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Who you gonna call?

von Assan
SammlungHumor / P16 / Gen
Geralt von Riva Rittersporn
23.02.2021
22.07.2021
6
17.445
3
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13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
22.07.2021 4.912
 
Wie versprochen die Fortsetzung des kleinen Viehmarkt-Abenteuers. Dieses Mal mit etwas mehr Drama als im Vorgängerkapitel ... viel Spaß!

***************

Geralt wartete geduldig auf die Rückkehr seines Freundes. Er hatte in der Menge den Anschluss nicht halten können und hoffte, dass der Barde in einem Stück zu ihm zurückkahm. Er ging davon aus. Die meisten Skelliger um Kaer Trolde kannten ihn inzwischen und wussten, dass der Barde zu ihm gehörte. Hinter ihm schwebte bereits der Aufzug, der ihn nach oben auf Kaer Trolde bringen sollte - ein wesentlich schnellerer und stressfreierer Weg als der durchs Getümmel. Genau das hatte inzwischen hoffentlich auch Rittersporn festgestellt.

Gleich würde  der Barde bestimmt kommen, da war sich Geralt sicher, in weiser Voraussicht hatte der Hexer ihm eingeschärft, sich im Falle einer Trennung in der Masse wieder mit ihm am Aufzug zu treffen. Rittersporn unterschätzte die Gerissenheit des Hexers immer wieder, doch wenn man es über so lange Zeit mit einem Barden wie diesem aushalten sollte, musste man eben geeignete Wege finden, an seinen Willen zu kommen. Ihn damals in den Bauch zu boxen hatte ja nur bedingt geholfen.

Tatsächlich löste sich aus der Menge der Leiber bald eine vertraute Figur, etwas ramponiert zwar, doch das Hütchen saß noch, seit jeher der Indikator schlechthin für den Ausmaß der Katastrophe, die Rittersporn erlitten hatte.

Geralt fielen fast die Augen heraus.

"Rittersporn, sind das etwa Hühner?", fragte er etwas dämlich und deutete auf den Käfig in der Hand des Barden.

"Nein, Geier!", fauchter dieser und stellte das Federvieh unsanft ab, dass es nur so flatterte. Schachbrett gluckste interessiert, wurde von den Artegnosssen jedoch ganz und gar nicht freundlich begrüßt. Verwirrt und ein wenig erschrocken drückte sich das schwarz-weiße Huhn in die Ecke seines eigenen Käfigs.

"Wärst du nicht plötzlich verschwunden gewesen, hättest du mich gegen diesen gruseligen Kerl verteidigen können! Stattdessen musste ich jetzt die Hühner kaufen, damit er mich nicht an sie verfüttert!" Er ärgerte sich noch ein bisschen, dann fiel sein Bick auf den Aufzug. Er musterte ihn wie einen bissigen Hund, dann sah er über die Schulter zu den Massen an Menschen. Aufzug, Menschenmassen. Geralt konnte die Bilder erahnen, die im Kopf seines Freundes herumgeisterten: ein ewiger Sturz in die Tiefe, zwei Fettflecken und ein paar Federn im Fels, oder erdrückende Mengen an Fleisch und Schweiß, zwei Fettflecken und ein paar Federn im Schlamm.

Als Rittersporn frustriert aufstöhnte, sich seine Hühner schnappte und einen wütenden Schritt Richtung Aufzug machte, musste Geralt lächeln.

"Keine Sorge, mein Freund. Der ist sicher, ich hab ihn schon öfter benutzt als ich denken kann. Da ist nie was passiert."

"Sag das mal meiner Höhenangst", erwiderte Rittersporn wenig überzeugt, stieg aber nichstdestotrotz auf die Plattform, die sanft schaukelte. Die Hühner glotzten.

"Nun komm schon endlich, Geralt, nimm das Schachbrett und bringen wir's hinter uns!"

Geralt widersprach nicht und trat auf den Aufzug. Er ruckte zweimal an dem Seil, dass durch ein paar in den Fels gehauene Ösen bis nach oben in den Turm führte. Sogleich kam die Antwort in Form zwei weiterer Rucker von oben, die Geralt mit drei mal Rucken beantwortete. Nach drei Zuckungen des Seils, wie von einem Aal, der auf Land gelaufen war, begannen die zuständigen Wachen, die Plattform nach oben zu ziehen.

"Das hätte man auch nicht unkomplizierter machen können, oder?", motzte Rittersporn. Geralt antwortete nicht. Der Barde war nur missgelaunt, weil er jetzt doch den Aufzug benutzen musste. Die Hühner glotzten.

