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LEGACY - Ice & Caretaker (Devil's of Mayhem MC 1)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
23.02.2021
08.08.2021
68
249.764
28
Alle Kapitel
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29.06.2021 4.393
 
~ Caretaker ~


Der nächste Morgen begann entspannt. Zumindest von außen betrachtet. Doch unter der Oberfläche schien es förmlich zu brodeln. Keiner von uns sprach darüber was das zwischen uns genau war, wie es weitergehen sollte. Ich hatte keine Ahnung wie Ice die Sache sah und meine Ansicht... da war ich mir selbst auch noch nicht so sicher. Einerseits wollte ich sie behalten. Alleine der Gedanke sie könnte sich einem anderen Mann hingeben, brachte mein Blut zum Kochen und eine unterschwellige Aggression schlich sich nach draußen. Andererseits wusste ich, dass das Leben das ich führte, alles andere als ungefährlich war. Jeder Tag könnte mein letzter sein und auch für Ice wäre es nicht ungefährlich bei mir zu bleiben. Wollte ich ihr das wirklich zumuten? Konnte ich ihr das zumuten?
Andererseits sprachen wir hier von Ice. Sie war die Nichte unseres Präsidenten. Auch wenn ich mich von ihr distanzieren würde, würde Lord es nicht tun. Und seine Söhne erst recht nicht. Sie würde also trotzdem in der Nähe des Clubs bleiben. Zum anderen waren da ja auch noch ihre eigenen Probleme. Solange die Loan Crew noch unbehelligt da draußen herumspazierte, würde ihr Leben wohl nie wirklich sicher sein. Wahrscheinlich sollte ich ihr die Entscheidung überlassen, ob sie an meiner Seite bleiben wollte oder nicht. Doch wollte ich das Risiko eingehen? Das Risiko, das sie nicht bleiben wollte?
Doch könnte ich sie überhaupt dazu zwingen? Ice war eine sehr selbstständige junge Frau. Würde ich sie vor vollendete Tatsachen stellen, würde sie vermutlich direkt dichtmachen…
Würde, könnte, sollte…
Fuck, was war das auch alles ätzend…

Ice war sehr still an diesem Morgen, aber sonst schien es ihr gut zu gehen. Körperlich hatte sie eigentlich keine Schäden davongetragen. Klar, sie hatte Gewicht verloren, aber das hatte sie vor ihrer Entführung auch schon. Im Stillen fragte ich mich weshalb, Ice aß eigentlich gern und für eine so kleine Frau recht viel, doch ich fragte sie nicht danach. Vielleicht würde sie es mir erzählen. Vielleicht würde ich sie irgendwann auch danach fragen aber nicht in diesem Moment.
Um ihre geistige Gesundheit machte ich mir schon mehr Sorgen. Sie wollte im Moment nicht über das Erlebte sprechen. Außer dem was sie gestern in der Church gesagt hatte. Mir war bewusst, dass es wohl besser wäre darüber zu sprechen, aber auch damit ließ ich sie zunächst einmal in Ruhe.
Gemeinsam hatten wir geduscht und anschließend Gefrühstückt. Bald musste ich los zum Clubhaus – die Befragung unseres Gefangenen stand an – doch noch wusste ich nicht so recht wohin mit Ice.
„Möchtest du mit zum Clubhaus oder willst du lieber hierbleiben?“ fragte ich sie daher. Diese Entscheidung überließ ich ihr ganz einfach. „Wenn du hierbleiben möchtest rufe ich Cash an ob er vorbeikommen kann.“ „Ich weiß nicht“ antwortete sie leise „Aber ich glaube ich fahre mit... dann kann ich noch kurz mit Lord sprechen und vielleicht... vielleicht tut ein Tapetenwechsel auch zwischendurch ganz gut.“ Sie versuchte es mit einem zuversichtlichen Lächeln, scheiterte dabei jedoch auf ganzer Linie. Ich ließ es unkommentiert. Zu gerne hätte ich gewusst was in ihrem Kopf vor sich ging, doch ich bedrängte sie nicht. Sie würde sich öffnen, wenn die Zeit dafür gekommen war. „Kein Problem. Ich muss in einer halben Stunde los, okay?“ „Sicher.“

Damit erhob sie sich und verschwand ohne ein weiteres Wort nach oben. Seufzend stand ich ebenfalls auf und beseitigte die Spuren unseres Frühstücks. Währenddessen schrieb ich eine Nachricht an Cash ob er im Clubhaus war oder kommen könnte um Ice etwas Gesellschaft zu leisten. Inzwischen war Montag und ich hatte keine Ahnung ob mein Kumpel irgendwelche Aufträge zu erfüllen hatte, immerhin war der eigentlich für heute Vormittag angesetzte Gottesdienst auf den Abend verschoben worden. Doch zu meiner Erleichterung sagte er keine zwei Minuten später zu, er war sowieso schon dort.

