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Sliver of Hope

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Satoru Gojo Yuji Itadori
23.02.2021
08.04.2021
4
10.198
17
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23.02.2021 2.362
 
Der beißende Geruch von Desinfektionsmittel steigt mir in die Nase, als ich durch den lieblosen Flur des Krankenhauses gehe. Grau-grüne Wände und Böden, nichtssagende Bilder und ein paar Topfpflanzen, die längst etwas Wasser vertragen könnten wohin man sieht. Eine blonde Krankenschwester lächelt und nickt mir zu. Ich erkenne ihr Gesicht und sie hat meines anscheinend auch gleich erkannt, was kein Wunder ist, denn in den letzten knapp zwei Jahren war ich wohl häufiger hier als zu Hause.
»Ihre Mutter ist heute gut drauf.«, sagt sie im Vorbeigehen und schaut mich aufmunternd an. Ich lächle zurück und bedanke mich für die Information, obwohl mir klar ist, dass sie mit gut drauf nicht meint, dass eine wesentliche Besserung aufgetreten ist, sondern lediglich, dass meine Mutter heute länger als fünf Minuten am Stück ansprechbar ist. Seit sie ihre Krebsdiagnose bekommen hat, hat sich ihr Zustand immer weiter verschlechtert und auch die Therapien haben nicht so angeschlagen, wie sie und ich es uns erhofft haben. Auch wenn ich den Gedanken versuche zu verdrängen ist mir klar, dass ich meine Mutter in nicht allzu ferner Zukunft verlieren werde. Was ich danach machen soll, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt, meine Großeltern sind bereits tot. Die Ersparnisse meiner Mutter reichen gerade so für die Beisetzung und wenige Monatsmieten, sodass ich zumindest nicht sofort obdachlos bin, sollte es zum Schlimmsten kommen. Aber dann? Ich habe gerade erst die Schule beendet, aber keine Ahnung, wie es danach weitergehen soll.
Ich erreiche das Zimmer, in dem meine Mutter liegt und nehme noch einmal einen tiefen Atemzug, um mich auf das vorzubereiten, was ich gleich sehen werde. Dann klopfe ich an und drücke die Klinke nach unten, ohne auf das Herein zu warten.
»Hallo, Mama.«, sage ich und nehme auf einem Hocker an ihrem Bett Platz. Die Schläuche, die in ihren Körper führen, ihre fahle Haut, die tiefen Ringe unter den Augen und das glanzlose, schwarze Haar, das zeigt, wie sehr ihr Körper unter der Krankheit leidet, versuche ich dabei auszublenden. Ich nehme ihre Hand in meine und streichle sanft darüber.
»Yuji!«, sagt sie, als hätte sie mich erst jetzt erkannt. Ich zwinge mir ein Lächeln ab, will nicht, dass sie weiß, wie sehr mich ihr Zustand bedrückt.
»Wie geht es dir heute?«, frage ich sie und schenke ihr routinemäßig ein Glas Wasser ein, das ich ihr reiche.
Sie nimmt das Glas entgegen und leert es in einem Schluck. Meine Mundwinkel zucken nervös, als ich sie dabei beobachte, denn so, wie sie das Glas hinunter kippt, ist mir klar, dass sie heute noch nicht mehr, als das, getrunken hat. Sie hustet, als sie das Glas absetzt und ich stehe hastig auf, um ihren Rücken leicht zu klopfen. Es dauert einen Moment, bis der Hustenreiz nachgelassen hat und meine Mutter mir antworten kann. Ihr Blick dabei ist traurig und stumpf.
»Wie soll es mir gehen?«, sie lächelt müde, »Seit Monaten liege ich in dem Bett und ich weiß selbst, dass sich meine Zeit dem Ende neigt.«
Ich traue mich kaum etwas zu erwidern, denn wir beide erkennen die Wahrheit in ihren Worten. Also schlucke ich meine eigene Trauer hinunter und versuche meine Mutter auf andere Gedanken zu bringen.
»Meinst du, die Schwestern erlauben es mir, dich auf einen Ausflug mitzunehmen?«
»Wo soll ich denn so hin?«
Meine Mutter gibt ein heiseres Lachen von sich.
