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LEGACY - Ice & Caretaker (Devil's of Mayhem MC 1)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
23.02.2021
08.08.2021
68
249.764
26
Alle Kapitel
100 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
28.05.2021 4.114
 
FRAGE
Bevor es mit dem nächsten Kapitel weitergeht, habe ich eine kurze Frage an euch und würde mich sehr freuen, wenn ihr mir eure Meinung mitteilen würdet (^.^)
Und zwar geht es um die Länge der einzelnen Kapitel.
Findet ihr sie zu lange? Genau richtig oder vielleicht sogar zu kurz?
Ich muss sagen, dass sie mir beim Korrektur-Lesen selber recht lang vorkamen, aber ich kann das schlecht einschätzen xD
Da ich ja derzeit an einem weiteren Teil arbeite, würde ich es dort natürlich gerne anders machen, falls die Länge der Kapitel ein Problem sein sollte :D
Daher meine Bitte :) Sagt mir eure Meinung :D
Eure Loane ♥


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~ Caretaker ~


Die Fahrt zu unserem Ziel dauerte etwa eine halbe Stunde, doch es kam mir vor wie eine verdammte Ewigkeit. Das Gelände war von einem etwa zwei Meter hohen aber recht alt aussehenden Maschendrahtzaun umgeben. Ein Tor schien nicht zu existieren. „Warum kommen mir diese Idioten immer wieder vor wie elende Anfänger?“ hörte ich Cash neben mir murmeln und musste ihm wirklich zustimmen. Viele ihrer Handlungen wirkten nicht ganz durchgeplant, dennoch waren sie gefährlich. „Vergiss nicht, dass diese Penner auf uns geballert haben“ brummte ich verstimmt. „Wie könnte ich das vergessen... Elendes Dreckspack.“
Nur Sekunden später parkte Wood den Wagen in Fluchtrichtung einige Meter vom Tor entfernt. Leise stiegen wir aus und betrachteten die unbeleuchtete Umgebung. Lediglich direkt über dem Eingang des Gebäudes brannte ein Licht und es war keine Menschenseele zu sehen. Doch dann näherten sich auf einmal Schritte aus der Dunkelheit und wir griffen bereits alle nach unseren Waffen, als eine bekannte Stimme ertönte.
„Ich bin es bloß“ beruhigte uns Flame, der kurz darauf in unserem Blickfeld erschien und dabei entwaffnend die Hände hob. „Du warst schnell“ begrüßte Lord den Firefighter, der jedoch nur mit den Schultern zuckte. „Wohne nicht weit weg. Habe die Zeit mal genutzt mich etwas umzusehen.“ „Du solltest das lassen“ brummte unser Prez daraufhin etwas halbherzig, wofür Flame jedoch nur ein schiefes Grinsen übrig hatte. Zwar hielt Fires Vater sich bei den meisten Clubangelegenheiten etwas zurück, doch wenn man ihn brauchte war er immer diskussionslos zur Stelle. So wie jetzt.
Wir warteten noch einige Minuten bis alle angekommen waren, ehe Flame seine Beobachtungen mit uns teilte. „Keine erkennbare Videoüberwachung“ begann er schließlich völlig sachlich „Das ist schon mal ein Vorteil für uns. Zwei Eingänge, beide massive Stahltüren. Wenige Fenster, allerdings alle mit stabilen Gittern.“ „Wie im Knast“ brummte Wood dazwischen. „Ja, einladend sieht das nicht gerade aus“ schmunzelte Flame kopfschüttelnd „Auf der rechten Seite befindet sich ein großer Raum – vermutlich direkt die erste Tür wenn man reingeht. Sieht aus wie ein Aufenthaltsraum. Dort konnte ich fünf Personen entdecken. Ob sich noch mehr im Gebäude befinden, konnte ich nicht herauskriegen.“
„Kriegen wir die Türen geöffnet?“ fragte Lord woraufhin sich ein beinahe wahnsinniges Grinsen auf Flames Gesicht legte. „Darum habe ich mich bereits gekümmert und einige Vorbereitungen getroffen. Lehnt euch einfach zurück und genießt die Show.“

