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LEGACY - Ice & Caretaker (Devil's of Mayhem MC 1)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
23.02.2021
08.08.2021
68
249.764
28
Alle Kapitel
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13.06.2021 3.989
 
~ Caretaker ~


Je länger Ice und Lord verschwunden waren, desto mehr ging mir der Arsch auf Grundeis. Ich wusste nicht, was ich von dieser fucking Situation halten sollte und das raubte mir so langsam den letzten Nerv. Verdammt!
Ich saß bereits mit Shadow und Preacher in der Church und wartete auf unseren Prez. Mehr der Offiziere wollte er offenbar nicht hier haben oder es waren einfach nicht mehr verfügbar. Keine Ahnung. War aber eigentlich auch scheißegal.
„Care, hör auf damit“ fuhr Preacher mich plötzlich an und starrte dabei auf meine Hand mit deren Fingern ich völlig unbewusst auf dem Tisch herum getrommelt hatte. „Sorry“ erwiderte ich zerknirscht und bemühte mich die Hand still zu halten. „Lord wird dir schon nicht den Kopf abreißen, Caretaker“ meinte unser Vize daraufhin, doch ich sah ihn nur äußerst skeptisch an.
„Richtig. Er wird dir höchstens den Schwanz abschneiden, weil du ihn nicht bei dir behalten konntest“ fügte Shadow gelangweilt hinzu ohne den Blick von seinem Handy zu heben. „Was zur Hölle willst du damit sagen, Sergeant?“ fragte ich ungehalten, woraufhin er sein Handy wegsteckte und einen Blick auf mich richtete. Was zur Hell wussten er und Preacher?
„Ich will damit sagen will, Enforcer“ begann er und ich sah wie er sich ein leichtes Grinsen verkneifen musste „Mir ist es scheißegal ob du meine Cousine fickst oder nicht, solange sie freiwillig mitmacht. Aber ob Lord das auch so sieht – dafür würde ich nicht gerade garantieren.“
Fuck! Das war gerade so ziemlich die Bestätigung, dass Lord es wusste. Dass er vermutlich alles wusste.
„Woher?“ wollte ich wissen und nun tauchte doch ein schiefes Grinsen auf Shadows Gesicht auf. „Ihr zwei wart nicht so unauffällig, wie ihr geglaubt habt Care“ antwortete er belustigt und ich hätte am liebsten meinen Kopf auf die Tischplatte gedonnert. „Wer weiß es noch?“ „Kein Plan, Mann. Alle die Augen im Kopf haben?“

Bevor ich darauf etwas erwidern konnte öffnete sich die Tür und Lord betrat gefolgt von Ice die Church. Ihre Anwesenheit erstaunte mich. Ich hatte viel mehr damit gerechnet, dass Lord sie befragen und uns dann alles erzählen würde. Scheinbar lag ich mit dieser Vermutung daneben. Ice wirkte verunsichert als sie sich neben mich setzte. Shadow saß uns gegenüber. Lord nahm neben Preacher am Kopfende des großen Tisches Platz. Normalerweise war mein Platz auf seiner anderen Seite, doch diese Besprechung war kein Gottesdienst, also war es egal.
„Hast du etwas vom Doc gehört, Shadow?“ kam Lord direkt zum Punkt und ein Schmunzeln legte sich auf das Gesicht seines Sohnes. „Der Doc“ begann er leicht amüsiert „Ist dieses Wochenende auf einer Tagung und das hatte er dir wohl auch mitgeteilt, Pres.“ „Fuck“ murmelte Lord und fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen blonden Haare. Dieses Detail hatte er offensichtlich vergessen.
