sich in seinem Stuhl zurücklehnen, da klopfte es an seiner Bürotür. Durch die Scheibe sah er die Angestellte der Stadt Osnabrück, mit der er einige Einzelheiten zum Abschluss des Falles zu besprechen hatte. Schnell setzte er sich die Maske auf, die er achtlos an die Schreibtischlampe gehängt hatte, bevor er Frau Winkler hereinbat.

Mit einem Lächeln, das man trotz Maske gut erkennen konnte, trat sie ein.

,,Schönen guten Morgen Herr Kriminalhauptkommissar Thiel.''

,,Moin Frau Winkler. Setzen sie sich doch.''

Mit der Hand wies Thiel auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Frau Winkler stöckelte auf ihren schwindelerregend hohen Schuhen selbstbewusst durch den kleinen Raum und setzte sich dann anmutig auf den Stuhl. Elegant überschlug sie ihre Beine und fokussierte ihn dann mit aufmerksamen, braunen Augen. Obwohl sie mindestens Ende vierzig war, sah man ihr das Alter kein Bisschen an.

Ein grau-schwarz karierter, modischer Hosenanzug mit tiefem Ausschnitt umschmeichelte ihren weiblichen Körper und Thiel musste zugeben, dass sie eine äußerst attraktive Frau war. Allerdings merkte er auch ein weiteres mal, dass es ihn so gut wie gar nicht kümmerte. Entweder lag es an dem wenigen beziehungsmäßigen Kontakt zu Frauen oder an seinem Alter, aber Thiel reagierte kaum noch auf schöne Frauen und ihr erotisches Auftreten. Um ehrlich zu sein war Thiel tatsächlich ganz froh darüber, denn während er noch vor einigen Jahren nervös vor sich hin gestottert hätte, besprach er nun ganz sachlich und distanziert die Ermittlungsergebnisse mit Frau Winkler.

,,So, das wär's dann glaube ich. Ach ja, das Museumsstück können sie sich dann in der Asservatenkammer im Keller abholen, sobald ich den Bericht der Staatsanwaltschaft vorgelegt habe.''

Sie erhoben sich beide und Thiel begleitete sie zur Tür. Eigentlich hatte er vorgehabt ihr die Hand zu geben, doch dann fiel ihm die aktuelle Situation ein und er ließ es lieber blieben. Blödes Virus. Stattdessen nickte er ihr zu. Gerade wollte er etwas zur Verabschiedung sagen, da dudelte sein Handy mit der Melodie von ,,Auf der Reeperbahn nachts um halb eins'' los. Rasch kramte er es aus seiner Hosentasche und blickte auf das Display. Es war Boerne. Der konnte warten. Thiel drückte ihn weg, schaltete den Ton aus und verstaute sein Handy wieder in der Hosentasche.

,,Tschuldigung''

,,Sie hätten den Anruf ruhig annehmen können, Herr Thiel.''

,,War nichts Wichtiges.''

Jetzt brummte sein Handy stumm in seiner Tasche. Typisch Boerne, sobald man ihm nicht beim ersten mal seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, blieb er hartnäckig dran. Thiel ignorierte es trotzdem.

,,Na dann. Wie gesagt, vielen herzlichen Dank für ihre schnelle und äußerst ergiebige Ermittlungsarbeit, Herr Thiel. Die Stadt Osnabrück ist ihnen sehr dankbar.''

,,Ähm ja gerne, das war doch selbstverständlich.''

,,Nun seien sie nicht so bescheiden, das Museumsstück ist wirklich sehr wertvoll. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag. Bleiben sie auf jeden Fall gesund.''

,,Sie auch.''

Noch bevor Thiel zur Türklinke greifen konnte, wurde diese von außen geöffnet und ihm fast vor den Kopf gestoßen. Gerade wollte er sich beschweren, da kam Professor Boerne mit Frau Klemm im Schlepptau königlich in sein Büro marschiert und unterbrach ihn.

,,Herrgott Thiel, warum heben sie denn nicht ab? Da ruft man sie einmal an, und sie gehen nicht ran!''

,,Das würde mich auch interessieren.''

Die rauchige, tiefe Stimme von Frau Klemm schallte durch das ganze Büro.

,,Verzeihen sie, dass Kriminalhauptkommissar Thiel von mir aufgehalten wurde. Wir hatten ein paar letzte, trotzdem wichtige Angelegenheiten im Kunstraub Fall Münster-Osnabrück zu regeln.''

Kurz sah Boerne zwischen Thiel und Frau Winkler hin und her und musterte sie von oben bis unten. Er schien recht angetan von der durchaus schönen Frau zu sein.

,,So so, der Herr Kommissar hat Damenbesuch.''

,,Quatsch Boerne, es ging um den Fall.''

Thiel war jetzt schon mächtig angespannt. Diese Menschenansammlungen in seinem, dafür viel zu kleinem, Büro hasste er wie die Pest.

,,Und was wollen Sie beide jetzt hier?''

,,Hätten sie meinen, besser gesagt unsere, Anrufe entgegengenommen und uns nicht einfach herzlos weggedrückt oder ignoriert, wüssten sie es jetzt, Thiel.''

,,Boerne, Was gibt's?''

,,Frau Staatsanwalt hier, rief mich an und meinte es gebe etwas wichtiges zu besprechen und wir würden uns vor dem Revier treffen. Ich bin natürlich sofort losgefahren und wollte sie dann noch per Telefon darüber informieren aber sie haben mich eiskalt ignoriert.''

,,Jaja is ja gut. Und weiter?''

Thiel wurde mittlerweile ungeduldig. Boerne quatschte ellenlang um den heißen Brei herum und Frau Winkler stand immer noch etwas ratlos im Büro. Vielleicht sollte er erstmal eines nach dem anderen machen. Also erst Boerne zuhören, sonst würde er noch unangenehmer werden, und dann Frau Winkler verabschieden.

Frau Klemm schaltete sich ein, bevor Boerne die Situation wieder weit ausholend erklären konnte.

,,Sie und der Professor werden in die Kurzarbeit geschickt. Falls dann etwas passiert, werden sie informiert. Es passiert hier ja eh kaum etwas, weder in der Rechtsmedizin, noch hier auf dem Revier. Sie haben quasi Bereitschaftsdienst von zu Haue aus. Langweilig kann ihnen sowieso nicht werden.''

Sie grinste hämisch und Thiel schnaubte. Dass Frau Klemm auch immer auf seine, zum Teil anstrengende, Wohnsituation als Mieter von Boerne anspielen musste. Erst jetzt realisierte Thiel die Situation. Der Professor und er würden wahrscheinlich, ohne viel zu tun zu haben, mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen, aufeinander hocken. Das würde bestimmt spaßig werden. Trotzdem nickte er verstehend und wollte die illustre Runde schon auflösen, als ihn Boerne mal wieder unterbrach.