Wenige Minuten später war unsere Truppe aufgeteilt. Cash und ich waren mit zwei weiteren Männern hinten. Genauso viele versuchten es vorne und zwei – Flame und Wood – blieben draußen. Wir waren über Funk miteinander verbunden. „So Ladys“ drang Flames Stimme in unsere Ohren „Zurücktreten bitte.“ „Offenbar hat Flame heute ziemlich gute Laune“ schmunzelte ich belustigt, auch wenn die Situation nicht gerade dazu einlud. „Der Kerl hat eine Frau und vermutlich jeden Tag Sex, was erwartest du?“ erwiderte Cash und kurz darauf ertönten direkt hintereinander zwei laute Explosionen, sie mich davor bewahrten ihm eine Antwort geben zu müssen. Wir konnten nur hoffen, dass wir weg waren bevor die Bullen hier ankamen...
Abmarsch!“ bellte Lord nur Sekunden später über Funk und wir setzten uns in Bewegung. Die nächsten Minuten waren wie ein Nebel aus Schüssen, Gebrüll und Testosteron. Während es im hinteren Bereich, also bei uns, eher ruhig war, schien vorne einiges abzugehen. Daher schickten Cash und ich Ace und Circus nach vorne und machten uns auf die Suche nach Ice. „Was meinst du, oben oder Keller?“ wollte Cash von mir wissen. „Keller“ erwiderte ich prompt. Die Waffen im Anschlag schlichen wir durch den Flur, bis ich eine weitere Stahltür entdeckte. Schweigend deutete ich in die Richtung, woraufhin Cash nickte. „Du bleibst draußen“ wies ich ihn an. Wieder nickte er und ich öffnete die Tür.
Die Waffe hoch erhoben, sah ich jedoch zunächst nichts als Dunkelheit. Schnell zog ich meine Taschenlampe hervor und stieg dann langsam die Treppe nach unten. Den Keller hatte ich schon mal gefunden, blieb nur zu hoffen das ich mit meiner Vermutung richtig lag. Unten angekommen stand ich wieder vor einer Stahltür, was mich hoffen ließ. Solche Türen hatte man nur, wenn das dahinterliegende wichtig war. Ich atmete noch einmal tief durch, ehe ich auch diese öffnete und wieder zunächst nichts als Dunkelheit sah. Ein leises Wimmern drang an meine Ohren und ich suchte schnell nach einem Lichtschalter.
Als die Dunkelheit verschwand und mein Blick auf die erste Zelle fiel, hatte ich das Gefühl mein Herz würde für einen Moment aussetzen. Dort saß sie! Auf einer dünnen dreckigen Matratze. Ihre Beine an den Oberkörper gezogen und die Hände auf die Ohren gedrückt. Selbst aus der Entfernung konnte ich sehen, dass ihr gesamter Körper zitterte.
„Ice“ keuchte ich erschrocken woraufhin sie ruckartig ihren Kopf anhob. „Care?“ fragte sie mit krächzender Stimme und wirkte beinahe so, als hätte sie einen Geist gesehen. Ihre Haut wirkte blass und ihre Augen waren dunkel unterlaufen. Ich trat zwei langsame Schritte auf ihre Zelle zu, doch da fiel mir ein neues Problem auf. Schlüssel. Ich brauchte einen verdammten Schlüssel.
„Fuck“ fluchte ich leise, woraufhin Ice zusammenzuckte und mich mit großen Augen anstarrte. „Ich brauche einen Schlüssel, Eisprinzessin“ erklärte ich ihr mein Problem und sie nickte schwach. „Ich bin gleich wieder da.“ Wieder nickte sie und ich sprintete beinahe zurück in den Treppenaufgang. Aus einer Intuition heraus, leuchtete ich mit meiner Taschenlampe die Wände des dunklen Gangs ab und tatsächlich hing dort ein einzelner Schlüssel. Schnell schnappte ich mir diesen und kehrte zu Ice' Zelle zurück. Es vergingen nur Sekunden bis ich die Tür geöffnet hatte.