Dennoch fühlte Geralt sich fast ein bisschen schuldig, als der Aufzug ruckelnd nach oben gezogen wurde. Der Barde klammerte sich krampfhaft an seine Laute, wie ein Soldat sich in Zeiten der Angst an seinen Schwertgriff krallte. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor.

"Rittersporn." Geralt hielt es nicht mehr aus, trat neben seinen Barden (der erschrocken quietschte, als sich der Aufzug ein wenig unter der Gewichtsverlagerung neigte) und ging neben ihm auf die Knie, die Hand auf seiner Schulter. "Rittersporn. Schau mich an."

Der Troubadour tat es, sein Blick irrlichterte zwischen Geralts goldenen Augen hin und her. Der Hexer hatte gar nicht gewusst, dass Rittersporn so eine Angst vor der Höhe hatte.

"Denkst du wirklich, ich würde dich hier rauf nehmen, wenn es nicht sicher wäre?", intonierte Geralt mit beruhigend tiefer Stimme. Rittersporn, das perfekte Abbild eines Häufchen Elends, machte schmale Augen.

"Du bringst mich an alle möglichen unsicheren Orte, Geralt", stellte er anklagend fest. "Muffige Monsternester, gefährliche Gruben, wilde Wälder, dunkle Drachenhorte, fürchterliche Friedhöfe, abartige ... Aborte ... -"

Die Kreativität versiegte. Geralt hielt sich nicht damit auf, dem Barden auseinanderzusetzen, dass er ihm gefolgt war und zwar oft genug gegen den ausdrücklichen Rat, Wunsch oder Befehl des Hexers.

"Rittersporn", sagte er stattdessen, "simulierst du etwa nur? Solange du noch so leidenschaftlich labern kannst, kann es um seine geistliche  Gesundheit ja wohl nicht so schlecht bestellt sein."

"Geralt!" Der Barde wäre beinahe aufgesprungen, ließ es aber doch. "Das sind Anzeichen von Stress, die mein grandioser Geist zu kompensieren versucht!"

Wie zur Bestätigung kreischte er laut auf, als die Hühner unvermutet in Aufruhr gerieten und laut zu gackern anfingen. Es sah fast aus, als lägen die Geierhühner im Krieg mit dem Schachbrett. Geralt schmunzelte. Sie hatten bereits über die Hälfte des Weges hinter sich und es würde leicht sein, den Barden mit kleinen Sticheleien von der Höhe abzulenken, bis sie oben waren. Was ja auch nicht mehr lange dauerte.

Wieder einmal fand Geralt die Ahnung bestätigt, dass auf jeden optimistischen Gedanken eine Katastrophe folgte, als, kaum war eben jener Gedanke zu Ende gedacht, ein Geräusch wie von einer überdimensionalen reißenden Bogensehne ertönte und der Aufzug mit einem erschütternden Rattern zum Stillstand kam. Die Hühnerkäfige hüpften ein wenig, bevor der mit Rittersporns Hühnern zur Seite kippte und immer wieder von den tobenden Tieren zum Beben gebracht wurde. Rittersporn wurde unvermittelt weiß wie eine Wand, die Laute knarzte in seinem Griff. Sogar Geralt verlor kurz die Balance, fing sich aber sogleich wieder und beugte leicht die Knie, um auf weitere Erschütterungen vorbereitet zu sein.

Kurz herrschte ohrenbetäubende Stille, die von Rittersporns erschrockenem Krietschen gebrochen wurde.

"Geraaalt!", brüllte er alarmiert und der Hexer, der gerade konzentriert nach etwaigen Gesprächsfetzen aus dem Turm über ihnen lauschte (bisher aber noch nichts gehört hatte außer sehr kreativem Fluchen in vier verschiedenen Dialekten), fauchte auf wie eine getretene Katze und hielt sich die Ohren zu. Der Barde begann zu zittern.

Immerhin, der Aufzug hing noch sicher an den restlichen vier Seilen. Scheinbar war nur das Zugseil gerissen. Geralt war dankbar für die Sicherheitsmaßnahmen der Bauherren, die auf mehrere Absicherungen bestanden hatten.

Aber erklär das mal einem verängsigten Lautenspieler, zig Manneslängen über dem Boden, untermalt von dem erschrockenen Hilferufen eines Schachbretthuhnes und den wütenden Lauten übergroßer Geierhühner.

Rittersporn atmete schnell, beinahe ein Hecheln, das auch nicht kontrollierter wurde als der Hexer neben ihm niederkniete und ihm eine Hand auf den Arm legte.

