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Mayfair Necropolis

KurzgeschichteAllgemein / P16 / Mix
Dorian Gray Lord Henry Wotton Sibyl Vane
25.02.2021
25.02.2021
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Dorian läuft heim, während Westlondon erwacht. Er weiß nicht, ob die Hure noch immer so auf der harten Matratze liegt, wie er sie zurückgelassen hat. Ob sein Geld reicht, um ihr Verschnaufpausen zu kaufen, in denen sie merkt dass sie in der Hölle ist. Vielleicht bringt sie sich um. Es wäre eine Abwechslung.

Blumen werden durch die Gassen zum Markt gefahren- es erinnert ihn an Sibyl, auch wenn diese Blumen nicht weiß sind. Irgendwo versteckt sich darin ein Witz über Entjungferungen aber Dorian sieht vertieft das Rot an. Es ist Klatschmohnrot, wie Blut und eindimensionale Wahrheiten und die Farbe hat nach drei Nächten ohne Schlaf etwas angenehm Verstörendes. Die Anziehung eines Albtraums.

Die Hure ist süß, obwohl sie den Mythos glaubt.
Einen der neueren Mythen, die er in die Unterwelt gestreut hat: Dorian der stürmische Lord mit trauriger Vergangenheit. An einem fürs Reden zu lauten Ort ist das Mädchen  charmant, und an solchen Orten findet man Dorian den traurigen Lord oft.

Er ersteigt die Vortreppe zu seiner Haustür, schließt auf und tritt im Foyer dem Diener entgegen.

Die Grußformel verblasst neben dem abwägenden Blick, den Dorian auf den handschuhlosen Händen spürt.
Der Diener taxiert die Blutergüssen an Dorians Hals, die noch keine Zeit hatten, zu heilen, (Die  Bisse eines Fremden in einer seidenausgeschlagenen Grotte im bei den Docks „Dorian, oh Dorian wenn sie uns finden sind wir tot“) die Uhrenkette, die aus seiner Westentasche baumelt. Schon auf dem Weg von der Opiumhöhle zur Hure war die Uhr fort gewesen- ein gesichtsloser Dieb hatte Dorians Körper gefilzt, als sein Geist auf  Klippen gegen die zur Erde fallenden Heere Belials kämpfte.

„Guten Morgen, Mr. Longhurst“  erwidert Dorian und drückt dem Diener Samtschal und Umhang in die Hand.
„Es ist eine Einladung für sie hier, Sir.“ Dorian nimmt das paspelierte Papier. Ein weiteres Variété bei Oswald W. Elmstone. Die beigelegte Pfauenfeder lässt den verknöcherten Inspektor auch nicht vielseitiger wirken.
„Möchten Sie Frühstücken, Sir?“ fragt der Diener.

Dorian wirft die Einladung auf die Miniatur einer Korinthischen Säule, ruft „Nein“ über die Schulter und macht, dass er in den ersten Stock kommt.

Sein eigenes Bett fühlt sich steril an im Vergleich zu den Chaiselonguen, Perserteppichen oder zweckentfremdeten Lazarettpritschen auf denen er sich diese Woche hingestreckt fand, mal allein, zu zweit, mal in einem Inferno. Und jetzt dieser Sarg von einem Leinenbettzeug unter ihm.
Er dreht den Kopf weg von dem Spiegel, der das Dach seines Himmelbetts kleidet. Staub tanzt durchs Schlafzimmer. Er schließt den Lichtkorridor mit einem der Brokatvorhänge.  Eine Weile tigert er im Zimmer herum, berührt Puttenköpfe und ausgestopfte Tiere. Seine Mundwinkel sacken nach unten  und er tut nichts dagegen.  Er nimmt die langweilige Leere, die ihn überkommt hin und dehnt sie aus, um das Zuhörende zu bestrafen, was immer das ist. Vielleicht ist es Henry.

Selbst Lord Henry Wotton ist in den letzten Monaten dröge geworden, zurückgescheut vor den Freuden die London den Mutigsten bietet. Er hat sein Recht verspielt, Dorian zu beobachten.

Ein Schlag gegen Dorians Schenkel, ein Klirren.  Die Scherben einer Porzellanvase springen über den Teppich.
Spielende Cherubim in einem elysischen Garten oder sonst irgendein Motiv, die kleinen Schwänze verdeckt von fliegender Seide oder Feigenblättern, heidnische Götter in dümmlicher Regression ins Kindsein. Jung sein, wie herzallerliebst. Dorian grunzt und wirft sich wieder auf sein Bett.

In der Stille fühlt er ein Kribbeln im Nacken. Er dreht sich zum anderen Ende des Raums.

„Mein Prinz“

sagt eine Frauenstimme. Er setzt sich auf „Wer da?“, ruft  nochmal, und nochmal „Wer da, wer da wer da!“ um den vertrauten Nachhall der Frauenstimme zu übertönen. Aus einer fernen Zeit, getragen von der Bühne über die Ränge.