„Und er kümmert sich dann um Savannah?“ fragte Ice sofort merklich besorgt. „Zu unserem Glück ist Loreena dieses Wochenende bei ihrem Vater. Sie kümmert sich um sie“ antwortete Shadow beruhigend woraufhin ich fragend eine Augenbraue nach oben zog. Irgendetwas sagte mir dieser Name, doch ich konnte ihn zunächst nicht zuordnen. „Loreena?“ fragte Ice verwundert. „Sie ist die Tochter vom Doc“ erklärte ihr Cousin geduldig und auch mir ging ein Licht auf. Klar doch. Der Name war mir durchaus bekannt, auch wenn ich sie nie kennengelernt hatte. „Loreena studiert im Letzten Semester Humanmedizin“ sprach Shadow weiter und ich konnte förmlich spüren, wie Ice sich daraufhin weiter entspannte „Sie weiß also was sie tut.“
„Gut, dann wäre das ja geklärt“ meldete Lord sich wieder zu Wort und erklärte diesen Punkt offenbar für erledigt. Danach wandte er sich direkt an seine Nichte. „Was hat es mit dem Mädchen auf sich? Wie passt sie zu dieser Geschichte?“ „Savannah hat mir geholfen“ antwortete Ice zunächst leise und sah unsicher auf ihre Hände, die auf dem Tisch lagen. Doch dann drückte sie den Rücken durch und sah Lord direkt an. „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht wie sie dazu passt. Sie hat mir etwas zu Essen und zu Trinken gebracht, was sie nicht hätte tun dürfen. Am Ende... wurde sie dafür bestraft und... eingesperrt.“ Kurz unterbrach sie sich selbst und schüttelte leicht den Kopf. Scheinbar wollte sie aufkommende Erinnerungen verdrängen.
„Sie ist erst sechzehn und geht noch zur Schule, das hat sie mir erzählt. Sie hat außerdem einen Bruder erwähnt, doch als ich nachgefragt habe, hat sie immer schnell das Thema gewechselt. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass er irgendwie zu der Loan Crew dazugehört und sie mit reingezogen hat. Aber das sind nur Spekulationen... Glücklich ist sie mit dieser Situation aber auf jeden Fall nicht.“
„Konnte sie dir sagen was die Loan Crew von dir will?“ fragte Shadow vorsichtig nach und tatsächlich nickte sie. „Mein Vater hatte sich tatsächlich Geld denen geliehen. Vor rund einem Jahr gab es wohl eine Art Machtwechsel. Der bisherige Chef verschwand spurlos und ein anderer kam an die Macht. Dieser strukturierte zum einen einiges um, zum anderen versuchte er alte Schulden einzutreiben, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten waren. Auf teilweise ziemlich fragwürdige Art und Weise...“
„Scheint ein ziemlicher Stümper zu sein“ wandte Preacher ein und entlockte mir ein Schnauben. „Es ziemlich aggressiver und gewalttätiger Stümper, wenn du mich fragst. Ich kann mich noch ziemlich gut an den Nachmittag im Bikers In erinnern, als sie wie ein paar Bekloppte auf uns geballert haben.“
Im Augenwinkel sah ich wie Ice leicht zusammenzuckte. Noch immer dürften diese Erinnerungen unangenehme Gefühle bei ihr hervorrufen. Vorsichtig legte ich eine Hand auf ihren Oberschenkel und streichelte sie beruhigend. Es schien zu wirken, zumindest lächelte sie mich kurz an. „Dieser Kerl bezeichnet sich selbst als Alpha“ wandte sie sich anschließend an Lord „Sein Bruder wird als Beta bezeichnet, ist also quasi der Vize. Teilweise bezeichnet er seine Crew auch wohl aus Rudel.“ „Was für ein Spinner“ murmelte Shadow kopfschüttelnd. „Ein gefährlicher Spinner“ ergänzte Preacher und ich konnte dem nur zustimmen.
„Du weißt nicht zufällig wie die beiden tatsächlich heißen oder?“ wollte Lord kurz darauf wissen, doch Ice schüttelte den Kopf. „Leider nein. Aber vielleicht weiß Savannah etwas.“ „Apropos, was machen wir jetzt eigentlich mit ihr?“ fragte Preacher dazwischen, was mich irgendwie etwas irritierte. „Wir warten erst einmal ab bis sie aufwacht. Dann sehen wir weiter. Wenn sie tatsächlich nicht zu ihnen gehört, kann sie uns vielleicht helfen. Wenn nicht...“ Lord beendete seinen Satz nicht, doch uns war wohl allen klar, was er meinte. „Was ist überhaupt mit unserem Gefangenen?“ wollte ich wissen „Wer ist dieser Kerl überhaupt?“
Lord verschränkte daraufhin die Arme vor der Brust und schwieg einige Minuten ehe er antwortete. „Wenn ich es recht überlege... könnte der Typ eventuell Svannahs ominöser Bruder sein.“ „Was?“ erwiderten wir anderen wie aus einem Mund. „W-wie kommst du darauf?“ stotterte Ice.