»Nur nach unten. Hauptsache raus.«, erwidere ich. Ich möchte nicht, dass die letzten Erinnerungen meiner Mutter die an ihr Krankenhausbett sind. Es ist Frühling und zu dieser Jahreszeit sieht selbst der krankenhauseigene Park bunt und voller Leben aus. Das sind die Eindrücke, die sie sammeln sollte, bevor es zu spät ist.
Etwas zögerlich stimmt meine Mutter meinem Vorschlag zu und nach einer Belehrung der Krankenschwester darüber, was ich in einem Notfall zu tun habe und dass ich das Grundstück auf keinen Fall verlassen darf, wird meine Mutter in einen Rollstuhl verfrachtet. Sogar die vielen Schläuche werden ihr für den Ausflug entfernt. Dafür habe ich die Auflage, nicht länger als eine Stunde wegzubleiben. Ein guter Deal, denke ich mir und schiebe meine Mutter durch das Krankenhaus und schließlich in den Park.
Die milde Frühlingsluft treibt den süßen Duft der Blüten in unsere Nasen und die Sonne scheint mild auf uns hinab, als ich den Rollstuhl meiner Mutter neben einer Parkbank abstelle und mich danach auf diese setze.
»Es gibt etwas, was du wissen solltest, Yuji.«, setzt meine Mutter an. Sie blickt nach unten und spielt nervös mit ihren Fingern.
Unsicher, auf was sie abzielt, schaue ich sie an.
»Was meinst du?«
»Über deinen Vater. Wenn...-«, ihre Stimme bricht, als sie redet, »wenn ich nicht mehr da bin, dann muss jemand auf dich aufpassen.«
Meine Augen weiten sich vor Verwunderung.
»Mein Vater?« Bisher hat meine Mutter so gut wie nie über ihn geredet. Ich dachte bisher, dass es ihr einfach viel zu unangenehm wäre, über ihn zu reden. Schließlich waren beide nur kurz zusammen, soweit ich weiß. Dass meine Mutter gerade einmal 14 war, als sie mit mir schwanger wurde, hat die Situation nicht verbessert.
»Dein Vater weiß nichts von dir.«
Das verwundert mich, denn bisher habe ich geglaubt, er hätte sich aus dem Staub gemacht, als er von der Schwangerschaft erfahren hat. Welcher Junge möchte in dem Alter schon Vater sein?
»Wie meinst du das?«, frage ich sie, denn nun möchte ich die ganze Geschichte wissen.
»Wir waren nie richtig zusammen. Eigentlich glaube ich sogar, dass er an Mädchen gar kein richtiges Interesse hatte und es sich zu dem Zeitpunkt noch nicht eingestehen wollte.«
Sie grinst mich schelmisch an und es ist das erste mal seit langem, dass ich etwas Anderes, als Müdigkeit und Trauer in ihrem Blick erkenne.
»Weißt du, du hast mich in dieser Hinsicht sehr an ihn erinnert.«
Ich spüre, wie meine Ohren zu glühen beginnen. Das meint sie also. Verlegen kratze ich meinen Nacken.
»Yuji, du weißt, dass ich dich dafür nicht verurteile. Und ich verurteile auch deinen Vater nicht dafür. Manchmal ist es einfach schwer, zu sich selbst zu stehen. Und manchmal muss man erst einmal das Falsche tun, um herauszufinden, was richtig für einen ist.«
»Was ist dann mit meinem Vater passiert?«, frage ich nach, denke dabei aber noch über ihre Worte nach.
»Er ist nach Tokio gezogen, noch bevor ich überhaupt wusste, dass ich schwanger bin. Sein Vater hat einen besseren Job in der Stadt gefunden und die Familie hat von heute auf morgen alle Zelte abgebrochen und ist verschwunden.«
»Und du hast danach nie wieder etwas von ihm gehört?« Meine Stimme geht nach oben, denn irgendwie bin ich nun sauer auf diesen unbekannten Mann, der meine Mutter jung und schwanger zurückgelassen hat.