Ein Sirren hebt an. Wie von vielen Violinensträngen bei einer schlechten Probe. Dorian ist mit zwei Sätzen beim Fenster, halb fällt er in den Vorhang, halb zieht er ihn auf. Nichts auf der Straße regt sich. Im Zimmer, im Lichtstrahl, wo die Morgensonne die Wand trifft, starrt Sibyl ihn an.

Das Schließen des Vorhangs vertreibt die Silhouette an der Wand nicht, diesmal ist die Stimme lauter: „Ich weiß es nicht, Mutter.“
In dem  Lichtstrahl, den die wieder auffallenden Vorhänge einlassen, sieht er Sibyl- oder einen Teil von ihr. Einen Strahl, der an ihr herabführt über ein helles Auge, den Hals, ihr Hemd die Hose und Stiefel. Sie trägt ein Jägerkostüm, wie ein Herold der zum Beginn des dritten Akts Schlachtenneuigkeiten bringt- einen Hut und waidmännisches Grün. Das Knabenkostüm macht sie anziehender.

Dorian schließt die Augen, damit das späte Opiumbild verschwindet.
Das Meer zerfließenden Kerzen im Theater, als sie sich kennenlernten. Dann die Handvoll nasser Kerzen als er ihr Grab aufsuchte. Einen Körper, den er nie tot sah. Ein Körper der nun aus dem Kalten und Dunklen zu ihm hochwuchert wie eine Schlingpflanze.

„Verschwinde“ zischt er, öffnet die Augen.

Sibyl macht einen  Knicks.  Sie sagt, als sei er nicht da:

„Mein Prinz war  heute so herzensgut und geduldig zu mir und wir gingen zwischen Geißblattsträuchern im Dunkeln nachhause. Er ist so sensibel, merkte immer, wenn ich beim Tanzen etwas veränderte. Versuchte sehr schnell mich zu küssen und kaschierte den Versuch genauso schnell wieder.  Er ist der perfekte Edelmann, nein Mutter, er würde das nie tun. Wir gingen im Dunkeln hintereinander um Fuhrwerke durchzulassen, sonst nebeneinander, mit sittlichem Abstand.“

Dorian hatte Frauen, die schöner waren, besser tanzten, sogar welche die unschuldiger lächelten wenn die Bezahlung stimmte.  Trotzdem ist er jetzt allein mit dem Anblick dieser einen. Sibyl  schwärmt: „ Die gemalten Szenen waren meine Welt. Ich kannte nichts außer Schatten und dachte, sie wären echt.“

Er antwortet: „Und ich habe dich in jedem Zeitalter und jedem Kostüm gesehen. Ich dachte, dass gewöhnliche Frauen die Vorstellungskraft nicht beflügeln, so wie du es konntest. Dass sie auf ihr Zeitalter beschränkt sind. Ich habe Dir zu viel zugetraut. Jetzt sehe ich es. Du bist  eine Heimatlose, die in keine Zeit richtig passt. Verdammt, raub` mir nicht den Schlaf!“

Sibyl schreitet an der Wand entlang, Ihre Füße berühren den Boden nicht. Über ihre Hand ziehen sich Sprenkel wie auf Wurmlöcher, sie streckt sie aus, zu nah, ihre Berührung wäre sein Ende. Dorian prallt auf dem Boden auf. Er muss zurückgestolpert sein. An der Wand vor sich nur noch das Morgenlicht- ein Vogelschatten der es durchschneidet.

„Ich bin verändert. Die bloße Berührung von Sibyl Vanes Hand lässt mich Dich und all deine giftigen, faszinierenden, köstlichen Theorien vergessen.“ Es ist seine eigene Stimme, die im Raum nachhallt. Henry Wotton hat ihn zurecht ausgelacht. Von dem tumben Glanz in seinen Augen zu den Bildern der Poeten, die er damals aus Lexika ausschnitt- Shelley mit dem ewig erhobenen Zeigefinger, Byron mit seinem aufgedunsenen Leib und aufgeblaseneren Selbstbild, Keats der halbblinde Pygmäe- Dorian war so ein Kind gewesen. Sibyl, so schön sie auch gewesen sein mag, war damals nicht realer als jetzt- ein Trugbild in seinem Kopf, ausstaffiert von all den Romantikern und Rattenfängern. Das fauchen der Vorhangösen auf der Stange, als Dorian wieder Licht hereinlässt.

Schon an helleren Orten, lauteren Orten voller Musik des Quanun und der Spießgeige konnte er schlafen. Es wird auch hier ohne Dunkelheit gehen.

„Du kanntest doch nicht mal meinen Namen, Weib.“ wispert Dorian in den Raum.

Sein Blick wandert zur Decke. Selbst wer seinen Namen kennt, auf Einladungen schreibt, hinter vorgehaltener Hand tuschelt, in Extase schreit- kennt noch lange nicht Dorian. Er legt die Hände über die Augen und blickt in das tiefe Schwarz seines eigenen Käfigs.
 
 
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