"Rittersporn. Hörst du?"

Der Blick des Barden wandte sich ihm zu, unstet und ängstlich. Eher erschrocken als ängstlich, befand Geralt, was gut war. Sogar sein eigenes Herz war etwas aus dem Takt.

"Gut. Du hyperventilierst, Rittersporn. Hier, fühl meine Hand, atme in meinem Takt." Geralt begann, in einem angemessenen Rhythmus den Arm des Barden zu drücken.

Es klappte. Rittersporn atmete zittrig, aber kontrolliert ein und aus und Geralt sah sich imstande, die Situation zu überblicken.

"Gut, hör zu. Die Halteseile sind alle noch da, nur das Zugseil ist gerissen. Aber der Aufzug ist mehrfach gesichert, wir sind also nicht in Gefahr." Rittersporn blinzelte heftig und nickte. Geralt lauschte auf den vertrauten Herzschlag des Barden, der sich inzwischen wieder etwas beruhigt hatte. Kräftig und schnell, aber nicht übermäßig. Er hatte sich nur gewaltig erschrocken.

Schließlich räusperte Rittersporn sich und warf einen Blick in die Umgebung. "Und was jetzt?"

Geralt hätte auch gern gewusst, was jetzt. "Wir warten. Wir sind zu weit unten, als dass die Wachen uns hören können, also müssen wir warten, bis sie das Problem gelöst haben."

"Zu weit unten?" Rittersporn schnaubte. "Ich wäre lieber noch viel weiter unten. Und die da auch." Er betrachtete kurz die Hühner in ihrem Käfig, die immer noch ein wenig unruhig vor sich hinglucksten. "Vögel sollten doch glücklich sein, so hoch oben."

"Fliegende Vögel, ja. Aber das sind Hühner."

Rittersporn kicherte. "Oder vielleicht doch Geier?"

Geralt, tief in die Betrachtung der Felswand und das Belauschen der Wachen versunken, lächelte schwach. Er hatte auf die Worte seines Freundes gar nicht geachtet, doch das Kichern hatte er gehört.

Die Wachen argumentierten lauthals darüber, wer schuld an dem Zwischenfall sei und wie man die beiden Fremdlinge, von denen zumindest einer hohes Ansehen genoss, heile nach oben bringen konnte. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung blieb Geralt leider verborgen, denn plötzlich ...

... zerbrach der Berg. Zumindest fühlte es sich für den Hexer mit seinen geschärften Sinnen so an, die Vibration resonierte in seinem Brustkorb, das gewaltige Donnern zwang ihn auf die Knie, wo er einige Sekunden lang verharrte und geblendet auf die Bretter starrte, die für sie beide gerade die Welt bedeuteten. Dumpf registrierte er, dass ihm ein dünner Faden Blut aus der Nase rann, und an seinem Ohr schien auch etwas nicht zu stimmen.

" ...t!"

Etwas drang zu ihm wie durch Watte, und Geralt zwang sich, zu sich zu kommen.

"Alt!" Alt? Nein, das war es nicht. Er war zwar alt, aber noch lange nicht so alt, dass er plötzlich taub war ... und was war das eigentlich für ein tierisches Gegacker im Hintergrund?

"Geralt!" Ach so, Rittersporn.

Rittersporn!

"Geralt! Geralt, hörst du mich?"

"Ja", keuchte der Hexer und richtete sich halb auf. Der Barde stand vor ihm wie ein Kind vor einem sterbenden Soldaten, hilflos und ängstlich. Geralt wischte sich mit dem Handrücken das Blut aus dem Gesicht. "Was ist passiert?"

"Was passiert ist?" Rittersporn schnaubte. "Es hat geblitzt und gedonnert, und du bist einfach umgefallen, das ist passiert. Was war denn los?"

Geralt blinzelte und schüttelte heftig den Kopf, um die Benommenheit loszuwerden. Er erholte sich rasch, sogar das Nasenbluten hatte schon aufgehört. "Verdammtes Hexergehör", knurrte er und stemmte sich hoch. Ein heftiger Windstoß riss an ihm und Rittersporn taumelte.

"Götter", stieß der Barde aus und klammerte sich an Geralt, der besorgt auf den dunklen Himmel starrte. "Götter, es hat ... geblitzt und gedonnert ... o ihr Götter, Geralt es ..."

Erneut blitzte es und Donner rollte über sie. Ein Stück entfernt regnete es bereits.

"Es gewittert", schloss Geralt und schluckte. "Ein Gewitter zieht auf."

"Götter", wiederholte Rittersporn. "Und wir sitzen hoch über der Erde und tief unter der Festung ... auf ein paar Holzdielen ... Götter ..."