Die halbe Stunde war fast vergangen als Ice endlich wieder nach unten kam. Sie hatte sich umgezogen. Vorher steckte ihr schlanker Körper noch in einer Jogginghose und einem meiner T-Shirts, nun trug sie eine Jeans, die vermutlich schon mal enger an ihren Beinen gesessen hatte, und ein dunkelrotes Tanktop. „Ich wäre soweit“ sagte sie vorsichtig, als müsste sie sich vor meiner Reaktion fürchten. „Gut. Dann lass uns aufbrechen“ erwiderte ich gelassen und trat zu ihr in den Flur. Dort zogen wir uns unsere Schuhe und Jacken an, schnappten uns die Helme und gingen in die Garage. Noch immer war Anblick von Ice‘ fehlender Slim merkwürdig für mich. Nun stand das Bike wieder bei Fever, wo ich es vor nicht einmal zwei Monaten erst abgeholt hatte.
Schweigend zog ich mein Bandana über Mund und Nase und setzte den Helm auf. Während ich auf mein Bike stieg und den Seitenständer hochklappte, beobachtete ich Ice aus dem Augenwinkel. Ihre Bewegungen wirkten irgendwie träge. Schlapp. Energielos. Ich wusste nicht was ich dagegen tun sollte. Was ich machen konnte, damit es ihr besser ging. Und das machte mich wahnsinnig. Per Fernbedienung öffnete ich das Garagentor während Ice hinter mir aufstieg. Laut erwachte der Motor unter uns zum Leben und wir machten uns auf den Weg zum Clubhaus.

Dort angekommen herrschte ein überschaubarer Betrieb. Es war Montagvormittag, kein Wunder also immerhin hatten die meisten einen Job. Ich parkte mein Bike, wir stiegen ab und betraten gemeinsam das Clubhaus. Lord, Shadow und Cash standen an der Bar. Alle drei sahen in unsere Richtung als wir eintraten und alle drei wirkten irgendwie erleichtert. Ich machte mir keine Hoffnungen, dass das meinetwegen so war.
Ich hörte wie Ice leise seufzte und ich sah fragend zu ihr hinab. „Alles okay?“ wollte ich leise wissen woraufhin sie kurz die Schultern hochzog. „Keine Ahnung“ antwortete sie knapp und setzte sich wieder in Bewegung. Gemächlich folgte ich ihr und beobachtete wie sie von ihrem Onkel mit einer Umarmung begrüßt wurde. Er flüsterte ihr irgendetwas ins Ohr woraufhin sie nickte, doch ich konnte nichts davon verstehen.
„Hast du was von Loreena gehört?“ wollte ich von Shadow wissen, der zu meinem Erstaunen tatsächlich nickte. „Nicht von ihr, denn sie ist gestern Abend wieder gefahren, aber der Doc hat sich gemeldet – die Kleine ist aufgewacht.“ „Gott sei Dank“ kam es leise von Ice, die sich wieder von ihrem Onkel gelöst hatte und nun zwischen diesem und Cash stand. Irgendwie gefiel mir das nicht, doch ich riss mich zusammen nicht so zu gucken als wollte ich jemanden erschießen. „Noch will er sie aber nicht gehenlassen“ sprach Shadow weiter ohne auf die Aussage seiner Cousine zu reagieren „Er will sie sich noch einmal genau ansehen, aber solange stehen weiterhin zwei Wachposten vor dem Haus. Derzeit hat er wohl noch einige Termine, aber er sollte heute noch dazu kommen. Sobald der Doc sein Okay gibt werden wir sie herholen.“ „Verstehe“ murmelte ich nickend „Wie sieht der Plan mit bezüglich unseres zweiten Gastes aus?“
Fragend sah ich zu Lord der daraufhin anfing zu grinsen. „Den überlasse ich ganz dir, Enforcer.“ Okay, das war wohl definitiv Vertrauensbeweis genug. Wenn man bedachte, dass ich kurzzeitig angenommen hatte aus dem Club geworfen zu werden. „Du kannst dir aber noch jemanden suchen der dich begleitet, Care“ sprach er weiter und ich nickte verstehend „Deine Entscheidung.“ Damit drehte er sich um und verschwand im hinteren Bereich des Clubhauses.