„Er hat sich freiwillig ergeben, ohne auch nur zu versuchen zu fliehen oder sich zu wehren. Außerdem hat er immer wieder von seiner Schwester gesprochen, jedoch hat niemand dem Beachtung geschenkt wenn ich ehrlich bin. Und irgendwie sehen sie sich auch ähnlich.“ „Hat ihn schon jemand befragt?“ „Nein, wir lassen ihn noch etwas schmoren. Vielleicht morgen.“
Ich konnte an Ice' Blick sehen, dass ihr das überhaupt nicht gefiel, doch sie hielt ihre Klappe. Das war auch besser so. Dem Prez widersprach man nicht. Außerdem behandelten wir unsere Gefangenen besser als die Crew – zumindest solange sie uns keinen Ärger machten.

„Wie geht es jetzt weiter?“ fragte Ice nach einem Moment der Stille. Sie versuchte sich zusammenzureißen und stark zu sein, doch ich merkte das dieses Gespräch an ihre Substanz ging. Sobald dieses Gespräch zu Ende wäre, würde sie sicherlich gerne wieder verschwinden. „Morgen werden wir den kleinen Bastard in unserem Keller verhören“ antwortete Lord knurrend und ich spürte wie Ice sich unter meine Hand, die noch immer auf ihrem Oberschenkel lag, verspannte.
„Hoffentlich kann er uns verraten wo wir diese Arschlöcher finden, dann können die was erleben. Wir werden-“ Ein leises Räuspern von Preacher unterbrach Lord in seiner beginnenden Schimpftirade und er hielt augenblicklich die Klappe. Offenbar war ihm selbst gar nicht gewusst gewesen, dass er im Begriff war, seinen vermutlich extrem brutalen Plan, vor seiner sowieso schon nervlich angeschlagenen Nichte auszubreiten. Doch zum Glück kannte Preacher unseren Prez gut genug um dies direkt zu verhindern.
„Weißt du zufällig was sie sich davon erhofft hatten dich zu entführen, Ice?“ fragte unser Vize und wich so ziemlich auffällig aber effektiv vom Thema ab. „Ich glaube gar nichts“ antwortete Ice mit einem Schulterzucken „Savannah erwähnte, dass das wohl vom Alpha gar nicht geplant war...“ „Wahrscheinlich haben sie die Gunst der Stunde genutzt, als du alleine unterwegs warst“ mutmaßte Shadow und Ice sackte förmlich in sich zusammen. Da kam mir auch der Gedanke wieder hoch, warum sie überhaupt alleine unterwegs gewesen war. Seit ihrem Umzug in ihre Wohnung hatte sie sich nie darüber beschert immer jemanden an ihrer Seite zu haben.
„Was darauf schließen lässt, dass sie dich die ganze Zeit im Auge hatten“ sprach der Sergeant weiter und wir anderen nickten zustimmend. „Dann dürften sie gesehen haben, dass Ice in Verbindung zu uns steht“ ergänzte Preacher mit wenig Begeisterung „Dann hätte ihnen doch klar sein müssen, dass sie sich dadurch automatisch auch mit uns anlegen würden. Sie steht immerhin unter unserem Schutz.“ „In meinen Augen sind diese Typen planlose Idioten“ brummte ich und strich dabei immer weiter beruhigend über Ice‘ Bein „Höchst gewaltbereite planlose Idioten und das macht sie unglaublich gefährlich. Früher hatten wir doch keine Probleme mit denen oder? Also bevor dieser Alpha-Spinner alles an sich gerissen hat?“
„Nicht das ich wüsste“ murmelte Lord und auch Preacher schüttelte den Kopf. „Mir war schon vorher bekannt, dass es sie gibt“ meinte unser Vize „Aber sie haben sich immer sehr ruhig verhalten und einfach ihr Ding gemacht. Soweit ich weiß ist das aber nur eine sehr kleine Truppe von maximal zehn Leuten oder so.“
„Weißt du zufällig etwas über den alten Boss?“ wollte Shadow wissen, doch Preacher schüttelte den Kopf. „Ich nicht, aber es kann sein, dass Dog vielleicht etwas wissen könnte.“ Dog war unser Treasurer, also der Kassenwart des Clubs. „Ist der im Moment hier?“ „Ich denke schon.“ „Ich werde ihn kurz holen, okay?“ „Mach das“ erwiderte Lord und so verließ Shadow die Church.

