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Die Tafel von Sanaqu

von Terazuma
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
Geister & Gespenster Kobolde & Feen Ritter & Krieger
25.02.2021
31.03.2021
6
9.285
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25.02.2021 1.282
 
01 Der Diebstahl



Die drängende Stimme seines Freundes Ottes zerrte an seinen Nerven. „Hadrian!“, drängte Ottes hinter ihm. „Uns läuft die Zeit davon!“

„Ruhe!“, fauchte Hadrian und tastete sich im Mauerspalt weiter voran. „Ich muss mich jetzt konzentrieren.“

Ein Seufzer folgte, dann war es tatsächlich ruhig hinter ihm und Hadrian konzentrierte sich erneut. Sie waren so knapp davor! Er konnte den Mechanismus bereits mit seinen Fingerspitzen fühlen. Und sobald der Mechanismus betätigt wurde, hatten sie immer noch gut fünfzehn Minuten Zeit die Tafel von Sanaqu an sich zu nehmen und den Pyramidentempel zu verlassen. Zumindest nach den Aufzeichnungen, die ihnen in die Hände gefallen sind.

Die Zeit war günstig. Besser gesagt, so eine günstige Gelegenheit wie diese würde sich für lange Zeit nicht mehr bieten. Der Pyramidentempel lag faktisch wie leer gefegt vor ihnen. Sämtliche Aufmerksamkeit konzentrierte sich in der Tempelhalle, in der heute Hauur Felim Abriham von Hassaquun die Krönungsweihen erhielt. Alles, aber auch wirklich alles lud sie richtiggehend dazu ein, die Tafel von Sanaqu zu stehlen. Hadrian zog die Schultern hoch. „Stehlen“ war so ein unschönes Wort. Er würde „leihen“ bevorzugen. Schließlich hatte er vor die Tafel wieder an ihren Platz zurückzubringen, nachdem er die Macht bekommen hatte, welche zu erwecken er sich vorgenommen hatte. Es war schließlich für sein Volk! Seine Landsleute litten schon viel zu lange unter dem lästigen Fluch. Darum gab es für ihn keinerlei moralische Bedenken, als er beim Studium der alten Schriften zufällig die Aufzeichnung zu diesem mächtigen Ritual fand. Einzig und allein brauchte er dazu aber die heilige Tafel von Sanaqu, die in einer Geheimkammer im Pyramidentempel aufbewahrt wurde. Aus reinem Gold sollte sie sein. Doch das war zweitrangig. Ihm ging es darum das Ritual durchzuführen und dabei aus dem Schriftsatz der Tafel die erforderlichen magischen Worte zu sprechen, welche den Fluch aufheben würden.

Vorsichtig tastete er sich in dem Mauerspalt weiter voran. Täuschte er sich, oder gab es ein leises Klacken? Nein, seine Finger hatten den Mechanismus tatsächlich  ausgelöst. Scharf sog Hadrian die Luft ein. Jetzt kam es darauf an wie schnell sie waren …

Lautlos und quälend langsam öffnete sich die Geheimkammer vor ihnen und wie in dem Schriftstück beschrieben, befand sich darin die goldene Tafel hochkant aufgestellt auf einem Steinaltar. Verlockend glänzte sie im Licht der Sonnensteine, die in den Mauernischen lagen. Hadrian schluckte und trat näher. Hinter sich konnte er die Schritte seiner Kameraden hören, die ihm in die Geheimkammer folgten. Er wollte sie schon zurückweisen, blieb aber wie gebannt vor der glänzenden Tafel stehen.

„Rasch jetzt!“, flüsterte Ottes hinter ihm erregt.

Das brachte Hadrian wieder zur Besinnung, machte ihn aber auch unvorsichtig. Ohne sich weiter umzusehen schlossen sich seine Finger um die Tafel und hoben sie vom Steinaltar. Das Rumpeln, das daraufhin durch die Kammer ging ließ Hadrian das Gleichgewicht verlieren und auf die Knie fallen. Zu seinem Glück. Seine Freunde wurden dagegen unter dem Giftpfeilhagel dahingerafft, der sich jetzt surrend aus Mauerspalten über sie ergoss.

Von dieser Schutzvorrichtung hatte nichts in den Aufzeichnungen gestanden! Fassungslos starrte Hadrian auf die bewegungslosen Körper seiner beiden Kumpanen, die ihm in die Kammer gefolgt waren. Der dritte seiner Kameraden stand genauso erschüttert wie er selbst da. Er war als einziger nicht in die Kammer eingetreten. Nur darum hatte er überlebt. Hadrian spürte, wie ein Schauer durch seinen Körper lief.

Dann begann sich zu allem Unglück auch noch die Türe zur Geheimkammer wieder zu schließen. Hadrian hatte keine Zeit sich nach weiteren Fallen umzusehen. Panisch packte er die Tafel fester und wollte aus dem Raum eilen. Doch er verhedderte sich in der Kleidung seines toten Freundes und schlug mitsamt der Tafel, die er nicht loslassen wollte, auf dem Steinboden auf. Das Geräusch der zerbrechenden Tafel echote durch den Raum, dass ihm nur so die Ohren klingelten.  