Abwartend sah ich daraufhin zu Shadow, der jedoch zunächst nur eine Augenbraue nach oben zog. „Hast du Lust?“ fragte ich mit mäßiger Motivation. „Auf dich?“ fragte er mit gespielter Empörung „Tut mir leid Caretaker, aber du bist absolut nicht mein Typ.“ „Arschloch“ brummte ich, konnte mir ein Grinsen aber nicht verkneifen „Du weißt genau was ich meine du Penner.“
„Jetzt wird doch nicht gleich beleidigend. Ich bin eine arme geschundene Seele.“ „Du auch noch“ prustete Cash amüsiert und auch auf Ice‘ Gesicht war ein kleines Grinsen zu sehen, welches sie jedoch zu unterdrücken versuchte. Schön das wir etwas zu ihrer Belustigung beitragen konnten. „Wo ist dein nutzloser Bruder überhaupt?“ wollte ich wissen und lenkte somit ziemlich abrupt vom Thema ab. Unser Gast konnte noch warten, wir hatten schließlich keinen Termin mit ihm ausgemacht. Und selbst wenn, hatte er in seiner Zelle sowieso keine Uhr. „Shade ist auf der Suche“ antwortete Shadow wage, dabei noch immer grinsend. „Wonach? Nach seinem Verstand?“ fragte Cash woraufhin unser Sergeant kurz auflachte. „Das sollte er besser tun. Aber nein, mein Bruder sucht nach seiner Quelle.“
„Nach seiner Quelle?“ kam es irritiert von Ice, die vermutlich gerade nur Bahnhof verstand. Mir jedoch ging mit diesen Worten ein Licht auf und auch Cash schien zu verstehen. „Shade sucht nach der Frau, die ihm deinen Aufenthaltsort verraten konnte“ erklärte ich, doch Ice wirkte dadurch nur noch irritierter. „Das hat er von einer Frau? Von was für einer Frau denn? Gehört sie zur Loan Crew?“ „Wenn wir das wüssten“ erwiderte Shadow schulterzuckend „Er hält sich da recht bedeckt. Meinte aber sie würde nicht von hier kommen. Somit ist eine Verbindung zur Loan Crew eher unwahrscheinlich. Außerdem wussten sie ja nichts von unserem Kommen, sonst wäre es nicht so einfach gewesen.“ „Aber wie will er sie denn finden, wenn sie nicht von hier ist?“ „Das, kleine Prinzessin, frage ich mich auch. Aber mein kleiner dämlicher Bruder ist da ziemlich entschlossen und ich werde mich nicht zwischen ihn und dieses Vorhaben stellen.“

Einige Minuten später machten Shadow und ich uns auf den Weg in den Keller. „Ist unser Gast noch in seiner Zelle?“ wollte ich von ihm wissen, woraufhin er den Kopf schüttelte. „Lord hat bereits veranlasst, dass er in den Verhörraum gebracht wird.“ Unser Verhörraum war ein komplett mit Fliesen ausgelegter Raum, mit einem Abfluss in der Mitte und einem direkt darüber im Boden verankerten Stuhl. Klingt ziemlich gemütlich oder?
Ich nickte verstehend und steuerte stumm auf den Raum zu. Als ich die Tür öffnete ruckte der Kopf unseres Gastes nach oben. Seine blonden Haare hingen ihm verschwitzt in der Stirn, doch seine blauen Augen wirkten erstaunlich ruhig. Angesichts der Situation in der er steckte. Seine Arme waren auf dem Rücken gefesselt und seine Fußgelenke waren an den Stuhlbeinen fest gekettet worden. Er wirkte etwas mitgenommen, hatte ein blaues Auge, eine aufgeplatzte Unterlippe und seine Klamotten waren dreckig und mit Blut beschmiert. Doch im großen und ganzen hatte ich ihn in einem schlechteren Zustand erwartet.