Bis er wenige Minuten später mit Dog im Schlepptau zurückkam, herrschte Stille zwischen uns.
Dog war irgendwie eine merkwürdige Mischung aus einem Nerd und einem Rocker. Schlanke Figur und Hornbrille, aber schulterlange immer leicht zottelig aussehende Haare und vollständig tätowierte Arme.
„Was gibt es, Prez?“ fragte er direkt und setzte sich neben Shadow an den Tisch. Als Offizier wusste er natürlich was in den letzten Tagen hier abgegangen war und warum wie zusammen in der Church saßen. Daher wunderte er sich auch wohl keine Sekunde über Ice‘ Anwesenheit. „Wir wollten wissen ob du zufällig Informationen über die Loan Crew hast.“ Lord kam direkt zum Punkt und sah den etwa gleichaltrigen eindringlich an.
Dog seufzte daraufhin leise und überlegte zunächst einen Moment ehe er antwortete. „Nicht so viel wie du dir vermutlich wünschen würdest. Der frühere Boss war ein Kerl, den sie Bauer nannten. Ob das sein richtiger Name war weiß ich nicht. Vor ungefähr einem Jahr verschwand er spurlos und sein Neffe übernahm das Ruder. Es gibt keine Beweise, doch es wird vermutet, dass dieser seinen Onkel umgelegt hat.“ „Ist dieser Neffe dieser Alpha-Freak?“ fragte Lord dazwischen und Dog nickte bestätigend.
„Korrekt. Aber auch von dem kenne ich keinen richtigen Namen. Auch über die anderen Mitglieder weiß ich nichts. Da sie bisher nie Probleme gemacht haben, habe ich mich auch nicht wirklich mit ihnen beschäftigt. Vielleicht kann Cypher etwas herausfinden, wenn er wieder da ist.“ „Weißt du etwas von einem jungen Mädchen das zu ihnen gehören soll? Oder sich zumindest bei ihnen aufhält?“ wollte ich wissen und wieder überlegte Dog einen Moment still. „Es gab Gerüchte, aber keine Bestätigungen. Da die Kleine jedoch jetzt beim Doc ist, muss ja etwas Wahres dran sein“ antwortete er mit einem kleinen Grinsen. Klar, dass sich diese Information mittlerweile herumgesprochen hatte.
„Sonst nichts?“ hakte Preacher nach, doch Dog zuckte nur mit den Schultern. „Leider nein. Aber ich kann mich umhören, wenn es euch hilft.“ „Schaden würde es nicht“ nickte Lord „Vermutlich sind die Bastarde jetzt sowieso untergetaucht, da kann uns jede Kleinigkeit weiterhelfen.“ „Verstanden“ erwiderte Dog. Damit wurde er jetzt eigentlich nicht mehr gebraucht, doch er machte keine Anstalten die Church wieder zu verlassen.
Gespannt auf weitere Anweisungen blieben wir still, doch auch Lord schwieg zunächst. Die Situation war Mist. Neben den Problemen die wir sowieso schon hatten – die Russen und Henschel die Arschgeige – würden wir jetzt auch noch diese Pissnelken jagen müssen.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als Ice ihre kalte Hand auf meine legte und die Streichelbewegung auf ihrem Oberschenkel so stoppte. Doch sie schob meine Hand nicht von sich, sondern verschränkte ihre Finger mit meinen. Kurz warf ich ihr einen fragenden Blick zu, woraufhin sie mir ein kleines Lächeln schenkte ehe sie wieder zu Lord sah, der kurz darauf seine Gedanken scheinbar geordnet hatte.
„Shadow du bleibst mit Loreena in Kontakt oder mit dem Doc, wenn sie wieder weg ist. Sobald es der Kleinen besser geht bringst du sie hierher und stellst sie unter Bewachung bis wir mehr über ihre Beziehung zur Crew wissen.“ „Verstanden“ erwiderte Shadow mit einem knappen Nicken.