,,Falls sie es noch nicht wussten, seit Neustem herrscht hier, wie im Universitätsklinikum übrigens auch, eine FFP2 Maskenpflicht. Wissenschaftler haben erwiesen, dass diese Masken der Schutzklasse zwei etwa 94 Prozent der in der Luft befindlichen Partikel auffangen und somit bestens für vermehrten Kontakt mit Personen während der Covid-19 Pandemie geeignet sind. Sie können von Glück reden, dass ich immer eine steril verpackte Ersatzmaske bei mir führe, Thiel.''

Kurz kramte Boerne in seiner Manteltasche, dann zog er eine Plastiktüte hervor, in die anscheinend besagte Maske eingeschweißt war. Mit feierlichem Gesichtsausdruck drückte er sie Thiel in die Hand. Zögerlich nahm er sie entgegen.

,,Sie müssen sie schon aufsetzen. Mit diesem Lappen da sind sie unzureichend geschützt.''

Seufzend beugte sich Thiel den Forderungen des Professors und packte die Maske aus. Er hasste es, dass Boerne vor anderen immer den politisch korrekten Akademiker mimte, der sich ganz brav an alle Regeln und Verordnungen hielt. Dies traf nämlich nicht immer zu. Boerne hatte sich schon oft genug in seine Ermittlungen eingemischt und war dabei mehr als nur einmal sehr unkonventionell vorgegangen.

Vor allem die Coronaregelungen sah er eher als Richtlinien, an die er sich kaum zu halten brauchte. Zumindest stand er, für das Kontakt-Einschränkungs-Gebot viel zu häufig, vor seiner Tür, wollte mit ihm kochen oder einen seiner ach so edlen Weine trinken und einfach reden.

Endlich hatte er die weiße, ziemlich steife Maske aus der Plastikverpackung gefriemelt und setzte nun seinen hellblauen Mundschutz ab. Frau Winkler atmete erstaunt aus und Thiel sah sie verwundert und fragend an.

,,Es ist nur... wenn man sie vorher nur mit Maske gesehen hat, vermutet man keinen Vollbart darunter. Der Bart steht ihnen aber ausgezeichnet, Herr Thiel. Das war nicht böse gemeint sein.''

,,Schon gut''

Thiel fummelte die Maskenhälften auseinander und zog sich sie Bänder hinter die Ohren. Die Maske spannte nahezu schmerzhaft und er zupfte daran herum, bis sie wenigstens einigermaßen akzeptabel saß. Boerne blickte stolz in die Runde und nun verdrehte sogar die Frau Staatsanwalt die Augen.

,,Besser, viel besser, Thiel.''

Er nahm einen tiefen Atemzug durch die neue hochwohlgeborene FFP 2 Maske und konnte nur schwer ein Husten unterdrücken. Die Maske ließ anscheinend neben den übrigen 6 Prozent Partikeln auch sonst kaum etwas anderes durch. Da konnte man sich ja gleich eine Plastiktüte vor Mund und Nase halten, dachte Thiel verärgert. Der Effekt, nämlich kaum Luft zu bekommen, würde in etwa der gleiche bleiben.

,,Gut, wenn das dann geklärt wäre, würde ich mich verabschieden. Ich muss noch ins Gericht.''

Frau Klemm nickte in die Runde und ging aus dem Büro. Thiel schaltete blitzschnell, hechtete erst zum Schreibtisch und dann Frau Klemm mit dem Bericht hinterher in den Flur.

,,Ähm Frau Klemm, warten se mal!''

,,Was ist denn noch, Thiel? Die Verhandlung beginnt in fünfzehn Minuten.''

,,Hier, der Bericht zum Kunstraub Münster-Osnabrück. Dann wäre das schon erledigt und Frau Winkler könnte das Museumsstück direkt aus der Asservatenkammer mitnehme, ohne nochmal wiederzukommen.''

,,Gut, geben sie schon her. Die Erlaubnis ist ihnen hiermit erteilt, Thiel.''

Frau Klemm rauschte mit wippenden, buschigen Haaren ab und Thiel ging zurück zu seinem Büro, wo Boerne Frau Winkler bereits in ein höchst spannendes Gespräch über den Nachweis von Giften im Gewebe verwickelt hatte. Frau Winkler schien allerdings weniger begeistert und schaute etwas angeekelt drein. Thiel trat ein.

,,Ich habe nur eben schnell die Einverständniserklärung der Staatsanwaltschaft eingeholt. Sie können jetzt direkt das Museumsstück aus der Asservatenkammer holen.''

,,Das ist ja wunderbar. Vielen Danke, Herr Thiel''

,,War ja kein Thema''

,,Sagen sie, könnten sie mich bitte zu dieser Asservatenkammer begleiten? Ich weiß leider nicht genau, wo sie ist.''

Boerne, der erstaunlich lange nichts von sich gegeben hatte, begann angeregt auf der Stelle herumzutreten und kam Thiel schließlich zuvor.

,,Das kann ich doch für den Kollegen übernehmen. Sie haben sicher noch einen von ihren Berichten zu schreiben.''

,,Naja, also eigentlich...''

,,Ist ja auch nicht so wichtig. Frau Winkler, ich begleite sie selbstverständlich sehr gerne in den Keller zur Asservatenkammer. Auch, wenn ich eigentlich Rechtsmediziner an der Universitätsklinik Münster bin, kenne ich mich hier bestens aus. Mein Name ist Übrigens Boerne. Professor Doktor Doktor Karl-Friedrich Boerne. Leiter der Rechtsmedizin''

,,Freut mich, Professor Boerne. Aber benötigt man nicht einen Ausweis oder Ähnliches, um ein Beweisstück zu entnehmen?''

Bittend und verzweifelt sah sie zum Kommissar. Es wirkte fast, als wollte sie lieber mit ihm als mit Boerne gehen, was ihr Thiel durchaus nachempfinden konnte. Boerne quatschte einfach zu viel.

,,Gewiss nicht, meine Liebe. Die Kollegen da unten kennen mich sicher und es dürfte kein Problem sein ein kleines Museumsstück mitzunehmen.''

,,Na gut, dann nochmals vielen dank Herr Kriminalhauptkommissar Thiel.''

Sie drehte sich zu Boerne um, der bereits einige Meter in den Flur gegangen war und sich nun umdrehte. Er schien nervös zu sein, während er wartete. Thiel wunderte sich sowieso, warum Frau Winkler noch geblieben war. Eigentlich war alles gesagt worden. Doch sie reichte ihm die Hand und Thiel griff aus Reflex danach.

,,Leider fährt mein Zug bereits in eineinhalb Stunden. Sonst hätten sie gerne noch auf einen Kaffee mit auf mein Hotelzimmer kommen können, alles andere hat ja leider geschlossen.''

,,Ähm ja, schade. Man sieht sich, Frau Winkler.''

,,Hoffentlich. Schönen Tag noch, Herr Thiel''

Obwohl Frau Winkler verhältnismäßig leise gesprochen hatte, war Thiel sich fast sicher, dass Boerne gelauscht und auch einiges aufgeschnappt hatte. Frau Winkler drehte sich noch einmal um und lächelte ihn an, dann stöckelte sie mit Boerne davon, der ziemlich missgelaunt schien.