Shadow betrat nach mir den Raum, verschloss die Tür und lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen. Schweigend umrundete ich den jungen Mann. Wie alt mochte er sein? Anfang zwanzig würde ich sagen. Aus der Nähe konnte ich sehen, dass er zitterte. Ob vor Kälte oder Angst war mir in diesem Moment jedoch noch nicht klar. Vielleicht war es auch beides. Ich blieb schließlich direkt vor ihm stehen und sah mit versteinerter Miene zu ihm hinab. Er erwiderte meinen Blick sichtbar unsicher, doch er sah nicht weg.
„Wie heißt du?“ fragte ich und er zuckte tatsächlich erschrocken zusammen. Memme... „Liam“ antwortete er nach kurzem Zögern leise. „Und weiter?“ „Walker.“ „Wirst du kooperieren... Liam Walker? Sonst könnte es etwas ungemütlich für dich werden“ wollte ich mit gelangweilter Stimme wissen. Sonst machte es mir beinahe schon... Spaß Leute zu verhören, doch im Moment wollte ich viel lieber zu meiner Eisprinzessin zurück. Verrückt oder?
„Es kommt darauf an“ erwiderte er leise, woraufhin ich spöttisch eine Augenbraue nach oben zog. „Hast du das gehört, Shadow?“ meinte ich belustigt „Unser Gast stellt Forderungen.“ „Keine Forderungen“ sagte Liam leise und schüttelte dabei langsam den Kopf. Meine Augen verengten sich zu Schlitzen und ich sah ihn abschätzend an. „Sondern?“ „Was ist mit meiner Schwester?“ wollte er wissen. Kurz wusste ich nicht worauf er hinauswollte, doch dann fielen mir Lords Worte vom Vortag wieder ein. Er hatte ja bereits den Verdacht geäußert, dass dieser Mann hier... Liam, Savannahs Bruder sein könnte.
„Meinst du Savannah?“ fragte ich ruhig, woraufhin seine Augen sich leicht weiteten. Volltreffer. „Was ist mit ihr?“ fragte er keuchend und versuchte dabei seine Schultern zu bewegen. Langsam aber sicher wurde diese Haltung sicherlich ziemlich ungemütlich. „Wie geht es ihr?“ „Sie lebt“ antwortete ich wage woraufhin er mich geschockt ansah. „Wir haben ihr nichts getan, falls du das gerade denkst.“ „Nein... das... habe ich auch nicht vermutet.“ Er schüttelte wieder den Kopf und auf seinem Gesicht machte sich ein geschlagener Ausdruck breit. Fragend drehte ich mich zu Shadow, der ebenso irritiert wirkte wie ich. Irgendwie hatte ich mit etwas mehr Aufstand gerechnet. Allerdings hatte er sich gestern ja bereits freiwillig gefangennehmen lassen.
„Sie ist derzeit unter ärztlicher Aufsicht“ meinte Shadow schließlich und Liam wirkte daraufhin deutlich erleichterter. „Also gut Liam. Deine Frage ist damit beantwortet. Wirst du nun mit uns sprechen?“ fragte ich woraufhin mich der junge Mann entschlossen ansah. „Ja, werde ich.“

„Irgendwie bin ich enttäuscht“ murmelte Shadow als wir wieder nach oben gingen „Ich hatte etwas mehr... Aktion erwartet.“ „Sei nicht so ein Trottel“ brummte ich zurück „Ich hätte mir nur mehr nützliche Informationen gewünscht.“ Liam war wieder in seiner Zelle. Nachdem wir ihm versicherten, dass seine kleine Schwester nichts von uns zu befürchten hatte, hat er gesungen wie ein Rohrspatz. Doch viel nützliches war leider nicht dabei.