Der Regen erreichte sie mit Macht, durchweichte sie binnen Sekunden. Ein weiterer Windstoß, heftiger als der erste, brachte den Aufzug zum Schaukeln. Die Hühner gackerten, patschnass und in Todesangst, nun Geiern ähnlicher denn je mit dem zerzausten Gefieder. Rittersporn schrie. Geralt auch.

"Runter! Hinsetzen! Such dir Halt!" Sein Freund tat wie geheißen, hockte sich hin und suchte sich Halt. An Geralt.

Der Hexer spürte seine Haut von der Elektrizität prickeln, die feinen Härchen auf seinen bloßen Armen und seinem Nacken stellten sich auf. Der Regen wusch über ihn, perlte an der gut gearbeiteten Rüstung ab und durchnässte das Holz unter ihnen. Hoffentlich hatte jemand daran gedacht, das Holz zu imprägnieren. Rasch wirkte er Quen, warf die schützende Kuppel über sie beide. Es half nicht gegen den Regen, und würde sie bei einem Sturz auch nicht retten können, aber sollte ein Blitz in der Nähe einschlagen, würden sie zumindest eine Chance haben, zu überleben.

Der Barde indes krallte sich mit einer Hand an Geralts Unterarm, mit der anderen an seine Laute, als sei diese im Falle eines Sturzes irgendwie vonnützen. Immerhin dachte er daran, sie so zu halten, dass das Wasser sich nicht im Inneren des Instrumentes sammelte.

Der Wind wurde stärker. Die Hühner versuchten verzweifelt, aus ihrem Käfig auszubrechen, in Angst versetzt durch das Gewitter. Geralt dachte unwillkürlich an Plötze, die irgendwo dort unten in einem Stall stand. Er hatte sie noch nicht lang, und sie fürchtete sich immer noch bei Gewittern. Normalerweise hätte er bereits alles stehen und liegen gelassen, um bei ihr im Stall zu sein und sie zu beruhigen - mit Axii und seiner Anwesenheit. Seltsamerweise war der Gedanke an seine verängstigte Stute, die im Stall tobte und nach ihrem Reiter flehte, sogar jetzt in akuter Lebensgefahr noch fähig, ihm das Herz zu brechen.

Rittersporn riss ihn aus den Sorgen. "Geralt!", brüllte er und schüttelte den gepackten Arm mit mehr Kraft, als man ihm zugetraut hätte. Der teure Stoff seines Hemdes schien das Wasser förmlich aufzusaugen, die Feder am Hütchen hing schlaff herab und er sah ein wenig aus wie der sprichwörtliche begossene Pudel. "Geralt, was machen wir denn jetzt?"

"Nichts!", schrie Geralt zurück.

"Nichts?"

"Nichts!"

"Nichts?!"

"Ja, Rittersporn! Was willst du tun?"

"Ich ... du bist doch Hexer!"

"Ja, und? Ich kann höchstens die Hühner beruhigen, damit sie nicht mehr so flattern!"

"Aber ... aber ..."

"Kopf unten halten, Rittersporn! Wir können hier nicht weg!"

Der Barde schrie frustriert auf und Geralt wusste, wie er sich fühlte. Sie waren zum Nichtsstun verdammt. Gefangen auf einer schaukelnden Plattform, mitten in einem Gewittersturm, der immer stärker wurde.

Der Wind fegte über die flache Plattform hinweg, zerrte an ihnen und an den Seilen, schaukelte sie immer weiter hoch, der Regen peitschte sie so heftig, dass ab und an das Quen einsetzte und sie vor den schmerzhaften Nadelstichen schützte. Geralt packte mit seinem freien Arm eines der Halteseile und hoffte inständig, dass nicht genau in dieses Seil der Blitz einschlagen würde. Rittersporn winselte. Er sah seekrank aus. Der Aufzug kippte immer wieder bedrohlich, bot ihnen einen Ausblick auf das, was sie erwartete, sollten sie sich nicht halten können.

Schließlich geriet der Aufzug derart in Schieflage, dass die Hühnerkäfige unter dem markerschütternden Geschrei der Tiere an ihnen vorbei in die Tiefe rutschten. Der Käfig mit dem Schachbretthuhn rutschte gegen Rittersporns Fuß und der Griff blieb an ihm hängen. Die anderen hatten nicht so viel Glück. Der Käfig rutschte unhaltbar an ihnen vorbei und über die Kante. Die Tiere schrien herzzerreißend, auch dann noch, als der Käfig gegen einen hervor ragenden Felsen prallte, die Käfigtür aufsprang und die panischen Hühner ins tiefe Nichts entleerte wie einen Müllsack. Rittersporn wandte den Blick ab und sogar Geralt, den noch nie jemand einer empfindlichen Natur bezichtigt hatte, sah lieber nicht hin.