Obwohl ich sie am liebsten sofort an mich gerissen hätte, näherte ich mir ihr langsam. Immerhin hatte ich keine Ahnung, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte. Vorsichtig hockte ich mich neben sie. Ihre stahlgrauen Augen starrten zu mir, als könnte sie es gar nicht glauben. „Du bist tatsächlich gekommen“ sagte sie leise und ihre Anspannung löste sich ein wenig. „Natürlich“ erwiderte ich leise und legte meine Hände auf ihre Knie um ihre Beine sanft nach unten zu drücken, sodass sie diese ausstrecken musste. „Ich kann es gar nicht glauben“ murmelte sie wieder und eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel. „Hey, nicht weinen.“ Sanft wischte ich sie fort, woraufhin sie ihren Kopf gegen meine Handfläche lehnte.
„Ich bin nur so erleichtert“ flüsterte sie leise und schloss vertrauensvoll ihre Augen. Sie wirkte völlig fertig und übernächtigt, aber wie es aussah hatte sie keine Verletzungen. Zumindest keine Körperlichen. „Lass uns gehen, Eisprinzessin“ sagte ich mit einem schwachen Lächeln, woraufhin sie ihre Augen wieder öffnete und leicht nickte. Ich löste meine Hand von ihrer Wange und legte einen Arm hinter ihren Rücken, den anderen unter ihre Kniekehlen. Langsam erhob ich mich mit ihr vom Boden, was sie widerstandslos über sich ergehen ließ. Ihre kleinen Hände krallten sich in meine Pullover und sie vergrub ihr Gesicht förmlich in meiner Brust. Völlig vergessen waren unsere Differenzen. Zumindest für den Moment.
Ich hatte ihre Zelle gerade verlassen, als ihr Kopf ein Stück zurückschnellte und sie mich mit großen Augen anstarrte. „Warte“ keuchte sie erschrocken und sah zu der zweiten Zelle, der ich bislang keine rechte Beachtung geschenkt hatte. „Was ist los?“ fragte ich besorgt. „Savannah“ murmelte sie leise „Sie haben sie eingesperrt... sie hat mir geholfen...“ „Ist sie in der anderen Zelle?“ „Ja“ hauchte sie mit einem knappen Nicken. Wer auch immer diese Savannah war, offenbar hatte die Loan Crew sie eingesperrt weil sie Ice geholfen hatte. In mir regte sich die Frage was sie hier überhaupt machte, doch ich verdrängte sie schnell wieder. Das konnten wir später noch klären.
„Cash wird sich um sie kümmern“ versuchte ich Ice zu beruhigen, woraufhin sie mich wieder ansah. Ihr Blick blieb besorgt, doch sie nickte. Ich warf noch einen letzten Blick zu der Zelle, aus der kein einziges Geräusch drang, ehe ich mit Ice auf dem Arm wieder nach oben ging.