Als wir den Schankraum erreichten hielt ich erstaunt in meiner Bewegung inne, sodass Shadow beinahe gegen mich gelatscht wäre. „Pass doch auf du Spast“ schimpfte er direkt, doch ich ignorierte ihn einfach. Bei Cash, Ice und Lord an der Bar stand unser verlorener Prospect – Cypher. Ich würde es nicht aussprechen, aber ich war froh diesen nerdigen Idioten zu sehen. Grinsend setzte ich mich wieder in Bewegung und steuerte auf die vier zu.
Cypher sah ziemlich angefressen aus, während Lord mit ihm sprach. Ob es an dem lang was unser Prez ihm erzählte oder an seinem Besuch bei seiner Verwandtschaft, war unklar, doch eigentlich auch egal. Als Shadow und ich die anderen erreichten, war Lord anscheinend gerade damit fertig geworden Cypher auf den aktuellsten Stand zu bringen. Anschließend sah unser Prez auffordernd zu uns. „Was herausbekommen?“ wollte er direkt wissen, woraufhin ich etwas das Gesicht verzog.
„Nicht wirklich viel. Sein Name ist Liam Walker und er ist tatsächlich der Bruder von Savannah“ begann ich schließlich „Die beiden sind Vollwaisen. Vor zwei Jahren hat er sich bei der Loan Crew verschuldet. Da er nicht zurückzahlen konnte haben sie ihn dazu gezwungen seine Schulden abzuarbeiten. Er weiß weder wie die anderen heißen, noch wo wir sie jetzt eventuell finden können.“ „Das ist tatsächlich nicht viel“ brummte Lord unzufrieden „Und glaubst du ihm das?“
„Schwierig zu sagen. Nachdem wir ihm versichert hatten, dass seine Schwester von uns nichts zu befürchten hatte, war er eigentlich ziemlich kooperativ. Wenn er tatsächlich nicht freiwillig bei ihnen war, hätte er keinen Grund uns anzulügen. Andererseits...“ „Andererseits könnte das aber auch ein abgekartetes Spiel sein“ ergänzte Shadow und ich nickte bestätigend. „Aber Savannah hat ja auch gesagt, dass sie nicht freiwillig da sind“ warf Ice vorsichtig ein.
„Das stimmt schon, aber sie kann da genauso mit drinstecken“ erwiderte ich, auch wenn ich das nicht glauben konnte. Oder wollte. „Wir werden erst einmal abwarten was Cypher herausfinden kann und was Savannah sagt, sobald der Doc uns lässt“ schloss Lord die Überlegungen, woraufhin wir anderen nickten „Die Spekulationen helfen uns nicht weiter. Solange bleibt unser Gast... Wie hieß er noch?“ „Liam Walker.“ „Genau. Solange bleibt er noch in unserem Keller. Cypher, du versuchst alles zu ihm und seiner Schwester herauszubekommen was geht. Wenigstens haben wir jetzt zwei Namen...“ „Verstanden Prez“ antwortete der Prospect prompt woraufhin Lord ihm deutete, dass er verschwinden sollte.
Skeptisch sah ich ihm dabei nach. Irgendwie wirkte er etwas merkwürdig... „Irgendwie wirkte er etwas... angefressen“ meinte Shadow nachdem Cypher den Schankraum verlassen hatte. „Ist mir auch aufgefallen“ murmelte ich nickend. „So war er schon darauf, als er reinkam“ sagte Lord schulterzuckend „Liegt vielleicht an der Beerdigung seiner Oma.“ „Durchaus möglich.“ „Der kriegt sich schon wieder ein, Hauptsache er macht seine Arbeit“ murrte Lord und verließ dann kopfschüttelnd den Schankraum.

~


Einige Stunden später war ich wieder im Clubhaus, dieses Mal jedoch allein. Ice und ich hatten die letzten Stunden wieder bei mir zuhause verbracht, etwas gegessen, ferngesehen... nur gesprochen hatten wir recht wenig. Zumindest nicht über wichtige Dinge. Wie das mit uns weitergehen sollte zum Beispiel. Ice fühlte sich unwohl in der aktuellen Situation und ich überlegte fieberhaft was ich daran ändern konnte, doch bislang blieb die erleuchtende Idee aus. Fürs erste musste ich diese Gedanken jedoch verschieben und mich auf den anstehenden Gottesdienst konzentrieren. Ice war zuhause geblieben. Die Alarmanlage war aktiviert, ihr konnte dort also nichts passieren.