Er war ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, sie beide am Leben zu halten und griff noch fester um das Seil, doch sie selbst hatten noch genug Haftung, dass sie nur ein paar Handbreit rutschten. Der Abgrund, der sich unter ihnen inszenierte war in negativem Sinne atemberaubend.

Rittersporn verlor die Nerven, klammerte sich so fest an Geralt, dass seine Nägel fast dessen Haut aufrissen, und begann steinerweichend zu schluchzen. Geralt zog den Barden näher an sich, unfähig, seinem Freund anders zu helfen. Das Gewitter war zu laut, der Regen prasselte zu aggressiv und der Wind heulte zu erbarmungslos für beruhigende Worte, er konnte den Arm nicht um ihn legen, weil Rittersporn sich daran klammerte, und in Ermangelung einer freien Hand konnte er nicht einmal Axii wirken, so sehr es ihm normalerweise auch widerstrebte, das Zeichen bei seinem Freund anzuwenden.

Also versuchte er, mehr Ruhe auszustrahlen, als er selbst empfand, die eine Hand krampfhaft um das Seil geschlossen, die andere fest im Griff seines Gefährten, und begann, leise in den Regen zu reden. Er wusste, dass der Barde ihn nicht hören konnte, doch wenigstens spürte er die Vibrationen der bassigen Hexerstimme. Geralt wusste, dass Plötze sich wohler fühlte, wenn er während eines Gewitters mit ihr sprach. Er hoffte, dass Rittersporn ebenfalls Trost darin finden würde, nicht allein zu sein.

Mehrere Minuten gingen dahin, die sich wie Jahre anfühlten. Immer wieder schwankte der Aufzug bedrohlich, und immer wider beruhigte er sich wieder. Sie waren klatschnass.

Und dann fetzte ein Blitz in die Steilwand über ihnen und sprengte einen großen Felsen weg. Geralts lauter Fluch wurde von einsetzenden Donner verschluckt. Der Hexer warf sich gegen das Halteseil und klammerte sich mit aller Kraft daran. Der Fels stürzte hinunter, über einen Überhang, und krachte auf eine Seite des Aufzugs.

Das war zu viel für die Seile. Die beiden auf der Seite des Einschlags rissen spektakulär, peitschten durch die Luft, eines davon traf Geralts Quen. Der Schutzschild barst, magische Scherben regneten um sie herum wie Schnee in einer Schneekugel bevor sie sich in Energie auflösten. Die Plattform kippte, nun nur noch an den beiden anderen Seilen gehalten, und fiel unter ihnen weg.

Im letzten Moment reagierte Geralt, riss sich von dem schreienden Barden los, um ihn um die Hüfte herum zu packen und sie beide in Richtung der Felswand zu werfen, ihrer einzigen Hoffnung.

Der Aufprall war hart und zu spät wurde Geralt klar, dass er den Impuls nicht würde halten können. Der Hexer knallte schmerzhaft gegen den rauen Fels, nun nichts mehr zwischen sich und dem gähnenden Abgrund, und grub instinktiv die Finger in die Ritzen. Rittersporn, durch den nassen Stoff glitschig wie ein Aal, rutschte ihm mit einem Ruck durch den krampfhaften Griff, und stürzte schreiend hinunter, dem vom Fuß gerutschten Hühnerkäfig hinterher.

"Rittersporn", brüllte Geralt entsetzt, sein Herz pochte schmerzhaft nach den panischen Schreien seines Freundes. Hilflos sah er mit an, wie der Barde gegen den Fels schlug.

Viel wurde schon über Rittersporn gesagt, und mehr als einmal, dass er mehr Glück als Verstand hatte. Das wurde just bewiesen, denn der Hühnerkäfig, in ihm immer noch das wild flatternde Schachbretthuhn, blieb durch eine unmögliche Fügung des Schicksals in einer Felsspalte hängen und verkeilte sich dort. Rittersporn prallte nach seinem kurzen Sturz, der für alle Beteiligten wie eine Ewigkeit wirkte, unmittelbar über dem Käfig in den Fels und krallte sich reflexartig daran fest. Das Huhn schrie, geradezu empört, doch der Käfig hielt.