Thiel schloss die Tür seines Büros wieder und nahm sofort die Maske ab. Achtlos pfefferte er sie auf seinen Schreibtisch. Wenn man schon nicht am Virus erkrankte, würde man mit dieser Maske wahrscheinlich aufgrund von Atembeschwerden im Krankenhaus landen. Thiel setzte sich grübelnd an den Schreibtisch und nahm angewidert den letzten Schluck kalten Kaffee aus seiner St. Pauli Tasse.

Hatte Frau Winkler etwa mit ihm geflirtet oder was sollte das gewesen sein. Dabei hatte doch anscheinend Boerne ein Auge auf sie geworfen, so wie er sich bemüht hatte, Frau Winkler begleiten zu dürfen. Seufzend lehnte er sich zurück. Darüber, warum Frau Winkler gerade ihn als Verabredung haben wollte, wollte er gar nicht nachdenken. Schließlich war er bereits etwas älter und er war eben er. Der eher eigenbrötlerische und maulfaule Kommissar aus Norddeutschland. Schnell verwarf er den Gedankengang.

Um glücklich zu sein, brauchte er keine Beziehung mit einer Frau. Die letzten Jahre hatte es schließlich auch geklappt.

Da er nichts mehr zu tun hatte und sowieso in die Kurzarbeit entlassen war, verließ er kurze Zeit später das Büro und beschloss, sich zu Hause eine Pizza zu machen. Es war bereits früher Nachmittag und sein Magen knurrte mittlerweile immer lauter. Am Morgen hatte Thiel kaum gefrühstückt, weil er recht spät dran gewesen war.

Zu Hause angekommen rollte er den fertigen Pizzateig auf einem Backblech aus, strich Tomatensauce darüber und verteilte üppig Salamischeiben und geriebenen Käse darüber. Eilig schob er das Blech in den Ofen und setzte sich ungeduldig wartend davor.

Als die Pizza dann endlich fertig und zerschnitten auf dem Teller vor ihm lag, konnte Thiel es mal wieder nicht abwarten und biss in das brüllend heiße Stück. Erschrocken ließ er es sofort wieder auf den Teller fallen und ärgerte sich über seine Ungeduld. Abwartend saß er am Tisch und schaltete das Radio ein. Kurz darauf schaltete er es direkt wieder aus.

Wie  immer sprachen die Moderatoren über die aktuellen Fallzahlen und die viel zu hohe Insidenz. Nicht, dass er ein Leugner der Pandemie war oder sich den Regelungen widersetzte. Thiel ging mit Maske einkaufen, hielt Abstand und das übliche Programm, aber diese stetigen Nachrichten über das Virus brauchte man nun wirklich nicht zusätzlich zu der Situation zu hören.

Aus Langeweile schnappte sich Thiel nach dem Essen sein Fahrrad und fuhr einfach so durch Münster. Dabei brauchte man wenigstens keine Maske tragen und man vertrieb sich gut den Nachmittag. Erst am Abend kam er dann wieder zu Hause an. Ziemlich ausgelaugt schleppte Thiel sein Fahrrad die Treppe im Hausflur hinauf und versuchte seinen Wohnungsschlüssel mit einer Hand an seinem Schlüsselbund zu erwischen.

Genervt stöhnte er auf, als es ihm nicht auf Anhieb gelang, den Schlüssel zu fassen zu kriegen. Hinter sich hörte er, wie die Wohnungstür gegenüber geöffnet wurde. Kurz darauf huschte Boernes Hand in sein Sichtfeld huschte und nahm ihm den Schlüsselbund aus der Hand.

,,Da sind sie ja, Thiel. Ich habe vor fünf Minuten bereits einmal geklingelt, aber es war niemand da. Zeigen sie mal her den Schlüssel. Einhändig Türen aufzuschließen ist anscheinend nicht ihre Stärke.''

Nachdem Boerne die Tür geöffnet hatte, schob Thiel sein Fahrrad hinein und lehnte es an seinen üblichen Platz an die Wand im Flur. Er drehte sich um, um sich den Schlüssel wiedergeben zu lassen aber der Hausflur hinter ihm war leer. Nur die Tür zur Wohnung des Professors stand offen.

,,Boerne!?''

,,Jaja, Thiel. Ich komme sofort. Ich muss eben noch den Wein aus dem Kühlschrank holen.''

Seine Stimme klang gedämpft aus der Wohnung heraus. Dann erschien er wieder in seiner Wohnungstür, schloss diese ab und drückte sich mit einer Flasche Wein und zwei passenden Gläsern bewaffnet an Thiel vorbei in dessen Wohnung.

,,Kommen se doch rein.''

,,Ich dachte, wir könnten auf unsere neu gewonnene Freizeit mit einem Glas feinstem Wein anstoßen.''

Boerne hatte es sich bereits auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich gemacht und öffnete die Flasche mit dem Korkenzieher. Thiel ergab sich seinem Schicksal, räumte zunächst ein paar Dinge vom Couchtisch und ließ sich dann neben den Professor auf das Sofa fallen. Boerne würde sowieso nicht nachgeben, da konnte man besser gleich mitziehen. Außerdem sprach nichts gegen einen einigermaßen unterhaltsamen Abend. Wenn Boerne etwas getrunken hatte, konnte er sogar ganz lustig werden.

Das Glas, das ihm gereicht wurde, nahm er entgegen und stieß mit seinem Nachbarn an. Obwohl er Wein eigentlich nicht sonderlich mochte, hatte er sich während den etwa achtzehn Jahren Zusammenarbeit mit Boerne an das Zeug gewöhnt.

Sie unterhielten sich über den vergangenen Fall, an dem Boerne eigentlich gar nicht beteiligt war, schließlich war es nur ein einfacher Kunstraub. Trotzdem verfolgte er Thiels knappe Ausführungen interessiert. Das Thema zog sich in die Länge, als Boerne enthusiastisch begann einen Vortrag über den Osnabrücker Domschatz zu halten und es wurde jäh unterbrochen, als Thiel den Redefluss unwirsch stoppte.

,,Bitte, Boerne. Ich kenne den Domschatz von meinen Recherchen, sehr beeindruckend, ich weiß.''

,,Wenn sie meinen. Auch wenn ich finde, dass etwas Hintergrundwissen nie schaden kann.''

,,Ja, 'Etwas' bestimmt nicht, aber zu wissen, mit wie vielen Edelsteinen ein Kelch dort besetzt ist und welchen Wert er hat, ist zu viel ins Detail.''

,,Jaja, schon gut. Sagen sie, was lief da eigentlich zwischen ihnen und dieser Frau Winkler aus Osnabrück. Wie sie sie bezirzt hat, das war ja schon fast ein offenes Angebot, dass sie mit ihr ins Bett steigen.''

Der plötzliche Themenwechsel wunderte ihn, weshalb er nicht direkt antwortete. Boerne schien das Antwort genug, denn er setzte nun einen empörten Gesichtsausdruck auf.

,,Geht sie nichts an.''