Mit einem Seufzen setzte ich mich neben Flame an die Bar, es waren noch etwas Zeit bis wir in der Church sein mussten. „Wie geht es der kleinen Prinzessin?“ wollte er wissen und sah mich abwartend an. „Den Umständen entsprechend“ antwortete ich schulterzuckend „Wie soll es jemandem so kurz nach einer Entführung schon gehen? Derzeit kommt sie klar würde ich sagen...“ „Das klingst zumindest schon mal besser als 'Ich glaube sie stürzt sich bald von einer Brücke'“ erwiderte Flame mit einem schiefen Grinsen. Manchmal hatte der Firefighter wirklich einen etwas abgedrehten Humor...
„Und wie geht es deiner Lady?“ fragte ich statt einer Erwiderung, woraufhin er kurz das Gesicht verzog. „Noch ist sie nicht meine Lady“ antwortete er schließlich und wirkte nicht gerade zufrieden mit diesem Umstand. „Und wieso nicht?“ „Sie ist sich noch nicht sicher“ meinte er schulterzuckend „außerdem kennen wir uns noch nicht so lange. Es hat sich irgendwie nur verdammt schnell entwickelt und das Leben hat uns überrannt.“
Das Gefühl kenne ich, dachte ich schmunzelnd. Die Art wie Flame über diese Frau sprach ließ vermuten wie wichtig sie ihm war. „Aber immerhin wohnt sie noch bei mir und macht auch nicht den Eindruck wieder gehen zu wollen. Das macht mir Hoffnung und solange sie sich noch nicht entschieden hat, lasse ich ihr einfach ihre Ruhe.“ „Du scheinst dir mit dieser Frau ziemlich sicher zu sein, Flame.“ „Das bin ich“ murmelte er mit einem seligen Grinsen „Ich denke sie ist die Richtige, egal wie kitschig das jetzt auch klingt. Ich weiß es irgendwie einfach. Das wirst du jetzt vielleicht nicht verstehen, aber irgendwann wird es dir auch so gehen. Dann wirst du einer Frau begegnen, die du nicht wieder gehenlassen willst.“ „Ich glaube das ist schon passiert“ murmelte ich mehr zu mir selbst, doch Flame hatte es trotzdem gehört und fing breit an zu grinsen was ihn prompt zehn Jahre jünger aussehen ließ.
„Weiß Lord davon?“ fragte er grinsend. Natürlich war ihm sofort klar von wem ich sprach. Wussten es eigentlich wirklich alle? „Hm“ brummte ich nickend. „Da du noch lebst gehe ich mal davon aus, dass er einverstanden ist“ sprach Flame weiter, da ich nichts sagte „Und? Wirst du sie zu deiner Old Lady machen?“ Leicht entgeistert sah ich ihn an. „Soweit sind wir noch nicht“ murmelte ich schließlich mit einem leichten Kopfschütteln. „Aber du willst sie behalten oder?“ fragte er weiter und irgendwie begann er mich etwas zu nerven. „Ja“ antwortete ich schlicht, musste aber nicht näher darauf eingehen, da Lord uns in die Church rief.

Die Church war bereits gut gefüllt als ich mich auf meinen Platz auf Lords rechter Seite fallen ließ. „Irgendwelche Veränderungen bei Ice?“ fragte der Prez leise, während sich die anderen nach und nach auf ihre Plätze setzten. „Nein“ antwortete ich schlicht. „Ist sie im Moment ganz alleine?“ wollte er wissen. Bevor ich wieder hierher gefahren war, hatte ich mich extra mit ihm in Verbindung gesetzt ob es in Ordnung war alleine in meinem Haus zu lassen. Immerhin lautete seine Anweisung eigentlich anders, doch Ice wollte lieber dort bleiben. Immerhin wäre sie hier während des Gottesdienstes auch alleine gewesen. Zum Glück hatte Lord dem zugestimmt.