»Es war nicht seine Schuld, Yuji. Und ich sagte ja, wir waren nie wirklich zusammen. Er hatte keine Verantwortung gegenüber mir.«, bremst sie mich und nimmt dabei meine Hand, »Sei ihm nicht böse.«
Ich schnaufe, denn irgendwie kann ich meine Wut nicht abstellen, auch wenn sie irrational ist. Natürlich ist mir klar, dass eine Beziehung zwischen den beiden nicht funktioniert hätte. Und natürlich weiß ich auch, dass er nichts für die Entscheidung der Eltern kann nach Tokio zu ziehen. Aber genauso muss ich nun darüber nachdenken, wie viel einfacher mein Leben gewesen wäre, hätte es eine Vaterfigur in ihm gegeben. Meine Mutter hätte ihren Schulabschluss nachholen können und wäre nicht gezwungen gewesen, jeden Job, der sich ihr geboten hat, anzunehmen. Vielleicht hätte ich Geschwister gehabt, mit denen ich groß geworden wäre. Vielleicht hätte ich dann die Zeit und Kraft gehabt mir einen Plan zu überlegen, wie es nach meinem Schulabschluss mit mir weitergehen soll. Stattdessen bin ich in einer Sackgasse angekommen ohne Perspektive auf eine Zukunft.
»Und was soll ich stattdessen tun?«, zische ich, eigentlich mehr aus Trauer als auf Wut um das Leben, das meine Mutter und ich nie hatten.
»Ich möchte, dass du nach Tokio gehst und ihn findest.«, sagt sie und schaut mich aus ernsten, dunklen Augen an.
Ich muss sie verwirrt anschauen, denn sie beginnt unaufgefordert zu ergänzen: »Nicht jetzt. Aber wenn ich nicht mehr bin. Was hält dich denn noch hier?«
Ich möchte etwas einwenden, mir fällt aber kein Argument ein. Das heißt, doch.
»Aber was ist mit Megumi?«
»Liebling, ich weiß eure Freundschaft zu schätzen, aber Megumi wird dir nicht die Miete und das Essen zahlen, wenn es mich nicht mehr gibt. Außerdem zieht er doch auch weg, wenn sein Studium beginnt, oder irre ich mich da?«
Ich seufze, denn sie hat ja recht.
»Ja, wahrscheinlich.«
Zwar hat sich Megumi auch an der örtlichen Uni beworben, aber es zieht ihn schon länger weg. Hier bleibt er nur, wenn ihn keine andere Uni annimmt.
»Vielleicht studiert er ja auch in Tokio?«, wirft meine Mutter ein.
»Kann sein.«, antworte ich schulterzuckend. Ich weiß zwar, dass er sich dort beworben hat, aber eine Antwort steht noch aus. Trotzdem ist mir nicht wohl dabei, mein gewohntes Umfeld zu verlassen. Irgendwie fühlt sich der Gedanke daran an, als wäre ich ganz allein. Dann kommt mir ein weiterer Gedanke.
»Was ist, wenn er gar nicht mehr in Tokio lebt? Wie soll ich ihn überhaupt finden?«
»Mehr, als dir seinen Namen geben, kann ich leider nicht. Der Rest liegt dann an dir.«

»Megumi, hast du kurz Zeit zum telefonieren?«, spreche ich in mein Handy, als ich wieder zu Hause bin.
»Klar.«, sagt er und ich höre ihn an einem Getränk schlürfen, »Was gibt’s?«
Ich gebe kurz wieder, was ich heute von meiner Mutter über meinen Vater erfahren habe und auch ihren Plan, dass ich nach ihrem Tod nach Tokio gehen soll.
»Warte, was?«, spricht er ins Handy und klingt dabei so fassungslos, wie ich mich seit dem Krankenhausbesuch fühle.
»Hältst du das für eine gute Idee?«, will ich wissen. Megumis Meinung ist mir wichtig. Er ist der Rationale und Ruhige von uns beiden und behält in heiklen Situationen eher den Überblick.
»Ich weiß nicht, Yuji. Was ist, wenn er inzwischen eine Familie hat und gar nichts mit dir zu tun haben will? Meinst du, du könntest das verkraften?«
»Eine Familie, hm?« Ich muss einen Moment darüber nachdenken. Wenn die Ahnung meiner Mutter stimmt, ist es eher unwahrscheinlich, dass er eigene Kinder hat. Bis auf mich, natürlich. Aber vielleicht gibt es einen Partner, der gar nicht glücklich darüber ist, wenn plötzlich das erwachsene Kind seines Liebsten vor der Tür steht.
»Und was ist, wenn er denkt, dass du es nur auf sein Geld abgesehen hast?«, redet Megumi weiter.