,,Soso ein Gentlemen genießt und schweigt, oder wie darf ich das verstehen?''

,,Man Boerne. Das war rein geschäftlich sozusagen. Wir kannten uns doch kaum und überhaupt fand ich sie nicht wirklich ansprechend. Da war nichts.''

,,Nichts? Frau Winklers Gehabe ihnen gegenüber kam mir ziemlich vertraut vor.''

,,Wir kannten uns halt von vorherigen Fallbesprechungen, okay? Aber mal was anderes. Wer wollte die Frau Winkler denn unbedingt in den Keller begleiten, weil er als Rechtsmediziner ach so bekannt auf dem Präsidium ist, hm? Es kennen sie hier vielleicht viele aber aus der Asservatenkammer kennt sie kaum einer.''

,,Ich, sie unbedingt begleiten wollen?''

,,Ja, ganz recht, Herr Professor. Sie haben nahezu jeden Zentimeter ihres Körpers gescannt, als sie Frau Winkler zum ersten mal sahen und wollten dann um jeden Preis mit ihr nach unten gehen.''

,,Sie irren sich gewaltig, Thiel. Aber wie Frau Winkler mit ihnen...''

Die Beharrlichkeit Boernes machte Thiel sauer und er wurde lauter.

,,Da war nichts, wirklich nichts! Außerdem kann es ihnen doch egal sein, Boerne!''

,,Ist es aber nicht.''

In seiner Raserei glaubte er sich verhört zu haben.

,,Wie bitte?''

,,Es ist mir nicht egal, mit wem sie da anbändeln, Thiel''

,,Ich bändle mit gar keinem an, Boerne. Klar? Aber was meinen sie mit nicht egal?''

,,Nicht egal eben. Das ist doch wohl nicht so schwer zu verstehen, Thiel.''

Er musste nachdenken. Das 'nicht egal' von Boerne konnte zweierlei Bedeutung haben. Entweder war es eine Art freundschaftliche Besorgnis um was auch immer. Oder es bedeutete eine Art Eifersucht auf ihn und oder Frau Winkler. An Option zwei wollte Thiel gar nicht wirklich denken und leichte Panik überkam ihm. Klar, sie waren sich schon oft nähergekommen und hatten einige heikle und bestimmt auch peinliche Situationen durchgemacht. Aber von diesem Punkt hatte Thiel die Sache nicht wirklich beleuchtet, hatte es nie wirklich gewollt, um nicht vielleicht auf ein unpassendes Ergebnis zu stoßen.

Unbedingt musste er herausfinden, was genau Boerne damit meinte. Es würde sich sicherlich alles als harmlos entpuppen.

,,Aber sie haben doch mit Frau Winkler...''

,,Herrgott Thiel. Ja, habe ich. Allerdings nur, um ihnen diese aufgebrezelte Tante vom Leib zu halten. Das konnte ja keiner mit ansehen, wie sie ihnen ganz unverfroren schöne Augen macht. Ich zumindest nicht. Ich mag sie, sehr glaube ich.''

Boerne war immer leiser geworden und hatte den letzten Satz nur noch gemurmelt, als wäre es ihm eher herausgerutscht. Damit hatte sich sein Verdacht zu Option zwei bestätigt und Thiel musste schlucken. Er wurde verlegen und begann unsicher zu stottern.

,,Ähm Boerne. Ich glaube es ist besser, wenn ... wenn sie jetzt gehen.''

,,Ja, ich glaube auch. Tut mir leid. Gute Nacht, Thiel.''

,,Nacht''

Abwesend nickte Boerne, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung. Nachdem die Wohnungstür mit einem Klicken ins Schloss gefallen war, lehnte sich Thiel seufzend nach hinten und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Obwohl er sich zwang, an etwas anderes zu denken, schwirrten ihm nur Boernes Worte im Kopf herum. Es war auf einmal so still. Vorhin hatte er sich noch mit Boerne über alles Mögliche unterhalten und es war wie fast jeder gemeinsame Abend gewesen. Dann aber musste Boerne ihn unbedingt mit so etwas konfrontieren. Jetzt, wo ihm der Professor so ein Geständnis vorlegte, dachte er natürlich näher darüber nach und es schien ihm erst jetzt klar zu werden.

Irgendwo zwischen gemeinsamen Ermittlungen und Weinflaschen war aus so etwas wie Freundschaft eine Art Verliebtheit geworden und er hatte es nicht bemerkt. Vielleicht auch nicht bemerken wollen. Erst, als man ihn vor nackte Tatsachen stellte, Boerne ihm sein Geständnis genau vor die Nase hielt, kam er selbst darauf. Es fiel ihm nahezu wie Schuppen von den Augen. Kein Wunder, dass er kaum mehr auf attraktive Frauen reagierte, die ihm, wie in in Frau Winklers Fall, sogar schöne Augen machten. Im Unterbewusstsein war er auf jemand anders gepolt gewesen. Wie lange schon, konnte Thiel beim besten Willen nicht sagen.

Vielleicht hatte er es auch gar nicht bemerkt, weil sie sich aufgrund ihren Wohnungen im gleichen Haus und der engen Zusammenarbeit immer schon näher waren, als andere Kollegen.

Wenn er genauer darüber nachdachte, fand er den stets perfekt gekleideten Professor ganz attraktiv. Die Brille, die Krawatte und der Anzug verliehen ihm eine gewisse Eleganz und obwohl er von außen wie ein typisch unnahbarer, egoistischer und selbstgefälliger Akademiker wirkte, wusste Thiel, dass Boerne eigentlich ganz anders war. Weicher, verletzlicher, besorgter.

Wie es wohl wäre, mit Boerne eine Beziehung zu führen. Wahrscheinlich nicht anders als sonst, sie sahen sich tagtäglich mehrere Male und verbrachten auch in ihrer Freizeit viel Zeit miteinander, nur eine körperliche Note würde dazukommen. Es würde sich also kaum etwas ändern, nur dass ihnen bewusst war, sie würden zusammen sein und sie würden Dinge tun, die Leute in einer Beziehung nun mal taten. Hatte Boerne solche Körperlichkeiten überhaupt in Betracht gezogen, als er Thiel einen ungewohnt großen Einblick in seine Gefühlswelt gewährte. Und vor allem wie würden gewisse Dinge zwischen ihnen ablaufen und, wollte er das überhaupt?

Thiel schaltete das Radio ein, um der plötzlichen Stille und seinen unmöglichen, trotzdem irgendwie plausiblen, Gedanken entgegenzuwirken. Wohl kaum würde er eine Beziehung mit dem Professor anfangen. Sie waren schließlich Freunde und Partner. Wenn er allerdings so in sich hinein horchte, schien er relativ wenig dagegen zu haben. Wieder ärgerte er sich, dass er sowas überhaupt in Betracht zog.

Gerade wollte sich Thiel zurücklehnen, da klangen die letzten Töne der Liedes aus dem Radio und die sachliche Stimme des Radiotypen drang aus dem Radio.