Anschließend wandte unser Pres sich an seinen Vize. „Du mobilisierst ein paar Jungs und fährst mit ihnen zu den Adressen der Crew. Sofern die Bullen nicht vor Ort sind nehmt ihr den Laden auseinander. Sollte es Hinweise auf die Identitäten dieser Wichser geben, dann will ich das wissen. Vielleicht könnt ihr auch Hinweise darauf finden wo sie sich jetzt verkrochen haben könnten.“ „Verstanden, Pres. Sollen wir gleich loslegen?“ „Das überlasse ich dir, Preacher.“
Preacher nickte knapp woraufhin Lord nun direkt zu mir sah. Augenblicklich verspannten sich meine Muskeln und ich mich innerlich auf das Schlimmste vorbereitete. Ich spürte wie Ice ihre freie Hand auf unsere ineinander verflochtenen legte und leicht über meinen Handrücken strich. Ich fragte mich worüber sie und Lord gesprochen hatten. Wusste sie jetzt eventuell schon mehr als ich? Würde er mich jetzt aus dem Club schmeißen? Nein, dann würde Ice nicht so ruhig bleiben. Oder?
„Caretaker. Du wirst meine Nichte ab sofort nicht mehr aus den Augen lassen“ begann er. Leicht irritiert lauschte ich seinen Worten während Ice genervt Seufzte. Ich war nicht raus? „In ihre Wohnung darf sie erste einmal nicht wieder zurück und wenn du keine Zeit hast, bleibt jemand anderes an ihrer Seite. Verstanden?“ Ehe ich darauf etwas erwidern könnte fuhr Ice reichlich genervt dazwischen. „Werde ich auch gefragt ob ich das überhaupt will?“ fragte sie trotzig. „Nein“ fuhr Lord sie beinahe schon an „Du hast dein Mitspracherecht zu dieser Sache an dem Tag verloren, an dem du dich hast entführen lassen.“
Autsch. Das hatte gesessen. Doch es war einfach nur Lords Art sich um seine Nichte zu Sorgen und das schien auch Ice bewusst zu den, denn sie blieb still. „Verstanden“ antwortete ich etwas verzögert, als Lords grauen Augen sich wieder auf mich richteten. „Morgen wirst du dich um den Kerl im Keller kümmern“ sprach er nach einem Nicken weiter „Entweder bringst du Ice mit ins Clubhaus oder du organisierst jemanden, der bei ihr bleibt solange du hier bist.“ Ich nickte lediglich woraufhin Lord nun seine Nichte ansah, wobei sein Blick deutlich weicher wurde.
„Ich möchte außerdem nicht, dass du im Moment zur Arbeit gehst Sasha“ meinte er und ich spürte unter meiner Hand wie sie sich verspannte. Das Lord sie mit ihrem Namen ansprach, war ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr er sich sorgte. Dies war ein Gespräch zwischen Onkel und Nichte und nicht zwischen dem Präsidenten und einer Außenstehenden. „Der Doc wird dir eine Krankmeldung organisieren.“
„Und wie lange soll das Ganze gehen?“ fragte Ice leise und verunsichert. „Das kann ich dir nicht sagen“ antwortete Lord mit einem Seufzen „Aber es ist nur zu deinem Besten, Sasha. Dich zur Arbeit zu schicken stellt ein Risiko dar. Sie kennen immerhin deinen gesamten Tagesrhythmus.“ „Ich weiß“ erwiderte sie geknickt „Aber das ist alles scheiße.“
Ja, das war es wirklich, doch auch derzeit leider nicht zu ändern. Wir konnten nur das Beste daraus machen und hoffen, dass wir die Bastarde schnell finden würden, damit Ice wieder in ihr geregeltes Leben zurückkehren konnte.

Stille breitete sich in der Church aus. Jeder hing seinen Gedanken nach und schien zu überlegen ob noch etwas zu sagen war, doch eigentlich war alles fürs Erste geklärt. Morgenvormittag stand sowieso ein Gottesdienst an, demnach würden wir uns ohnehin alle ziemlich schnell wiedersehen. Naja, alle außer der kleinen Eisprinzessin natürlich. Schließlich erklärte Lord unsere Zusammenkunft für beendet und scheuchte alle raus. Alle, außer mich.
Mein Puls raste während die anderen nach und nach den Raum verließen. Ice schenkte mir ein zuversichtlich wirkendes Lächeln ehe Shadow sie hinaus auf den Flur schob und die Tür zuzog. Ich blieb auf meinem Platz sitzen und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Äußerlich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen, doch das viel mir von Minute zu Minute schwerer. Lord sah zunächst auf sein Handy und ließ mich etwas schmoren ehe er mich mit seinen durchdringenden stahlgrauen Augen fixierte.