„Sie ist nicht ganz alleine. Jenna, eine Arbeitskollegin von ihr, wollte vorbeikommen.“ „Kennst du die Frau?“ fragte Lord skeptisch, doch ich nickte beruhigend. „Ich habe sie schon getroffen. Das letzte Mal an dem Tag nach Ice' Befreiung. Es tut ihr gut ihre Freundin zu sehen.“ „Okay“ brummte Lord schließlich nickend und rief dann die anderen zur Ruhe.

Einige Stunden später war der Gottesdienst beendet und alle verließen nach und nach die Church. „Care, warte noch einen Moment“ wies Lord mich an und so ließ ich mich wieder auf meinen Platz fallen. Ich konnte ein unzufriedenes Geräusch gerade noch unterdrücken. Ich verschränkte meine Hände hinter meinem Kopf und wartete ungeduldig darauf, dass der letzte die Church verlassen hatte. „Du erinnerst dich doch sicherlich an den Auftrag, auf den ich Chaser vor einer ganzen Weile geschickt hatte oder?“ wollte mein Prez wissen. „Natürlich“ antwortete ich nickend „Er soll nach Henschel der Mistmade suchen.“ Auch wenn ich zugeben musste, dass ich es zwischendurch schon wieder vergessen hatte, dass Chaser unterwegs war. „Richtig. Er hat diesen feigen Spinner gefunden.“ „Das ist gut zu hören“ erwiderte ich mit einer hörbaren Portion Skepsis. Lord hatte mich sicherlich nicht allein hierbehalten um mir das zu sagen, oder?
„Du wirst ihm folgen und dich um den Typen kümmern“ sagte er schließlich nach einem Moment der Stille und übertraf damit sogar noch meine schlimmsten Befürchtungen. „Warum ich?“ wollte ich wissen und bemühte mich um einen ruhigen Tonfall. „Du hattest am meisten mit diesem Kerl zu tun, immerhin liefen sämtliche Aufträge über dein Büro“ erläuterte Lord sachlich und das war auch irgendwie einleuchtend, dennoch gab es da ein Problem. „Kommt sich das nicht mit meinem anderen Auftrag in die Quere? Dem, den du mir gestern erst gegeben hast?“ Das ich damit seine Nichte meinte, brauchte ich gar nicht zu erwähnen.
„In der Zeit werden die Sergeants auf sie aufpassen“ antwortete er stoisch „Solltest du nicht damit einverstanden sein, dass sie solange in deinem Haus bleiben, wird sie die Zeit im Clubhaus verbringen.“ Auf gar keinen Fall, dachte ich prompt, hielt jedoch meinen Mund. Um den Auftrag kam ich wohl nicht herum. „Von was für einem Zeitraum sprechen wir und wann soll es losgehen?“ „Sobald Chaser sich meldet, vermutlich zum Ende der Woche, geht es los. Das Ganze dürfte nicht länger als drei oder vier Tage dauern.“ Definitiv drei oder vier Tage zu lange... „Bekommen wir noch weitere Unterstützung?“ „Die Nomads befinden sich bereits in der Nähe. Sie werden euch unterstützen.“
Wenigstens etwas... auch wenn ich dadurch noch weniger verstand warum meine Anwesenheit unbedingt notwendig war. Doch ich würde mich nicht über Lords Entscheidung hinwegsetzen oder anfangen zu diskutieren. Noch immer saß mir der Verstoß gegen Ice' off-limits-Status im Nacken und ich wusste nicht wie stabil mein derzeitiger Stand bei Lord dadurch noch war. Nur weil er mich nicht direkt rausgeschmissen hatte, hieß es nicht, dass er es gar nicht tun würde...