,,Was ein Song, das lässt einen doch glatt die aktuelle Situation vergessen. Trotzdem müssen wir auf den Boden der Realität zurückkehren, denn jetzt habe ich leider wieder schlechte Nachrichten für euch. Der Insidenzwert in Münster liegt immer noch bei ...''

Energisch schaltete er das Radio wieder aus. Was für eine gequirlte Kacke.

Thiel beschloss, sich schlafen zu legen, auch wenn er wusste, dass er kaum würde schlafen können. Schnell leerte er sein Glas, verschloss die halb volle Falsche Wein, die Boerne vergessen hatte, mit dem Korken und stellte sie in den Kühlschrank. Auf das Zähneputzen verzichtete er und so schaffte er es gerade noch seine Hose auszuziehen, bevor er ausgelaugt ins Bett fiel.

Der nächste Morgen kam schneller als erwartet, denn Thiel hatte vergessen, seinen Wecker vom Vortag auszuschalten. Das nervtötende Geräusch schrillte durch sein Schlafzimmer und er fuhr aus dem Schlaf hoch. Schwermütig versetzte er dem Wecker einen Schlag und drehte sich übermüdet auf die andere Seite, um einfach weiterzuschlafen. Schließlich hatte er nun Homeoffice oder mit Frau Klemms Worten Bereitschaft von zu Hause aus. Zufrieden kuschelte er sich in sein Kissen und schlief wieder ein. In der Nacht hatte er viel zu wenig Schlaf bekommen.

Als Thiel das nächste Mal aufwachte, war es bedeutend später und sein Magen knurrte unangenehm laut. Er hievte sich aus dem Bett und schlurfte schlaftrunken in die Küche. Da es bereits so spät war, konnte man die Mahlzeit wohl kaum Frühstück nennen. Während er gerade das letzte Leberwurstbrot verdrückte, klingelte es an der Tür. Mit der Stulle in der Hand öffnete er und sein Vater stand vor ihm.

,,Moin, was gibt's ?''

,,Kann ich reinkommen?''

,,Na wenn's sein muss.''

,,Gut, ich brauche nämlich deine Hilfe.''

War ja klar, dass sein Vater immer zu ihm kam, wenn er Probleme hatte. Wahrscheinlich musste er ihm wieder mit etwas Geld aus der Patsche helfen. Seine Vermutung bestätigte sich, als sein Vater sich an seinen Tisch setzte und nach der Leberwurst griff.

,,Kannst du mir 200 Euro pumpen? Auf dem Campus sind kaum Studenten wegen Corona.''

,,Tja, dann musste wohl ehrlich dein Geld verdienen, was?''

Sein Vater schaute nur verdrießlich, stand auf und öffnete seinen Kühlschrank, um sich, wie sonst auch, unerlaubt zu bedienen. Anerkennend pfiff er durch die Zähne.

,,Sag mal, wie biste denn an den teuren Tropfen gekommen?''

,,Waf?''

Mit vollem Mund sah Thiel verwirrt zu seinem Vater und dann auf die Weinflasche in der Kühlschranktür. Erst jetzt fiel es ihm wieder ein. Boerne und der Wein. Das Gespräch über sein angebliches Verhältnis mit Frau Winkler aus Osnabrück. Sein vehementes Abstreiten. Dann Boernes Geständnis und sein Rauswurf. Alle Gedanken vom vergangenen Abend nach Boernes Verschwinden brachen über Thiel zusammen und er überlegte fieberhaft, was  nun zu tun war.

Wohl kaum konnte er die Sache mit Boerne einfach auf sich beruhen lassen, das war nicht seine Art. Vielleicht könnte er den Wein als Vorwand nutzen heute Nachmittag bei Boerne zu klingeln. Dann ergab sich vielleicht etwas aus der vertrackten Situation. Bestenfalls natürlich im Sinne von ihm und Boerne. Gerade fasste er einen Plan, als ihn sein mit Nachdruck Vater unterbrach.

,,Was ist jetzt? Trinkst du den noch?''

Anscheinend hatte ihn sein Vater schon darauf angesprochen, ob er etwas von dem Wein trinken könne, denn er hatte bereits eine einfaches Wasserglas in der Hand und griff gerade nach der Weinflasche.

,,Ne Vaddern, lass mal. Das is Boernes und du kennst ihn ja.''

,,Und warum steht der Wein vom Professor in deinem Kühlschrank?''

,,Wir ham gestern Abend was getrunken und er hat den Wein hier stehen lassen. Später bring ich Boerne den Wein vorbei.''

Murrend stellte sein Vater den Wein zurück und schloss den Kühlschrank.

,,Warum hast du denn kein Bier hier?''

,,Ehm, wollte gleich einkaufen. Außerdem is es erst zwei Uhr. Du kannst doch nicht mittags schon Bier trinken.''

Herbert Thiel verdrehte die Augen und streckte die Hand fordernd aus.

,,Was is jetzt mit den 200 Ocken? Du hilfst mir doch Sohnemann?''

Bevor sein Vater weiter nerven konnte, kramte Thiel sein Portemonnaie hervor und drückte ihm drei fünfzig Euro Scheine in die Hand. Dass er überhaupt so viel Geld in der Brieftasche hatte, war ungewöhnlich.

,,Da ist doch noch ein Fuffi.''

Sein Vater langte zu dem Fünfzig Euro Schein in seinem Portemonnaie aber Thiel zog es schnell weg.

,,Ich brauch auch noch was zum Einkaufen gleich.''

,,Undankbarer...''

,,Wiedersehen macht Freude!''

Sein Vater zog beleidigt ab, nicht ohne sich vorher ein kleines Stück Gouda aus seinem Kühlschrank zu klauen. Typisch.

Schnell zog sich Thiel vernünftig an. Bevor er zu Boerne ging, wollte er sich zumindest einigermaßen überlegen, wie er eben diesem beibringen sollte, dass er gar nicht so abgeneigt von ihm war. Das Nachdenken ließ sich am Besten mit dem Einkaufen verknüpfen und so machte sich Thiel auf den Weg in den Supermarkt. Beim Einkaufen ließ er sich irgendwie extra Zeit. Wozu er Zeit schinden wollte, wusste er selbst nicht genau. Zu Boerne musste er sowieso. Das alles einfach nie wieder anzusprechen wäre unhöflich und täte ihrer Zusammenarbeit sicher nicht gut.

Glücklicherweise traf Thiel im Flur nicht auf den Professor, als er seine Einkäufe in die Wohnung schleppte. Da es bereits gegen fünf Uhr war, beeilte sich Thiel schnell zu duschen. Um bei der Angelegenheit etwas ernster zu wirken, zog er sich ein Poloshirt und eine vernünftige Jeans an, kämmte seine Haare und stutze seinen Bart auf den Wangen etwas. Ganz abrasieren wollte er ihn allerdings nicht. Auch wenn sich unter der Maske oft Tröpfchen im Bart sammelten und es am Kinn oft juckte, wollte er Boerne nicht den Stoff zum drüber herziehen nehmen.