„Du weißt, dass ich dich für den Fehlverhalten eigentlich aus dem Club schmeißen müsste, immerhin hast du dich über meine klare Anweisung hinweggesetzt“ begann er. Sollte ich es leugnen? Nein, das war zwecklos. Ich entschied mich jedoch einfach zu schweigen.
Eigentlich müsste er... also tat er es nicht? „Allerdings werde ich meinen Enforcer nicht rausschmeißen, nur weil er meine Nichte gefickt hat.“ Ich zuckte kaum merklich bei Lords direkter Formulierung zusammen, doch ich atmete auch erleichtert aus. War meine Sorge also unbegründet? „Außerdem würde Ice mir wohl direkt die Verwandtschaft kündigen, wenn ich das tun würde.“ Lord zuckte mit seinen breiten Schultern und wirkte irgendwie ziemlich amüsiert.
Doch dann verdunkelte sich seine Miene schlagartig. Er beugte sich nach vorne und sein Blick schien sich förmlich in mich zu brennen. „Aber solltest du sie verarschen, Caretaker“ sprach er mit gedämpfter Stimme weiter „Solltest du sie verarschen und sie versetzen, dann werde ich dir deinen kümmerlichen Schwanz abschneiden und dich den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Hast du das verstanden?“ „Klar und deutlich“ antwortete ich mit klarer Stimme „Ich habe nicht vor ihr wehzutun.“
Nicht noch einmal.
Mit einem zufriedenen Nicken lehnte Lord sich wieder zurück und verschränkte seine stämmigen Arme vor seiner Brust. Manchmal war es mir ein Rätsel wie er in dem Alter noch so trainiert sein konnte. Wenn ich mit fast fünfzig noch halb so viele Muskeln haben würde, konnte ich froh sein.
„Was genau willst du von Sasha, Channing?“ fragte er mich nach einer Weile der Stille und ich seufzte leise. Vor so einer Frage hatte ich mich gefürchtet. „Um ehrlich zu sein, weiß ich es selber nicht genau“ antwortete ich zögerlich und sah wie sich Lords Augen zu Schlitzen verengten. „Seit sie bei mir gewohnt hat, kann ich mir ein Leben ohne sie irgendwie nicht mehr vorstellen. Die Wochen ohne sie…“ kurz unterbrach ich mich und schüttelte matt den Kopf „Du weißt wie ich aufgewachsen bin, Lord. Solche… Gefühlssachen sind schwierig für mich.“ „Weiß sie von deiner Vergangenheit?“ „Seit heute Morgen“ antwortete ich nickend. „Wie hat sie darauf reagiert?“ „Zumindest ist sie nicht schreiend weggerannt.“
„Du bedeutest ihr viel, Care“ meinte Lord mit einem Seufzen, wobei es ihm schwerzufallen schien diese Worte zu sagen „Versau es einfach nicht und sei ehrlich mit ihr. Steck ihr nicht voreilig einen Ring an den Finger, wenn du nicht sicher bist was du willst.“ Kurz ließ Lord seinen Blick durch die Church schweifen und schien einen Moment nicht mehr ganz Anwesend zu sein. Vermutlich dachte er gerade an seine Exfrau zurück, die er meines Wissens nach geheiratet hatte als sie bereits mit den Zwillingen schwanger gewesen war.
„Solltet ihr euch sicher sein, werde ich mich dem nicht in den Weg stellen. Aber solltet ihr euch nicht sicher sein... dann lasst euch Zeit.“

Meine Knie waren irgendwie wackelig als ich die Church wieder verließ. Lord hatte uns seinen Segen gegeben, doch wofür? Darüber musste ich mir erst einmal selber klar werden, doch das würde wohl etwas dauern. Wollte ich etwas Dauerhaftes? Eine Old Lady? Das waren Gedanken an die ich früher nicht eine Sekunde verschwendet hätte. Früher... vor Ice. Sie hatte mein Leben wirklich komplett auf den Kopf gestellt.