„Verstanden Prez“ nickte ich ergeben „Ich werde es Ice spätestens morgen erzählen und dann aufbrechen, sobald dein Befehl dazu kommt. Wissen Shadow und Shade schon Bescheid?“ „Ja, die beiden habe ich schon in Kenntnis gesetzt. Sofern du damit einverstanden bist werden sie während deiner Abwesenheit gemeinsam mit Ice in deinem Haus bleiben.“ „Das ist kein Problem“ antwortete ich seufzend „Ich denke nicht, dass Ice von einem mehrtägigen Aufenthalt im Clubhaus so angetan wäre...“ „Das glaube ich auch“ murmelte Lord „Von meiner Seite war es das oder hast du noch etwas, Enforcer?“ „Eine Kleinigkeit. Ice hat morgen einen Termin bei ihrer Chefin um sie darüber zu Informieren, dass sie eine Zeit lang nicht zur Arbeit kommen wird... Ich weiß nicht genau, was sie ihr sagen will, aber ich dachte mir das ich dich lieber darüber informieren sollte. Ich werde sie begleiten und dir anschließend Bericht erstatten.“

Etwas über eine halbe Stunde später war ich wieder zu Hause. Das Haus lag im Dunkeln, doch das beunruhigte mich nicht. Es war inzwischen nach elf, verständlich also, dass Jenna wieder weg und Ice vermutlich im Bett war. Ich versuchte nach Möglichkeit keinen Lärm zu machen, als ich das Haus betrat und meine Sachen ablegte. Doch eigentlich war das sinnlos, immerhin hatte ich kurz vorher meine Harley in der Garage geparkt und die waren bekanntlich nicht sonderlich leise.
Nachdem ich wieder alles sorgfältig verschlossen und die Alarmanlage aktiviert hatte, machte ich mich auf den Weg nach oben. Zunächst zog ich mich im Bad bis auf meine Shorts aus, dann öffnete ich langsam die Tür zu meinem – oder sollte ich sagen unserem? – Schlafzimmer. Doch zu meinem Erstaunen, lag dieser Raum nicht völlig im Dunkeln.
Eine der Nachttischlampen legte den Raum in ein warmes Licht. Ice lehnte mit dem Rücken an dem Kopfteil des Bettes und hielt ein Buch in ihren Händen. Lächelnd sah sie mich an, wirkte jedoch ziemlich müde. „Hey Eisprinzessin“ begrüßte ich sie leise und verschloss die Tür hinter mir „Kannst du nicht schlafen?“ Matt schüttelte sie den Kopf und legte das Buch neben sich auf den kleinen Tisch. „Irgendwie nicht“ antwortete sie leise während ich auf sie zuging „Ich bin etwas nervös wegen morgen. Ich mache mir Gedanken was Silke wohl sagen wird.“
„Mach dir nicht zu viele Sorgen, Eisprinzessin“ versuchte ich sie zu beruhigen und legte mich neben sie auf die Matratze „Wenn du ihr alles in Ruhe erklärst wird sie es verstehen.“ „Verstehen vielleicht“ murmelte sie, löschte dabei das Licht und kuschelte sich anschließend an meine Seite. Ich schloss meine Arme um ihren schlanken Körper und zog sie dicht an meine Brust. Es fühlte sich fantastisch an sie zu spüren...
„Aber was, wenn sie mich nicht freistellen kann? Ich könnte es ihr nicht verübeln. Der Job muss immerhin gemacht werden.“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein leises Flüstern, dennoch war ihre Sorge deutlich zu hören. „Ich kann mich nur wiederholen, Kleines: Mach dir nicht zu viele Sorgen.“ „Und wenn ich meinen Job verliere?“ „Dann findest du einen neuen“ meinte ich schulterzuckend „Du kannst auch für mich arbeiten.“ Ein leises Schnauben war zu hören. „Ist das dein Ernst?“ fragte sie in die Dunkelheit. „Klar. Du könntest die Buchhaltung für MOD übernehmen. Das ist ein völlig legitimer und legaler Job, Eisprinzessin.“ „Und wer kümmert sich jetzt darum? Du etwa?“ „Pft, ich doch nicht“ antwortete ich amüsiert „Das ist Dogs Job. Aber der hat genug anderen Kram zu tun. So schnell wird dem nicht langweilig.“
Ice erwiderte darauf für eine ganze Weile nichts und ich befürchtete schon ihr mit meinem Angebot zu nahe getreten zu sein. „Aber so weit ist es ja noch nicht“ sagte ich daher „Du wirst schon sehen Ice, alles wird gut.“ Sanft drückte ich einen Kuss auf ihre Haare. Ihr Gesicht ruhte auf meiner Brust und ich konnte spüren, dass sie lächelte. „Ich hoffe es, Care“ murmelte sie leise „Ich hoffe es so sehr...“
Ob sie ihre Worte nur auf ihren Job bezog oder auch auf etwas anderes, war mir nicht klar, doch ich fragte sie auch nicht danach...
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