Zwanzig Minuten später stand er dann mit den Gläsern in der einen und der Weinflasche in der anderen Hand vor Bornes Tür und klingelte nach einigem Zögern. Wenn er nun Pech hatte, wäre Boerne gar nicht zu Hause und er hätte sich Mühe und Gedanken zu viel gemacht. Bevor er sich jedoch Gedanken darüber machte, was er tun wollte, wenn niemand öffnete, hörte er, wie von innen die Tür entriegelt wurde. Kurz darauf öffnete sich die Wohnungstür und ein reichlich verstrubbelter, ramponiert aussehender Boerne erschien mit fragendem Gesichtsausdruck im Türspalt.

,,Moin, sie hatten gestern Abend den Wein beim mir stehen gelassen und da dachte ich, ich bring den mal vorbei.''

Boerne sah nur stumm an ihm vorbei und nickte ganz leicht mit dem Kopf. Thiel hielt ihm den Wein und die Gläser entgegen und Boerne öffnete die Tür schließlich ganz. Erstaunt musterte Thiel ihn von oben bis unten. Die ungebügelte Anzughose mit dem schlicht weißem T-Shirt, die er jetzt trug, standen im krassen Gegensatz zu seiner sonst so feinen und ordentliche Kleidung. Er streckte die Hände aus, nahm Thiel die Gläser und die Flasche aus den Händen und ging wieder in die Wohnung.

Gerade, als er die Tür fast komplett zugezogen hatte, stellte Thiel den Fuß dazwischen.

,,Moment mal, kann ich vielleicht reinkommen?''

,,Also eigentlich...''

,,Bitte, Boerne.''

Boerne gab auf und ließ Thiel eintreten. Unschlüssig standen sie im Flur herum.

,,Was ist denn, Thiel?''

Boernes Stimme klang belegt und rau. Wahrscheinlich wollte er genervt und desinteressiert klingen, stattdessen klang er nur müde und niedergeschlagen. Trotzdem bemühte er sich um einen einigermaßen anständigen und festen Ton.

,,Können wir vielleicht reden? Also nicht hier.''

Mit sanfter Gewalt schob er Boerne ins Wohnzimmer und setzte sich mit ihm auf ein Sofa. Wie genau er nun anfangen sollte, wusste er nicht. Wobei er eigentlich nicht lange drumherum schwafeln brauchte. Sie kannten sich lange genug und die sonstige Kennenlernphase anderer Paare hatten sie ja bereits längst hinter sich.

,,Hören sie, sie haben mich gestern total überrumpelt mit dem was sie gesagt haben. Ich hab nochmal nachgedacht und naja... Irgendwie mag ich sie halt auch gerne. Sehr gerne. Es hat sich so eingeschlichen, das konnte man gar nicht bemerken, Boerne.''

Boerne hatte nun endlich seinen Blick von dem Weinglas in seinen Händen gehoben und sah ihm aufmerksam in die Augen. Das grün leuchtete nun richtig.

,,Tut mir leid, Thiel. Ich wollte sie nicht verwirren aber ich brauchte Gewissheit. Es war kaum auszuhalten, nicht zu wissen, ob sie in mir noch etwas anderes sehen als den höchst kompetenten Arbeitskollegen. Das Ding ist, ich wusste nicht, wie sie darauf reagieren würden. Schwul, homosexuell. Das klingt so fremd, auch für mich und sie hatten sich bis jetzt ja bloß für Frauen interessiert. In solchen Angelegenheiten sind sie ja immer etwas empfindlich.''

Sein plötzlicher Redeschwall überraschte und erleichterte Thiel zugleich. Boerne schien aufgehört zu haben, Trübsal zu blasen und lief zu alten Hochformen auf. Plötzlich kam ihm eine Idee. Was wäre wenn... Boerne brauchte vielleicht viele Worte. Er nicht.

Entschlossen überbrückte er den Meter Sofa, der zwischen ihnen lag und nuschelte noch etwas in seinen Bart, bevor er etwas tat, was er nie von sich gedacht hätte. Nicht einmal in seinen seltsamsten, realitätsfernsten Träumen.

,,Klappe Boerne.''

Dann nahm er einfach Boernes Gesicht in seine Hände und küsste ihn. Leicht ruhten ihre Lippen aufeinander. Irgendwie hatte Thiel von jetzt auf gleich der Mut verlassen, denn er traute sich nicht, seine Lippen zu bewegen oder überhaupt zu atmen. Er hatte die Richtung in ein völlig neues Gebiet eigeschlagen. Nun sollte Boerne den nächsten Schritt tun. Schließlich hing es ja von ihm ab.

Zunächst spürte er, wie Boerne die Luft hektisch einsog und einige Sekunden reglos und angespannt dasaß. Dann griffen seine Hände zögerlich nach Thiels und führten sie von seinem Gesicht nach unten. Ganz langsam begann Boerne seine Lippen zu bewegen und Thiel stieg darauf ein, während sich ihre Finger in Boernes Schoß ineinander verschränkten. Immer noch hatte Thiel vergessen zu atmen und löste sich darum kurz aus dem Kuss, atmete einmal tief durch, um danach sofort wieder Borne zu küssen. Die Augen hielt er dabei die ganze Zeit geschlossen.

Schnell wurde es ihm zu langweilig. Ihn überkam eine Welle des haltlosen Genusses, den er weiter auskosten wollte. Mit leichter Gewalt löste er seine Finger aus Boernes, umfasste dessen Schultern und wurde ungehaltener. Seine Zunge schlüpfte zwischen Boernes Lippen und stieß gegen seine Vorderzähne, schlängelte sich daran vorbei und fand Boernes Zunge, die nur zögerlich sein forderndes Spiel erwiderte.

Völlig abgekapselt von der Außenwelt waren sie völlig versunken in den jeweils anderen. Den ersten klaren Gedanken seit Langem fasste Thiel, als das Klimpern einer Gürtelschnalle in seine Ohren drang. Erst, als er daraufhin spürte, wie kühle Finger zunächst hinter den Bund seiner Boxershorts fuhren und dann seine Seiten hinauf fühlten, konzentrierte er sich wirklich und unterbrach sogar seine Küsse, mit denen er gerade Boernes Kiefer und Hals bedeckte.

So wirklich schien Boerne sein Nichtstun noch nicht bemerkt zu haben, denn er fuhr noch immer mit seinen kalten Akademikerflossen unter Thiels T-Shirt über seinen Oberkörper und brummte zufrieden. Thiels Herz pochte schnell und stark und er hörte, wie sein eigenes Blut durch seine Ohren rauschte.

,,Boerne...''

Seine Stimme war heiser und leise. Etwas lauter setzte er nach und legte seine Hände auf die von Boerne unter seinem Poloshirt.

,,Boerne! Können wir vielleicht etwas langsamer machen? Ich meine, wir haben ja jetzt genug Zeit.''