Geralt begann, langsam nach unten zu klettern, doch der Stein war nass und an einigen Stellen hatten sich bereits kleine Miniaturwasserfälle gebildet, die klar und eiskalt seinen Weg kreuzten. Die wenigen Meter zu Rittersporn, der verzweifelt keuchend an seinem Rettungsanker hing, wurden zu einer Odysee. Der schneidende Wind fuhr ihm in die Knochen, doch er beschwor all seine Kraft und körperlichen Fähigkeiten, den Durchhaltewillen und den Beschützerinstinkt, und erreichte schließlich den Barden.

Jener hatte schon fast aufgegeben, sich mit dem Ende abgefunden und wollte gerade den schmerzenden Fingern das letzte bisschen Frieden gewähren und loslassen, als ihn eine vertraute Hand am Handgelenk packte und festhielt.

"Rittersporn!", bellte der Hexer über den Sturm, der langsam nachzulassen schien. Der Barde hob wie betäubt den Kopf und erblickte den durchnässten Geralt über sich im Fels, die Füße in den Stein gestemmt. Der Wind ließ nach, doch er war noch immer stark genug, um mit den nassen Haaren des Hexers zu spielen, sodass sie ihm immer wieder ins Gesicht fielen.

Geralt war kräftig und ausdauernd, doch selbst er konnte nicht sich selbst und den Barden bis nach oben bringen, nicht in einer derart steilen und rutschigen Felswand. Auch warten konnte er nicht, ewig würde er das Gewicht des halb bewusstlosen Barden nicht halten können. Er brauchte einen Absatz im Fels. Nur war keiner zu sehen.

Rittersporns Worte kamen ihm in den Sinn. "Du bist doch Hexer", murmelte er leise, verlagerte seine Position im Fels ein wenig und sah sich um. "Komm schon. Was hat man dir in Kaer Morhen beigebracht?"

Kämpfen. Monsterkunde.

Töten. Beschützen.

Magie spüren. Zeichen wirken.

Zeichen wirken.

Zeichen.

Igni. Aard. Axii. Yrden. Quen.

Nutzlos. Alle nutzlos. Quen konnte nicht alles abfangen. Er könnte Rittersporn höchstens mit Axii benommen machen, damit er gelassener starb. Doch der Barde war ohnehin immer noch besinnungslo -

Geralt stockte. Aard.

"Ich muss wahnsinnig sein", murmelte er, doch der Plan war der einzige den er hatte und sein Arm würde nicht mehr lange halten. Rittersporn regte sich.

Ausgerechnet jetzt wachte er auf.

Mit einem kräftigen Ruck warf der Hexer seinen Freund zu sich hoch, sodass er ihn wieder um die Taille packen konnte. Der Barde murmelte benommen.

Und dann ließ Geralt den Fels los.

Sie fielen wie ein Stein, oder eher wie zwei Steine, die aneinandergeklebt waren. Geralt verschränkte die Finger seiner freien Hand zu Aard und stieß das Zeichen mit aller Kraft gegen die Stelle im Fels, die er sich zuvor gwählt hatte. Der Energiestoß fegte in den Felsspalt, erweiterte ihn, die Energie suchte sich ihren Weg und sprengte wie der Blitz zuvor einen Teil davon ab. Was entstand, war eine kleine Freifläche, auf der Geralt mit seiner Last landete wie ein Puma. Der selbstgemachte Absatz war nicht groß, doch er war breit genug, dass sie nebeinander kauern konnten.

Geralt konnte noch kaum fassen, dass sie nach dem wahnwitzigen Plan überhaupt noch lebten, als etwas über ihnen rasselte und klapperte. Der befürchtete Steinschlag blieb jedoch aus. Stattdessen fiel der Käfig mitsamt Schachbretthuhn, durch das Beben im Stein gelöst, eine Armeslänge von ihm entfernt herunter, und der Hexer griff instinktiv danach und rettete das glucksende Huhn. Er stellte den Käfig neben Rittersporn, der gerade dabei war, zu sich zu kommen und unkontrolliert zu zittern.

Zumindest schien er nicht verletzt zu sein, von den Schürwunden an den Händen mal abgesehen. Geralt wusste nicht, wie viele Schutzengel der Barde heute Überstunden hatte machen lassen, aber er war dankbar für jeden einzelnen.

Der Hexer hockte sich neben ihn, und spürte das Adrenalin durch seine Adern rauschen. Das war viel zu knapp gewesen. Er lehnte den Kopf gegen den Fels und erlaubte sich kurz, den etwas sanfter gewordenen Regen zu genießen. Sie lebten noch. Sie beide lebten noch, und das zählte. Nur das.