Ice hatte ihren Kopf wieder an meine Brust gelehnt als wir Cash erreichten, der teils geschockt teils erleichtert auf ihren zitternden Körper hinabsah. „In der anderen Zelle ist anscheinend noch jemand“ erklärte ich ihm leise „Sie hat Ice wohl geholfen und wurde daraufhin eingesperrt. Hol sie da raus, alles andere klären wir später. Der Schlüssel steckt noch in der Zellentür.“ „Mach ich.“ Mit einem knappen Nicken und einem letzten Blick auf Ice ließ er uns stehen und ging hinunter in den Keller.
Im gleichen Augenblick tauchten Ace und Circus in meinem Blickfeld auf, denen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben stand. „Ziel gefunden“ gab Ace direkt über Funk durch. „Dann Rückzug, bevor die Bullen hier auftauchen“ kam es prombt von Lord zurück. „Wo ist Cash?“ fragte Circus verwundert und sah sich suchend um. „Im Keller. Noch jemanden holen“ erklärte ich knapp woraufhin die beiden nickten. „Wie ist die Lage?“ „Alles safe“ antwortete Ace „Einen Gefangenen. Der Rest ist tot oder entkommen.“ Skeptisch zog ich die Augenbraue nach oben. Warum nahmen wir jemanden gefangen? Ich beschloss jedoch diese Frage auf später zu verschieben und nickte daher.
„Cir du bleibst hier und wartest auf Cash. Ace du kommst mit mir schon mal zurück.“ „Verstanden“ antworteten die beiden und so machten wir uns auf den Weg nach Draußen. „Wie geht es ihr?“ fragte Ace leise, woraufhin ich nur wage mit den Schultern zuckte. „Muss sich noch zweigen.“ „Verstehe.“ Als wir kurz darauf den Transporter erreichten, wartete Wood bereits auf uns und öffnete die hintere Tür. „Wo sind Cash und Circus?“ wollte er direkt wissen.
„Sind gleich da“ antwortete Ace an meiner Stelle, während ich mit Ice auf dem Arm in den Fond kletterte. Ich hörte wie Ace sich verabschiedete als ich mich setzte und versuchte Ice neben mir abzusetzen, doch sie krallte sich weiterhin beinahe verzweifelt in meinen Pullover. Erst als sie ihren Kopf schüttelte, stellte ich meine Bemühungen ein und ließ sie auf meinem Schoß sitzen. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Außenwand des Transporters und hatte meine Arme um ihren noch immer bebenden Körper gelegt.
Kurz darauf stieß Cash zu uns. In seinen Armen lag eine blonde Junge Frau – oder sollte ich sagen ein Mädchen? Ich konnte ihr Alter nicht wirklich schätzen, aber vermutlich zwischen sechzehn und achtzehn. Vorsichtig legte Cash sie auf dem gepolsterten Boden ab, wickelte sie in eine Decke und setzte sich dann ebenfalls. Sekunden später erschien Lord in der Tür und ich sah wie er erleichtert ausatmete. Für einige Augenblicke blieb sein Blick etwas skeptisch an seiner Nichte und mir hängen ehe er wortlos wieder verschwand und die Tür verschloss. Wenige Herzschläge später rollten wir los, während ich ganz leise Sirenen hören konnte. Mehr Zeit hätten wir definitiv nicht brauchen dürfen...