So viel Unglück auf einmal durfte es einfach nicht geben! Hadrian versuchte noch hektisch die Teile an sich zu nehmen, doch diese hatte mittlerweile ein Eigenleben ergriffen. Wie von Geisterhand hoben sie sich in die Luft und begannen unheilvoll zu vibrieren. Hadrian dachte nicht weiter nach, sondern streckte seinen Arm aus und schnappte sich das Stück, das ihm am nächsten war. Sobald er es umfasste hörte es auf zu vibrieren. Er wollte auf diese Weise auch nach den anderen Teilen greifen, doch der panische Ruf seines verbliebenen Kameraden ließ ihn davon absehen.

Mit einem wahren Hechtsprung schnellte Hadrian zu der sich schließenden Türe und schaffte es gerade noch durchzuschlüpfen, während das Vibrieren der in der Kammer verbliebenen Teile beinahe ohrenbetäubend wurde.

Mit einem Klacken schloss sich die Geheimkammer wieder. Das Dröhnen der Vibrationen schwoll noch einmal an, dann gab es einen Knall wie von einer Explosion, der sogar Steinstaub von der Decke rieseln ließ. Danach war es gespenstisch still. Was immer in der Geheimkammer geschehen war – Hadrian wollte es gar nicht wissen. Ihm standen buchstäblich sämtliche seiner dunklen Haare zu Berge. So genau die Aufzeichnungen auch waren, von all dem war kein einziges Wort erwähnt worden.

„Schnell, Hadrian!“, keuchte sein Kamerad und zog ihn am Hemd mit sich.

So leid es Hadrian auch tat Ottes hier zu lassen, ihr einziges Heil, vor allem das Heil ihres gesamten Landes, lag jetzt in der Schnelle ihrer Flucht. Keuchend hetzten sie durch die Gänge des Tempels zu dem versteckten Nebeneingang, durch den sie sich Zutritt verschafft hatten. Aber durch den Lärm war der Tempel zum Leben erwacht und einer der Wissenden eilte wild gestikulierend auf sie zu und stellte sich ihnen in den Weg. Hinter ihm kam ein weiterer Wissender gelaufen, der sogar drohend seinen Stab schwang. Jetzt kam es auf jede Sekunde an und Hadrian zögerte nicht. Er durfte unter keinen Umständen erkannt werden! Er schob das verbliebene Bruchstück der Tafel unter sein Hemd, zückte seinen Dolch und stach ihn dem ersten der Wissenden in dessen Herz. Verdammt! Das alles war so schief gelaufen! Hadrian wollte niemanden töten, schon gar keine Gelehrten! Doch mittlerweile ging es um alles. Um viel mehr als nur mehr um ihr eigenes Leben.

Sie hatten sich alle wohlweislich in einfache, hiesige Landestracht gekleidet. Das Aussehen seines getöteten Freundes Ottes in der Geheimkammer verriet ihn zwar als Assenborner, aber der andere Tote war ihr einheimischer Führer gewesen. Hadrian war sich sicher, dass man den Überfall gedungenen Banditen anlasten würde. Wenn er sich jetzt nicht erwischen lassen würde, würde niemand auf den Gedanken kommen, dass Hadrian von Debringsdorn, der Bruder des Königs von Assenborn selbst, die heilige Stätte entweiht hatte. Die Rache der Hassaquun würde sonst furchtbar sein, vor allem, da sich ihre Länder schon seit langer Zeit am Rand eines drohenden Krieges bewegten.

Der zweite Wissende, der vorhin noch stabschwingend auf sie zu gelaufen kam, hatte sofort kehrtgemacht, als er gesehen hatte, was mit seinem Wissensbruder geschehen war. Im Laufen versuchte er nach den Wachen zu rufen, doch Hadrian zog seinen Dolch aus dem Toten und schleuderte ihn dem Flüchtenden nach. Auch wenn man den reichen Assenbornern nachsagte, dass sie nur kulturlose Edel-Bauern und dekadente Weichlinge wären, ihre Ausbildung als Soldaten war gut und auch Hadrian hatte eine solche genossen. Und so wurde auch dieser Wissende Opfer dieses desaströs missglückten Diebstahls. Hadrian fluchte, doch auch wenn wenig Zeit war, lief er zu dem Gefallenen, nahm seinen Dolch an sich und schnitt ihm auch noch die Kehle durch. Sicher war sicher. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, identifiziert zu werden.

„Hadrian! So komm doch!“, rief sein Kamerad vom bereits geöffneten Nebeneingang. „Lass uns verschwinden!“

Das musste er ihm nicht zweimal sagen. Hadrian blickte sich ein letztes Mal um, damit sie ja nichts übersahen, dann lief er ihm zu den Pferden nach. Ohne sich nochmals umzusehen sprangen sie auf deren Rücken und galoppierten davon, als wären die verfluchten Drachenreiter persönlich hinter ihnen her.
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