***************

Keine halbe Stunde später saßen die beiden heldenhaften Hühnerkäufer sicher und warm in der Festung, in dicke Decken gewickelt und mit heißem Tee versorgt. Die Wachen auf dem Turm hatten eine kleine Angstattacke erlitten, als sie den halb abgerissenen Aufzug gesehen hatten, doch nachdem sie die beiden Gestalten mit dem kleinen Käfig (aus dem es hin und wieder müde giggelte) auf dem neu entstandenen Felsvorsprung entdeckten, besorgten sie die längste Strickleiter, die sie finden konnten. Geralt hatte Sorge, dass der angeschlagene Rittersporn den langen Weg nicht schaffen würde, doch irgendwie schaffte er es. Es wäre ein schrecklich dröges Ende für ein Abenteuer wie dieses, wenn er jetzt noch von der Leiter stürzen würde.

Inzwischen leuchteten die Augen des Barden schon wieder, und er hatte bereits einige Verszeilen gedichtet. Die Laute trocknete noch, doch Rittersporn war zuversichtlich, dass sie wieder "gesund" würde.

Und auch das Huhn hatte die Strapazen einigermaßen heil überstanden und war, nachdem es sich müde und widerstandslos von einer Magd trocknen ließ, zur Feier des Tages heute schon an Minnie übergeben worden. Die Rettungsaktion hatte sich vor der neugierigen Ziehtochter von Cerys nicht verbergen lassen, und so saß das Mädchen nun glücklich mit seinem neuen Gefährten in einer gemütlichen Ecke und streichelte ohne Unterlass das Huhn. Jenes war noch viel zu müde und verwirrt, um sich darüber zu wundern oder dagegen zu wehren.

Rittersporn zog sich die Decke enger um die Schultern und schauderte wohlig. Das Hütchen, seit jeher der Indikatior schlechthin für den Ausmaß der Katastrophe, die Rittersporn erlitten hatte, trug er immer noch.
***************

"Und ihr wollt wirklich schon gehen?", fragte Cerys zum dritten Mal. Geralt nickte bestimmt.

"Wir haben noch zu tun. Und wir haben deine Gastfreundschaft schon genug strapaziert."

Cerys lächelte. "Die nicht, aber den Aufzug habt ihr ganz schön strapaziert."

Rittersporn wurde prompt ein wenig blass um die Nase. "Erinner mich bloß nicht daran", grummelte er. Er war nicht etwa traumatisiert von den nunmehr zwei Tage zurückliegenden Ereignissen. Vielmehr war er verärgert, weil er Geralts Rettungsaktion nicht bei Bewusstsein hatte erleben können und daher keine Inspiration aus erster Hand für seine neue Ballade vom Hexer und dem Huhn hatte. Besagter Hexer war darüber sehr froh. Rittersporn würde schon etwas Irres einfallen, ohne dass man ihn mit wahren irrwitzigen Aktionen versorgte.

"Und gefällt Minnie ihr Geschenk?", fragte Geralt noch nach und rückte den Schwertgurt zurecht.

"Oh ja, sie liebt es. Das arme Tier ist die Hälfte der Zeit auf der Flucht, aber wir passen auf, dass sie ihm nicht aus Versehen etwas antut."

Ein Wachmann trat zu ihnen und überbrachte leise eine Botschaft an die Jarl. Diese hörte zu, nickte nachdenklich und wisperte eine Antwort. Die Wache verschwand wieder und Cerys richtete sich auf.

"Ich muss euch leider allein lassen."

"Sicher. Pass auf dich auf, Hochwohlgeborenheit", sagte Geralt und grinste breit, als Cerys ihm in halb gespielter Entrüstung auf die Schulter schlug.

"Ihr auch. Und grüß Yen von mir."

Kurz blickte Geralt ihr noch nach, dann wandte er sich an Rittersporn, der sich die kecke Mütze zurecht rückte.

"Gehen wir?", fragte er und Rittersporn nickte.

Sie waren schon auf dem Weg nach draußen, als Rittersporn plötzlich ein Grinsen ins Gesicht rutschte.

"Was ist?", wollte Geralt wissen und der Barde kicherte.

"Alles wegen eines Huhnes", schmunzelte Rittersporn und schüttelte den Kopf. "Wegen eines Huhnes!"

Auch Geralt grinste nun. "Das Schachbretthuhn. Das vergesse ich nicht so schnell. Vielleicht nennt sie es ja sogar so."

"Nah." Rittersporn winkte ab. "Ich habe dem Huhn schon einen Namen gegeben, bevor sie es bekommen hat. Minnie mochte ihn, ich glaube, sie hat ihn behalten."