„Was ist los?“ fragte Cash nach einigen Minuten der Stille. Ich nickte daraufhin in Richtung der Fahrerkabine, in der Lord und Wood sich befanden, die aber zum Glück durch eine Wand von uns getrennt war. „Ich glaube er weiß etwas“ antwortete ich wage. Ice war zum Glück noch bei Bewusstsein und ich wollte sie nicht unnötig in Unruhe bringen. „Okay“ erwiderte Cash skeptisch und warf noch einen Blick auf die junge Frau, die noch immer regungslos neben ihm auf dem Boden lag.
„Was ist mir ihr?“ wollte ich wissen und mein Kumpel seufzte leise. „Platzwunde am Kopf“ antwortete er leise und ich hoffte, dass Ice ihn daher nicht verstehen konnte. Sie schien sich wirklich Sorgen um dieses Mädchen gemacht zu haben. „Hat sich die ganze Zeit über nicht gerührt.“ „Sie sollte zum Doc...“ „Ich werde sie dorthin bringen, sobald wir das Clubhaus erreicht haben“ erwiderte er nickend. Eventuell gab es sogar noch mehr Patienten für den Doc, doch darüber wollte ich gerade nicht nachdenken.

Kaum hatte der Transporter schließlich vor dem Clubhaus gestoppt, wurde die hintere Tür auch schon aufgerissen und Shades Schädel erschien in meinem Blickfeld. „Gott sei Dank“ stieß er erleichtert hervor, bis sein Blick auf die noch immer regungslose Savannah fiel und er merklich erstarrte. Seine Reaktion war merkwürdig. Klar schleppten wir nicht andauernd bewusstlose Frauen von unseren Einsätzen mit, aber irgendwie hatte ich das Gefühl er würde sie kennen. Ich würde um ehrlich zu sein sogar auch darauf wetten. Irgendwie kam mir die kleine auch von Anfang an bekannt vor, doch ich konnte sie nicht wirklich zuordnen, also verdrängte ich diesen Gedanken ziemlich schnell wieder.
„Ähm... Wer ist denn das?“ fragte er schließlich. „Eine weitere Gefangene der Loans“ antwortete Cash knapp „Ich werde sie gleich zum Doc bringen.“ „Dann nimm Shadow direkt mit“ gab Shade mit einem schiefen Grinsen zurück, woraufhin wir ihn leicht fassungslos ansahen. „Was ist passiert?“ fragte ich halb alarmiert und verließ dabei mit Ice auf meinem Arm den Transporter. Zwar war sie noch wach, dennoch hatte ich das Gefühl einen leblosen Rucksack mit mir herumzuschleppen.
„Der Depp hat sich Anschießen lassen“ antwortete Shade beinahe schadenfroh und schien sich wieder gefangen zu haben. „Es ist halb so wild du Spacken“ mischte sich daraufhin Shadow ein, den ich vorher noch gar nicht bemerkt hatte. Um seinen linken Oberarm war ein notdürftiger Verband gewickelt, der jedoch bereits mit Blut durchtränkt war. „Aber wenn Cash es schon zum Doc fährt, kann er dich auch gleich mitnehmen“ meinte Shade schulterzuckend was Shadow ergeben seufzen ließ. „Wenn ihr meint.“
Daraufhin wandte sich der ältere Zwilling an mich und betrachtete sorgenvoll seine Cousine, die sich immer mehr in meinen Armen verspannte. „Wie geht es ihr?“ „Was soll ich dir darauf antworten, Shadow? Den Umständen entsprechend vermutlich“ antwortete ich etwas angefressen. „Verstehe“ nickte er daraufhin und wandte sich an Cash, der inzwischen den Transporter ebenfalls verlassen hatte und mit Savannah auf dem Arm neben mir stand. Auch Shadow machte ein etwas merkwürdiges Gesicht, als er sie sah, doch er fing sich schnell wieder und setzte eine ausdruckslose Miene auf. „Wollen wir los?“ wandte er sich an Cash, der mit einem knappen „sicher“ antwortete. Schnell verabschiedeten sich die beiden und machten sich auf den Weg zur MOD-Garage um sich einen der SUVs zu holen.