Der Professor sah auf und Thiel erschrak fast. Das Grün in Boernes Augen war um einiges dunkler als sonst und seine Pupillen waren leicht geweitet. Es dauerte einen Moment, bis Boerne seinen verträumten Blick, der sich bis vorhin in die eisblauen Augen Thiels gebohrt hatte, abwendete und ein Stück abrückte. Bis vorhin hatte er noch halb kniend auf dem Sofa , halb über Thiel gelegen. Langsam beruhigte sich ihre Atmung.

,,Selbstverständlich, Thiel. Entschuldigen sie.''

Boerne fuhr sich fahrig durch die zerwühlten Haare und setzte sich vernünftig neben ihn auf das Sofa. Kurz sprach keiner ein Wort, dann stand Boerne auf und griff nach den beiden Weingläsern, die er vorhin auf den Kaffeetisch vor dem Sofa abgestellt hatte.

,,Ich hole uns mal zwei saubere Gläser. Lassen sie mich raten, sie haben die Gläser sicher nicht sauber gemacht, Thiel?''

Boerne wollte die Situation anscheinend etwas auflockern, indem er etwas Normalität schaffte. Abgehoben sein und an ihm rumnörgeln. Typisch.

,,Ich wollte sie ja in die Spülmaschine stellen aber die war gerade am Laufen.''

Der Blick, den Boerne ihm zuwarf, al er sich zu Thiel umdrehte, war unbezahlbar. Ein bisschen musste Thiel sogar schmunzeln.

,,Da kann ich mich ja glücklich schätzen, dass sie es in ihrer faulen, verpeilten Art nicht getan haben. Das ist feinstes Kristallglas. In ihrer Spülmaschine wäre das sicher angelaufen. Nicht auszudenken, was das...''

,,Ihre Anzughose scheint heute ja aus ganz dünnem, leichten Stoff zu sein.''

Thiel unterbrach ihn ganz frech und wie er es sonst auch tat. Als sich Boerne nämlich zu ihm umdrehte, war eine kleine Ausbeulung der Hose im Lendenbereich zu sehen. Nicht, dass es ihn störte. Zwar war es ungewohnt, irgendwie machte es ihn aber auch an, dass Boerne so auf Berührungen und Küsse reagierte.

,,Und sie lassen die Interaktionen mit mir komplett kalt oder was? Wie ich gerade an eigenem Leibe erfahren durfte, als ich halb auf ihnen lag, reagieren sie auch entsprechend auf solche Annäherungen.''

Thiel musste wohl oder übel zugeben, dass Boerne Recht hatte. Es hatte ihn erregt, wie Boerne so halb auf ihm lag und ihre Küsse und Berührungen hörbar zu genießen schien.

,,Is ja gut. Was is jetzt mit dem Wein? Bier haben se ja nich im Haus, oder Herr Professor?''

,,Nein, dieses barbarische Gebräu befindet sich zur Zeit nicht in meinem Besitz, Thiel.''

Den Rest des Abends saßen sie nebeneinander auf dem Sofa , tranken den restlichen Wein und öffneten sich anschließend noch eine neue Flasche. Beide waren erleichtert, dass jetzt nahezu alles geklärt war und hatten deshalb auch kaum Hemmungen beim Trinken.

Wie es Thiel später wieder zurück in seine eigene Wohnung geschafft hatte, konnte er sich am nächsten Morgen nicht zusammenreimen. Genauso wenig konnte er sich daran erinnern, wie weit sie letzten Abend auf körperlicher Ebene noch gegangen waren. Alkohol löste ja bekanntlich nicht nur die Zunge, sondern senkte auch die eigenen Grenzen.

Verschlafen tapste er aus seinem Bett auf den Hausflur und öffnete extra geräuschvoll den Briefkasten. Selten bekam er Post und er erhoffte sich auch keinen Brief im Behälter. Das Geräusch diente einzig und allein dazu, Boerne aus seiner Wohnung zu locken. Seine Vermutung bestätigte sich, denn kurz darauf trieb de Neugier Boerne in der Flur und die Tür gegenüber öffnete sich. Heraus kam ein queitschfideler Boerne, vernünftig gekleidet in Anzughose und Hemd.

,,Aha, der Herr Nachbar ist schon auf den Beinen? Haben sie gestern Abend überhaupt noch das Bett gefunden?''

Boernes extremes Amüsement verunsicherte Thiel und er sah den anderen fragend an.

,,Ja, wieso?''

,,Nun, ich durfte sie nur in ihren Wohnungsflur begleiten. Dann haben sie sich, soweit ich mich erinnern kann, mit einem harten, intensiven Kuss von mir verabschiedet und sind in ihr Schlafzimmer getorkelt.''

,,Hm''

,,Sagen sie, hätten sie gegebenenfalls Zeit, heute Abend mit mir zu kochen und anschließend vielleicht noch ein bisschen...''

Boerne ließ die Worte bedeutungsschwanger zwischen ihnen hängen und Thiel wunderte sich über die Unverfrorenheit und die Eile, die Boerne an den Tag legte. Andererseits kannten sie sich ja wohl schon lange genug. Was gab es da noch groß auszutesten und zu quatschen.

,,Zeit hab ich ja wohl genug. Solange im Laufe des Tages keiner umgebracht wird, hab ich frei.''

,,Perfekt, dann gehe ich mal einkaufen. Es gibt Hühnerbeine.''

Am Abend trafen sie sich dann wieder, aßen gut und dann gingen sie weit, weiter als Thiel je dachte, mit einem Mann zu gehen. Trotzdem gefiel es ihm. So ging es dann auch weiter.

Bereits eineinhalb Wochen dauerte ihre Kurzarbeit nun schon an und seit eineinhalb Wochen führten sie so etwas wie eine Beziehung. Sie verbrachten die meiste Zeit gemeinsam und schliefen im selben Bett. Meistens waren sie bei Boerne, da er sich in seiner Wohnung angeblich wohler fühlte. Thiel sollte es egal sein.

Es war früher Sonntag Morgen, als Thiel wach wurde, weil sich Boerne neben ihm bewegte und von hinten näher an ihn heranrückte. Schon vorher hatte er im Halbschlaf bemerkt, dass der andere bereits wach war, Thiel war allerdings wieder eingeschlafen. Dann spürte er auch schon warmen Atem in seinem Nacken und eine Hand, die sich um ihn legte und unter sein T-Shirt schlüpfte. Sanft spielten die feingliedrigen Finger mit seinem Brusthaar und fuhren über seine Brustwarzen.

Unmissverständlich machte Boerne ihm klar, was er nun wollte und Thiel sollte es nur recht sein. Zu einfach wollte er es Boerne allerdings nicht machen. Untätig blieb er auf der Seite liegen, mit dem Plan, den anderen noch etwas zappeln zu lassen. Während er sich überlegte, was er gleich mit Boerne anstellen könnte, genoss er das Gefühl warmer etwas schwitziger Hände, die sich forsch über seinen Bauch in Richtung Lendengegend bewegte.

,,Moin Herr Professor.''

Vom Schlaf klang seine Stimme extrem kratzig  und somit umso reizvoller. Kurz darauf entwich im ein wohliges Brummen. Boernes Finger krochen in seine weite Boxershorts und tasteten ganz unverblümt nach ihm.