"Ja? Welchen denn? Doch nichts Unanständiges?"

"Geralt! Ich doch nicht!", entrüstete sich Rittersporn. Geralt grinste vielsagend und sagte nichts.

Sie kamen an jenem Balkon vorbei, auf dem Cerys ihnen vor ein paar Tagen den ungewöhnlichen Auftrag gestellt hatte. Beide Männer blieben wie angewurzelt stehen.

Auf der Brüstung hockten zwei junge, aber doch schon recht große Vögel, unverkennbar jene Tiere, die Rittersporn auf dem Markt beleidigt und dann aus Angst erstanden hatte.

Kurz sagte niemand etwas. Ein Wachmann kam vorbei, folgte den Blicken der beiden Besucher und fluchte saftig. "Immer diese verdammten Geier!", fauchte er und scheuchte die Tiere davon, unbeeindruckt von Rittersporns plötzlichem Hustenanfall. "Seit zwei Tagen fliegen die hier rum und scheißen alles voll! Würd' nur gern wissen, wo die herkommen, damit ich dem Idioten der sie freigelassen hat eine runterhauen kann!"

Rittersporn wurde recht klein unter seinem Hut. Still sah er der davonstapfenden Wache nach.

Geralt räusperte sich. "Nun, das war eine Überraschung."

"Hm." Ausnahmsweise antwortete Rittersporn nur einsilbig. Geralt fiel etwas ein.

"Du, Rittersporn?"

"Hm?"

"Wie viel hat dir der Kerl denn für seine 'Hühner' abgenommen?"

"Ääh ... alles was ich dabei hatte, warum?"

"Nun, vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber er hat dir zwei Geier angedreht."

"Hm."

Kurz schwiegen sie wieder. Geralts Blut begann, unheilvoll in seinen Ohren zu rauschen.

"Du, Rittersporn?"

"Hm?"

"Kann es sein, dass das Geld, dass du 'dabei' hattest gar nicht deines war?"

"Hm?"

Geralt drehte sich langsam zu ihm. "Kann es sein", fuhr er fort, "dass du für diese jungen, absolut nutzlosen Geier jenes Geld ausgabst, dass ich tags zuvor verdiente, indem ich eine ganze Schar Harpyien ausgelöscht habe?"

"..." Der Barde sagte nichts mehr. Dem war in der Tat so, aber im Eifer des Gefechts hatte er nicht mehr daran gedacht. Er versuchte sich an einem unschuldigen Lächeln.

Geralt knurrte tief, wandte sich jedoch wieder ab. Er wollte sich jetzt nicht streiten, sie hatten beide viel durchgemacht. Und Harpyien gab es schließlich genug, dann würde er eben ein anderes Nest ausräumen.

So hätte es enden können, wäre ihnen nicht auf dem Weg nach draußen das Schachbretthuhn entgegengekommen, während Geralt noch grübelte, wie es wohl heißen mochte - und wäre nicht just in jenem Augenblick Minnie hinter dem Huhn hergejagt, die Hände in kindlicher Fürsorge nach dem fliehenden Tier ausgestreckt und hätte laut gerufen:

"Geralt! Geralt, komm her! Geralt, komm her, ich hab lecker Fresschen!"

Geralt - der Hexer, nicht das Huhn - blieb erneut wie angewurzelt stehen und sah Rittersporn mit tödlicher Kälte in den Augen an. "Du hast das Huhn nach mir benannt?"

"Ja!", Die Augen des Barden leuchteten hell, die Schelte wegen der Geier bereits vergessen. "Weil es mir das Leben gerettet hat, wie du so oft! Ist das nicht ungemein selbstlos und aufmerksam von mir?"

"Dass du nicht einen der beiden Geier, die du von meinem Lohn gekauft hast, nach mir benannt hast? Oder dass bald halb Skellige meinen Namen mit einem Huhn verbinden wird statt mit einem Wolf?"

"Geralt! Mit einem Lebensretter!"

Geralt knurrte erneut tief. "Barde. Komm her."

Rittersporn witterte die Gefahr verspätet. "Oooh nein, Geralt, nochmal kriegst du mich nicht damit dran! Komm her, sagst du und dann schlägst du zu! Ehrlich, Geralt, du bist inzwischen berechenbar ge - urrghhl."

Ein Hexer kann sich verdammt schnell bewegen, wenn er will.

Und so verlor Rittersporn doch noch das Hütchen, seit jeher der Indikatior schlechthin für den Ausmaß der Katastrophe, die Rittersporn erlitten hatte.
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