Ich konnte es mir ohne sie nicht mehr vorstellen, andererseits war ich noch immer der Meinung, dass sie etwas besseres verdient hatte. Doch wollte sie das überhaupt? Ich hatte ja gesehen wohin ihre letzte Beziehung geführt hatte... Ein Teil von mir wollte sie freigeben, für einen besseren Mann. Doch der andere Teil war ein egoistisches Arschloch und wollte diese Frau komplett für sich beanspruchen. Doch ich sollte mich besser einfach zurückhalten und etwas abwarten. Solange sie Dinge noch so standen, wie sie standen... solange hatte wohl keiner von uns den Kopf komplett frei für so etwas.

Als ich den Schankraum betrat, waren nur noch zwei Personen anwesend – Shadow und Ice. Letztere stand mit dem Rücken zu mir und beobachtete ihren Cousin, der gerade telefonierte. Wenn ich raten müsste vermutlich mit der Tochter vom Doc – Loreena. Mit einem leisen Seufzen ging ich zu den beiden herüber und blieb direkt hinter Ice stehen. Noch bevor sie reagieren konnte schlang ich meine Arme um ihren schlanken Körper und letzte mein Kinn auf ihrem Kopf ab. Für einen kurzen Moment verspannte sie sich, doch genauso schnell entspannte sie sich auch wieder und lehnte sich gegen mich.
„Wie ich sehe hat er dich am Leben gelassen“ sagte sie leise. Sie klang amüsiert, aber auch erleichtert. „Lord ist hart, aber gerecht“ erwiderte ich ebenso leise. Shadow hatte mich inzwischen auch bemerkt, grinste schief, telefonierte aber unbeeindruckt weiter. „Dafür hast du dir aber ganz schön viele Sorgen gemacht“ meinte sie kichernd, wofür ich sie leicht in die Seite zwickte. Ice quiekte empört, versuchte aber nicht sich von mir zu lösen. Sie wieder in meinen Armen zu halten erdete mich irgendwie, es war beruhigend. „Du weißt warum“ sagte ich kurz darauf leise. Ice nickte daraufhin lediglich und Stille kehrte zwischen uns ein.
Kurze Zeit später beendete Shadow sein Telefonat. „Gibt es was Neues von Savannah?“ wollte Ice direkt wissen, doch Shadow schüttelte den Kopf. „Sie ist noch immer bewusstlos“ war seine ernüchternde Antwort „Was auch immer passiert ist hat sie ganz schön ausgeknockt.“ „So heftig sah es gar nicht aus“ murmelte Ice leise, zuckte daraufhin aber heftig zusammen als sie sich wohl daran erinnerte, was dem jungen Mädchen passiert war. „Oh Gott“ keuchte sie „Es war schrecklich, aber... warum wacht sie nicht auf?“ Ice' Stimme klang erstickt und sie schien den Tränen nahe. Ich verstärkte meinen Griff um ihren schlanken Körper noch mehr.
„Kannst du uns sagen was ihr angetan wurde?“ fragte ich behutsam und Ice nickte zögerlich. „Er ist völlig ausgerastet“ antwortete sie tonlos „Er hat sie... missbraucht, geschlagen und dann in die andere Zelle geworfen.“ Nun liefen die Tränen haltlos über ihr Gesicht und ich drehte sie in meinen Armen herum. Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht an meiner Brust und krallte sich in mein Shirt. Beruhigend stich ich über ihren Rücken und musste mich zusammenreißen nicht vor Wut auf irgendetwas einzuschlagen.
„Wer hat das getan, Eisprinzessin?“ fragte ich leise und drückte einen Kuss auf ihren Scheitel. „Der Alpha“ antwortete sie kaum hörbar. Ich hob meinen Blick und sah zu Shadow, der vor Wut zu kochen schien. „Wir werden uns um diesem Typen kümmern“ knurrte er und verschwand daraufhin aus dem Clubhaus.
Schweigend blieben Ice und ich zurück. Ich wartete eine Weile bis Ice sich wieder beruhigt hatte. Behutsam schob ich sie etwas von mir, sodass ich sie ansehen konnte. Ich legte einen Finger unter ihr Kinn und drückte ihren vorsichtig nach oben. Ihre Augen waren gerötet, noch immer hatte sie Augenringe und sie sah völlig verheult aus. „Lass uns hier verschwinden“ sagte ich leise, ein mattes Nicken war ihre Antwort. Mit einem leichten Lächeln drückte ich einen Kuss auf ihre Stirn, dann machten wir uns auf den Weg nach Hause.
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