,,Guten Morgen Herr Thiel, Haben sie gut genächtigt?''

Boerne tat extrem scheinheilig, während er seine Hand ganz langsam bewegte. Thiel begann leise zu stöhnen und rückte weiter nach hinten. Der Beweis von Boernes Erregung drückte sich an seinen Rücken. Gerade wollte er sich zu Boerne umdrehen, um diesem mehr Aufmerksamkeit zu schenken, da klingelte sein Handy los, das auf der Kommode in Boernes Schlafzimmer lag.

,,Ignorier es.''

Boerne raunte gegen sein Ohr und Thiel drehte sich nun komplett zu Boerne um. Begehrlich legte Thiel seine Lippen auf Boernes und griff in dessen schlafzerwühlten Haare. Egal, wer da gerade anrief, es gab bedeutend wichtigeres. Wobei es natürlich auch ein neuer Fall sein konnte... Unmittelbar wurde er wieder aus seinen Gedanken gezerrt, als Boerne sein St. Pauli weiter hochschob und seine Zunge über Thiels Zähne gleiten ließ.

Auch, wenn er nicht danach aussah, hatte Boerne es faustdick hinter den Ohren und ihm fielen Sauereien ein, auf die Thiel niemals gekommen wäre. Anfangs war er etwas schockiert über diese neuen Offenbarungen gewesen. Trotzdem liebte er es, wenn Boerne ihm sowas ins Ohr flüsterte. Es stachelte ihn immer unheimlich an und...

,,Wer will denn da etwas von dir, dass er so hartnäckig ist?''

Boerne hatte den Kuss gelöst und sah ihn nun verwirrt an. Genervt seufzte Thiel auf, da das Klingeln nicht nachließ und hievte sich grummelnd aus dem Bett.

,,Werden wir ja sehen, wer sich traut uns jetzt zu stören... Ja, Thiel? ... Echt? ... Jaja, ich komme sofort... Ja ich kann den Professor mitbringen... Nein ich.... Ja Tschüss''

,,Wer wünscht meine geschätzte Anwesenheit?''

,,Die haben ne Leiche im Park gefunden. Angeblich Selbstmord. Du sollst es dir in der Rechtsmedizin nochmal genauer angucken.''

,,Wie Bitte?! Die Leiche wurde vom Tatort wegbewegt? Ohne mein Einverständnis? Na das sind ja Mitarbeiter.''

Boerne echauffierte sich weiter über die Unfähigkeit der Polizisten und begab sich auf den Weg ins Bad. Thiel hörte das Wasser kurz darauf rauschen und machte sich selbst auf die suche nach seiner Hose. Es klingelte an der Tür, während er gerade unter seinem Kopfkissen nachsah.

,,Gehst du bitte?''

Jetzt durfte er für Boerne schon die Post entgegennehmen. Schnell beeilte er sich zur Tür zu gelangen. Der Besucher schien es eilig zu haben, denn die Klingel schellte erneute. Er riss die Tür schwungvoll auf.

,,Ja Bitte?... Vaddern?''

Vor Boernes Tür stand sein Vater und blickte mit großen Augen an ihm herunter.

,,Wusste ichs doch.''

Das Gemurmel seines Vaters war kaum zu verstehen, trotzdem konnte sich Thiel schon denken, was sein Vater gerade dachte. Warum auch nicht. Er stand nur in Unterhose und T-Shirt deutlich verschlafen in Boernes Wohnung.

,,Wer ist es denn?''

Aus dem Inneren der Wohnung schallte Boernes Stimme und kurz darauf erschien dieser mit einem Handtuch um den Hüften im Flur. Etwas überrascht musterte er Thiels Vater.

,,Ach, der Herr Thiel Senior.''

,,Was gibts?''

Jetzt, wo es eindeutig war, brauchte man das ja nicht unnötig in die Länge zu ziehen und Thiel kam direkt zum Punkt.

,,Also eigentlich wollte ich dir nur die Knete zurückgeben, die du mir letzte Woche geliehen hast. Bei dir war aber keiner deswegen dachte ich, ich gebe es deinem Professor, der kann es dir ja geben. Das hat sich jetzt aber erledigt.''

Interessiert wanderte der Blick von Herbert Thiel zwischen Ihm und Boerne hin und her.

,,Er ist nicht mein Professor. Außerdem war das vor mindestens eineinhalb Wochen, Vaddern.''

,,Natürlich ist er das nicht...''

Mit einem letzten verschmitzten Grinsen drückte Herbert Thiel ihm das Geld in die Hand, drehte sich um und verließ das Haus. Kurz darauf folgten ihm, etwas gehetzt, Thiel und Boerne und fuhren in Richtung Uniklinikum. Beim Empfang saß ein junger Typ, der sich ihre Ausweise zeigen ließ und bei ihnen Fieber maß. Als er Boerne das Fieberthermometer vor die Stirn hielt, wandte sich dieser ab.

,,Also wenn der Kommissar Corona hätte, wäre ich auch schon längst infiziert. Seine Temperatur ist aber in Ordnung, also habe ich auch kein Fieber.''

Der Typ vom Empfang stutzte und schaute verwirrt zwischen Thiel und Boerne hin und her. Trotzdem musste bei ihm auch gemessen werden und Boerne nahm dies auch gelassen hin. Thiel hingegen war schlecht drauf. Dass Boerne sofort so herumposaunen musste und auch noch mit solchen doppeldeutigen Kommentaren.

Letztendlich stellte sich dann doch heraus, dass der Tote sich selbst umgebracht hatte und es war sogar ein Abschiedsbrief gefunden worden, den die Kollegen vorher jedoch übersehen hatten. Nachdem Thiel stundenlang in Boernes Büro gesessen und gewartet hatte, bis dieser sämtliche Formulare und den Totenschein ausgefüllt hatte, waren sie wieder nach Hause gefahren.

Mit dem Vorschlag, dort weiter zumachen, wo sie heute morgen unterbrochen waren, konnte Boerne ihn dann schließlich wieder von seiner schlechten Laune ablenken und sie versöhnten sich schnell.

Abends saßen dann beide nebeneinander auf dem Sofa und aßen Spaghetti. Ausnahmsweise mal auf Boernes heiligem Sofa. Fröhlich sog Thiel die langen Nudeln in seinen Mund und verfolgte aufmerksam einen amerikanischen Krimi, den sie sich gemeinsam ansahen. Boerne saß neben ihm und gestikulierte wild mit dem Armen, während er sich über den Film aufregte. Laufend kommentierte er die Aussagen des Rechtsmediziners, die laut ihm kein angemessener Fachterminus waren.

Thiel musste ein wenig grinsen und strich beruhigend durch die kurzen Haare in Boernes Nacken. Abgesehen davon, dass sie nun wirklich zusammen waren und hauptsächlich zusammen lebten, hatte sich nicht wirklich viel geändert.

Vielleicht hatte so eine Pandemie ja auch etwas Gutes an sich.
 
 
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