»Die Angst habe ich auch.«, gebe ich zu, vor allem deswegen, weil es ziemlich nah an der Wahrheit ist. Sicher reizt es mich herauszufinden, wer mein Vater wirklich ist, dennoch gilt mein erster Gedanke meinem eigenen Überleben. Ich will nicht obdachlos sein. Ich möchte studieren und etwas aus meinem Leben machen. Aber dafür brauche ich zuallererst Geld.
»Yuji, hör mal, ich wollte es dir eigentlich noch nicht sagen, aber ich habe heute die Zusage aus Tokio bekommen.«, wechselt Megumi dann das Thema, »Also falls du dich wirklich auf die Suche machen willst, bist du nicht allein dort.«
Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich glücklich oder traurig darüber sein soll. Denn natürlich bedeutet das, dass ich, sollte ich nach Tokio gehen, meinen besten Freund an meiner Seite habe. Sollte ich mich aber dagegen entscheiden, bleibe ich ganz allein zurück. Und wenn ich nicht mal mehr Megumi habe -
Ich schlucke, denn der Gedanke allein schnürt mir die Kehle zu.
»Ich komme mit.«, sage ich entschlossen.
»Ich hatte gehofft, dass du das sagst.«, antwortet Megumi und ich höre ihn durch das Telefon lächeln.
»Klang nicht so.«, sage ich und versuche dabei nicht eingeschnappt zu klingen.
»Weil ich die Entscheidung dir überlassen wollte.«, erklärt er, »Du sollst dich nicht wegen mir verpflichtet fühlen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass jemand da ist, sollte das Treffen mit deinem Vater schief gehen.«
»Danke.«, flüstere ich und werde mir wieder einmal darüber bewusst, wie froh ich bin, ihn in meinem Leben zu haben. Und auch, wie leicht ich es hätte verlieren können. Vor drei Jahren etwa, als wir beide in der Mittelschule waren und etwa zeitgleich begriffen, dass Mädchen uns nicht auf die Weise interessieren, wie es bei anderen Jungen der Fall war, dachten wir, es wäre eine gute Idee, eine Beziehung miteinander einzugehen. Schließlich kannten wir uns besser, wir verstanden uns ohne Worte und Megumi war damals schon hübsch. Doch kaum, dass wir es miteinander probiert haben, haben wir uns nur noch gestritten. Und dann dauerte es nicht lange, bis wir beide das Handtuch geworfen haben. Die ersten Monate nach der Trennung waren schmerzhaft. Ich trauerte um meine erste Beziehung, aber noch viel mehr um meinen besten Freund, den ich gleichzeitig mit der Beziehung verloren hatte. Zum Glück ging es Megumi genauso und so schafften wir es, uns mit der Zeit wieder anzunähern. Inzwischen reden wir nicht mehr über die wenigen Monate, in denen wir ein Paar waren. Sie sind irrelevant, auch, wenn er bisher der einzige Mensch ist, dem ich auf diese Weise näher gekommen bin. Denn kaum, dass wir uns versöhnt haben, wurde meine Mutter krank und danach hatte ich weiß Gott andere Sorgen, als mich um ein Liebesleben zu kümmern. Ich weiß, dass es bei Megumi anders ist. Er hatte immer wieder einmal kurze Beziehungen, aber nichts, das länger als ein halbes Jahr hielt. Für mich ist das in Ordnung. Ich bin nicht eifersüchtig, wenn er mir von seinen neuesten Eroberungen erzählt, denn ich weiß ja inzwischen selbst, dass wir bessere Freunde als Partner sind. Und dank seiner ruhigen, mysteriösen Art mangelt es ihm auch nicht an Interessenten.
»Also, da wir das jetzt geklärt haben: Wie heißt denn dein Vater eigentlich? Vielleicht kann ich schon mal recherchieren, wo er wohnt.«, schlägt Megumi vor. Ich weiß, dass er ein Ass ist, wenn es darum geht, Menschen ausfindig zu machen und hatte gehofft, dass er mir seine Hilfe anbieten würde.
Ich krame in meiner Hosentasche einen zerknickten Zettel hervor, auf den mir meine Mutter den Namen geschrieben hat. Eigentlich bräuchte ich den Zettel nicht, denn ich habe mir den Namen immer wieder eingeprägt, nachdem ich ihn das erste mal gehört habe.
»Das wäre super.«, erwidere ich dann, »Und der Name meines Vaters lautet Suguru Geto.«
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