Die nächsten Minuten waren ein einziges Chaos. Kaum hatte Lord den Transporter verlassen bellte er Befehle über den Platz, die ich jedoch kaum verstand. Ice verspannte sich unterdessen immer mehr und das Zittern nahm wieder zu. Ich versuchte sie möglichst von dem Chaos abzuschirmen, doch natürlich bekam sie alles mit, zumal alle Nase lang irgendein Idiot vorbei kam um zu fragen wie es ihr ging.
Wie sollte es ihr schon gehen? Sie war entführt worden verdammt!
„Ich will hier weg.“ Ice' Stimme war so leise, dass ich sie beinahe überhört hätte. Fragend sah ich zu ihr herunter und traf auf ihren flehenden Blick. Ihre stahlgrauen Augen wirkten ungewohnt trüb und sie schien kaum noch kraft zu haben. „Bist du sicher?“ fragte ich leise „Alle sind erleichtert, dass du wieder da bist...“ „Ich weiß“ erwiderte sie kaum hörbar „Ich kann das gerade aber nicht. Es ist...“ „Zu viel?“ vervollständigte ich und sie nickte.
Seufzend sah ich mich um, keiner schien uns wirklich Beachtung zu schenken. „Willst du nach Hause?“ fragte ich sie schließlich ergeben, doch sie schüttelte den Kopf. Fragend zog ich eine Augenbraue nach oben. „Zu mir?“ fragte ich weiter, wohl wissend das meinen Frage gefährlich war. Doch zu meinem Erstaunen nickte sie tatsächlich. „Also gut, Eisprinzessin. Dann wollen wir mal unauffällig verschwinden.“
Einfacher gesagt als getan. Zwar achtete keiner auf uns, dennoch würden wir niemals ungesehen verschwinden können. Mein Bike hatte ich neben dem Clubhaus geparkt, nicht davor, das könnte uns nun tatsächlich helfen. Bei meiner Maschine angekommen setzte ich sie vorsichtig darauf ab, blieb jedoch direkt neben ihr stehen damit sie nicht herunterfiel. „Wir sollten noch ein bisschen warten bis sich der aufgedrehte Haufen da draußen ins Clubhaus verzogen hat“ sagte ich leise und sie nickte matt. „Ist dir kalt?“ fragte ich, da ihr Körper noch immer zitterte. Sie trug zwar ihre Lederjacke, doch die war nicht gerade für die kalten nächtlichen Temperaturen gemacht. „Ja“ antwortete sie zögerlich „Ziemlich.“ Kurzerhand zog ich einen schwarzen Sweater aus einer der Satteltaschen und reichte ihn an Ice weiter. Sie zog ihn über die Jacke und da sie so viel kleiner war als ich, passte dies auch problemlos. Sie wirkte regelrecht verloren darin...

Wir mussten noch weitere zehn Minuten warten bis sich der Parkplatz vorm Clubhaus soweit geleert hatte, dass wir verschwinden konnten. Es war ungewohnt, Ice wieder als Sozia dabei zu haben, doch ich musste zugeben, dass es mir gefiel. Doch ihre völlige Erschöpfung machte sich deutlich bemerkbar. Auch wenn sie kaum etwas wog und ich sie für gewöhnlich kaum merkte – außer mein Schwanz versteht sich, der findet es klasse wenn sich ihre Brüste an meinen Rücken drücken – doch an diesem Tag schien es ihr schwerzufallen in den Kurven mitzukommen. Es war ein fucking Balanceakt zwischen dem Wunsch schnell anzukommen und sicher anzukommen. Letzteres überwog natürlich.
Als wir schließlich in meiner Garage ankamen half ich ihr um von meinem Bike abzusteigen. Es war ungewohnt sie so... hilflos zu erleben und das war furchtbar. Doch wie musste sie sich dann erst fühlen? „Was ist eigentlich mit meinem Bike?“ fragte sie leise, als ich ebenfalls abstieg. Ihr Blick schweifte dabei durch die Garage, die ohne ihre Slim merkwürdig leer wirkte. „Das ist bei Fever. Es hat kaum etwas abbekommen“ erklärte ich ruhig – ruhiger als ich mich fühlte. „Eine Woche vielleicht, dann hat er es wieder fit. Die letzten Tage hat er uns aber bei der Suche nach dir unterstützt.“
„Verstehe“ murmelte sie leise und umschlang ihren Oberkörper mit ihren Armen. Behutsam legte ich einen Arm um ihre Schultern und schob sie in den Flur. „Möchtest du etwas trinken, Eisprinzessin. Oder etwas zu Essen? Oder gleich ins Bett?“ fragte ich sie reichlich ratlos und zugegeben auch recht überfordert. „Um ehrlich zu sein würde ich als erstes gerne Duschen“ antwortete sie leise und zog dabei ihre Schultern nach oben. Okay, das konnte ich verstehen. Ice war zwar kein pingeliger Mensch, doch nach drei Tagen würde ich vermutlich auch als erstes unter die Dusche springen.
„Kein Problem“ antwortete ich, half ihr aus ihrer Jacke und den Boots, anschließend machten wir uns auf den Weg nach oben „Ich werde dir ein paar Klamotten von mir geben... Wenn dir das Recht ist.“ „Natürlich“ erwiderte sie und ein kleines Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Das erste an diesem Tag und ich atmete erleichtert durch.
Oben angekommen navigierte ich sie ins Bad und ging danach in mein Zimmer um ihr eine Jogginghose und ein Shirt zu suchen. Sie würde zwar in den Sachen versinken, aber etwas anders hatte ich nicht. Naja okay, das war gelogen. Im Gästezimmer lagen noch immer einige ihrer Sachen, doch der Höhlenmensch in mir wollte sie einfach in meinen Sachen sehen. Punkt.
Nachdem ich ihr die Klamotten überreicht hatte, ließ ich sie allein und ging wieder nach unten. In der Küche genehmigte ich mir ein alkoholfreies Bier und setzte mich an den Tisch. Seufzend zog ich mein Handy herauf und schrieb Shade eine Nachricht:

Ich: Ice wollte weg. Ich bringe sie morgen zurück.

Da ich nicht sofort mit einer Antwort rechnete legte ich das Gerät zur Seite und trank von meinem Bier. Doch zu meiner Überraschung kam bereits nach nicht einmal zwei Minuten eine Nachricht zurück.

Shade: Wieso das??

Wie einfallsreich...

Ich: Ihr war alles etwas zu viel.

Shade: Geht es ihr gut?

Ich: So gut es einem Entführungsopfer direkt nach der Befreiung halt gehen kann.

Idiot...

Ich: Körperlich würde ich sagen gut. Wie es in ihrem Kopf aussieht... Sie ist sehr still. Wir werden abwarten müssen.

Shade: Verstehe. Pass einfach auf sie auf, Enforcer.

Ich: Natürlich.


~ Ice ~

Die Dusche war eine absolute Wohltat, dennoch versuchte ich nicht mehr Zeit als nötig verschwenden. Zum einen um Care nicht unnötig warten zu lassen, zum anderen um mich nicht länger als nötig nackt sehen zu müssen. War das Verrückt? Vermutlich. Langsam ließ ich meine Hände an meinem noch immer leicht bebenden Körper herab wandern. Meine Rippen waren zu sehen, mein Bauch wirkte eingefallen und meine Hüftknochen standen deutlich hervor. Ich hatte deutlich an Gewicht verloren. Bereits in den letzten Wochen, doch noch einmal ein paar Kilo in den letzten Tagen.
Stress, kaum Essen... Ich sah einfach... scheiße aus. Ich war ja immer ziemlich schlank, da fielen diese Kilos direkt noch stärker auf. Hinzu kamen die diversen Prellungen, die durch den Unfall verursacht worden waren...
Schnell schüttelte ich den Kopf, drehte das Wasser ab und verließ die Dusche. Ich beeilte mich damit mich abzutrocknen, anzuziehen und meine Haare grob trocken zu föhnen. Care hatte mir ein schwarzes Shirt und eine graue Jogginghose, die ich am Bund zusammenbinden konnte, gegeben. Ich wusste, dass im Gästezimmer noch einige meiner Sachen im Schrank liegen müssten und fragte mich einen Moment warum er mir nicht davon etwas geholt hatte, doch ich verwarf den Gedanken ganz schnell wieder. Eigentlich freute ich mich etwas von ihm zu tragen. Es erinnerte mich an die Zeit vor unserem Streit und das war angenehm... irgendwie beruhigend in diesem Moment.
Als ich nach unten kam, fand ich Care in der Küche. Eine leere Bierflasche stand vor ihm auf dem Tisch – zum Glück jedoch alkoholfrei. Zunächst sah er auf sein Handy, blickte jedoch auf als er mich hörte. „Fühlst du dich etwas besser?“ fragte er vorsichtig, woraufhin ich kurz nickte. Es war ungewohnt mit ihm an diesem Abend und das lag nicht an unserem Streit. Viel mehr schien er um mich herum zu schleichen, als hätte er Angst ich könnte zerbrechen. Doch ich machte ihm keinen Vorwurf, zumindest noch nicht.

„Eisprinzessin?“ Cares Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich schüttelte kurz den Kopf und sah dann fragend zu ihm. „Was?“ „Du warst irgendwie in Gedanken.“ „Sorry“ meinte ich schulterzuckend und zwang mich zu einem Grinsen, das jedoch völlig danebenging, wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig deutete. „Möchtest du etwas essen?“ fragte er kurz darauf, doch ich schüttelte den Kopf. „Ich bin wirklich erledigt und möchte eigentlich nur noch Schlafen...“ antwortete ich vorsichtig. „Kein Problem. Ich werde dich nicht aufhalten, aber du solltest etwas trinken, Eisprinzessin.“ Widerstandslos nickte ich und ließ mir von ihm eine kleine Wasserflasche reichen. Ich leerte sie zur Hälfte und wandte mich dann zum gehen, hielt in der Tür jedoch wieder inne.
„Kommst du mit?“ fragte ich vorsichtig und drehte meinen Kopf in Cares Richtung. Automatisch hielt ich gespannt die Luft an. Cares Blick wurde erstaunt, doch er fing sich ziemlich schnell wieder. „Willst du das wirklich?“ fragte er nach und ich nickte stumm. „Also gut“ murmelte er wohl eher zu sich selbst und stand auf. Mein Blick glitt daraufhin unweigerlich an seinem Körper hinab. Er sah immer noch so scheiße gut aus, wie vor drei Wochen.
Sollte er mein Starren bemerkt haben, so ließ er sich es nicht anmerken. Gemeinsam gingen wir schweigend nach oben, die Stimmung war irgendwie etwas komisch. Keiner von uns wusste was passieren würde. Unsere letzte Begegnung endete in einem extremen Streit und nun hatte uns meine Entführung wieder zusammengebracht. Ein Teil von mir wollte einfach über ihn herfallen und alles vergessen, ein anderer Teil wollte darüber reden. Das war vermutlich auch besser, doch nicht mehr in dieser Nacht.
In seinem Schlafzimmer angekommen krabbelte ich wie selbstverständlich in sein großes Bett und seufzte wohlig. Endlich wieder eine vernünftige Matratze und eine weiche warme Decke. Es war ein Traum. Im Augenwinkel beobachtete ich wie Care sich bis auf Shorts und T-Shirt auszog, dann kam er zu mir ins Bett. Doch entgegen meiner Hoffnung blieb er jedoch auf Abstand. Mit einem kaum hörbaren Seufzen drehte er sich auf den Rücken und starrte an die Decke.
Okay Ice, selbst ist die Frau. Bereuen konnte ich es am Morgen immer noch. Kurzerhand rückte ich zu ihm herüber und kuschelte mich an ihn. Kurz schien er etwas irritiert, drehte sich dann aber in meine Richtung und schloss mich in seine Arme. Die Wärme, die er ausstrahlte, war unglaublich beruhigend und ließ mich leise seufzen. „So besser?“ fragte er leise und streichelte sanft über meinen Rücken. „Ja“ antwortete ich ebenso leise „Bitte halt mich einfach so.“ „Okay“ hauchte er daraufhin und drückte einen Kuss auf meinen Scheitel.
Es war das erste Mal, dass ich seit der Entführung wieder zur Ruhe kam und das an einem Ort, an dem ich es vorher nicht mehr für möglich gehalten hätte. In den Armen des Mannes, den ich trotz allem noch immer liebte...
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